Ich bin doch kein Chinese!

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Eingang zum Chiang Kai-shek-Memorial in Taipei in Taiwan, Foto: feusl

Zu Taiwan, China und Hongkong: ein Besuch in einer Bar in Taipei

Wo geht man hin, um möglichst rasch eine Stadt und seine Bewohner zu verstehen? In eine Bar. Das ist selten falsch. Trinker sagen die Wahrheit, vermutlich auch in Taiwan. So die Arbeitsthese. Die Stadt ist riesig, es ist ein warmer Abend. Einen, wie es ihn diesen Sommer in der Schweiz nicht gab. Ich wende mich nicht weit von meinem Hotel in eine Nebenstrasse. Eine Bar, wie wir sie kennen, gibt es hier nicht (ausser in Hotels, aber da komme ich ja gerade her). In Taiwan wird nicht einfach getrunken, sondern fast immer auch gegessen. In einem «Buffet» sitzen ein paar junge Männer und eine Frau. Sie essen Suppe und ­trinken Bier und Whisky. Ziemlich viel Flüssigkeit. Mir kommen unweigerlich Szenen aus längst vergangenen Trinkerlebnissen in den Sinn. Eigentlich hatte ich mir geschworen, genau das nicht mehr zu tun. Ich setze mich hinzu und bestelle das ­Gleiche. Die Suppe macht warm, Bier und Whisky helfen zur Kühlung, so zumindest baue ich mir eine Schutzbehauptung zusammen. Das Bier kommt in der Dose, Whisky mit Eis in einem Glas. Cheers!

Was sie von den Protesten in Hongkong für freie Wahlen und gegen die Bevormundung aus Peking halten, frage ich die Gruppe. Sie schauen mich etwas erstaunt an. Politik interessiert sie offensichtlich nur am Rande. «These protesters are good», kommt es dann aber zurück. Dass da auf dem Festland jemand für Demokratie und Freiheit demonstriert, hat die Leute in Taiwan elektrisiert. Mit Hongkong, das seit 1997 zur Volksrepublik China gehört, tauschen möchte trotzdem niemand. «Taiwan is different», Taiwan sei anders. Hier hat man deutlich länger ­Erfahrung mit Demokratie. In die Bewunderung für die Protestierenden in Hongkong mischt sich darum auch ein wenig Bedauern. Ein Anschluss an China unter dem Motto «ein Land, zwei  Systeme», wie es in Peking gerne angestrebt würde, ist für die Leute undenkbar. Taiwan hat 30 Jahre Demokratisierung hinter sich.

In den Achtzigerjahren entwickelte sich das Land von einem autoritären Staat zu einer ­repräsentativen Demokratie, zuerst mit lokalen Wahlen, 1996 dann mit den ersten direkten ­Präsidentenwahlen. Seither hat die Regierungspartei schon zweimal gewechselt. Die taiwanesische Demokratie mag nicht perfekt sein, aber sie funktioniert. Niemand in der Runde wäre bereit, auf die politische Beteiligung in Wahlen und Abstimmungen zu verzichten. Taiwan ist zusammen mit Indien, Japan und Südkorea der Beweis, dass auch in Asien Demokratie und Freiheit funktionieren kann. Wenn in Peking behauptet wird, Demokratie passe nicht zu China, dann kann man getrost auf Taiwan verweisen. Jetzt ist der grosse Aufruhr in Hongkong zwar vorbei, aber für die jungen Leute bleibt etwas übrig. «Die Chinesen können den Ruf nach ­Demokratie nicht mehr einfach ignorieren», sagt Liu, der von den anderen als Sprecher auserkoren wurde. Die Chinesen? Eigentlich sind die allermeisten Taiwaner ja auch Chinesen. In mehreren Wellen sind sie seit dem 17. Jahrhundert eingewandert. Zuletzt, als im ­chinesischen Bürgerkrieg die Nationalisten von den Kommunisten ­vertrieben wurden. Taiwan ­selber sieht sich ­offiziell als «Republic of China» und erhebt damit den Anspruch auf ganz China.

«Seid ihr nicht auch Chinesen?», frage ich zurück. «No, of course not, I am not Chinese», sagt Liu, «I am Taiwanese». Nein, er sei kein Chinese, er sei Taiwanese. Das war nicht immer so klar. Die ältere Generation sah sich noch mindestens als beides: Chinesen und Taiwanesen. Die jungen Durcheinandertrinker sind sich jedoch einig. Ihre Identität ist lokal geworden. Während ihre Eltern oder Grosseltern noch auf dem Festland geboren wurden, haben sie es höchstens einmal besucht. Was sie von «drüben» mitbekommen ist vor allem, dass man seine Meinung nicht sagen darf und Politik nichts mit der Bevölkerung zu tun hat. Dass sie sich trotzdem nicht für eine ­Unabhängigkeit aussprechen, hat vor allem ­wirtschaftliche Gründe. «No, no, it is good like it is», sagen sie. Nein, nein, es ist gut, wie es ist. Damit sagen die Jungen das, was seit Jahren eine grosse Mehrheit der Taiwanesen in Umfragen sagt. Nur nicht zu viel an den Beziehungen zur Volksrepublik ändern. Die taiwanesische Volkswirtschaft ist eng mit jener auf dem Festland ­verknüpft. Ihre Jobs hängen an wirtschaftlichen Beziehungen mit China. Es scheint vor allem gut, wie man hier Bier mit Whisky trinken kann. ­Trinker sagen eben die Wahrheit.

Obwohl die jetzige Regierung gerade bei ­jungen Leuten wenig Kredit geniesst, stimmt diese Haltung mit jener der offiziellen Stellen überein. Präsident Ma Ying-jeou hat die Forderungen der Proteste in Hongkong offiziell unterstützt und ­Peking aufgefordert, den Protestierenden zuzu­hören und auf Gewalt zu verzichten. Er selber musste im vergangenen Frühling erfahren, als Studenten der «Sonnenblumenbewegung» das taiwanesische Parlament während drei Wochen besetzten. Sie protestierten gegen die verkürzte Beratung eines Wirtschaftsabkommens mit der Volksrepublik China. «Protests are good for politics», sagt der Sprecher. Proteste seien gut für die Politik. Wir nehmen noch einen Schluck aus Dose und Glas. «Whisky is not so good for beer», möchte ich sagen, aber ich lasse es bleiben. Auch Trinker müssen nicht immer die Wahrheit sagen. (erschienen in der Basler Zeitung vom 13.10.14 und auf Ordnungspolitik.ch, Foto: feusl, verfügbar unter <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" title="Link zur Lizenz" target="_blank">CC-Lizenz</a>)

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