Flassbecks Lucke-Kritik

Der linke Ökonom Heiner Flassbeck kritisiert Bernd Luckes Rede “Der Euro und die Zukunft Europas”. Flassbeck liefert dabei Argumente gegen den Euro - offenbar ohne es zu wollen.

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Empfohlen, Blogs - Politik, Blogs - Politik - Empfohlen | Schlagworte: Bernd Lucke, Euro, Kritik, Leistungsbilanzdefizit, Prof. Dr. Heiner Flassbeck, Rede, Wechselkurse, Wettbewerbsfähigkeit
von

Prof. Dr. Heiner Flassbeck kritisiert zusammen mit Friedericke Spiecker die Rede “Der Euro und die Zukunft Europas”, die Prof. Dr. Bernd Lucke am 1. Februar 2014 lieber in Freiburg hielt, statt an der Fortsetzung der Europawahlversammlung teilzunehmen (siehe“Professor Bernd Lucke und die Europhobie (Teil 1)” und Teil 2). Zur Einordnung muss man wissen, dass der Honorarprofessor Flassbeck ein ziemlich linker Ökonom ist, der unter Oskar Lafontaine Staatssekretär im Bundesfinanzministerium war und bis heute meint, alle Probleme durch Lohnerhöhungen lösen zu können. Trotzdem halte ich einige Punkte seiner Kritik für interessant und diskussionswürdig.

In Minute 10 seines Vortrags sagt Bernd Lucke, man rede insbesondere in Brüssel über Deutschland als ein Land, das zu wettbewerbsfähig sei, statt zu sagen, die anderen seien zu wenig wettbewerbsfähig. Das komme daher, dass man die inzwischen eingetretene Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten nicht als immer noch ungenügend bezeichnen wolle. Er verliert aber kein Wort über die unbestreitbare Tatsache, dass nicht alle Länder in der Eurozone ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern können, weil der Wert des Euro gegenüber anderen Währungen flexibel ist. Auch kein Wort dazu, dass es ein europäisches Inflationsziel gab, das Deutschland unter- und die Südeuropäer überschossen haben und das nur von Frankreich genau eingehalten wurde.

Das sind doch starke Argumente gegen den Euro, da ohne ihn Länder in der Krise durchaus abwerten könnten und jedes Land sein eigenes Inflationsziel definieren und auch erreichen könnte.

Minute 19: Die griechischen Preise müssten fallen, möglichst unter das Niveau in Deutschland, weil Griechenland zu teuer und damit nicht wettbewerbsfähig sei. Die Löhne in Griechenland sänken, weil die Arbeitslosigkeit dort hoch sei. In einer funktionierenden Volkswirtschaft würden die Preise den Löhnen folgen. Das sei in Griechenland aber nicht der Fall, wie anhand der Exportpreisentwicklung demonstriert wird. Würden die Preise den Löhnen folgen, wäre laut Bernd Lucke alles viel besser, weil dann das Land wettbewerbsfähiger würde, „man verlangt aber dieselben Preise“, was dazu führe, dass sich nichts verbessere. [...]

Als Neoklassiker gerät man hier also in eine beachtliche Zwickmühle, was nun eigentlich wünschenswert ist zur Sanierung einer Volkswirtschaft und ihres Arbeitsmarktes: sinkende Reallöhne oder steigende Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland? Eigentlich sollte man erwarten können, dass Bernd Lucke diesen Widerspruch, wenn schon nicht auflöst (was ja nicht geht, weil die Neoklassik hier versagt), so doch klar benennt. Doch nichts davon.

Das ist ein interessantes Dilemma, welches sich jedoch bei einer Abwertung der eigenen Währung einfach vermeiden lässt. Dann sinken die Reallöhne etwas, weil die Importe teurer werden, doch die Exportpreise verbilligen sich deutlicher, während nominal weder Löhne noch Preise gesenkt werden müssen. Lohn- und Preissenkungen sind nämlich beide schwierig, wobei erstere jedoch notfalls noch größer als letztere sein könnten, um Beschäftigung und Exporte zugleich anzukurbeln.

Minute 25: Bernd Lucke zeigt in einigen Schaubildern, dass die realen Exporte in allen Ländern Südeuropas (ab dem Basisjahr 2003) schlechter gelaufen sind als in Deutschland. Dagegen seien sie in allen ärmeren, vornehmlich osteuropäischen Ländern, die den Euro nicht haben oder zumindest solange sie ihn nicht hatten, stärker gewachsen als in Deutschland. Bernd Luckes Beispiel: Slowenien hat den Euro seit 2007, vorher wuchsen die slowenischen Exporte stärker, seitdem schwächer. Wer den Euro nicht hat – dazu gehören Länder wie Bulgarien, Rumänien, Litauen, bis Ende 2010 auch Estland und bis Ende 2013 Lettland – ist besser als Deutschland gefahren. Und der Grund dafür sei, so Bernd Lucke, dass Länder wie Estland, Rumänien und Lettland einen flexiblen Wechselkurs gegenüber dem Euro hätten (Minute 30), so dass sie sich ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Staaten wie Deutschland erhalten konnten mittels Abwertung.

Einen flexiblen Wechselkurs? Sieht man sich die Zeitreihen der Wechselkurse an oder liest man die Veröffentlichungen zur Geldpolitik der genannten Länder, dann stellt sich diese Aussage als falsch heraus: Estland hat, bevor es dem Euro 2011 beigetreten ist, seinen Wechselkurs gegenüber dem Euro 12 Jahre lang nicht verändert, obwohl erhebliche Inflationsdifferenzen zum Euroraum bestanden. Litauen hat seinen Wechselkurs seit 2004 ebenfalls konstant gehalten. Lettland, das dem Eurogebiet seit Januar diesen Jahres beigetreten ist, hat zwischen 2006 und 2011 seinen Wechselkurs zum Euro in einer Bandbreite von weniger als einem halben Prozent pro Jahr verändert und 2012 um 1,3 Prozentaufgewertet – und das, obwohl sich die gegenüber den EWU-Handelspartnern aufgelaufene Inflationsdifferenz seit 2006 auf rund 40 Prozent summiert hat. Die baltischen Länder sind durch schwere Krisen gegangen, gerade weil sie die schon lange bestehende Parität zum Euro nicht ändern wollten, obwohl sie wegen hoher Inflationsraten massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren europäischen Handelspartnern verloren haben. Von einem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit dank Wechselkursflexibilität, wie Bernd Lucke sie diesen Ländern zuschreibt, kann also nicht im Mindesten die Rede sein.

Ähnliches gilt für Bulgarien: Dieses Land hat seinen Wechselkurs zum Euro ab dem Jahr 2000 nur noch minimal verändert (plus/minus 0,2 Prozent) und seit 2006 in einem currency board ganz fixiert, was fast eine so starke Bindung wie eine gemeinsame Währung bedeutet. Gleichzeitig beläuft sich die Inflationsdifferenz gegenüber dem Euroraum, die Bulgarien zwischen 2000 und 2013 aufgebaut hat, auf fast 50 Prozent, d.h. bulgarische Güter sind rund die Hälfte teurer als Güter aus der EWU.

Das ist ein sehr interessanter Punkt, wobei Herr Flassbeck übersieht, dass der Hauptvorteil einer eigenen Währung gar nicht im tatsächlichen Auf- und Abwerten besteht, sondern in der reinen Möglichkeit dazu. Die baltischen Staaten und Bulgarien mussten sich deshalb mehr anstrengen und eine andere Wirtschaftspolitik betreiben als z. B. Griechenland. Ob sie von einer tatsächlichen Abwertung (oder auch Aufwertung zu anderer Zeit) nicht noch mehr profitiert hätten, ist eine andere Frage, die jedoch bei einer Gemeinschaftswährung gar nicht mehr ernsthaft gestellt werden kann.

Ohne die Anpassungsmöglichkeiten, die Wechselkurse prinzipiell bieten, ist es – da hat Bernd Lucke durchaus recht – schwer, einmal entstandene Inflationsdifferenzen zwischen Ländern mit gemeinsamer Währung zu korrigieren. Daraus aber abzuleiten, dass alles in Sachen Außenhandel und Leistungsbilanz, also Verschuldung von Staaten untereinander, reibungslos laufe, wenn nur jedes Land seine eigene Währung habe, ist falsch. Das zeigen auch aktuell wieder die Wechselkursturbulenzen, die die Schwellenländer ergriffen haben.

