Ein Volk der Getauften

n der litauischen Sowjetrepublik rechnete die offizielle Statistik die Mitgliedschaft von Religionsgemeinschaften klein. Angeblich gehörten nur magere 20% der Bevölkerung immer noch einer Kirche an.

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Natürlich weiß niemand genau, wie die Menschen selbst dies sahen. Mit Religionsfreiheit und Unabhängigkeit klärte sich das Bild schnell: Schon 1990 gaben 57% der Einwohner Litauens an, dass sie sich der römisch-katholischen Kirche zurechnen. Innerhalb von drei Jahren stieg dieser Anteil auf 75% und liegt seit 1997 bis heute recht stabil auf diesem Niveau. Auch die Volksbefragungen 2001 und 2011 bestätigten, dass sich knapp Vierfünftel der Einwohnerschaft im südlichsten der baltischen Staaten als Katholiken betrachten. (In der polnischen Minderheit beträgt ihr Anteil fast 90%.)

Nur gut 10% der litauischen Bürger glaubt an keinerlei Gott. In Estland ist es umgekehrt: nur jeder Siebte glaubt dort an die Existenz eines persönlichen Gottes, etwa die Hälfte an irgendeine höhere spirituelle Kraft bzw. Kräfte und ein gutes Viertel an gar nichts Übernatürliches. Doch gar so weit liegen die baltischen Länder in Sachen Spiritualität nicht auseinander: nur 40% der litauischen Katholiken verstehen unter Gott das dreieine und personale Wesen der Bibel; und nur knapp die Hälfte hält Jesus für Mensch und Gott.

Estland ist eines der am stärksten säkularisierten Länder der Welt mit vielen recht leeren Kirchen. Allerdings besucht auch nur rund jeder siebte Katholik Litauens regelmäßig die Messe. Im Nachbarland Polen ist dieser Anteil fast drei Mal so hoch (39%). Die Säkularisierung hat auch im Hinblick auf die Glaubensinhalte durchgeschlagen. Artūras Lukaševičius, Dozent an der theologischen Fakultät der Vytautas-Magnus-Universität in Kaunas und Experte für Katechetik, unterteilt die Katholiken in drei Gruppen: ein Viertel, das den Glauben irgendwie ernst nimmt und sich an den Lehren der Kirchen orientieren will; Zweifünftel, die einen ausgeprägten Mischglauben haben (z.B. halten viele Reinkarnation für wahr, nur ein Drittel der Katholiken lehnt sie eindeutig ab); und ein gutes Drittel, deren Glauben inhaltlich eher als nichtchristlich bezeichnet werden sollte (z.B. wird das biblische Gottesbild mehr oder weniger klar abgelehnt oder sogar die Existenz Jesu bezweifelt). In letzterer Gruppe spiegelt sich natürlich der prägende Einfluss eines halben Jahrhunderts staatlich verordneten Atheismus wider.

Auch die Religionssoziologin Irena Eglė Laumenskaitė gliedert ähnlich in drei große Clustergruppen: etwa jeder siebte Katholik bildet die Gruppe der aktiven und praktizierenden Kirchenmitglieder; die „formellen“ oder „Gelegenheitskatholiken“, die nur selten die Messe besuchen, umfassen ein knappes Drittel; schließlich die „minimalen“ Katholiken, die sich hauptsächlich aus Tradition dem Katholizismus zurechnen und Kirchen so gut wie nie von innen sehen – deutlich über 40%.

Litauen ist eine Art katholische Bastion im Nordosten Europas, doch der Einfluss der Kirche ist deutlich geringer als in Polen. Natürlich hat dies auch damit zu tun, dass Litauen das einzige postkommunistische katholische Land ist, das zuvor zur UdSSR gehörte. Und dort war der Druck auf die Religionsgemeinschaften deutlich stärker als z.B. in Kroatien, in der Tschechoslowakei oder auch in der DDR. In jedem Fall scheint die tatsächliche Glaubenspraxis zu bestätigen, dass sich hinter Titeln wie „Land der Kreuze“ oder „Land Marias“ kein besonders frommes Volk präsentiert.

28.177 von 31.300

Doch eine statistische Entwicklung sollte aufhorchen lassen. Sie zeigt, dass die Säkularisierung in Europas Ländern trotz so mancher Ähnlichkeiten durchaus unterschiedlich verläuft. Und diese Zahl verheißt den Evangelischen nichts Gutes.

Anfang des Jahres erschien Dvidešimt penkeri religinės laisvės metai 1988–2013 (25 Jahre Religionsfreiheit 1988–2013). Paulius Subačius stellt darin äußerst fundiert die Kirchengeschichte Litauens der letzten Jahrzehnte dar. In zwei Bänden mit insg. etwa 1500 Seiten gibt der Literaturwissenschaftler und katholische Journalist detaillierte Einblicke in die Entwicklung vor allem natürlich der dominierenden römisch-katholischen Kirche.

Zu Beginn des sechsten Kapitels finden sich zahlreiche statistische Daten. Und ein Zahlenverhältnis hat es wirklich in sich, da es so etwas wohl sonst in Europa nicht gibt: der Anteil der jährlich katholisch getauften Kinder übersteigt deutlich den Anteil der Katholiken in der Gesamtbevölkerung. 2014 wurden in Litauen insgesamt 31.300 Kinder geboren. Von diesen wurden genau 28.177 katholisch getauft – ziemlich genau 90%. Dieser Anteil war vor einigen Jahren sogar noch höher, bewegt sich aber weiter in etwa auf diesem Niveau. Nur zu Anfang des Jahrtausends sah es einmal so aus, als ob sich die Gruppe der Nichtgetauften immer weiter erhöhen würde. (In Deutschland befand man sich zuletzt in den 60er Jahren in etwa in dieser Situation: 90% der Kinder wurden getauft. Heute ist es nur etwa die Hälfte. Von den Kirchenmitgliedern werden rund Zweidrittel der Kinder getauft.)

Nimmt man noch die in der orthodoxen und lutherischen Kirche Litauens Getauften hinzu (in beiden wird in ähnlicher Weise wie in der römisch-katholischen Kirche die Taufwiedergeburt gelehrt), so kommt man auf rund 95% eines Jahrgangs, die im frühen Kindesalter getauft wurden. Es wächst eine Generation der Getauften heran.

Die katholischen Fachleute wie Subačius, Lukaševičius oder Laumenskaitė wissen die hohe Zahl der Taufen selbst nüchtern einzuschätzen. Sie ruft geradezu nach Neuevangelisierung und verstärkter Katechese, damit aus der kulturellen eine lebendige Tradition wird.

Für evangelische bzw. evangelikale Kirchen bringt diese Zahl eine ganz andere Herausforderung mit sich. Denn (kirchen)rechtlich gehören alle Getauften der Kirche Roms an, und das gleichsam für immer. Eine Konversion in eine andere Kirche lässt auch das Kirchenrecht (CIC) von 1983 nicht zu. Das II Vatikanische Konzil (1962/65) betrachtet die in evangelischen Kirchen Geborenen nicht mehr pauschal als Häretiker wie bis dahin, sondern als Geschwister im Glauben. Doch wer aus der Kirche Roms aus- und in eine evangelische Kirche übertritt, entfernt sich immer noch bewusst von der Fülle der Heilsmittel, die eben in Rom zu finden sei. Weiterhin kann derjenige „nicht gerettet werden“, der in in der katholischen Kirche „nicht ausharren“, also verbleiben will (Lumen gentium, 14).

„Proselytismus ist eine Riesendummheit“

Die Bevölkerungszahl Litauens schrumpft schon seit einer Weile. Hauptgründe sind die Arbeitsemigration und die immer noch deutlich zu niedrige Geburtenrate. Auch die meisten protestantischen Kirchen sind natürlich davon betroffen. Bei ein paar Hundert oder Tausend Mitgliedern im ganzen Land ist diese Entwicklung mittel- und langfristig existenzbedrohend. Wenn sie nicht missionarisch im Land wirken und neue Mitglieder durch aktive Evangelisation anziehen, sind ihre Aussichten düster.

Aber in welchem Teich können die Evangelischen Litauens fischen? Unter Mitmenschen, die bald so gut wie alle getauft und damit nach katholischem Verständnis auch schon gläubig sind. Denn mit der Taufe wird der Mensch wiedergeboren und zu einem Kind Gottes, erhält den Glauben und den Geist. Der Katechismus der Katholischen Kirche nennt die Taufe daher auch „Sakrament des Glaubens“ (1992). Und Papst Franziskus bestätigte: „Die Weitergabe des Glaubens erfolgt an erster Stelle durch die Taufe.“ (Lumen fidei, 41)

In evangelischer bzw. evangelikaler Sicht sind die meisten der getauften Katholiken jedoch ganz und gar nicht gerettet, weil sie nicht glauben. Sie müssen zum lebendigen Glauben aufgerufen werden. Geschieht dies und folgt die klare Einladung, sich auch einer protestantischen Gemeinde anzuschließen, kann in Zukunft in den allermeisten Fällen von katholischer Seite der Vorwurf des Proselytismus gemacht werden. Dies ist die negative Bezeichnung für das Abwerben von Gläubigen aus anderen Konfessionen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften, die zum Eintritt in die eigene Konfession oder kirchliche Gemeinschaft bewegt werden sollen.

Evangelikale Christen sehen in den nur Getauften Menschen, die verloren gehen; auch formelle Katholiken sind für sie ein Missionsfeld. Aus der Perspektive Roms haben die minimalen Katholiken auch viele Defizite, aber sie sind Schafe der katholischen Kirche – und sollen es natürlich auch bleiben. Die Aktivitäten evangelikaler Missionare betrachten sie oft als das Stehlen dieser Schafe.

Im Jahr 2013 bezeichnete Papst Franziskus Proselytismus als eine „Riesendummheit, er hat gar keinen Sinn“. Vor über zehn Jahren schlug Kardinal Walter Kasper, der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, einen vollständigen Verzicht auf die Abwerbung von Mitgliedern unter den christlichen Kirchen vor, also ein Proselytismusverbot. Zur Zukunft der Ökumene gehöre der Verzicht „auf alle Formen von offenem und verdecktem Proselytismus“.

Gewiss gibt es falschen Proselytismus, der mit Gewalt, Manipulation und falschen Versprechen arbeitet. Aber auf ein pauschales Proselytismusverbot können sich Evangelikale in dominant katholischen Ländern nicht einlassen. Fast allem, was sie dort tun, kann das Etikett „Proselytismus“ angehängt werden. Es wäre eine Riesendummheit, wenn sie auf Mission unter Getauften verzichten sollten.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

Kommentare zum Artikel

Gravatar: Thomas Rießler

Was für eine elendes, erbsenzählendes und oberflächliches Bild geben doch die gegenwärtigen kirchenähnlichen Organisationen ab, wenn man sie mit der frühen Kirche in apostolischer Tradition vergleicht. Wenn ich mir die Katechumenen, Tauf- und Meßordnung des Hippolyt von Rom aus dem 3. Jahrhundert durchlese, muss ich mich immer wieder darüber wundern, wie selbstverständlich sich die Menschen heutzutage der Kirche zuzählen.

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