Einheit auf festem Fundament

„Für Jesus“

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Christen sind zur Einheit berufen. Doch zu welcher Einheit? Bei einem ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar in Šiauliai standen wieder Vertreter verschiedener Kirchen der Stadt auf der Bühne des Konzertsaales, in dem sich die örtliche „Wort-des-Glaubens“-Gemeinde versammelt. Einer der Pastoren zitierte den vor einigen Jahren verstorbenen Methodistenpfarrer Kingsley Holden. Der aus Jamaika stammende Brite wirkte im Rentenalter noch über zehn Jahre in Litauen und war ein wahrlich großer Fan der Ökumene. Was eint uns alle? In Holdens Worten, die bei einem der Pastoren im Gedächtnis blieben: alle sind „für Jesus“.

Kein Christ ist gegen so ein Motto. Nur ist es leider als Kriterium nicht ausreichend für echte christliche Einheit. Denn „für Jesus“ sind auch die Mormonen, die Zeugen Jehovas und alle möglichen anderen Sekten aus dem christlichen Spektrum. „Für Jesus“ ist natürlich auch ein Autor wie Deepak Chopra, der schon mehrere Jesus-Bücher verfasst hat – und diesen in die Weltanschauung seiner östlichen Religiosität einbaut. Ähnliches ist ja vom Dalai Lama zu sagen, der in Jesus natürlich ebenfalls einen Gesinnungsgenossen zu erkennen meint. Nicht vergessen werden sollte schließlich, dass selbst Muslime Jesus als Messias bezeichnen und in diesem Sinne sogar sie „für Jesus“ sind.

Der liberale Methodist Holden gab sich immer mit solchen Minimalkriterien dieser Art zufrieden. Sie lassen sich recht leicht deklarieren, aber fruchtbare Zusammenarbeit braucht ein stabileres Fundament. Welches ist denn der Jesus, den wir bekennen und an den wir glauben?

„Anwalt der protestantischen Einheit“

Weite Teile der Ökumene wie der Weltkirchenrat sind diesen Weg des kleinsten gemeinsamen Nenners gegangen, um möglichst viele ins Boot zu holen. Der Straßburger Reformator Marin Bucer (1491–1551) wies einen anderen.

„Keinen Reformator hat das Auseinanderbrechen der Christenheit insgesamt, wie auch das Auseinanderbrechen des Protestantismus in Lutheraner, Reformierte, Täufer usw. mehr mitgenommen, als Bucer… Keiner hat sowohl theologisch, als auch praktisch so intensiv auf die Einheit unter dem Wort hingearbeitet“, schreibt Thomas Schirrmacher in seinem sehr guten Abriss von Lehre und Wirken Bucers. („Einheit durch Hören auf die Schrift und aufeinander: Martin Bucers theologisches und praktisches Programm als Herausforderung für die Evangelikalen heute“, MBS Jahrbuch 2001)

Bucer war laut Biograph Martin Greschat der „Anwalt der protestantischen Einheit“. Einheit war für Bucer, so Schirrmacher, „eine Grundforderung der Heiligen Schrift…, was sich auch in der persönlichen Einstellung anderen Christen gegenüber zeigen muß. In einer Zeit der religiösen Spaltungen war Bucer ein Mann der Verständigung, ein Förderer der Versöhnung, nicht nur im eigenen Lager (etwa im Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli), sondern auch bei den Religionsgesprächen mit der römischen Kirche in den Jahren 1540/41. Bei den Auseinandersetzungen mit Juden, Täufern und religiösen Randgruppen der damaligen Zeit war er der wichtigste Dialogpartner auf evangelischer Seite. Niemand zur Zeit der Reformation hat sich derartig intensiv dem Problem der Duldung abweichender Meinungen gewidmet160 und darin weist Bucer weit über sein Jahrhundert bis in die Gegenwart voraus.“

Bei all diesem gilt es aber zu beachten, dass es Bucer eben nicht wie heute oft um Einheit fast schon um jeden Preis oder um den allerkleinsten gemeinsamen Nenner ging. Er konnte sich durchaus kompromisslos zeigen und lehnte z.B. das Augsburger Interim von 1548 ab. In seinen Augen stellte es eine Preisgabe der evangelischen Position dar. Bucer war überzeugt, dass Christen einen Konsens in den wesentlichen Punkten der Lehre und Ethik auf der Grundlage der Schrift anstreben sollen:

„Ich wünsche geeinte Kirchen im wahren, reinen und steten Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Der einzige Weg, um dahin zu kommen, ist, so scheint mir, zuerst und immerfort zu Christus zu beten, damit er uns die Einheit gebe und uns darauf innerlich vorbereite; dann, versammelt im heißen Verlangen, sein Reich zu erleben, die Hauptsätze des Glaubens an Christus aufmerksam zu betrachten und, wenn wir darüber einig sind, durch gemeinsame Begründungen zu befestigen; endlich, da die Einrichtungen und geistlichen Handlungen in unseren Kirchen so verschieden sind, zu erkennen, ob solche äußere Verschiedenheit im Hinblick auf die tiefere Größe des Ziels nicht könne nutzbar oder wenigstens annehmbar gemacht werden.“

„Die Hauptsätze des Glaubens an Christus… durch gemeinsame Begründungen zu befestigen“. Es geht also um den Konsens in der wichtigsten Fragen der Lehre. Christen sind dazu aufgefordert, entschlossen eine Übereinkunft in den wesentlichen Punkten der Lehre und Ethik auf der Grundlage der Schrift anzustreben. Hier ist Bucer zu folgen, der sensibel war für die Wahrheitsmomente in den Argumenten des Gegners, für den es aber auch klare Grenzen für die Einheit der Kirche gab, wenn der Wahrheitsanspruch der Hl. Schrift gefährdet war.

Bucers Grundanliegen wurden auch von anderen Reformatoren aufgenommen. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich, war kaum weniger Anhänger der evangelischen Einheit als der Straßburger. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis (1566) aus Bullingers Feder heißt es: „Man solle darauf achten, worin am ehesten die Wahrheit und Einheit der Kirche liege, damit wir nicht leichtfertig Spaltungen erzeugen und in der Kirche begünstigen. Jene liegt nicht in den äußeren Zeremonien und gottesdienstlichen Gebräuchen, sondern vielmehr in der Wahrheit und Einheit des katholischen [allgmeinen] christlichen Glaubens…. Deshalb sagen wir, die wahre Einheit der Kirche bestehe in den Glaubenslehren, in der wahren und einmütigen Verkündigung des Evangeliums Christi…“ (17,7)

„Im Geist der Demut und Liebe“

Anfang April trafen sich jeweils vier Vertreter der reformierten Kirche Litauen und des Gemeindesbundes „Wort-des-Glaubens“ zu einer ersten offiziellen Konsultation über eine nähere Zusammenarbeit (hier mehr). Vereinbart wurde in einem ersten Schritt – ganz im Geiste Bucers und Bullingers – die gemeinsame Glaubensgrundlage zu formulieren. Generalsuperintendent Tomas Šernas von der reformierten Seite arbeitete ein achtseitiges Dokument aus, in dem folgende wichtige Themen der Theologie kurz erläutert werden: Heilige Schrift, Rechtfertigung, Evangelium, Glaube und Werke, Kirche, Sakramente Taufe und Abendmahl.

Am 3. Mai kamen die acht Männer wieder in Panevėžyzs in den Räumen der dortigen „Evangelischen Gemeinde“ (im „Wort-des-Glaubens“-Bund) wieder zusammen und berieten jeden Punkt dieses Textes. Da inhaltlich viele Gedanken aus anerkannten Glaubensbekenntnissen stammen wie dem Zweiten Helvetischen, war eine Einigung nicht schwierig. Auch das von beiden Kirchen in litauischer Sprache herausgegebene Westminster-Bekenntnis (1647) hat eine Art Brückenfuntion. In keiner der beiden Kirchen ist es offizielle Glaubensgrundlage, aber hier wie dort wird es wegen seiner Präzision geschätzt, und auch in dem Einheitsdokument wurde auf dies presbyterianische Bekenntnis zurückgegriffen. Passagen aus der Chicago-Erklärung zur biblischen Irrtumslosigkeit (1978) wurden ebenfalls verarbeitet.

Zum Abschluss halten zwei kurze Punkte fest, dass auf dieser Grundlage mit konkreter Zusammenarbeit in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit sowie Diakonie begonnen werden kann. Näheres zu konkreten gemeinsamen Arbeitsfeldern soll in Zukunft vereinbart werden. Auch eine Übereinkunft zu Kernfragen der Ethik ist geplant. An der „Übereinkunft evangelischer Kirchen zur Lehrgrundlage“ wird noch etwas sprachlich gefeilt. Die acht Brüder werden sie unterzeichnen, anschließend kann sie den beiden Synoden vorgelegt werden. (Die reformierte tagt traditionell am Johannestag, lit. Joninės, gegen Ende Juni; die von „Wort-des-Glaubens“ an Mariä Himmelfahrt Mitte August, da Žolinė in Litauen ein Feiertag ist.)

Die Namen der beiden beteiligten Kirchen werden im Dokument nicht genannt, um sich offen für weitere Gemeinden, Bünde und Kirchen zu zeigen, die sich diesem Konsens anschließen wollen. Denn die Einheit der Evangelischen, möglichst aller Evangelischen, ist „eine lebenswichtige Frage für die Entwicklung der Kirche“ (so in der Präambel) in Litauen und auch anderswo.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Thomas Rießler

Mit diesem Anpreisen der reformatorischen Bekenntnisschriften zu allen möglichen passenden und unpassenden Anlässen kommen Sie mir wie ein Staubsaugerverkäufer vor, der sein Produkt über den grünen Klee lobt. Ebenso wie im Bereich des Politischen wird in Glaubensfragen der Diskurs durch Lobbygruppen und nicht von der „Zivilgesellschaft“ geführt. Wenn dann auch noch finanzielle Abhängigkeiten im Spiel sind, wird die Sache erst recht zur Posse.

Gravatar: lector

Es wird doch die Taufe zwischen den verschiedenen Konfessionen gegenseitig im Grundsatz anerkannt, und ich erkenne nichts Falsches darin, die Gemeinsamkeiten der Konfessionen stärker zu betonen und sich soweit möglich anzunähern, besonders unter den Evangelischen.

Was sich durch die Schrift begründen kann, sollte alles gegenseitig anerkannt werden, auch wenn die Akzente anders gesetzt bleiben.

Was es nicht geben darf, ist eine Ökumene um jeden Preis.

Bedenklich sehe ich auch die Entwicklung der "allgemeinen" Kirche, wenn deren - neutral gesagt - Überzeugung, die Stellvertretung Gottes auf Erden zu sein, früher zu Machtstreben und Machtmissbrauch geführt hat und mit dem jetzigen "Stellvertreter" in eine synkretistische Beliebigkeit zu driften scheint.

Beide Auswüchse erwuchsen / erwachsen aus einem Anspruch, der Felsen zu sein, der die Wahrheit gepachtet hat.

Nun haben die Jahrhunderte die granitene Härte und Schroffheit des Steins der Macht erlebt, aber heute scheint alles erodiert, und der Sand kommt zum Vorschein, der bereit scheint, sich vom Wind und den Gezeiten wegtragen zu lassen.

Nun gut, wenn Franziskus meint, dass jeder Recht hat, von Buddha bis Mohammed, und "alle" Kinder Gottes sind, so kann auch der protestantische Zweifel an menschengemachten Traditionen in der Nachfolge Petri nicht mehr bestritten werden.

Kehren wir - allesamt - um und folgen Jesus Christus nach, dem wahren Fels, auf dem wir alle stehen, so Gott will.

Muslime, Herr Lahayne, "die Jesus als Messias bezeichnen"? Das wären dann schon halbe Christen.
Nein, Jesus ist für die "nur" ein Prophet, und nicht einmal der größte.
Ihr Gott gab ihm die Gabe zu "zaubern", und bevor er ans Kreuz musste, nahm der Allah-Gott ihn beiseite und präsentierte den Römern "einen anderen, der ihm ähnlich sah".

Solch heuchlerisch verschwiemelt-vergiftete Freundschaft mit dem HErrn?
Da sollten uns erklärte Feinde des Glaubens lieber sein, die sich hier noch gar nicht gemeldet haben... Bei denen weiß wenigstens jeder, was Sache ist und gibt es den Segen der Klarheit: "heiß oder kalt".

Wenn aber aus einer gefühlten Freundschaft zu Jesus der Glaube an dessen Messianität erwächst, wenn Jesus mehr und mehr auch von Moslems als Christus erkannt wird, so hat dieses wahre Korn im Koran zur Erkenntnis der Wahrheit geführt - halleluja!

Christus vincit, und ein großer Segen ist es, wenn wieder ein Mensch sich taufen lässt in Seinem Namen.

Wiedergeboren in Seinem Namen, neu im Nu, eine größere Integration kann es nicht geben, in jedem Sinn des Wortes.

Gravatar: Thomas Rießler

Lector, ganz recht, die Bibel ist Maßstab der Rechtgläubigkeit und keine Glaubensbekenntnisse oder Papstworte. Die reformatorischen Glaubensbekenntnisse werden gerne klammheimlich als Papstersatz missbraucht.

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