Globale Beschleunigungskrise

Jeder umweltbewusste Bürger weiss oder ahnt, dass sich das immer grösser werdende Rad unserer globalen Wirtschaft auf dem Rücken der Umwelt dreht, wenn nicht hier im Lande, dann woanders. Müssten wir nicht aufatmen, wenn die Beschleunigung aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise für eine Weile nachlaesst und unserer Umwelt eine Verschnaufpause gewährt wird? Wenn ein Konsument für wenige Euro ein Kleidungsstück oder ein elektronisches Gerät erwirbt, weiss er, oder ahnt es zumindest, dass viele soziale und ökologische Externalitäten nicht an ihn weiter gereicht werden.

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Auch darauf spielte Präsident Obama an, als er in seiner Antrittsrede sagte:

Nor can we consume the worlds resources without regard to effect. For the world has changed, and we must change with it.
Ubersetzung: Auch können wir die Ressourcen der Welt nicht verbrauchen, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Denn die Welt hat sich geändert, und wir müssen uns mit ihr ändern.

Als negative Externalitäten werden die Effekte wirtschaftlicher Aktivitäten bezeichnet, die unbeteiligten Dritten ungerechtfertigte Kosten bescheren, wenn Produzenten mangels wirtschaftspolitischer Regelung die Freiheit nutzen, bei der Preisbildung nur die ihnen tatsächlich entstandenen betriebswirtschaftlichen Kosten, nicht aber die darueber hinaus anfallenden sozialen und ökologischen Kosten zu berücksichtigen.

In Europa hat sich in ökolgischer Hinsicht seit den 70er Jahren Enormes getan. Gerade im Kern Europas, insbesondere auch in Deutschland, wird die Bedrohung der Umwelt von einem grossen Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Das hohe Umweltschutzniveau der Europaeischen Gemeinschaft wurde nach den so genannten Kopenhagener Kriterien auch auf die neuen Mitgliedstaaten ausgedehnt. Mittels unzähliger Programme gelingt es der EU eine umweltgerechte Entwicklung zu sichern und den „Umwelt für Europa“-Prozess sowie das von den Umweltministern der Wirtschaftskommission der UN für Europa (UN-ECE) vereinbarte Umweltaktionsprogramm für Mittel- und Osteuropa (EAP) umzusetzen. Auch in der Europaeischen Produktnormung werden heute Umweltschutzaspekte systematisch berücksichtigt.

Auf der 5. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Biodiversitätsabkommen) 2000 in Nairobi wurden unter anderem die Prinzipien des sog. Ökosystemansatzes beschlossen. Die ökosystemare Umweltbeobachtung erfasst heute neben Strukturen vor allem Funktionen und Prozesse in Ökosystemen und zeichnet deren Veränderungen auf, so auch vor den Toren Berlins im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Viele deutsche Unternehmen, wie der Hamburger Otto-Konzern, wirken bei vielen Initiativen mit und gehen in der ganzen Welt mit leuchtendem Beispiel voran.

Macht es angesichts unserer soliden Umweltbilanz Sinn, Naturschutz in Zeiten grosser wirtschaftlicher Krisen in den Vordergrund zu rücken? Ich meine ja, so wie es Sinn macht zu fragen, wo wir Menschen heute stehen, nachdem wir grosse Kriege überwunden haben, zum Mond geflogen sind und mit der europäischen Gemeinschaft eine wirtschaftliches und politisches Modell entwickelt haben, was uns zumindest in Europa sehr viel Frieden und Freiheit beschert. Trotz aller Bemühungen hat nach einer fundierten WWF Studie das Wirtschaftswachstum der EU den ökologischen Druck auf die Erde in den vergangenen Jahren verdoppelt. Laut der Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB), die von Deutschland 2007 während seiner EU-Präsidentschaft initiiert wurde, belaufen sich allein die jährlichen Verluste des Ökosystems Wald für die Menschheit auf zwei bis fünf Billionen Euro. Da hilft es wenig, dass die EU-Waldbilanz vergleichsweise gut abschneidet: Ökosysteme kennen keine politischen Grenzen.

Stehen wir womöglich vor unserer gewaltigsten Herausforderung: die Überwindung der globalen Beschleunigungskrise und die damit einhergehende Zerstörung der Biosphaeren, die trotz grosser Anstengungen des öffentlichen und privaten Umweltschutzes weiter voranschreitet? Wären nicht so viele Arbeitsplätze und Firmenexistenzen betroffen, müsste uns die augenblickliche Wirtschaftskrise als Segen vorkommen, denn sie provoziert darüber nachzudenken, ob wir Menschen Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft so organisiert haben, dass unsere Erde daran nicht zugrunde gehen wird. Längst wissen wir, dass die sichtbaren Fehlentwicklungen (rasant fortschreitende Reduzierungen der Artenvielfalt), nicht nur kleine Pannen sind, nach deren Behebung wir auf gewohnte Weise fortfahren können.

Diese Gedanken sind nicht originell, aber sie sollten uns stets aufs Neue beschäftigen.
Der verstobene Astrophysiker Peter Kafka wurde nie müde danach zu fragen, ob vielleicht in den Grundideen unseres Wirtschaftssystems ein Wurm steckt. Gerade jetzt, im wirtschaftlichen Umbruch, verdienen Politiker und Spitzenbeamte Applaus, wenn sie danach fragen und forschen lassen, welche Grundideen unserer Wirtschaftsordung noch weiterhin lebensfähig sind, welche Teile grundlegend reformiert werden müssen, damit wir keine Katastrophe erleben; wenn sie zu ergründen versuchen, inwiewiet sich die Ökologie der Wirtschaft unterzuordnen hat oder ob es nicht zu Gunsten unserer Nachfahren stets umgekehrt sein sollte.

Wir stehen ganz am Anfang der Entwicklung neuer ökologischer Wirtschaftsmodelle. An vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen wird nicht nur intensiv und leidenschaftlich daran gearbeitet, sondern es findet dank moderner Kommunikationsmöglichkeiten ein interdisziplinärer länderübergreifender Austausch statt, wie keine Generation zuvor erlebt hat. Nach und nach löst sich im Denken vieler Wissenschaftler der rein wissenschaftlich-technisch begründete Fortschrittsglaube durch Einsicht in die systemtheoretischen Prinzipien der globalen Beschleunigungskrise auf. Wenn die Politik wartet, bis etwa die sozialen Versicherungssysteme zusammenbrechen, das Vertrauen zum Staat weiter schwindet, soziale Unruhen konstruktive Dialoge erschweren, mag jede Reformanstrengung zu spät kommen.

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