Die Schätze des Evangeliums

Bekanntlich übersetzte Martin Luther auf der Wartburg weite Teile des Neuen Testaments ins Deutsche. Schon im Hebrst 1522 wurde das NT mit dem neuen Text des Reformators in einer für damalige Verhältnisse sehr hohen Auflage von 3000 Exemplaren gedruckt.

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(Zum Vergleich: die berühmte Gutenberg-Bibel etwa siebzig Jahre zuvor wurde nur in knapp zweihundert Ausgaben angefertigt.) Es dauert aber noch eine Weile, bis die „Biblia Deutsch“, die Gesamtausgabe der Heiligen Schrift mit AT und NT, vorlag. 1534 wurde erstmals eine vollständige Fassung der Luther-Bibel aufgelegt.

Oft wird übersehen, dass in Zürich schon 1531 eine erste Gesamtbibel in deutscher Sprache gedruckt wurde, die nach dem Druckhaus benannte „Froschauer Bibel“. Bis heute wird diese Ausgabe als „Zürcher Bibel“ verlegt. Treibende Kraft war hier der Reformator Huldrych Zwingli, der selbst mit seinem Kollegen Leo Jud große Teile der Übersetzung beigesteuert hatte.

Parallel dazu entstand auch in Frankreich eine Übersetzung ins Französische – und dies unter ganz anderen Bedingungen, war doch die Obrigkeit in dem Land den Evangelischen eher feindlich gesinnt. Federführend war hier Pierre Robert Olivétan (1506–1538). Sein Cousin Jean Cauvin (Johannes Calvin) schrieb für die Ausgabe von 1535 ein lateinisches Vorwort. Vor dem NT befindet sich eine französische Einleitung „an alle, die Jesus Christus und sein Evangelium lieben“ (A tous amateurs de Jésus Christ, et de son S. Évangile, salut). Dieser nicht kurze Abriss der ganzen Heilgeschichte ist anonym, wurde aber schon früh ebenfalls Calvin zugeordnet. Tatsächlich beherrschte Calvin das Lateinische wie Französische meisterhaft.

Gegen Ende des zweiten Vorwortes findet sich eine Art Hymne auf den Reichtum des Evangeliums (ich folge hier der englischen Übersetzung und dem Umbruch bei Justin Taylor,  s. auch hier; in litauischer Sprache hier):

 

Ohne das Evangelium ist alles unbrauchbar und nichtig;

ohne das Evangelium sind wir keine Christen;

ohne das Evangelium ist aller Reichtum Armut, alle Weisheit Torheit vor Gott, ist Stärke Schwachheit, und alle Gerechtigkeit des Menschen steht unter der Verdammung durch Gott.

Aber durch die Kenntnis des Evangeliums werden wir

Kinder Gottes,
Brüder Jesu Christi,
Mitbürger der Heiligen,
Bürger des Himmelreichs,
Erben Gottes zusammen mit Jesus Christus, durch welchen

die Armen reich,
die Schwachen stark,
die Törichten weise,
die Sünder gerecht,
die Verzweifelten getrost,
die Zweifler gewiss
und die Unfreien frei geworden sind.

Das Evangelium ist die Macht Gottes zur Erlösung all derer, die glauben.
Es folgt daraus, daß alles Gute, das wir denken und verlangen können, in diesem Jesus Christus allein zu finden ist.

Denn er wurde

verkauft, um uns zurückzukaufen; gefangengenommen, um uns zu befreien; verdammt, um uns loszusprechen.

Er wurde

zu unserem Segen zur Sünde gemacht; ein Sündenopfer für unsere Gerechtigkeit; entstellt, damit wir makellos würden.

Er starb für unser Leben; so wurde durch ihn

Wut besänftigt, Zorn beschwichtigt, Dunkelheit in Licht verwandelt, Furcht beruhigt, Verschmähung verachtet, Schuld getilgt, Last erleichtert, Traurigkeit zur Freude, Mißgeschick zu Glück, Schwierigkeit leicht, Unordnung geordnet, Trennung überwunden, Schmach geadelt, Rebellion unterworfen, Einschüchterung abgeschreckt, Hinterhalt aufgedeckt, Angriff vereiltelt, Gewalt abgewiesen, Kampf geschlagen, Krieg bekämpft, Rache geahndet, Qual beendet, Verdammung verdammt, Abgrund in den Abgrund versenkt, Hölle durchbohrt, Tod getötet, Sterblichkeit unsterblich gemacht.

Kurz gesagt,

Gnade hat alles Elend verschlungen, Güte alles Mißgeschick.

All diese Dinge sollten Waffen des Teufels im Kampf gegen uns sein, Stachel des Todes, um uns zu durchbohren, doch sie wurden für uns zu Übungen, zu unserem Nutzen gewandelt.

Wir können uns mit dem Apostel rühmen und ausrufen O Hölle, wo ist dein Sieg? O Tod, wo ist dein Stachel? [1 Kor 15,55], denn durch den Geist Christi, den Erwählten versprochen, leben nicht mehr wir, sondern Christus in uns; durch denselben Geist haben wir unseren Platz unter denen, die im Himmel sind, so daß für uns die Welt nicht mehr besteht, auch wenn wir noch in ihrer Gesellschaft leben. So sind wir zufrieden in allen Dingen, sei es nun Land, Ort, Stand, Kleidung, Essen usw.

Und so sind wir

getröstet in der Anfechtung, voller Freude im Leiden, froh unter Beschimpfungen, voll Überfluß in Armut, gewärmt in unserer Nacktheit, geduldig unter allem Übel, lebend trotz allem Tod.

Dies ist es, was wir in der ganzen Schrift suchen sollen: Jesus Christus und die unendlichen Reichtümer, die in ihn enthalten sind und uns von Gott dem Vater angeboten werden, wahrhaft erkennen.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Thomas Rießler

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass nur wenige Menschen nach diesen Reichtümern in der Bibel suchen. Die lassen sich lieber von ihren Sektenführern erklären, was Sache ist.

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