Lieber Andreas Schmidt- Schaller,

nach Ihrer erzwungenen „Bild-Beichte“ möchte ich Ihnen sagen: Das haben wir nicht gewollt, als wir uns stark machten für die Stasiaktenöffnung.

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Politik, Blogs - Lebenswelt | Schlagworte: DDR-Unrecht, Demokratie
von

Ich gehöre zu den Architekten des Stasiunterlagengesetzes der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und habe als Abgeordnete des Deutschen Bundestages maßgeblich mit dafür gesorgt, dass die parlamentarische Mehrheit für die Aktenöffnung zustande kam.
Wir hatten die Absicht, den von der Staatssicherheit Verfolgten die Möglichkeit zu geben, zu erfahren, wer in ihr Leben eingegriffen hat und von wem sie bespitzelt wurden.

Für viele Tausende bedeutete das die Chance herauszufinden, dass manches, was in ihrem Leben schief gelaufen war, etwa die Kündigung eines lieb gewordenen Arbeitsplatzes, die Entfremdung von Freunden, familiäre Missverständnisse, Unfälle, rufschädigende Gerüchte, nicht das Ergebnis eigenen Verschuldens, sondern eines Stasi-Maßnahmeplans war.

Für diese Menschen hatte die Stasiaktenöffnung eine heilende Wirkung. Was wir nicht wollten, war eine sensationsgeleitete IM-Jagd.Jeder, der schon einmal Stasiakten gesehen hat, weiß, dass es ganz unterschiedliche IM oder Stasimitarbeiter gibt.  Auf der einen Seite der Skala steht Gregor Gysi, der seit über zwanzig Jahren die Öffentlichkeit über seine Stasimitarbeit, die vom Immunitätsausschuss des Bundestages als „erwiesen“ festgestellt wurde, belügt.

Seine jüngste Lüge war die Behauptung, der Richter, der ihn wegen eidesstattlicher Falschaussage angezeigt hat, hätte auch schon die Bundeskanzlerin angezeigt. Auf der anderen Seite der Skala steht eine 16-jährige Waise, die eine Zeit lang bei mir eine Art Haustochter war. Sie wurde von der Stasi aufgefordert, Berichte über mich zu schreiben. Sie hat sich nicht getraut, das abzulehnen, aber die Berichte so blöd verfasst, dass die Stasi sie nach dem Dritten von ihrer IM-Liste strich. Oder , um ein bekanntes Beispiel zu nehmen, Ingo Steuer, der als Teenager, fern von seinen Eltern von seinen Trainern zur Stasimitarbeit gedrängt wurde und der, wie Sie, keine relevanten Berichte über Kollegen geliefert hat.

Wir wollten, dass Personen, die aktiv an der Verfolgung und „Zersetzung“ ihrer Mitmenschen beteiligt waren, im Vereinten Deutschland nicht gleich wieder in Politik und Öffentlichen Dienst verantwortliche Positionen einnehmen sollten.

Was wir nicht wollten, war eine sensationsgesteuerte IM-Jagd, die von den verantwortlichen Hintermännern, den Entwicklern von „Maßnahme-, und Zersetzungsplänen“ der Staatsicherheit, ablenkt und die Stasiaufklärung diskreditiert.

Aber genau das gelang nicht. Schon vor der Aktenöffnung wurden dramatische Fälle an die Presse gegeben, dass Ehepartner, Geschwister oder Eltern und Kinder einander bespitzelt haben. Die von der Bespitzelung Betroffenen wurden Gegenstand unerträglichen, rücksichtslosesten, voyeuristischen Interesses, das bis heute anhält.

Aus dem Blick geraten sind dabei die eigentlich Verantwortlichen: die Führungsoffiziere der Stasi und die SED- Machthaber, deren Schild und Schwert die Stasi war.Nun wurden Sie vorgeführt, weil sie ein bekannter und beliebter Schauspieler sind. Auch ich sehe SOKO Leipzig, wenn ich freitags zu hause bin. Noch mehr schätze ich Ihre kleinen Auftritte, mit denen Sie allein, oder mit Ihrer Tochter, Kultur bis in entlegene erzgebirgische Nester bringen.

Lieber Andreas Schmidt –Schaller, seien Sie versichert, dass alle, die Texte lesen können, wissen, das Ihnen nichts vorzuwerfen ist. Sie haben Sich geweigert, über ihre Schauspielerkollegen zu berichten und die Zusammenarbeit mit der Stasi beendet.Das ist die eigentliche Botschaft:  Man kann, aus welchen Gründen auch immer, einen Fehler gemacht haben, aber ein anständiger Mensch geblieben sein, so wie Sie. Bild hätte Sie nicht so vorführen dürfen und zu hoffen ist nur, dass Bild aus diesem Fehler lernt.

Ich freue mich jedenfalls schon auf die nächste SOKO Leipzig und wünsche Ihnen noch viele gute Rollen!

Mit herzlichen Grüßen!

Ihre
Vera Lengsfeld

 

Beitrag zuerst erschienen auf achgut.com.

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang