EINE NEUE BIBELÜBERSETZUNG INS LITAUISCHE

Eine Übersetzung des Neuen Testaments ins Litauische durch Samuel Bittner wurde erstmals 1701 in Königsberg veröffentlicht.

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Frühere litauische Versionen des NTs wie die des lutherischen Pfarrer Jonas Bretkūnas im 16. oder des reformierten Samuel Boguslaw Chylinski im 17. Jahrhundert wurden leider nie gedruckt. Ebenfalls in Preußen wurde 1735 die ganze Bibel in litauischer Sprache verlegt, der die Übersetzung des lutherischen Theologen Johann Jakob Quandt zugrunde lag. Diese Ausgabe erfreute sich großer Beliebtheit und wurde vielfach überarbeitet und noch bis ins 20. Jahrhundert gebraucht.

Auf katholischer Seite dauerte es bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, als Bischof Juozapas Giedraitis eine Übersetzung des NTs vorlegte, die aber nicht besonders populär wurde. Erst Erzbischof Juozapas Skvireckas übertrug von 1911 bis 1937 die ganze Bibel aus der lateinischen Vulgata ins Litauische. Nach dem Krieg konnte die Skvireckas-Bibel in der Sowjetrepublik Litauen nie erscheinen, wurde aber in mehreren Teilbänden im Ausland gedruckt.

Im westlichen Ausland entstanden in der Nachkriegszeit auch mehrere neue Bibelübersetzungen. Erstmals konsequent aus dem Urtext übersetzte der evangelische Theologe Algirdas Jurėnas; sein Neues Testament wurde 1961 in London von der Bibelgesellschaft veröffentlicht; 2000 erschien die gesamte Bibel. Ebenfalls in Amerika arbeitete der lutherische Pfarrer Alfredas Vėlius, dessen Übersetzung 1988 erschien. In dieser Reihe ist schließlich der Methodist Kostas Burbulys zu nennen. Seinen Text übernahm die „Wort-des-Glaubens“-Kirche (Tikėjimo žodis) und gab 1996 nach vielen Jahrzehnten erstmals eine komplette Bibel in litauischer Sprache heraus. Die Burbulys-Bibel wurde mehrfach überarbeitet und wird vom Verlag der Kirche bis heute in verschiedenen Ausgaben verlegt. Nicht wenige baptistische und charismatische Gemeinden nutzen sie bevorzugt. (Der Text ist hiereinzusehen.)

In Litauen selbst übersetzte der katholische Priester und Theologe Česlovas Kavaliauskas das Neue Testament aus dem Griechischen. An der Redaktion arbeitete u.a. der lutherische Bischof Kalvanas mit – ein erstes wirklich ökumenisches Bibelprojekt. 1972 konnte das NT in Litauen erscheinen, 1988 – noch in der Sowjetunion – erstmals in etwas höherer Auflage.

Ab 1978 arbeite der Katholik Antanas Rubšys in den USA an einer Übersetzung des ATs aus dem Hebräischen. Mit den fertigen Texten von Kavaliauskas und Rubšys arbeitete Mitte der 90er Jahre eine ökumenische Redaktionsgruppe der Litauischen Bibelgesellschaft. 1998 erschien dann endlich die Gesamtbibelausgabe der Übersetzung Kavaliauskas/Rubšys. Die katholische Bischofskonferenz gebraucht dabei bis heute einen etwas anderen Text als die Bibelgesellschaft, und auch diese hat natürlich verschiedene Versionen im Angebot (mit und ohne Apokryphen).

Auf dem heutigen litauischen Buchmarkt sind die Übersetzungen von Burbulys und Kavaliauskas/ Rubšys weit verbreitet und in so gut wie jeder Buchhandlung zu haben (Jurėnas‘ Ausgabe wird von vielen wegen ihrer Genauigkeit geschätzt, sie hat jedoch keinen Verleger in Litauen selbst; außerdem ist das Litauisch des Textes alles andere als auf dem neuesten Stand). Der Grundbedarf ist also gedeckt. Alle bisherigen Übersetzer wurden jedoch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geboren; die eigentliche Übersetzungsarbeit liegt viele Jahrzehnte zurück. Kavaliauskas zum Beispiel arbeitete vor etwa einem halben Jahrhundert am Neuen Testament.

Schon eine ganze Weile gibt es daher Überlegungen, ob nicht neue Übersetzungen in Angriff genommen werden sollte. Bisher fehlten dazu die qualifizierten Fachleute. Die bisherigen Übersetzer hatten allesamt ihre Ausbildung vor der Sowjetzeit oder im Westen erhalten. Nun ist aber auch im freien Litauen eine neue Generation von Experten des Griechischen herangewachsen.

Die katholischen Theologen Dr. Ingrida Gudauskienė und Pfr. Dr. Danielius Dikevičius (poln. Dikievič), die an Hochschulen und Priesterseminaren in Litauen unterrichten,  arbeiten nun an einer komplett neuen Übersetzung des Neuen Testaments. Gudauskienė studierte Biblistik in Rom und ist die erste Frau, die an einer litauischen Übersetzung federführend mitwirkt. Ende Januar brachte die Bibelgesellschaft das Markus-Evangelium heraus – in der überschaubaren Geschichte der litauischen Bibelübersetzungen ein historisches Ereignis. Anders als bei den früheren Ausgaben will man nicht bis zum Abschluss des gesamten Projekts (geplant ist 2022) warten. Die Christen in den Kirchen sollen bewusst in den Prozess miteingebunden werden und auf die neue Version von Markus („Signal-Übersetzung“ genannt) mit Bemerkungen und Kritik reagieren. Und schon vor dem Druck des Büchleins war der Text den Mitgliedskirchen der Bibelgesellschaft mit Bitte um Kommentare zugesandt worden.

Die neue Übersetzung will dem griechischen Text möglichst treu sein. Vor allem sollen die Eigenarten der einzelnen Autoren deutlicher als bei Kavaliauskas sprachlich zur Geltung kommen. Markus soll also wie Markus, Lukas wie Lukas und Paulus wie Paulus klingen. Natürlich berücksichtigen die beiden Übersetzer auch neue philologische und textkritische Erkenntnisse, lassen das Wissen der jüngeren Übersetzungswissenschaft einfließen.

Auffällig und ein Stück weit gewöhnungsbedürftig sind die zahlreichen Kommentare zu einzelnen griechischen Begriffen in den Fußnoten. Sie zeugen von der großen Fachkenntnis der Übersetzer und sind für die Profis, also z.B. Pastoren, durchaus interessant. Bei Markus geht es gleich mit einer langen Ausführung zum Begriff „taufen“ (lit. krikštyti) in V. 4 los. Hier schlugen die Übersetzer sogar eine unterschiedliche Übersetzung für die Taufe des Johannes und die der Kirche vor, was jedoch von der Redaktion mehrheitlich abgelehnt wurde. Verständlichkeit beim Zielpublikum muss eben auch immer berücksichtigt werden. Man darf gespannt darauf sein, wie dann die theologisch sehr dichten Paulusbriefe übersetzt und wie so wichtige Begriffe wie „ekklesia“ (Kirche) neu übertragen werden.

Zur Geschichte der Bibelübersetzungen in litauischer Sprache s. auch hier und hier.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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