"Sterbehilfe": eine kleine Sprachlehre

"FAZ" vom 4. März: "Recht auf Gift für Suizid in Ausnahmefällen" von Helene Bubrowski.

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Ich will gar nicht darauf eingehen, ob es ein "Recht" auf Suizid überhaupt gibt. Heute gibt es ja vor allem in Deutschland Luxus-"Rechte" auf alles Mögliche, auf Gesundheit, intakte Umwelt, Wohnung, Nahrung, Urlaub, Kultur, "Bildung" und vieles mehr, die aber auf Voraussetzungen beruhen, die kaum jemand mehr einhalten will. Deshalb wird es diese angeblichen "Rechte" bald nicht mehr geben.

Noch aber wird fleißig an den Grundlagen unseres Rechts- und Sozialstaats gerüttelt und gesägt, damit es mit dem Absturz umso schneller geht. Dazu gehören sprachliche Verdrehungen, die die Realität verleugnen. Als Beispiel eignet sich ein Satz, der im oben genannten Artikel steht. Anlass war eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, in Sonderfällen die Ausgabe von tödlichen Arzneimitteln zu erlauben. (Übrigens ist das auch so eine bewußt subkutan verabreichte sprachliche Absurdität: ein "Arzneimittel", das per se und nicht nur in Überdosierung tödlich ist. Früher nannte man das immer ein Gift, wie hier nur im Titel.) Geklagt hatte ein Mann, dessen Frau an einer fast kompletten Querschnittslähmung litt.

Die Journalistin Bubrowski formuliert nun so: "Die Frau nahm sich daraufhin in der Schweiz mit Hilfe des Vereins Dignitas das Leben."

Die Frau konnte das aber nicht, denn sie war fast komplett querschnittsgelähmt. Der Satz müsste also sprachlich richtig heißen: "Die Frau wurde daraufhin in der Schweiz vom Verein Dignitas im gegenseitigen Einvernehmen (oder: auf Verlangen) getötet." Eigentlich sollte dieser Satz für Befürworter des "assistierten Suizids" akzeptabel sein, oder?

Ich überlasse es den Leserinnen und Lesern, zu entscheiden, warum der sprachlich richtige Satz nicht im Artikel steht. Wir wissen, was solche sprachlichen Verrenkungen bedeuten, wir kennen solche Euphemismen aus früherer Zeit: "Sonderbehandlung" statt Ermordung, "Endlösung" statt Massenvernichtung. Könnte es das dumpfe Bewußtsein sein davon, dass etwas nicht stimmt? Könnte es der letzte Rest eines schlechten Gewissens sein?

 

 

 

Kommentare zum Artikel

Gravatar: RA Schmid

So, verehrter Herr Professor, jetzt wird es bei einem Zufallsbesuch - vielleicht zum letzten Mail, da mein Tod vermutlich bevor steht - ernst, aber so richtig ernst. Wenn ich Sie richtig verstehe, plädieren Sie gegen Sterbehilfe. Ich halte das für einen brachialen Affront gegen alle derjenigen, denen es noch nie so schlecht ging, dass sie in freien Stücken auf das Dasein in dieser Welt verzichten wollten. Wir elenden Insassen der BRD müssen wegen dem neuen StGB in die Schweiz fliehen, um würdig sterben zu können. Schande über die BRD, Schande, Schande. Offenbar haben Sie bisher lebenslang den goldenen Löffel im Mund gehabt, kein Wunder mit drei Promotionen und einer Professur, denn sonst würden Sie die von Ihnen benannten Rechte nicht dermassen in den Dreck treten. Ob Kollege Kusch auf dem richtigen Weg war, bleibt dahingestellt, lieber 6.000 EUR zahlen und elegant abgespritzt werden als weiter leiden. Meine Meinung. Fakt ist jedenfalls: Das Grundgesetz - schon mal davon gehört? - garantiert ein Recht auf Menschenwürde (kann man da nachlesen) und zu diesem gehört das Recht auf einen menschenwürdigen Tod, und wer dies verneint, ist ein Verfassungsfeind. So, und jetzt rege ich mich dermassen auf, dass ich Tabletten nehmen muss. Sie sprechen von einem Luxusrecht auf Gesundheit, dies als habilitierter Arzt -

Gravatar: dw-seneca

Mein Körper gehört mir, nicht dem Staat. Also sollte es auch mein Recht sein, über diesen Körper frei entscheiden zu können. Dazu gehört auch das Recht, über den eigenen Tod befinden zu können.
Die Angst vor dem Tod ist eigentlich surreal. Der Tod ist Teil des Lebens. Alle müssen diesen Weg eines Tages gehen. Nur den Zeitpunkt bestimmt üblicherweise das Schicksal und nicht der Mensch selbst. Aber wenn das Leben unerträglich geworden ist, warum sollte der Mensch nicht selbst über diesen Zeitpunkt bestimmen dürfen?

Gravatar: Wolfgang Bretschneider

Herr Kovacs , lassen Sie bitte, bei einem so ernsten Thema, ihre Wortspielchen. Ich bin 81 Jahre alt, meine Frau (auch 81) ist seit einigen Jahren Demenz-Krank .Was das bedeutet sollte jedem bewusst sein! Eine Freundin bekommt mit 89 Jahren einen Schlaganfall und wird 6 1/2 Jahre künstlich über Magensonde ernährt- bei voller Bewusstlosigkeit. So etwas ist Folter! Niemand hat das Recht todkranken Menschen ihren Willen, so ein Leiden zu beenden, zu verweigern weder aus religiösen Fanatismus oder skrupelloser Geschäftstüchtigkeit!

Gravatar: Adorján Kovács

@RA Schmidt
Nein, verehrter Herr Schmidt, es gibt kein „Recht“ auf einen „menschenwürdigen“ Tod oder auf Gesundheit. Was es gibt, ist die Hoffnung auf eine möglichst gut organisierte (private oder staatliche) Pflege, Linderung und Behandlung, um bei den genannten Beispielen zu bleiben. Wir leben (wie lange noch?) in einem historisch außerordentlich seltenen Zustand eines National- und Sozialstaats, in dem die Illusion aufrecht erhalten wird, es gebe solche „Rechte“, die eingeklagt werden könnten. Fliegen Sie mal in die Türkei und schauen, wie es schon dort aussieht, erst recht noch anderswo.
Ich bin übrigens nicht gegen „Sterbehilfe“, solange sie nicht verrechtlicht wird. Wer jemanden, der ihn um Hilfe bittet, aus Mitleid töten will, soll das mit seinem Gewissen abmachen und selber tun und die Sache nicht an staatlich beauftragte Schreibtischtäter abwälzen. Solche private „Sterbehilfe“, also Mord auf Verlangen, wird in Deutschland auch oft getan, wie die hohe Dunkelziffer scheinbar natürlicher, in Wahrheit unaufgeklärter unnatürlicher Todesfälle zeigt.
Aber staatlich organisierter Mord von Lebensmüden und Schwerstkranken, und Mord ist ja die geplante Tötung eines Menschen per definitionem, geht m. E. nicht, siehe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/bundestag-entscheidet-ueber-suizidbeihilfe-in-deutschland-13891691.html.
Das sind grundsätzliche Erwägungen, die mit meiner (und Ihrer) persönlichen Situation nichts zu tun haben.

Gravatar: Peter Puppe

Bravo, Herr RA Schmid, BRAVO!!!
Dem 'professuralen' Artikel ist nichts entgegenzusetzen. Er ist an 'Verschrobenheit' - auch sprachlich - nicht zu überbieten. Mit der Realität hat er ganz sicher NICHTS, aber auch GAR NICHTS zu tun!

Peter Puppe
www.sterbenduerfen.de

Gravatar: Patzina

Ich habe bei einer mir nahestehenden Person miterlebt, was es heißt, einen
Menschen qualvoll sterben zu sehen. Die Einzelheiten möchte ich
hier nicht aufführen.
Vom Schreibtisch, aus der Distanz heraus, können die Dinge anders
beurteilt werden, als wenn man am Krankenbett miterlebt, wie der Tod
herbei gesehnt wird, als Erlösung von unerträglichen Schmerzen.
Jeder Mensch sollte darüber selbst bestimmen dürfen. Dieses Recht sollte
der Mensch schon beanspruchen können.Dies wird individuel sicher bei
jeden .anders aussehen.

Gravatar: Duffy

Es ist wie bei der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche: rechtlich und moralisch im Prinzip nicht verhandelbar. Es geht hier nicht um akademische Standpunkte eines Professors sondern um eine Grundsatzfrage. Ob töten straffrei bleibt, wie bei der Fristenregelung in der Schwangerschaft, oder aktiv "in Ausnahmefällen erlaubt", das ist doch nichts anderes als juristisch schon einmal den Fuß in die Tür zu bekommen.
Wie Professor Kovacz richtig sagte, die Dunkelziffer bei scheinbar natürlichen Todesfällen liegt hoch. Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Es ist die Schuld der modernen Medizin, daß die natürlichen "Sollbruchstellen" im Leben nicht mehr funktionieren. Früher bekamen viele der sehr alten Menschen im Herbst einen Schnupfen und waren nach einer Woche bei ihrem Schöpfer, friedlich und ohne langes Leiden. Heutzutage wird um jeden Monat Aufschub gerungen, egal wie kostspielig, egal wie es mit der Lebensqualität aussieht. Aber was wird sein, wenn der Staat einmal die Renten nicht mehr zahlen kann und auch den Krankenkassen das Geld ausgeht? Wie leicht wird es dann, Armen und Kranken einzureden, daß sie doch besser gehen sollten? Und es wird nicht einmal Debatten darüber geben: heutzutage werden Gesetze einfach beschlossen und umgesetzt, ganz egal welche Meinung in der Bevölkerung vorherrscht. Und das kann man dann ja auf andere Personengruppen ausweiten, mit Ermessensspielraum.
Davor hat Herr Kovacz gewarnt, und auch vor dem hinterlistigen Sprachgebrauch.
(Ich lebte als Kind in einem Land, wo "weise Frauen", das waren meist Hebammen, gerufen wurden, wenn jemand nicht leben und nicht sterben konnte. Die Person kam dann und setzte sich zum Patienten ans Bett, sprach mit ihm, betete mit ihm und ging dann wieder. Manchmal blieb sie auch da und schickte die Angehörigen aus dem Zimmer, diese holten dann schon einmal den Priester. Kennzeichen dieser Frauen war ein silbernes Hämmerchen im Gepäck. Ist aber schon lange her.)

Gravatar: Adorján Kovács

@dw-seneca
Sie können den Zeitpunkt Ihres Todes bestimmen wie z. B. der Schriftsteller W. Herrndorf den seinen (siehe "Arbeit und Struktur"), der aber weder andere Personen noch private oder staatliche Institutionen in Anspruch nahm. Darum geht es. Ob der Freiheitsbegriff, den Sie zugrundelegen, trägt, sei dahingestellt.
@Wolfgang Bretschneider
"Wortspielchen"? Ich begegne als Arzt SEHR vielen Menschen, die ihre Kranken, auch Demenzkranke, liebevoll pflegen, oft jahrzehntelang. Wollen Sie diese Menschen tadeln, weil sie ihre Kranken nicht töten? Ihr zweites Beispiel beinhaltet keine Folter, weil die Kranke ohne Bewußtsein ist. In diesem Fall wäre bei Vorliegen einer Patientenverfügung aber eine "Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen" durch Nahrungs- und Medikamentenentzug möglich. Was ist aber, wenn die Kranke wieder erwacht?
@Peter Puppe
Sehr geehrter Herr Puppe, die Aggression, die (nicht nur) aus Ihrem Kommentar spricht, offenbart immer ein schlechtes Gewissen. Zudem ist es derjenige, der leugnet, dass hinter Sprache bestimmte Vorstellungen stehen, der mit der Realität Probleme hat. Ich habe Ihre Webseite angeschaut und glaube Ihnen, dass Sie verzweifelten Menschen helfen wollen. So ist z. B. die Idee Herrn Dr. Chabots, durch "freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken" "selbstbestimmt" zu sterben, gut , aber nicht neu: Mein Großvater hat sich ohne Not, einfach weil er genug hatte, ins Bett gelegt, ist nicht mehr aufgestanden und gestorben. Das hat er ganz ohne "Sterbeberatung" geschafft.

Gravatar: Wolfgang Bretschneider

Herr Kovacs, ich helfe meiner Frau seit Jahren! Darum geht es nicht! Es geht um mein Recht nicht so verkommen zu müssen, wie ich das bei vielen Patienten sehe. Es geht aber auch darum, dass das im Leben Geschaffene nicht durch private Pflegeeinrichtungen und staatliche Stellen meinen Kindern genommen wird! Ebenso ist die Heranziehung der bescheidenen Einkommen meiner Kinder und Enkel für die widerliche Verlängerung meiner Qualen gegen meinen Willen! Das Geschäft mit den Demenzkranken ist skrupellos - das hat mit Menschenliebe nichts zu tun!

Gravatar: Freigeist

Die meist kirchlichen Einrichtungen machen gute Geschäfte mit der Pflege. Nutzmensch soll man sein bis nichts mehr herauszupresen ist.

Gravatar: Lothar Hannappel

WOW! Da hat der Artikel ja bei einigen Kommentatoren mächtig Wirkung gezeigt! Und bemerkenswert, dass alle auch gleich im Bekanntenkreis einen ganz ganz tragischen Fall kannten, der nur durch töten behoben werden konnte. Interesaant, dass es immer die anderen sind, die solch konkrete Hilfe benötigen. Und natürlich gehört mein Körper mir! Aber hier geht es um das Leben anderer, die Hilfe brauchen und denen man den Tod anbietet. Wie kann man nur so primitiv, feige und menschenverachtend sein?

Gravatar: Freigeist

@Hannappel
Ich will diesen Ausweg nutzen können, falls notwendig.
Mit einem Narkosemittel ist es ein schönes schnelles Einschlafen. Wer schon mal operiert wurde kennt dies. Warum wollen Sie mir diese Möglichkeit verbieten. Was geht Sie mein Körper an? Bin ich indirekt Ihr Sklave oder wie?

Gravatar: Anne R.

@ Freigeist

Können oder wollen Sie sich nicht vorstellen, welcher Druck auf alte und kranke Menschen entsteht? Darum geht es. Es hat schon immer geheißen, wer sich das Leben nehmen will, der tut's auch. Aber bitte nicht mit Hilfe staatlicher oder sonstiger Institutionen. Nur darum geht es.

Gravatar: Freigeist

@Anne R.
Man kann es so gestalten, dass nur hoffnungslos Kranke diese Möglichkeit bekommen. So einfach ist das. Nach Ihrem Gedanken-Konstrukt müßte man jedes Küchenmesser verbieten.

Gravatar: Markus Wolf

Sehr geehrter Herr Professor Kovacs,

was soll denn diese kleingeistige Wortklauberei?

Ob Sie nun sagen,

"die Frau nahm sich mit Hilfe eines Vereins das Leben" oder ob Sie sagen,

"die Frau wurde im beiderseitigen Einvernehmen bzw. auf Verlangen getötet"

ist sch ... egal.

Sie wollen mit Ihrer Sprache zum Ausdruck bringen, dass Sie NICHT damit einverstanden sind, dass die Frau sich hat töten lassen oder mit Hilfe eines Vereins das Leben nahm.

Herr Professor Kovacs, würden Sie sich bitte die "Charta der Menschenrechte" durchlesen?!

Da gibt es nur ein "Recht" auf Leben, aber keine "Pflicht", keinen "Zwang".

Niemand darf GEGEN seinen Willen gezwungen werden, zu leben.
Genau das tun Sie aber, wenn Sie die Sterbehilfe, meinetwegen auch "Tötung auf Verlangen" oder "Euthanasie" genannt, verbieten und kriminalisieren.

Und im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland heißt es sinngemäß unter Artikel 2:

"Der Mensch ist frei. Er kann tun und lassen, was er will, solange er nicht die Rechte anderer verletzt!"

Mit diesem Artikel 2 GG ist auch das Recht inbegriffen, seinem Leben ein Ende zu setzen, wenn der betreffende Mensch das will.

Ich bitte um Antwort, Sie können mich gerne mit einer vernichtenden Kritik überziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Michael WOLF

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