Niemand behauptet, dass es mit eigenen Währungen keine Probleme mehr gäbe und nichts mehr zu tun wäre. Die Wechselkurse zwischen eigenen Währungen müssen auch nicht völlig frei sein, während eine gemeinsame Währung gar keine Anpassungen erlaubt.

Darüber hinaus ist der Vergleich des Exportwachstums zwischen den ärmeren Euro-Ländern in Südeuropa und den ärmeren Nicht-Euro-Ländern in Osteuropa, wie er ihn vornimmt, aus zwei weiteren Gründen unseriös. Zum einen hatten die Länder Osteuropas einen ganz anderen Nachholbedarf, sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in die internationale Arbeitsteilung einzuklinken, von der sie zuvor jahrzehntelang ausgeschlossen waren. Kein Wunder, dass dort die Wachstumsraten der Ausfuhren eine ganz andere Dimension angenommen haben als in Ländern wie Spanien oder Portugal, die schon über viele Jahre am Handelsaustausch mit dem Rest der Welt teilnehmen konnten.

Im Euro sind auch Länder aus dem ehemaligen Ostblock, nämlich Estland, Lettland, Slowakei und Slowenien, die deutlich ärmer sind als selbst Griechenland, aber für dessen “Rettung” bezahlen müssen.

Zum anderen ist das Argument des vergleichsweise stärkeren Exportwachstums der ärmeren Nicht-Euro-Länder gegenüber den ärmeren Euro-Ländern zusätzlich abwegig, solange die Importentwicklung ignoriert wird, wie es Bernd Lucke leider tut. Sieht man sich die Einfuhren an oder gleich die Leistungsbilanzsalden dieser Staaten, zeigt sich nämlich, dass in den ärmeren Nicht-Euro-Ländern nicht nur die Exporte enorm zugelegt haben, sondern auch die Importe, wie das bei einem Wechsel von der handelspolitischen Isolation hin zur Teilnahme an der internationalen Arbeitsteilung nicht verwunderlich ist. Viele dieser Länder importierten übrigens noch sehr viel mehr, als sie beim Export zulegten, so dass sie in massive Leistungsbilanzdefizite hineingerieten.

Diese Defizite können sich mit denen Südeuropas durchaus messen: Bulgarien wies vier Jahre lang (von 2005 bis 2008) Defizite imzweistelligen Prozentbereich (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) auf, Estland schaffte das sogar sechs Jahre hintereinander (von 2002 bis 2007), Lettland immerhin über fünf Jahre (2004 bis 2008) und Litauen drei Jahre lang (2006 bis 2008). In Portugal war diese Größenordnung der Defizite sechs Jahre in Folge erreicht, in Spanien hingegen überschritt das Defizit nie die Zehn-Prozent-Marke. Was also bleibt unter diesen Gesichtspunkten von dem empirischen ‘Beleg’, wie gut es den ärmeren Ländern ohne den Euro ausweislich ihres Exportwachstums ergangen sei, übrig? Unserer Ansicht nach: nichts.

Leistungsbilanzdefizite können durchaus sinnvoll sein, wenn sie z. B. für produktive Investitionen statt für Konsum und Immobilienblasen genutzt werden. Umgekehrt wären auch die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse positiver zu sehen, wenn es sich um echte Kapitalbildung für spätere Jahre angesichts der ungünstigen demographischen Entwicklung handeln würde. Doch Griechenland und Deutschland sind auf je eigene Weise gigantische Verschwender.

Für 2007 als Basisjahr gibt es keine stichhaltige Begründung.

Doch, die bis heute anhaltende Krise hat 2007 begonnen. Dass die heutigen Krisenländer zuvor besonders stark gewachsen sind, lag nicht zuletzt an einer durch den Euro verursachten Blasenbildung, die die jetzigen Probleme hervorgebracht oder zumindest verschlimmert hat.

Wir wollen nicht mehr auf die skurrilen Ausführungen zur Pleite von Staaten eingehen (Minute 50), wo er sagt, Staaten sollten ruhig pleitegehen, Banken müsse man hingegen in der Regel stabilisieren, und auch nicht, dass beklagt wird (Minute 55), dass die Europäische Zentralbank relativ unabhängig ist und das europäische Parlament (genau wie der Bundestag früher in Hinblick auf die Deutsche Bundesbank übrigens auch) keine demokratische Kontrolle ihr gegenüber ausübt.

Die Kritik daran hätte ich spannender gefunden bzw. eher nachvollziehen können. Aus  meiner Sicht sollten lieber Banken insolvent gehen als Staaten und waren die Bankenrettungen auf Staatskosten in der Regel eine dumme Idee. Die EZB sollte gerade unabhängig und vorrangig der Preisniveaustabilität verpflichtet sein wie die Bundesbank, was sie offensichtlich nicht mehr ist, während das Europaparlament keinen Einfluss auf sie ausüben sollte und das bislang auch nicht tut.

Beitrag erschien auch auf: alexanderdilger.wordpress.com

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: Hofmann,M

Der Währungszwang durch den EURO mancht die Wettbewerbsanstrengungen zu NICHTE und damit werden die "faulen" Faul bleiben bzw. noch fauler werden und die "Fleißigen" werden mehr arbeiten müssen um für die "Faulen" mehr an Abgaben leisten zu können.
Ein klassisches Ausbeutungssystem auf den Rücken der Mittelschicht. Mit dem EURO-Zwang bestimmen die EU-Eliten wer (Land/Bürger) etwas WERDEN bzw. Wohlstand schaffen kann und wer weiter in der Abhängigkeit der EU-Eliten (EURO) bleibt.
Mit dem EURO Diktat ist die Selbstbestimmtheit, Eigenverantwortung und die Freiheit der europäischen (EU-Staaten-Bürger) nichts mehr WERT!
Ein großer Teil der Europäer (EURO-Staaten) lebt in einer NEUEN KNECHTSCHAFT von sozialistischen Umverteilungs-Einheitsbreibestimmungen.
Und das ist das eigentlich traurige an diesen EURO-Diktat von ESM und Co.

Gravatar: Krause

"Wir wollen nicht mehr auf die skurrilen Ausführungen zur Pleite von Staaten eingehen (Minute 50), wo er sagt, Staaten sollten ruhig pleitegehen, Banken müsse man hingegen in der Regel stabilisieren"

Es ist schon wirklich unglaublich, auf welche Art und Weise FE hier Luckes Worte verdreht und gradezu ins Gegenteil verkehrt, weswegen man mE diese Seite einfach nicht ernst nehmen kann. Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, wie die Zeitangaben zustande kommen, war die Rede in dem Vortrag davon,
(1) dass *systemrelevante Banken* nicht einfach Pleite gehen können, ohne dass dies katastrophale gesamtwirtschaftliche Schäden nach sich zieht (Lehman lässt grüßen) und Lucke sprach sich in dem Vortrag (bzw. der zugehörigen Fragerunde) in aller Deutlichkeit dafür aus, Banken soweit zu entflechten, dass jedes einzelne Institut Pleite gehen kann, um eben dieses Szenario in Zukunft zu verhindern;
(2) dass im Fall einer drohenden Staatspleite die Stabilisierung des *Bankensystems*, welches durch die Staatspleite bedroht ist, weil es eben in großem Maße die betreffenden Staatsanleihen hält, billiger kommt als die "Rettung" des ganzen Staats (abgesehen davon ist die Stabilisierung des Bankensystems in so einer Situation auch unabdingbar, weil ansonsten der Zahlungsverkehr zusammenbricht und dann in dem Land überhaupt nichtsw mehr geht, was eigentlich selbst den FE-Ökonomen klar sein müsste).

Daraus wird nun bei Flassbeck/Spieker, Lucke habe gesagt, man solle lieber Staaten pleitegehen lassen als Banken. Das ist mE eine zutiefst unseriöse Art der Argumentation, die man auf FE leider durchaus öfter antrifft.

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang