In der Tradition der Aufklärung

Was deutsche Linke von zwei arabischstämmigen Intellektuellen lernen könnten.

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Der Publizist Hamed Abdel-Samad spricht mit dem Filmemacher Imad Karim über Islam, Religionskritik, Aufklärung, Demokratie, Integration, Flüchtlingskrise usw. Sie zeigen eindrucksvoll, was kritisches Denken und gelebte Aufklärung, was Vernunft, Offenheit und Toleranz bedeuten.

Hier geht es zu dem auf Video festgehaltenen Gespräch.

Deutsche Linke könnten viel von Hamed Abdel-Samad und Imad Karim lernen, obgleich „lernen“ hier das falsche Wort ist. Durch die Reflexionen der beiden Intellektuellen könnten sie sich – wenn sie nur offen und kritisch wären – auf ihre religionskritischen und atheistischen Wurzeln besinnen, auf Wurzeln, die in der Philosophie der Aufklärung liegen. Denn links sein bedeutete einst religionskritisch und atheistisch sein.

Nach Karl Marx, der sich – wenigstens in der Frühphase seines Schaffens – in der Tradition der Aufklärung sah, sollte jegliche Gesellschaftskritik mit Religionskritik beginnen. Die Linken haben den modernen Atheismus erfunden und sich kämpferisch für seine Ausbreitung eingesetzt.

Und was ist heute davon geblieben? Warum äußern Linke heutzutage keine Religionskritik? Insbesondere gegenüber dem Islam, der gegenwärtig die aggressivste und expansivste Religion darstellt? Dafür gibt es meines Erachtens vier Gründe:

1) Die Postmoderne, der postmoderne Relativismus, hat die Linke zersetzt. Der Humanismus, nach dem der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt des Interesses steht, wurde aufgegeben, an das aufklärerische Ideal der Emanzipation des Individuums glauben Linke auch nicht mehr, die Universalität der Menschenrechte wurde zugunsten der Partikularität von Sonderrechten aufgegeben, das aufklärerische Ideal einer radikalen Kritik aller Verhältnisse wurde von den Linken offensichtlich vergessen. In diesem Zusammenhang wurde auf eine umfassende Religionskritik verzichtet.

2) Die Verteufelung der eigenen Nation und der eigenen Tradition sowie die gleichzeitige Idealisierung von Migranten, insbesondere von Migranten aus moslemischen Ländern, da sie von den Deutschen kulturell am weitesten entfernt sind.

3) Die Vorstellung, dass Moslems in Deutschland am stärksten diskriminiert werden, weshalb man den Islam nicht kritisieren sollte. Hier muss gefragt werden, ob Moslems in Deutschland tatsächlich am stärksten diskriminiert wurden und immer noch werden. Unter den Gastarbeitern, die nach Deutschland kamen und im Niedriglohnsektor gearbeitet haben, befanden sich nicht nur Moslems, sondern auch Italiener, Portugiesen, Jugoslawen usw., also nicht-moslemische Arbeiter. Auch gegenwärtig arbeiten im Niedriglohnsektor Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit.

4) Die Linken verzichten auf ihre religionskritischen und atheistischen Ideale, weil sie den sozialen Frieden wahren möchten. Würden sie wie früher die Religionskritik und den Atheismus konsequent und kämpferisch vertreten (z. B. gegen den Religionsunterricht oder gegen den Bau von Gotteshäusern sein), gäbe es wahrscheinlich soziale Unruhen. Doch hier stellt sich eine grundsätzliche Frage: Soll man die eigenen Überzeugungen über Bord werfen, um den sozialen Frieden zu wahren?

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Diederich Heßling

"Soll man die eigenen Überzeugungen über Bord werfen, um den sozialen Frieden zu wahren?"

Wenn ich das Unwort "sozial" nur höre wird mir speiübel!

Da bin ich lieber asozial!

Gravatar: Hans-Peter Klein

"...Denn links sein bedeutete einst religionskritisch und atheistisch sein. ..."

Hmmh, links = religionskritisch + atheistisch ?

Ich glaubte mal ich wäre links, religionskritisch bin ich heute noch, aber atheistisch war ich nie.

Links sein bedeutet für mich der Versuch, die Realität durch eine synthetische Kopfgeburt meinen ersetzen zu können, dabei nicht zu hinterfragen ob selbst hinter dieser Kopfgeburt überhaupt ein anzustrebendes Menschenideal steckt.

Religionskritisch zu sein bedeutet für mich, die Bewusstseinsgrenze zwischen dem was wir ganzheitlich erfahren und dem was wir kritisch, rational und analytisch verstehen können, stets neu auszuloten, ich verstehe dies als Auftrag an den Menschen. Ich hoffe, das es mich vor religiösem Dogmatismus schützt und ich spüre, das mich das sog. christliche Menschenbild dabei am besten leitet.

Atheistisch sein bedeutet für mich, das kritisch rationale Bewusstsein einseitig zur Weltanschauung zu erheben, ganzheitliche, religiöse Erfahrung generell der gefährlichen Irrationalität, der Spinnerei, des Wahns, als psychisches Problem zu deuten.

Alles in allem meine ich, das meine religionskritische Einstellung nicht im Widerspruch zur Tradition der Aufklärung steht.

MfG, HPK

Gravatar: Freigeist

Schon das erste Buch von Hamed Abdel-Samad war interessant. Man konnte schon damals erkennen, dass er sich mit dem Islam anlegen wird. Wissen statt Glauben ist sein Credo.

Gravatar: MGR

Der soziale Friede endet mit der zunehmenden Zahl an migratischen "wellfare boys" ohne Perspektive (siehe auch Terror in Frankreich). Kausal ist die höhere Geburtenrate muslimischer Mütter.
Also muss die Frage lauten: Wie fangen wir die Geburtenrate ein?
Eigentlich ganz einfach: Soziale Zuwendungen gehen ab dem zweiten Kind auf Null oder besser werden negativ. Leider steht dem unser Grundgesetzt entgegen.

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