Lieber Tier statt Krone der Schöpfung?

Bücher über Tiere haben Hochkonjunktur: R.D. Precht lässt sie denken, P. Wohlleben befasst sich mit ihrem Seelenleben und für Baumgartner/Dahlke sind sie ein Spiegel unserer Seele. – Je komplexer die Welt, desto mehr wächst das Bedürfnis nach Einfachheit und schlichtem Abdrücken der elementaren Bedürfnisse. Vorgaben und Schablonen sind erwünscht. Tiere überlegen auch nicht lange. – Der Mensch als Krone der Schöpfung: ein endlich überwundenes Hirngespinst der Kabbala?

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Doch so einfach ist es nicht. Es könnte sein, dass sich hinter dem Trend Überraschendes verbirgt.

Dem ein oder anderen mag bekannt sein, dass die Krone, von der gerade die Rede war, nicht irgendeine Königskrone ist oder die eines Faschingsprinzen, sondern Kether, jene Krone, die Ziel menschlichen Strebens und höchste Vollendung zum Ausdruck bringt und uns ein ewig wertvolles Geschenk der jüdischen Mystik ist als Krönung des Baumes der Sephirot.

Ein Philosoph als geistiger Nebelkerzenwerfer

Auch wenn ein richtiges Verständnis der Schöpfungsgeschichte - ich habe jüngst darauf verwiesen, dass dieses sich auch bei Hildegard von Bingen findet - wissen lässt, dass der Schöpfungsprozess nicht vorbei ist, sondern der Mensch sich mitten darin befindet und er wohl noch weit vom 7. Schöpfungstag und der Verinnerlichung der zehn Sephirot entfernt ist, ist offensichtlich, dass dieses Wissen nicht ins Bewusstsein der Menschen dringen darf. Und wer auch immer das verhindern möchte: die dienstbaren Geister dieser Vernebelungstaktik sind zum einen nur auf ihr Spezialgebiet fixierte Wissenschaftler, zum anderen sympathisch-tierfreundlichste Förster wie auch Philosophen, von denen ich allerdings nicht annehmen kann, dass sie nicht wissen, was sie tun.

Als ich mich Prechts Buch Tiere denken widmete, wollte ich mehr über das Denken und die Einstellung dieses Mannes finden, der mir mittels einiger Aussagen als Möchtegern-Saulus und mit Halbwissen glänzender Philosoph auffiel, und traf auf Äußerungen in einer Lanz-Sendung, in der er sagte (manche syntaktische Unstimmigkeit ist natürlich der mündlichen Rede geschuldet):

Das ist ja Zentrum von Jesu Lehre, so wie die Evangelien sie berichten, ist ja die Ankündigung eines nahen Reiches Gottes, vor dem dann all diese Qualitäten wie Liebe, Barmherzigkeit und Nächstenliebe usw. zählen. Das ist die ursprüngliche Idee, aber Jesus hat ja das Christentum nicht erfunden (…), sondern das Christentum wird ja dann einige Jahrzehnte später von Paulus erfunden. Und es wird von Paulus erfunden ja nicht dadurch, dass er sich auf alles das berufen hat, was Jesus gesagt hat, sondern dass er sich einige Rosinen dessen herausgezogen hat und dann gewildert hat in allen erdenklichen anderen Religionen der damaligen Zeit.
Also Paulus hat, um das Christentum zu einer schlagkräftigen Religion oder Ideologie zu machen, für all die Länder, wo er sich hin ausbreiten wollte, für Persien, für Griechenland usw., ist er hingegangen und hat geguckt, was finde ich hier vor. Er findet in Persien den Zoroastrismus vor. Der Zoroastrismus ist die Lehre vom ewigen Kampf von Gut und Böse. Der wird ins Christentum hineinmontiert.
Dann muss er eine ganz ganz große eigene Erfindung machen: Der Tod Jesu war ja für die Anhänger von Jesus erstmal eine große Katastrophe. Der war ja nicht vorgesehen. Also vorgesehen war, dass das Reich Gottes anbricht und nicht, dass der Wanderprediger, dem man gefolgt ist, ans Kreuz geschlagen wird. Und jetzt deutet Paulus das Ganze um und sagt, Jesus stirbt, weil er für die Sünde Adams, den Apfel gegessen zu haben, stellvertretend für die Menschheit büßt.
Das ist ja eine Idee, die nicht von Jesus kommt, sondern eine Idee, die von Paulus kommt und diese Idee, dass es so etwas wie eine Erbsünde gibt, das ist eine zoroastristische, eine persische Idee.
Im griechischen Kulturkreis greift er den Logos auf. Das, was schon vor Platon Heraklit und dann seit Platon das griechische Denken bestimmt, der Logos … der Geist. Das Johannes-Evangelium, das für den griechischen Raum geschrieben ist, fängt an mit Im Anfang war der Logos. Das heißt, das Christentum ist ein Synkretismus {Vermischung, Mischmasch} aus allen erdenklichen Dingen von Anfang an. Es ist also nicht irgendwann missbraucht worden, sondern es ist als eine Herrschaftsideologie von Anfang an geformt worden und nicht als eine wirkliche spirituelle Beseelungslehre.

Wer ihn gesehen hat, weiß, dass dieser Mann seine Ansichten mit einer Selbstsicherheit vorträgt, die niemanden daran zweifeln lässt, dass das alles richtig sei, was er sagt. Tatsache ist, dass man der Wahrheit nur nahekommt, wenn man die Aussagen Prechts in ihr Gegenteil verkehrt.

Ich will zumindest zwei Punkte ansprechen, weil er in seinem Tiere denken zu diesbezüglichem Thema einen ähnlichen Unsinn vertritt und weil wir für unsere Schlussfolgerungen eine korrekte Basis brauchen.

Der Tod Jesu war Precht zufolge nicht vorgesehen und für seine Anhänger eine große Katastrophe?

Jesus hat seine Anhänger, vor allem seine Jünger, mehrfach auf seinen nahenden Tod aufmerksam gemacht und wenn etwas eine Katastrophe war, dann, dass die eigenen Jünger an seine von ihm vorausgesagte Auferstehung nicht glaubten, wohl aber die Besatzungsmacht, die sein Grab auf Befehl des Pilatus bewachte. Nicht von ungefähr ist es eine Frau, die mutige Maria Magdalena, der sich der Auferstandene als Erstes am Grab zeigt.

Und was Precht schwungvoll übergeht - vielleicht auch gar nicht weiß:

Schon in den Büchern des Alten Testaments, die über die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesu Mitbürgern  zum Teil bekannt waren, ist sein Tod mehrfach angekündigt, nämlich beim Propheten Jeremia (31.15), mehrfach bei Jesaja, unter anderem in 53.12, bei Sacharja (12.10) oder auch im Buch des Propheten Daniel (9.25f):

Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederaufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein.

Selbst in den Psalmen wird auf den in den Evangelien erwähnten Durst Jesu am Kreuz verwiesen (69.22) und dass, wie in den Evangelien bestätigt, Soldaten um seine Kleider würfeln (22.19).

Kann man das ernsthaft einen überraschenden Tod nennen?

Prechtige Rundumschläge

Im Zusammenhang mit der vielfach im Alten Testament angesprochenen Gestalt Jesu sind dort bereits christologische Aspekte zu finden, und Jesus selbst hat über die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung niemanden im Unklaren gelassen, genauso wie über die Tatsache, dass in der Tat das Reich Gottes nahe ist, in dem Augenblick nämlich, wenn anlässlich seiner Kreuzigung sein Blut auf Golgatha die Erde berühren und im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten zerreißen wird. Dass die damit einhergehenden Veränderungen und Möglichkeiten in der Folge nur von wenigen wahrgenommen worden sind und werden, liegt an dem nach dem 1. bzw. 2. Jahrhundert zunehmenden Unverständnis und bewussten Verfälschungen von Jesu Aussagen.

In diesem eben angesprochenen Geschehen und den erwähnten Aussagen finden wir die Grundlagen paulinischen Denkens und wie man angesichts seiner Aussagen in ingesamt 13 Briefen des Neuen Testaments, in denen es auch um Agape, die wahre Liebe geht, von einer Herrschaftsideologie von Anfang an sprechen kann und dass Paulus das Christentum erfunden habe: Das sind schon abenteuerliche und dunkle Verfälschungen.

Eine religiöse Lehre hat zudem für Precht offensichtlich auf einen Kulturbereich fixiert, linear und eindimensional zu sein. Ist sie das nicht, ist sie synkretistisch.

Leider können solch prechtige Rundumschläge uninformierten Gemütern imponieren.

Warum sollte ein Gott, der seit Ewigkeiten existiert, nicht im Bewusstsein anderer Kulturen vorhanden sein, zumindest in deren Mysterien?

In Kether, jener obersten Sephirot, zeigt sich jedenfalls jene Krone, die höchstes schöpferisches Sein bedeutet. Darauf also bezieht es sich, wenn der Mensch als Krone der Schöpfung bezeichnet wird.

Auf dieser Stufe wird der Mensch selbst zum Schöpfer.

Die damit verbundene wirkliche Freiheit und ein entsprechendes Bewusstsein sind weit von dem entfernt, was wir momentan verwirklichen können und was noch dazu zunehmend mit transhumanistischen Versatzstücken zugeschüttet wird.

Im Sinne dieser überkonfessionellen Christologie allein wird Freiheit realisierbar, eine Freiheit, die es erfordert, dass der Mensch die zehn Sephirot verinnerlicht, also Malkuth (das Königreich der Erde und damit auch des menschlichen Körpers), Jesod (Fundament), Hod (Mitgefühl), Nezach (Überwindung), Tiferet (Schönheit), Geburah (Stärke), Chesed (Güte), Binah (Intelligenz), Chochmah (Weisheit) und eben die Krone, Kether, mithin also 10 Wesenheiten des Kosmos, Emanationen des Ur-Göttlichen. Gewiss noch ein langer Weg. – Eben bis zum siebten Schöpfungstag.

Die zehn Sephirot sind eine ewige Wahrheit aus der Mitte des geistigen Judentums.

Auf diesem Weg der Verinnerlichung gibt es Gegenkräfte, die in Luzifer und Satan kulminieren und auf unterschiedliche Weise dem menschlichen Bewusstsein den Weg versperren wollen, es damit zu ständiger Wandlung und Entwicklung zwingend.

Ich hätte nicht gedacht und mir war lange nicht bewusst, dass die Veröffentlichungen zu Tieren - auch in Zeitschriften gibt es viele - eine Form der Strategie des sogenannten Bösen manifestieren, so gut sie im Einzelnen gemeint sein mögen. Doch es ist so, und es geschieht auf sehr subtile Weise.

Darüber möchte ich in meinen Beiträgen zu diesem Thema schreiben.

Bevor ich auf die oben genannten aktuellen und auf ihre Weise Interessantes offenbarenden Bücher eingehe, die, ob bewusst oder unbewusst, auf die angesprochenen Gefahren hereinfallen, widme ich mich einem, das erste wichtige Einblicke in die Thematik vermittelt; ich meine das 2014 bei Springer Spektrum erschienene Klüger als wir denken von Juliane Bräuer, die im Vorwort bereits eine inhaltliche Richtung erkennen lässt, wenn sie formuliert: „(..) seit einiger Zeit wissen wir, dass Menschen sich weniger von den Tieren unterscheiden, als wir angenommen haben.“

Tier und Mensch: nur graduell, nicht prinzipiell unterschiedlich

Immerhin lässt die Autorin graduell den Menschen eine eigene Spezies sein, doch sind ihre diesbezüglichen Ausführungen sehr flach. Precht stellt Mensch und Tier auf eine Stufe; Wohlleben bleibt hier diffus - dazu im nächsten Post mehr.

Ich möchte Bräuers Buch nur jenen empfehlen, die wirklich großes Interesse an Labor- und Freilandversuchen von Tieren haben und deshalb auch ein gewisses Durchhaltevermögen mitbringen, denn das Vorgehen der Leipziger Biologin in den einzelnen Kapiteln - bedingt durch die Thematik - wiederholt sich zunehmend und ermüdet; dafür ist das Buch allerdings übersichtlich gestaltet und informativ.

Dass der ganze wissenschaftliche Impetus Juliane Bräuers dem, was Tiere zu leisten in der Lage sind, gilt, ist verständlich; er hält sie aber nicht davon ab, an einigen Stellen darauf zu verweisen, was Tiere nicht vermögen:

So können Ratten zwar lernen, einen Hebel viermal zu drücken, bevor sie eine Belohnung erhalten; sie können darauf trainiert werden, nach zwei Tönen den rechten Hebel, nach vier Tönen den linken zu drücken und Rhesusaffen vermögen mit arabischen Ziffern umzugehen und sie verstehen, dass arabische Ziffern bestimmte Anzahlen repräsentieren und man sie vergleichen kann; allerdings entwickeln sie, so lässt uns Bräuer wissen, nur eine ungefähre Vorstellung davon, was Zahlen bedeuten und im Rahmen des Kapitels Zählen und Zahlen schreibt sie: „Die meisten können Mengen gut ordnen, aber sie haben keine ganz exakte Vorstellung von der Anzahl. Generell gilt: Tieren fehlen die Zahlwörter, um ganz genau und sehr weit zählen zu können.“

Desgleichen scheinen Versuche zu untermauern, so lässt uns Bräuer wissen, dass Tiere keine Fairness kennen, weil sie keinen Sinn für Gerechtigkeit haben.

Um das und einiges andere zu erkennen, mussten allerdings zig Tiere durch die Mühlen zahlreicher Versuche.

Zahlreich sind auch die Versuche im Zusammenhang mit dem Werkzeuggebrauch von Affen. In acht gut untersuchten Schimpansengruppen beispielsweise waren diese in der Lage, bis zu 20 verschiedene Werkzeuge zu verwenden. Diese Menschenaffen stellen zudem komplizierte Werkzeuge selbst her; ja, sie benutzen ganze Werkzeugsätze und sind in der Lage, fünf verschiedene Werkzeuge in der richtigen Reihenfolge zu verwenden. Sie produzieren Stöckchen sogar im Voraus, allerdings - diesen Wermutstropfen erspart Bräuer sich und dem Leser nicht - produzieren sie nicht genug: statt acht nur zwei. Immerhin entwickelten einige Schimpansen großes Geschick bei der schnellen Nachproduktion. Was sie allerdings nicht vermögen: unter fünf Flaschen diejenige mit einer weißen Markierung als jene zu ermitteln, die Fruchtsaft und nicht Wasser enthält. Sie scheiterten in 15 Versuchen.

Können Tiere mental durch die Zeit reisen?

Schon anlässlich dieser Beispiele - im Buch sind ja noch gefühlt unendlich mehr Versuche angeführt - , denen sich Bonobos, Wellensittiche, Stare, Japanische Wachteln, Neuseeländische Langbeinschnäpper, Hyänen, Saatkrähen, Moskitofische und andere Tiere unterziehen müssen, wird es manchem Leser gegangen sein wie mir, der beispielsweise lesen musste, dass es noch weiterer Versuche bedürfe - beteiligt waren hier unter anderem Totenkopfäffchen und Buschhäher -, um festzustellen, ob Tiere mental durch die Zeit reisen können oder um verifizieren zu können, ob Schimpansen möglicherweise Futtersorten zu benennen vermögen.

Wenn Bräuer schreibt, die Vergleichende Kognitionsforschung stehe ziemlich am Anfang, dann mag man erahnen, was für ein Schwall von Versuchen auf Krähen, Schweine, Papageien, Gorillas und Orang-Utans, Ratten, Zackenbarsche, Moskitofische und Weißnasenmeerkatzen noch zukommt.

Absolut fragwürdig empfinde ich es, wenn, wie im Fall von Blaukopfjunkern, die in Korallenriffen leben, zwei  Fischpopulationen verpflanzt werden, um zu klären, ob Tierpopulationen eine eigene Kultur und kulturelle Traditionen entwickeln.

