Katja Kipping beleidigt die Ostdeutschen

Linke-Chefin Kippings dreister Versuch, die ehemaligen DDR-Bürger vor den Karren der der Gysi- Verteidigung zu spannen, bleibt nicht unwidersprochen.
Hier ein Offener Brief meines Sohnes Philipp Lengsfeld:

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Politik | Schlagworte: DDR-Unrecht
von

Liebe Katja Kipping,

(bitte verzeihen Sie mir als Mitostdeutschem und dem leicht Älteren die etwas informellere Anrede)

mit Entsetzen und ja auch einer gewissen Wut habe ich gelesen, dass Sie in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg bezüglich einer möglichen eidesstattlichen Falschaussage von Gregor Gysi von einer ‚Kampagne, die im Osten nicht verfangen wird’ reden und sich gar zu der folgenden Aussage versteigen: "Viele Menschen hier haben es einfach satt, dass ohne jede Ahnung vom Alltag in der DDR Urteile über ihr Leben gefällt werden."(beide Aussagen aus TA vom 12. Februar 2013).

Bei allem Respekt: Ist es nicht vielmehr so, dass Sie ‚ohne jede Ahnung vom Alltag in der DDR’ Urteile über Ostdeutsche fällen? Als Jahrgang 78 haben Sie das Privileg, das DDR-System nur bis zum zarten Kindesalter erlebt zu haben (zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des SED-Systems waren Sie noch keine 12 Jahre alt). Jetzt bin ich nur wenige Jahre älter (Jg. 1972); trotzdem kann Ihnen versichern, dass man in diesen Jahren schon einiges mehr vom DDR-System mitbekommen hat: Mehr oder weniger freiwillige FDJ-Aufnahme und Jugendweihe mit 14, massiver Leistungs- und Anpasssungsdruck um einen gegehrten Abiturplatz oder eine gute Lehrstelle zu bekommen (8/9/10-te Klasse). Wehrunterricht, Wehrlager und als Mann 3-jähriger Wehrdienst um einen Studienplatz zu bekommen (dieser Kelch ging an mir dann glücklicherweise schon vorbei). Mit welchem Recht urteilen Sie also über die Biographien von Ostdeutschen? Ist Ihnen nicht klar, dass in der Anschuldigung, die Diskussion über Gregor Gysis Biographie wäre eine ‚Kampagne’ mit der ‚Urteile über das Leben von Ostdeutschen gefällt’ werden, eine ganz schlimme Unterstellung mitschwingt? Durch Ihre Verteidigung wird doch geradezu so getan, als ob die DDR-Bevölkerung nur aus Spitzeln und SED-Karrieristen bestand. Das Gegenteil ist richtig. Trotz eines riesigen Überwachungsapparats waren die Mehrheit der Ostdeutschen eben keine Spitzel. Oder sie haben sich aus eigener Kraft wieder aus den Fängen des MfS befreit, in die sie z.B. in ihrer Jugend geraten waren. Und es ist auch nicht so, dass die Mehrheit der Ostdeutschen Unterstützer des SED-Regimes waren oder gar Mitglieder der SED. Auch hier ist das Gegenteil richtig – entgegen aller propagandistischen Bemühungen und sozialer Wohltaten (die die DDR ruiniert haben) ist das SED-Regime zu keinem Zeitpunkt vom Volk mehrheitlich akzeptiert worden. Muss ich Ihnen die historischen Meilensteine aufzählen: Stalinistischer Terror als Geburtshelfer der Staatsgründung, gewaltsame Niederschlagung des Volksaufstands 1953, Mauerbau 1961 um die anhaltende Fluchtwelle zu stoppen, breitgefächerter Protest der Künstler und umfangreiche Emigration in Folge der Biermannausweisung 1976 und schließlich zunehmende Opposition unter dem Dach der evangelischen Kirche in den 80-ziger Jahren und friedlicher Umsturz des SED-Regimes im Herbst 1989 durch die übergroße Mehrheit der Bevölkerung? Der Versuch das DDR-System und die DDR-Bevölkerung aneinanderzuketten ist doch der eigentliche Skandal! Eine Verurteilung der DDR-Diktatur ist eben keine Verurteilung ostdeutscher Biographien. Da war die Linkspartei auch mehrheitlich schon mal deutlich weiter. Muss ich Ihnen erklären, dass es die DDR-Bevölkerung war, die unter einem System ohne echte Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit, Freiheit der Berufswahl, Vereinsfreiheit, Religionsfreiheit und Kunstfreiheit (Aufzählung nicht vollzählig); ohne echte demokratische Teilhabe und Einflussnahme oder Möglichkeit der freien unternehmerischen Entfaltung leben musste? Es ist deshalb eine bare Selbstverständlichkeit, dass die führenden Funktionäre und Verantwortungsträger und eben auch die wirklich schlimmen Spitzel politisch und teilweise juristisch zur Verantwortung gezogen wurden und werden. Dies ist selbstverständlich insbesondere durch die Ostdeutschen selber getan worden. Und so sind auch sehr viele der vehementen Kritiker von Gregor Gysi Ostdeutsche. Und genau hier werde ich wütend: Obwohl Sie nominell eine Attacke auf Westdeutsche fahren, greifen Sie eigentlich die Ihnen politisch nicht genehmen Meinungen von Ostdeutschen an! Ich finde dies unerträglich und fordere Sie hiermit auf, diese ungeheuerlichen Vorwürfe zurückzunehmen.

Und zum guten Schluss noch ein Wort zu Ihrem Hoffnungsträger Gregor Gysi. Ich kann verstehen, dass in der Linkspartei Panik herrscht, da offenbar die Personaldecke Ihrer Partei so dünn ist, dass Sie seit 24 Jahren den immergleichen Hoffnungsträger nach vorne stellen. Gregor Gysi ist momentan ihr Garant für den Wiedereinzug in den Bundestag, der nur über den Gewinn des dritten Direktmandats in Treptow-Köpenick durch Gregor Gysi wirklich sicher ist. Damit hängt auch Ihr eigener Job als MdB an Gregor Gysi. Soweit, so menschlich. Aber Gregor Gysi ist wirklich kein Repräsentant typischer ostdeutscher Biographien (eine Bewertung seiner Nachwendezeit spare ich mir). Gregor Gysi ist als Sohn eines SED-Funktionärs (u.a. Botschafter, Minister und Staatssekretär) als Teil der privilegierten SED-Nomenklatur aufgewachsen (zu DDR-Zeiten nannte man dies gerne ‚Bonzen-Kind’). Er selber war ein klassischer SED-Karrierist: Parteimitglied mit 21, steile Karriere im Justizapparat, neben Medien und Verteidigung/Sicherheit das Berufsfeld mit der größten geforderten Staats- und SED-Nähe. Mitglied des sehr kleinen, exklusiven Kreises der Westreisekader (Gregor Gysi reiste vor dem Mauerfall Ende der 80-ziger regelmäßig in den Westen). Und einer der wenigen SED-ler, denen sogar Interviews in der Westpresse genehmigt wurden (das entsprechende Spiegelinterview aus dem Jahr 1989 scheint ja der Anlass für die Ermittlungen in Hamburg zu sein). Dass Gregor Gysi vor dem Mauerfall also auf Seiten des SED-Regimes stand, ist völlig unstrittig und wird ja auch von Gregor Gysi nicht wirklich anders dargestellt. Deshalb ist für mich die Frage über Charakter und Intensität einer Zusammenarbeit mit dem MfS fast nachrangig. Trotzdem hat der Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestages dazu schon 1998 eine abschließende Einschätzung abgegeben, die auch heute noch so gilt – der Immunitätsausschuss hat 1998 eine "inoffizielle Tätigkeit des Abgeordneten Dr. Gregor Gysis für das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik als erwiesen festgestellt". Trotzdem hat Gregor Gysi es über die 24 Jahre in der bundesdeutschen Öffentlichkeit versäumt mit seiner Vergangenheit und seinem Gewissen reinen Tisch zu machen. Stattdessen hat er diverse Medien und Einzelpersonen in rechtliche Auseinandersetzungen verstrickt, bei denen er auch eidesstattliche Erklärungen einsetzte. Jetzt fällt ihm diese aggressive Verteidigungsstrategie vielleicht auf die Füße. Und es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass die Linkspartei jetzt darüber schäumt, dass es ein rechtliches Verfahren gibt, obwohl man sonst die vermeintlichen juristischen Erfolge immer triumphierend zur Verteidigung Gysis ins Feld geführt hat. Warten wir doch einfach ab, was in Hamburg passiert. Eines dürfte wohl klar sein: Einem wegen eidesstattlicher Falschaussage verurteilten Politiker wird auch die Linkspartei auch mit der abstrusesten Verteidigungsstrategie nicht halten können. Und dies sollten Sie sich auch klar machen: Wenn Sie Ihre Worte nicht abmildern, ketten Sie Ihr eigenes politisches Schicksal an das von Gregor Gysi. Ich würde mir dies an Ihrer Stelle noch mal ernsthaft überlegen. Gregor Gysi ist jetzt im Rentenalter – er hat seinen politischen Zenit in jedem Falle überschritten. Ostdeutschland und selbst die Linkspartei brauchen ihn nicht – es wäre strategisch wesentlich klüger für Sie sich rechtzeitig zu distanzieren. 

Mit freundlichen Grüßen,
Philipp Lengsfeld

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: Atomix

Toll geschrieben! Dem ist kann man kaum noch was hinzufügen!

Gravatar: Obelix

was ist daran toll geschrieben? das ist doch oberflächliches Bla Bla, was letzlich nur Denunzierung ist. Ähnlich wie bei zu Guttenberg, Wulff und Schavan soll nun gegenGysi vorgegangen werden. Das lassen sich die Lengsfled nicht lange bitten und offenbaren damit ihre Denunzianten-Art, welche der der DDR gleichzusetzen ist!

Gravatar: Y.Y.

Schließe mich Ihrer Meinung an, Atomix!

Gravatar: Ulli B.

@Obelix
Oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen finde ich Ihren Vergleich mit den anderen Fällen.

Gravatar: obelix

@ulli

tja würden sie sich mal bilden, dann würden sie auch mal was verstehen! es geht einfach um die Demagogen der Ex-DDR, und eine solche ist Frau Lengsfeld!

Gravatar: Ulli B.

Ach, obelix, die Wahrheit einfach auf den Kopf zu stellen, ist doch durchsichtig und albern.

Gravatar: Eso-Policier

Glücklicherweise liegt die Linke zurzeit bei nur 6 %. Im Jahr 2009 waren es noch 12 %. Wir brauchen eine soziale Politik, aber keine sozialistische Politik.

Gravatar: Markus Wolf

1.
Es ist die Rede von

"Massiver Leistungs- und Anpassungsdruck um einen begehrten Abiturplatz oder eine gute Lehrstelle zu bekommen."

Kommentar:

Was will Vera und Philipp, sagen wir "Familie Lengsfeld" denn?
Dass in der früheren Deutschen Demokratischen Republik(DDR) das LEISTUNGSPRINZIP grossgeschrieben wurde, ist in der Sache richtig und nicht zu beanstanden.
Oder glauben Vera/Philipp Lengsfeld vielleicht, die dümmsten und faulsten SchülerInnen bekommen die guten Lehrstellen nachgeschmissen?
Das würde bedeuten:
Perlen vor die Säue zu werfen.

2.
Vera/Philipp Lengsfeld reden von
"Stalinistischer Terror als Geburtshelfer der Staatsgründung"
Nur zur Information:
Stalin ist im Jahre 1953 gestorben.
Die Deutsche Demokratische Republik(DDR) wurde im Jahre 1949 gegründet.
Stalin hat von der Gründung der DDR bis zu seinem Tode 1953 die DDR niemals betreten.
Was um alles in der Welt versteht Frau bzw. Herr Lengsfeld unter "Stalinistischer Terror als Geburtshelfer der Staatsgründung"?

3.
Vera/Philipp Lengsfeld reden von der

"gewaltsamen NIederschlagung des Volksaufstandes 1953"

Kommentar bzw. "Korrektur":

Erstens:
Diejenigen, die Gebäude, z.B. das Columbushaus angezündet haben, waren nicht das "Volk", sondern der "Mob", der "Pöbel", das "Gesocks".
Zweitens:
Gerade die Ereignisse des 17. Juni 1953 beweisen, wie demokratisch es in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat zugeht.
Es ist allgemein bekannt, dass die DDR-Regierung die Normen erhöhte.
Spontan demonstrierten etwa 20.000 Bauarbeiter Hauptstadt der DDR.
Am GLEICHEN TAG noch wurde die in der Tat volksfeindliche Normerhöhung zurückgenommen.
Die Brandstiftungen und anderen Ausschreitungen des Pöbels, des Mobs, des Gesockes erfolgten später.
Frau Lengsfeld,
Herr Lengsfeld,
nennen Sie mir einen Fall im Bonner Staat, der sich selber als "Bundesrepublik Deutschland"(BRD) bezeichnet, wo gegen einen sozialen/politischen Mißstand demonstriert wurde und dieser Mißstand noch am GLEICHEN TAG beseitigt wurde.
Wie oft wurde gegen neonazistische Vereinigungen demonstriert?
Nicht eine einzige Neonazi-Vereinigung wurde aufgrund der Demonstrationen verboten, geschweige denn am gleichen Tag.

4.
Familie Lengsfeld redet vom "Mauerbau 1961"
Korrektur:
Das Bauwerk hieß nicht "Mauer", sondern "Antifaschistischer Schutzwall".
Ich darf Frau und Herrn Lengsfeld bitten, die offiziellen Bezeichnungen zu verwenden.

5.
Frau und Herr Lengsfeld beklagen sich über
"fehlende Reisemöglichkeit".
Kommentar:
Bedanken Sie sich beim Bonner Staat für die "fehlende Reisemöglichkeit".
Wenn der Bonner Staat gezielt Arbeitskräfte aus der DDR abwirbt, hat die Deutsche Demokratische Republik das Recht und die Pflicht, sich gegen die Abwerbung zu schützen.

6.
Frau/Herr Lengsfeld reden dunkel und unsubstantiiert von
"keine echte Religionsfreiheit"
Ich weiß nur, dass es in der DDR erlaubt war, religiöse Rituale zu pflegen wie z.B. "Gottesdienste", "Kindstaufen" und andere Rituale.
Das ist Religionsfreiheit im eigentlichen Sinne.
Wenn Vera/Philipp Lengsfeld nicht einmal konkret sagen, wie die "echte Religionsfreiheit" aussehen soll, hake ich diesen Punkt ab.

7.
Die beiden Lengsfelds behaupten, in der DDR habe es keine "unternehmerische Entfaltung" gegeben.
Bravo, DDR und SED!
Ist auch richtig so, dass kapitalistische Ausbeutung unterbunden wurde, sollen die Kapitalisten Zeter und Mordio schreien.

8.
Frau Lengsfeld bzw. ihr Sohnemann Philipp Lengsfeld werfen Frau Katja Kipping vor:
"...greifen Sie die Ihnen nicht genehmen Meinungen von Ostdeutschen an!,
ferner finden die beiden Lengsfeld´s das "unerträglich" und fordern Frau Kipping auf, ihre "Vorwürfe zurückzunehmen.
Kommentar:
"Hackt´s bei den Lengsfeld´s?
Auf der einen Seite wurde in Vergangenheit und Gegenwart die DDR kübelweise mit Dreck beworfen unter anderem, weil die DDR - angeblich - Menschenrechte unterdrücke.
Und nun macht Katja Kipping mal vom Recht auf Meinungsfreiheit bescheidenen Gebrauch - und schon findet man diese Meinungsfreiheit "unerträglich" und fordert, diese "Vorwürfe zurückzunehmen".

9.
In diesem Artikel steht unter anderem:

"Trotzdem hat Gregor Gysi es über 24 Jahre in der bundesdeutschen Öffentlichkeit versäumt mit seiner Vergangenheit und seinem Gewissen reinen Tisch zu machen."

Kommentar:

Nicht Gregor Gysi hat was "versäumt", sondern Vera und PHilipp Lengsfeld.
Die Lengsfeld´s haben "versäumt", dass zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und dem Bonner Staat ein sogenannter "Einigungsvertrag" geschlossen wurde, in dem unter anderem vereinbart wurde, dass kein DDR-Staatsfunktionär zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, wenn er sich an das damals gültige DDR-Recht gehalten hatte.
Und was Gregor Gysi in der Deutschen Demokratischen Republik getan hat, das war DDR-Recht.
Die Lengsfeld´s legen nicht einmal dar, geschweige denn sie beweisen, dass Gregor Gysi gegen DDR-Recht verstoßen haben soll.

Fazit:

Die Anwürfe der beiden Lengsfeld´s entbehren jeder Grundlage.

Markus Wolf
"Betonkopf"
Man gönnt sich ja sonst nichts.
Lieber ein Betonkopf als ein Holzkopf.

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang