Ein fein geschliffener Diamant

Nun ist sie da – die litauische Ausgabe des Westminster-Bekenntnisses! Den Druck besorgte wie schon beim litauischen Heidelberger Katechismus und dem New City Catechism das Druckhaus „Balto print“ in Vilnius.

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Bei der gerade zu Ende gegangen Buchmesse in der Hauptstadt heimste die Druckerei mehrere Preise ein; zehn der zwanzig am schönsten gestalteten Bücher des letzten Jahres wurden bei „Balto“ hergestellt. So ist auch das Westminster-Bekenntnis eine äußerlich sehr attraktive Ausgabe, was dem Inhalt durchaus entspricht, stellt das Bekenntnis doch den Höhepunkt und krönenden Abschluss der Lehrentwicklung der Reformation dar. Am Anfang des 280-Seiten-Buches findet sich Holgers Einleitung; es folgen die dreiunddreißig Kapitel des Bekenntnisses aus dem Jahr 1647, nach jedem Kapitel die biblischen Belegverse im ganzen Wortlaut. Herausgeber sind die „Wort-des-Glaubens“ sowie die evangelisch-reformierte Kirche Litauens. Das Redaktionsteam bildeteten Übersetzer Valdas Bačkulis, Pastor Darius Širvys und der EBI-Absolvent und Älteste Tomas Dičius von „Wort-des-Glaubens“ sowie Holger von den Reformierten. Hier der etwas überarbeitete Beginn der historischen Einleitung:      

Von etwa 1520 bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts reichte die Epoche der Reformation. Europa war danach ein anderer Kontinent. Die Neuzeit löste das späte Mittelalter ab. Der von Martin Luther und Ulrich Zwingli – zwei Priestern, die zu Reformatoren wurden – angestoßenen Bewegung ging es vor allem um eine Erneuerung des Glaubens, der theologischen Lehre und des kirchlichen Lebens. Damals waren jedoch persönliche Frömmigkeit und gesellschaftliche Ordnung, christliche Gemeinde und Obrigkeit, kirchliches und politisches Handeln viel enger miteinander verzahnt als heute.

So wundert es auch nicht, dass es in dem großen und langen Ringen um das wahre Evangelium und die rechte Kirche auch zu militärischen Auseinandersetzungen kam. Den Anfang machten die Kappeler Kriege in der Schweiz (1529–31), es folgte der Schmalkaldische Krieg in Deutschland (1546–47); Frankreich musste einen langen religiösen Bürgerkrieg ertragen (Hugenottenkriege zwischen 1562–1598); in den Niederlanden begann 1568 ein sich Jahrzehnte hinziehender Befreiungskampf, der auch ein Konflikt der reformierten Holländer gegen die katholischen Spanier war. 1642 brach in England der Krieg zwischen Krone und Parlament aus, bei dem es ebenfalls nicht nur um die politische, sondern auch die kirchliche Ordnung des Landes ging.

Die konfessionellen Spannungen führten schließlich zum Dreißigjährigen Krieg, der ganze Landstriche entvölkerte, bei dem es aber schließlich fast nur noch um die politische Vorherrschaft in Mitteleuropa ging. Mit seinem Ende 1648 kamen die religiösen Konflikte in vielen Ländern erst einmal zur Ruhe. Die kirchliche Prägung von Staaten und Territorien Europas blieb von da ab für Jahrhunderte weitgehend stabil.

Europa hatte sich wegen der Religion zerfleischt. Nicht zuletzt die Kriege verstärkten die Neigung vieler Denker der beginnenden Aufklärung hin zu einem Christentum über den konfessionellen Streitereien, über den Dogmen; zu einer Religion, die jeder glauben kann; hin zu einer neuen, vermeintlich stabileren Basis von Staat, Recht, Moral und Glauben jenseits der sich widersprechenden Konfessionen. Das Christentum, was man fand (oder erfand), war eine rein vernünftige oder „natürliche Religion“.

Das politische Ende der Epoche im Westfälischen Frieden und der Übergang zur Aufklärung verdeckt jedoch nur zu leicht, dass die Reformation in diesen eineinhalb Jahrhunderten auch immer eben dies war: eine im Kern religiöse, geistliche und theologische Bewegung. Die Epoche war auch eine der lebendigen und tiefen Frömmigkeit, des gelebten Glaubens und der auf oft sehr hohem Niveau geführten theologischen Diskussionen. Daher gab es zwischen 1520 und 1650 nicht nur zahlreiche Kriege, sondern es wurden auch theologische Schriften und Dokumente wie Bekenntnisse und Katechismen geschaffen, die die Jahrhunderte überdauern sollten und bis heute ihres gleichen suchen. Es gab nicht nur den Trend zur „aufgeklärten“ Theologie jenseits der Konflikte zwischen Kirchen und Konfessionen. Aus dieser anderen Perspektive gesehen hat die Reformation große Fortschritte mit sich gebracht. Sowohl die römisch-katholische Kirche als auch die protestantische Seite vertieften und verfeinerten unter dem starken Druck der religiösen Konkurrenz die eigene Lehre.

Das presbyterianische Westminster-Bekenntnis in der reformiert-calvinistischen Tradition aus dem Jahr 1647 ist das letzte bedeutende Lehrdokument der protestantischen Reformation. Wohl eher zufällig fast parallel zum Westfälischen Frieden schließt es die Epoche der Entstehung von Konfessionen und Religionskonflikten ab. Dabei ist das Bekenntnis nicht nur das letzte in einer langen Reihe – ohne Übertreibung kann man behaupten, dass es den krönenden Abschluss darstellt. Philipp Schaff schrieb 1877: „Die Lehren des Bekenntnisses werden mit ungewöhnlicher Sorgfalt, logischer Präzision, Klarheit, Vorsicht, Umsicht und mit einem Auge auf alle verschiedenen Aspekte und möglichen Verbindungen formuliert“. Das Bekenntnis ist wie ein fein geschliffener Diamant, haben doch an die einhundert Experten über zwei Jahre lang an dem Text gearbeitet. In den angelsächsischen Ländern ist es immer noch eines der bekanntesten protestantischen Bekenntnisse. Und es weist einen anderen Weg zur Einheit und Versöhnung als die Aufklärungstheologie: ein breiter und fester Konsens in den wichtigsten Fragen; ein Festhalten an biblischer Wahrheit bei gleichzeitiger Offenheit für Kritik.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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