Geistig-Moralische Wendehälse

Helmut Kohl ist tot. Und bekanntlich sagt man über Tote nichts Schlechtes. Außer über die schlechten Toten. Oder jene, die schon zu lange tot sind.

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Also sagen wir über Helmut Kohl erst einmal was Gutes: Er hat im November 1989 die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und den Weg zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten durch entschlossenes Handeln geebnet. Daran zweifelt heute wohl kaum einer mehr. Auch nicht daran, dass zu viele Sozialdemokraten anno 1989 die DDR und ihren dümpeligen Sozialismus am liebsten bewahrt haben würden. Das also ist die historische Leistung von Helmut Kohl.

Und welche Leistung kann man darüber hinaus noch benennen? Was hat Kohl geschafft, das ihm einen Platz in der Geschichte einräumen würde?  – Herzlich wenig. Die Auflösung des Staatsmonopols bei den Fernsehanstalten vielleicht, das Ende der Ladenöffnungszeiten womöglich. Doch das wars dann auch schon. Das aber ist im Grunde recht wenig, wenn man überlegt, wie großspurig die Maxime der ersten Regierung Kohl im Januar 1983 noch klangen: Es wurde von einer geistig-moralischen Wende geredet.

Was das genau war, wusste wahrscheinlich nicht einmal Kohl. Denn Theorie  war nicht sein Ding. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, frankfurter Sozialphilosophen für wichtig, gar bedeutsam zu halten. Zeit seines Lebens hat er die selbsternannte westdeutsche links-liberale Elite mit Nicht-Beachtung gestraft. Kohl benutze die Wendung also nicht etwa als Rahmen für ein Programm; er nutzte sie allein als Schlagwort, das 1983 durchaus einem gefühlten Bedürfnis entsprach. Westdeutschland hatte sich von Studentenrevolte und linkem Terror leidlich erholt – doch beide hatten klammheimlich tiefe Wurzeln in den Köpfen geschlagen. Sie, diese Wurzeln, galt es durch eine geistig-moralische Wende zu kappen, auf dass sie sich noch tiefer eingraben könnten.

An diesem Punkt ist Helmut Kohl auf ganzer Linie gescheitert. Ja, seine Partei, die Christdemokraten, hat im Endeffekt mehr zur Auflösung einer rationalen, politischen Wertegesellschaft beigetragen, als sämtliche links-liberalen Kräfte zusammen. Seine Politik legte die letzten Grundlagen für eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber erkennt; eine Gesellschaft ohne im eigentlichen Sinne politisches Credo – denn jenes »es kann nicht sein«, mit dem heute politische Forderungen garniert werden, hat mit Politik wenig, umso mehr aber mit Wunschdenken zu tun.

Kohls Gegenspieler war zugleich auch das Gegenteil dieser unpolitischen Wohlfühlpolitik, die nicht mehr forderte, sondern nur noch bediente und deren fatale Folgen man heute beobachten kann. Bequem wollte Kohl es allen machen und dabei en passant auch noch seine persönlichen Freunde erfreuen. Die Wiedervereinigung, die er politisch in Europa erfasste, als Handeln angesagt war, haben er und seine Partei in den Jahren nach 1989 im Grunde vergeigt. Statt von jedem seinen Teil zu verlangen und das Zusammenwachsen als nationales Projekt zu verstehen, tauschte man Nationalgefühl gegen Geld und ersetzte den Segen einer Nation durch den Geldsegen der Treuhandanstalt.

Eine wirkliche geistig-moralische Wende hätte damals stattfinden können. Sie unterblieb. Im Bann des allen alles Recht machen zu wollen, bequemte man sich von Lohnanpassung zu Lohnanpassung, von Ausgleich zu Ausgleich – doch die Moral blieb die gleiche wie vorher. Es war und ist die Moral der Studentenbewegung – ja, der Studentenbewegung. Bürgersöhne und -töchter, denen die Eltern am Ende alles verzeihen und denen sie vor allem ständig alles bezahlen. In diesem Sinne sind längere Öffnungszeiten und Rundumbedröhnung mit privaten Fernsehprogrammen genau das Sinnbild der Politik jener Jahre. Die Staatsverschuldung erklomm von da an immer neue, schwindelnde Höhen. Spiele und Brot verhieß die Devise. Die Christdemokraten wurden zu dem, was sie heute endgültig sind: Zu verkappten Sozialdemokraten. Nur eben die Spur langweiliger als jene es immer schon waren.

Mit Helmut Kohl begann der lange Weg in den Staat der Pseudomoral. Also einer Moral, die nichts kostet. Einer Moral, die sich vom Sentimentalitäten leiten lässt, statt politisches Denken zu fordern. »Wir müssen helfen«, heißt es unter Merkel, wenn es irgendwo brennt – über den Sinn der Hilfe macht man sich keine Gedanken. Der Egoismus in Form des Wohlgefühls des Helfenden ist ja befriedigt.

Eine geistig-moralische Wende fand damals nicht statt und sie fand auch später nicht statt. Das Ergebnis ist eine Gemeinschaft, die an ihren Wurzeln verrottet, während sie sich zugleich für die beste der möglichen hält. Diese braucht dringend eine geistig-moralische Wende. Hin zum Politischen einer rationalen Bürgergesellschaft. Weg von ideologisierten Ethikkommissionen. Aber vor allem auch weg von den christdemokratischen Wendehälsen, die sich in ihrer Morallosigkeit bei jedem bedienen und für die Angela Merkel in ihrer ganzen Geistlosigkeit das Symbol ist. In diesem tiefere Sinne ist Angela Merkel immer Helmut Kohls Mädchen geblieben. Die beiden gehörten zusammen. Sie hat das Werk, das er 1983 begonnen hatte, ab 2005 Zug um Zug Realität werden lassen.

Kommentare zum Artikel

Gravatar: Erbschuldiger

Wie recht Sie haben, Herr Hebold ! Mögen " die Europäer ", denen Kohl mit der Aufgabe der D-Mark ein großzügiges Geschenk gemacht und denen er mit der Protegierung der geistlosen Pfarrerstochter ein Kuckucksei für die Zukunft Europas ins Nest gelegt hat, diesen " Großen Europäer " mit pompösen Staatsakt ehren. H. Schmidt, dem nicht die " Gnade der späten Geburt " ( H. Kohl ) zuteil wurde, dürfte hingegen für seine Vita und seine national-orientierten staatsmännischen Fähigkeiten zunehmend der Demontage seines Rufes durch die politischen und journalistischen Strichjungen der Gegenwart ausgeliefert werden.
Die von Ihnen, Herr Hebold, geforderte und in den vergangenen Jahrzehnten ausgebliebene geistig - moralische Wende aber wird es weder mit diesem zum Totalitarismus tendierenden untermaßigen politischen Personal geben, noch ist die große Masse der Bürger fähig und bereit, den Schafspfad zu verlassen. Solange rechts und links wohlschmeckende Kräuter wachsen und die Schäferin beruhigend die Schalmei zu spielen weiß, trottet die Herde willig den vermeindlich fetten grünen Auen zu und glaubt an die Läuterung der Wölfe.
Schafe nimmt man nicht ernst - man füttert sie zwar, aber man schert oder schlachtet sie nach Interessenlage. Die erhoffte geistig - moralische Wende wird es mit diesen Bundesdeutschen in ihrer mehrheitlich einfältigen und feigen Gleichgültigkeit nicht geben; da müßten schon Engpässe bei der Versorgung mit Bananen und Büchsenbier eintreten oder es müßte gar eine Bombe unter dem eigenen Hintern hochgehen. Nur die harte persönliche Betroffenheit, nicht die antinationale Katastrophenpolitik einer Merkel und ihrer politischen Wasserträger kann noch den Willen zum Widerstand hervorrufen. Ansonsten wird " mürrische Indifferenz " empfohlen und der feste Glaube an die göttliche Mission der " Großen Vorsitzenden " gefordert. Diese Sachlage sollte bei der Würdigung des Lebenswerks H. Kohls nicht unterschlagen werden !

Gravatar: RA Martin Schmid

Liebster Herr Hebold,
mein einziger wahrer Freund,
doch es gibt, sie, die schlecht hinterher reden werden, nur nicht jetzt. Eines scheint festzustehen: Die sterblichen Überreste dieses Menschen sollen nicht in Ludwigshafen-Friesenheim neben seiner Gattin, wie es sich gefälligst aus Pietät gehört, sondern irgendwo in Speyer beigesetzt werden. Soweit ist es also schon: Die Frau, die ihm alles, ich wiederhole, alles ermöglichte, darf weiterhin einsam in dem Grab in Ludwigshafen ruhen. Schande über diesen Menschen, so er noch in der geistigen Lage war, klare Entscheidungen zu treffen. Was wohl nicht mehr so war, also beste Grüße an die Frau Dr. Maike Kohl-Richter.Ich könnte fast seine Söhne verstehen, wenn diese nicht zur Beerdigung kommen würden. So etwas gibt es nicht mal in den Mannheimer Benz-Barracken, dort herrscht mehr Kultur, wenn es drauf ankommt. Ich habe seinen beiden Söhnen persönlich kondoliert. Schande. Schande. Die DKP schämt sich fremd für diese Menschen.

Gravatar: Kirchfahrter Archangelus

Eine einigermaßen distanzierte und um Objektivität bemühte Bewertung der Kanzlerschaft von Helmut Kohl wird vermutlich sowieso erst in etwa 10 Jahren möglich sein, bis dahin hat man entweder den mythenumwobenen „Kanzler der Einheit“ (als eine Art westdeutschen Bonsai-Bismarck) oder den als „Birne“ (Franz-Josef Strauß hatte im „Wienerwald“ noch ganz andere Ausdrücke...) verspotteten im Kopf. Der Beitrag beleuchtet im Ansatz die von ihm gelegten Grundlagen der heutigen Misere, wenn er festhält: „Seine Politik legte die letzten Grundlagen für eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber erkennt“.

Richtig beobachtet. Die CDU der Kohl-Ära, hat auf den ersten Blick wenig Ähnlichkeit mit der jetzigen “Merkel-CDU“, dennoch hat es viel für sich, die Grundlagen unserer heutigen Misere in den 70ern und 80ern zu suchen. Beispielsweise die maßlose Europa-Euphorie („CDU – die Europapartei!“), in der Helmut Kohl Deutschland de facto im Alleingang unbedingt in einer EG (später: EU) als nachgeordnetes „Bundesland“ aufgehen sehen wollte. Führte dies nicht direkt zur jetzigen Brüsseler Eurokratie? Wo waren damals wie heute derartige Europaphantasten, die unbedingt den „Bundesstaat Europa“ wollten? In Paris? In London? Wohl eher nicht…
Die parteioffizielle überschwängliche Begeisterung für ein direkt gewähltes Europa-Parlament – ist es nicht logisch, dass dies auch etwas entscheiden können muß? Natürlich nur „aus Respekt vor dem Wähler“ ;-). Das direkt gewählte Europa-Parlament ist ein „legitimes Kind“ der damaligen „Bundesstaat statt Staatenbund“-Politik. Ebenso wie die europäische Einheitswährung... Haften wir nicht deshalb für das Finanzverhalten anderer Völker? Ist das sich fettfleckartig in Deutschland als „Superrechtsebene“ ausbreitende EU-Recht nicht ebenso die logische Folge der Politik von Helmut Kohl?
Ich denke nicht, dass die Mehrheit der CDU-Wähler damals wollte, dass ihr Vaterland als nicht-souveräne Verwaltungseinheit in einem europäischen Superstaat aufgeht und die D-Mark abgeschafft wird. Gleichwohl unterstützte sie mit ihrer Stimmabgabe für die CDU einen Entwicklungsprozess, der zwingend dort enden muss. Unliebsamen Schlussfolgerungen wurde damals mit codierten Begriffen ("Projekt der europäischen Einigung" sowie "verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit")  vorgebeugt (Preisfrage: Wer hat diese benutzt und warum?).
Im Bezugsrahmen des einzelnen war die Denkschablone "CDU = Volkspartei der Mitte = Europapartei = konservative Partei" erfolgreich verankert, obgleich doch die Realität erkennbar anders aussah.
Gleiches galt dann auch ab 1983 unter dem zugkräftigen Marketing-Label „Geistig-moralischen Wende“. Jetzt ging das "natürlich"(?) auch wieder nicht, da nun auf die F.D.P. „Rücksicht genommen" werden mußte. Die Denkschablone im Bezugsrahmen der konservativen Wählerschaft hat auch dies wieder schadlos überdauert.

Ich denke nicht, dass es etwas mit fehlender Pietät oder gar Leichenfledderei zu tun hat, wenn man mit Augenmaß und Anstand kritischer auf die „Ära Helmut Kohl“ schaut.

Gravatar: Florian K.

bleibt nur zu hofen das er uns nicht auch noch aus dem Grab hinaus verfolgt... Er war schon schlimm genug als er noch unter uns wandelte!

Gravatar: RA Martin Schmid

Is ja nicht zu fassen ... man wird sich hier cum grano salis nochmal einig ... wer hätte das gedacht. OK liebe Redaktion, wollte mich schon resigniert zurück ziehen, aber Ihre Online-Zeitung wird stetig etwas besser.

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