„In dem Versuch wurden die erwachsenen Tiere einer Population A in das Gebiet einer Population B umgesiedelt. Die Fische der Population B waren vorher ausgesiedelt worden. Die Frage war: Würden die A-Fische die angestammten Paarungsplätze der B-Fische nutzen? Nein, das taten sie nicht.“

Damit war laut Bräuer relativ sicher, dass es keine ökologischen bzw. lokalen Gründe für dieses Verhalten gab, sondern dass sie eigene kulturelle Traditionen mitbrachten.

Ehrlich gesagt gehen mir solche Versuche zu weit, und ich frage mich ohnehin, was es bringt zu wissen, dass Tiere Symbole verstehen oder eine Kultur haben, wobei immer wieder betont wird, dass dieses Vermögen auch bei Kleinkindern vorliegt.

Dass Tiere auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung, die von Beginn an eine Zeitlang gleich der menschlichen verlief, um sich dann von der unseren abzukoppeln - die Zahlen klaffen bezüglich dieses Zeitpunktes zwischen hunderttausenden und wenigen Millionen Jahren auseinander -, erscheint mir ziemlich sicher und widerspricht auch nicht der Genesis. Die weiteren Entwicklungsschritte sind sie nicht mitgegangen. Dass sie also Fähigkeiten wie Kleinkinder haben - über vierzigmal wird der Vergleich mit Menschen, vor allem Kleinkindern im Buch bemüht - ist meines Erachtens klar, denn Kinder vollziehen nun einmal die Stufen unserer Phylogenese, unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung in ihrem Aufwachsen nach.

Wozu müssen, um das zu erkennen, weltweit so viele Tiere drangsaliert werden, denn, vergessen wir nicht: Es sind ja nicht nur die zahlreichen bei Bräuer aufgelisteten Versuche, sondern noch viel, viel mehr, von den nicht „erfolgreichen“, die meist gar keine Erwähnung finden, mal ganz abgesehen.
Generell bemühe ich mich, Versuche, die nicht zu viel Aufwand beinhalten, artgerecht sind und nur eine begrenzte Anzahl von Versuchen umfassen (nicht 170, wie ich an einer Stelle gelesen habe), zu akzeptieren, vor allem, wenn sie eine Abwechslung für die Tiere bedeuten. Bei vielen in dem Buch beschriebenen Versuchen aber war das meinem Dafürhalten nach nicht gegeben (Wohlleben berichtet von Versuchen an der kanadischen Universität Montreal, in deren Rahmen sogar Mäusen empfindliche Körperteile auf heiße Platten gedrückt wurden). Juliane Bräuer steht wenigstens nicht artgerechten Versuchen selbst kritisch gegenüber, wobei mir allerdings ihre wissenschaftliche Heimat Leipzig nicht gerade zurückhaltend mit Tierversuchen zu sein scheint.

Wenn Orcas absichtlich stranden

Was sie nicht anspricht und was ohnehin unter Wissenschaftlern, die Versuche betreiben und darüber berichten, nicht thematisiert wird - ich habe jedenfalls in dieser Richtung nichts bisher gelesen -, ist, inwieweit nicht die Fixierung auf ein Ziel und der Einsatz gewaltiger innerer Energien der Versuchsbeteiligten ein Gutteil dazu beiträgt, dass Tiere auch das tun, was man erhofft. Durch die Quantenphysik wissen wir hinlänglich, dass eine Versuchsanordnung immer das Ergebnis beeinflusst. Das mag auch Tieren immanente Elementarteilchen betreffen, vor allem, wenn sie - man erlaube mir den Sprung aus der Physik - emotional aufgeladen sind.

Natürlich gibt es einzelne Tiere, die einfach Beeindruckendes zeigen, so der Border-Collie Rico, der die Namen von über 200 Gegenständen unterscheiden konnte, die Border-Collie-Hündin Chaser, die über 1000 Namen für verschiedene Gegenstände lernte oder der Yorkshire Terrier Baley, der 120 Spielzeuge erkannte. Auch der Graupapagei Alex beeindruckte, kannte er doch die Vokabeln für 50 verschiedene Objekte, sieben Farben und fünf Formen, zählte bis zur Sechs und konnte kurze Sätze sagen. Er benutzte sogar das Wort „nichts“, wenn beide Gegenstände weder in Farbe noch in Form noch im Material übereinstimmten. Zugleich hatte er die Zahlen von eins bis 8 drauf und konnte sie ordnen (das lernen bei uns Kinder in der ersten Klasse, wie Bräuer betont).

Mir persönlich imponierten Affenmütter, die ihre Gesten dem Alter ihres Nachwuchses anzupassen vermögen und an Argentiniens Küsten lebende Orcas, die ihren Nachwuchs das Jagen lehren - sie lassen sich im Rahmen ihrer Jagdtechnik an Land spülen, um dort liegende Robben an den Hinterflossen zu packen und ins Wasser zu ziehen. Ihre Jungen nun drängen sie in Richtung auf den Strand liegende Robben und erzeugen mit ihren Flossen einen Wellenschlag, wenn ihr Walenkind nicht mehr ins Meer zurückgelangt (Tiere lehren immer dann ihren Nachwuchs, wenn die notwendige Fähigkeit nicht genetisch vorprogrammiert ist oder diese Vorprogrammierung nicht ausreicht). Immerhin ist das Lehren der Orcas mit eigener Lebensgefahr verbunden, schließlich kann es geschehen, dass sie selbst dabei stranden.

Keine Frage, manche Informationen und Ergebnisse sind beeindruckend, aber wer Interesse an dem Thema hat - vor allem, wenn man ein entsprechendes Buch Jugendlichen schenken möchte - dem empfehle ich eher Peter Wohllebens Buch, verbunden mit den Einschränkungen, die gerade für Jugendliche nicht ohne Bedeutung sind (siehe nächster Post).

Auf dem Hintergrund von Bräuers Buch stellt sich jedoch die Frage, warum auf diesem Gebiet so intensiv geforscht wird.

Tierforschung als verkapptes Gnothi seauton!

Ich wurde und werde den Eindruck nicht los, dass es zum Teil, vielleicht sogar relativ häufig, um ein großes verstecktes Eigeninteresse am Erforschen seiner selbst geht, das uns ja mit seinem Erkenne dich selbst der delphische Apollotempel mittels seiner Inschrift auf den Weg gegeben hat; schließlich schaut der Mensch mit dem Blick auf Tiere in seine eigene Vergangenheit und es gibt zudem Exemplare der Spezies Mensch, die ein großes Interesse an Vergangenheitsaspekten der Menschheit haben (ohne sie wüssten wir vieles nicht über vergangene Kulturen und den Weg der Menschheit; ihr Interesse ist absolut wertvoll für ein Bewusstsein von uns).

Tiere lassen uns einen Blick werfen in unsere phylogenetische Vergangenheit, gleichzeitig aber vermitteln sie eine nicht zu unterschätzende Bandbreite von Gefühlen und Verhaltensweisen, die uns Menschliches spiegeln (Aspekte, denen sich Baumgärtner/Dahlke in ihrem Buch auf besondere Weise gewidmet haben) und über die, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, wir uns mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigen (vgl., wie zärtlich ein Löwe seine Retterin umarmt und wie sich ein Schimpanse verabschiedet).

Vergessen wir nicht, dass nicht wenige Menschen mittels Tieren Gefühle ausleben, wozu sie aus verschiedenen Gründen mit Menschen keine Gelegenheit haben oder es nur auf der Tier-Mensch-Ebene vermögen.

