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„Die seltsamsten Orte der Welt“

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Der nordkoreanische Ort Kijong-Dong, nahe an der Grenze zum Süden gelegen, wirkt auf den ersten Blick attraktiv und proper. Moderne Wohnhäuser mit sorgfältig gedeckten Dächern, wohnliche Balkone und Terrassen, Straßen, die regelmäßig gesäubert werden und eine helle Beleuchtung, die all das am Abend in freundliches Licht taucht.Mag sein, dass viele Bewohner des bitterarmen Nordkorea gerne hier lebten. Das geht freilich nicht, weil hier niemand lebt. Der Ort ist nichts weiter als eine Attrappe, eine Simulation mit dem einzigen Zweck, Betrachtern aus Südkorea eine Normalität vorzugaukeln, die in diesem abgehausten Land alles andere als normal ist und so Überläufer anzulocken.

Kijong-Dong, das ist einer von 47 Plätzen auf diesem Planeten, die der britische Geograf Alastair Bonnet in seinem jüngsten Buch „Die seltsamsten Orte der Welt – Geheime Städte, verlorene Räume, wilde Plätze, vergessene Inseln“ beschreibt. So unterschiedlich sie auch sind, eines ist ihnen gemeinsam: In einer perfekt vermessenen, durchkartografieren und von Google jedermann zugänglichen Welt sind sie bizarre Ausnahmen, Anomalien in einer immer einförmiger werdenden, globalisierten Welt.

Es ist eine Art Freakshow der Geografie, die Bonnet inszeniert. Er zeigt dem Leser Inseln wie Sandy Island im Pazifischen Ozean, die 1876 von einem Walfänger entdeckt worden ist, und auf fast allen Atlanten der Welt eingezeichnet war – bis sich 2012 im Zuge einer Expedition herausgestellt hat, dass sie nie existiert hat. Oder die sogenannten Chitmahals im Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesh, Enklaven innerhalb von Enklaven, die sich innerhalb anderer Enklaven befinden. Eine Art russischen Puppe der Geografie. Hier findet sich die wohl einzige Unter-Unterenklave: „Sie trägt den Namen Dahala Khagrabari und besteht aus 7000 Quadratmetern Indien innerhalb eines bengalischen Dorfs, das seinerseits innerhalb einer indischen Enklave in Bangladesch liegt.“

Zur fröhlichen Kopulation

Oder Hog’s Back in der schmucken englischen Grafschaft Surrey, wo sich des nächtens Damen und Herren, die einander nicht kennen, zu fröhlicher Kopulation treffen. Sehr zum Kummer der Anrainer, die das lustvolle Treiben beim abendlichen Spaziergang mit dem Hund visuell und akustisch miterleben dürfen. Das Ganze, so lernen wir, nennt sich „Dogging“: „Männer und Frauen gaben vor ‚noch ein wenig mit dem Hund rauszugehen‘, um sich dann mit Fremden zu Sex en plein air oder im Auto zu treffen.“ Wieder etwas dazugelernt. Oder das russische Selenogorsk, das Besucher bis heute nur mit einer ganz speziellen, schwer erhältlichen Genehmigung betreten dürfen. Und zwar nicht wie früher, weil hier militärisch relevante Industrien produzieren, sondern weil die 90.000 Bewohner der Stadt es heute so wollen: 1996 votierten sie mit großer Mehrheit dafür, vom restlichen Russland isoliert zu bleiben. Die Bewohner von Selenogorsk oder einer der anderen 40 geschlossenen Städte schwärmen von Sauberkeit, Sicherheit und Ruhe, wie es sie in gewöhnlichen russischen Städten schon lange nicht mehr gibt. Was da scheinbar atavistisch aus der Sowjetära ins 21. Jahrhundert ragt, ähnelt in Wahrheit wohl jenen „Gated Communities“, in den sich Wohlhabende Südamerikas oder Kaliforniens verschanzen.

Geschwindigkeitsrausch

Indem er kaum einem Ort mehr als fünf Buchseiten widmet, versetzt Bonnet seinen Leser in eine Art von Geschwindigkeitsrausch, die nicht ohne Reiz ist. Binnen kurzer Zeit erlebt er das alte Mekka, von den regierenden radikalen Wahabiten Saudi-Arabiens aus angeblich religiösen Gründen mittlerweile weitgehen demoliert, künstliche schwimmende Inseln wie das Milliardärsschiff „The World“, Niemandsländer die keiner haben will in Afrika, Geisterstädten wie das atomar verstrahlte Prypjat nahe Tschernobyl oder den Berg Athos, wo allen weiblichen Säugetieren (inklusive des Homo Sapiens) der Zutritt verboten ist. „Wir brauchen widerspenstige, ungebärdige Orte, die sich Erwartungen verweigern“, meint Bonnet. Sein Buch ist der dafür notwendige Reiseführer geworden. (WZ)

Die seltsamsten Orte der Welt.Geheime Städte, verlorene Räume, wilde Plätze, vergessene Inseln.
Alastair Bonnett
C.H. Beck Verlag 2015,
288 Seiten, 19,95 Euro.

Beitrag zuerst erschienen auf ortneronline.at

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Gernot Radtke

Bald kommen noch die 'No-go-Areas' in europäischen Großstädten hinzu. Da braucht Bonnett nicht mehr sehr weit zu reisen. Das sind Inseln einer Integrationslust, die außer in Deutschland sonst keiner mehr hat.

Gravatar: Bernhard Lassahn

Ja, sehr schön. Ich kann das Buch ebenfalls empfehlen und freue mich über solche Themen in der freien Welt.

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