Vergessen wir auch nicht, dass die literarische Kleinform der Fabel aufzeigt, welche Eigenschaften sich über Tiere uns zeigen und was sie uns spiegeln; Vergleichbares gilt für Rilkes Gedicht Der Panther oder Kafkas Käfer-Mensch Gregor (Die Verwandlung). Und vergegenwärtigen wir uns, dass in früheren Zeiten die Evangelisten nicht von ungefähr Tieren und Sternzeichen zugeordnet waren und welch große Bedeutung dem Drachen in der Apokalypse zukommt, Drachen in Mythen überhaupt (noch heute sprechen wir von manchem (Mutter-)Typ Frau als einem Drachen) und Schlangen, ja dem Zodiakus, dem Tierkreis, der sich in den Taten des Herakles spiegelt - hinsichtlich einiger ist es offensichtlich: der Kampf mit dem Nemäischen Löwen entspricht dem Tierkreiszeichen des Löwen, die Überwindung der Stymphalischen Vögel mit Pfeil und Bogen entspricht dem des Schützen oder die Bändigung des Stieres von Kreta verweist auf das Tierkreiszeichen des Stieres.

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Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn hinsichtlich Klüger als wir denken noch zwei - darunter der mir wichtigste Punkt im Hinblick auf eine gefährliche Entwicklung für unsere Seele - ausstehen, so möchte ich doch hier diesen Post beenden; er ist für dieses Genre eh schon sehr lang und ich freue mich, wenn Sie ihn bis hierher - womöglich interessiert - gelesen haben.

Im nächsten Post schließe ich also die Betrachtungen zu Juliane Bräuer ab und widme mich dem Buch des Bestsellerautors Peter Wohlleben (wobei übrigens die e-book-Version von Klüger als wir denken immerhin bis zum 8. März 28 214 Downloads vorwies, durchaus eine stolze Zahl). Auch Wohllebens Buch gibt Aufschluss über Gründe für eine Entwicklung, die momentan stattfindet, uns den Sephirot entfremdet und immer weniger Menschen bewusst ist, unabhängig davon, wie wertvoll das zunehmende Bewusstsein hinsichtlich eines angemessenen Umgangs mit Tieren ist, wobei Precht vermitteln wird, wie schizophren unser Verhalten ihnen gegenüber ist.

Fortsetzung der Beiträge zum Thema Tier und Mensch hier

 

 

Kommentare zum Artikel

Gravatar: Adorján Kovács

Sehr geehrter Herr Klinkmüller,
interessant in diesem Zusammenhang: Martin Rhonheimer, Homo sapiens: die Krone der Schöpfung: Herausforderungen der Evolutionstheorie und die Antwort der Philosophie. Springer VS, 2017. Dass es Tiere mit sehr begrenztem Personstatus gibt, sie also in Maßen absichtlich handeln können, ändert nichts an der Stellung des Menschen. Leute wie Precht sind verbohrte Atheisten, die meinen, ihre Meinung sei "notwendig richtig". (Schon die baldige Zukunft wird sie eines Besseren belehren, auf eine Weise, die ich nicht begrüßen kann...) Bitte schauen Sie sich den Vortrag des Philosophen D. von Wachter an: http://www.begruendet-glauben.org/weltanschauungen/christlicher-wahrheitsanspruch-im-zeitalter-des-postmodernismus/. Von Wachter zeigt dort sehr überzeugend, dass Leute wie Precht von anderen Motiven als der Suche nach Wahrheit angetrieben sind.
Viele Grüße!

Gravatar: Klimax

Precht einen Philosophen zu nennen, finde ich falsch. Er ist ein Germanist, der sich zu philosophischen Themen äußert. Das sieht man an dem Statement zu Paulus und dem Christentum: es ist eine Meinung über geistesgeschichtliche Zusammenhänge, keine philosophische Deduktion. Man tut der Philosophie, immerhin die Königin der Wissenschaft, auf diese Weise unrecht und auch Precht.
Die oben vertretene Gegenposition des Autors, der das AT für die Interpretetaion des NT fruchtbar macht, ist freilich auch keine Philosophie und beruht letztlich auf dem bloßen Glauben, Jesus sei der Messias gewesen, der im AT angekündigt wird. Das kann man mit guten Gründen bestreiten, wie es etwa als erster der Philologe Marcion im 2. Jhdt. getan hat. Philosophie indessen ist auch das nicht, sondern ebenfalls Geistesgeschichte. In der Philosophie geht es nicht um Glauben, sondern um Wissen. Und, um ein berühmtes Dictum Kants umzukehren, man muß den Glauben aufheben, um für das Wissen Platz zu bekommen.
Was nun die Tiere angeht, so bin ich mal gespannt, wann der erste Schimpanse uns eine Kritik der reinen Vernunft vorlegen wird.

Gravatar: Johannes Klinkmüller

Hallo Herr Kovács,

ich habe sekundär zum Thema noch nichts gelesen; das Buch von Rhonheimer aber scheint mir eine echte Fundgrube; und den Vortrag von Wachter finde ich ungewöhnlich engagiert, auch, weil er so dezidiert zur Stellungnahme auffordert. Ich bin da ganz auf seiner Seite: Wer ehrlich ist, fängt mit den ganzen Begrifflichkeiten wenig an. Vielleicht ist es eine Altersfrage, sich zu erlauben, nicht jede Begrifflichkeit kennen zu müssen; gut jedenfalls, dass er den Begriff der Postmoderne entzaubert.
Danke für die Hinweise!!

Mich hat bei den Büchern, die ich in meinen Posts anspreche, erschüttert, dass von Geist kaum mehr die Rede ist, und wenn von Seele gesprochen wird, dann - bei Wohlleben z.B. - auf eine dermaßen dünne Weise, dass man sich fragt, woher er die Chuzpe nimmt, das zu veröffentlichen (ich schreibe darüber im nächsten Post, dann können Sie meine Einschätzung verstehen). Bei Bräuer ist es ähnlich und Precht ist einen eigenen Post nicht wert, aber er ist notwendig. Wenn man sieht, was Wohlleben und Precht für Auflagen haben, dann ahnt man, was für eine Gefahr von ihrer Flachheit bzw. faustischen Gottähnlichkeit ausgeht.

Jedenfalls fand und finde mich in meiner anfänglichen Vermutung, als ich mich dem Thema zu widmen begann, bestätigt, dass auch diese scheinbar so harmlosen Bücher zu einer unglaublichen Verflachung des Seelenbegriffes beitragen - vom Geist ganz zu schweigen. Wehret dem Ende, muss man mittlerweile fast sagen, denn die Anfänge dieser Entwicklung setzten ja mit Descartes ein, da bin ich mit Wachter ganz einer Meinung (wenn man die Verirrungen schon der frühen nachchristlichen Jahrhunderten mal außen vorlässt). Und wenn man sieht, mit welcher Wollust falsche Propheten agieren, kann man sich nur bemühen, auf das, was Wachter Lehre nennt, zu verweisen, auch wenn das immer subjektiv ist und Irrtum genauso einschließt.

Eine gute Woche und viele Grüße!

Gravatar: Hans Meier

Mein lieber Herr Klinkmüller, ich bin in Eile, darum nur kurz.

Es gibt die Tiere, die einzig ihren Instinkten entsprechend, funktionieren.
Damit kommen die bestens zurecht.

Dann gibt es die menschliche Spezies.

Die hat mehr oder weniger Bewusstsein.
Kann also sich selbst relativieren, Humor und Kultur haben und sehr schöpferisch erfinden, konstruieren und Werte schöpfend tätig sein und auch sehr emotionale Sicherheiten suchen, die kultisch sein können.

Kann sich auch verantwortlich für das Wohlergehen in der Nachbarschaft fühlen, oder ein irres egoistisches politisches Luder sein.

Was nicht den eigenen Hund füttert, um dann seinem Liebling zuzusehen wie der kackt, sondern die Parteigenossen, zu armen Kläffern zu machen.

Ich sag es mal so, wir Menschen haben neben den Instinkten, bzw. der Emotionalität, die Chance, den Verstand, als absolute Rationalität zu benutzen.
Damit stehen uns quasi „zwei Flügel“ zur Verfügung, um durch unser eigenes selbstbewusstes Leben, zu fliegen.

Wer nun einen „zu kleinen rationalen Flügel“ hat, der dreht sich immer nur um sich selbst und fliegt in sehr kleinem, emotionalem Radius.
Und das ist der Normalfall.
Darum haben realistischere Menschen Flugzeuge gebaut mit denen man Ziele anfliegen kann.
MfG

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