Arbeitsplätze schaffen

Dies ist ein Tatsachenbericht. Der Verfasser ist mir persönlich bekannt, will jedoch nicht unter seinem wahren Namen genannt werden. Obwohl die Vorkommnisse knapp 20 Jahre zurückdatieren, sind sie von erstaunlicher Aktualität.

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Deutschland 1994. „Deutsche Bischöfe gegen Arbeitslosigkeit“. Kaum eine Printmedien-Schlagzeile, in der damals nicht zur Schaffung von Arbeitsplätzen aufgerufen wird. Sitzen die Herren Unternehmer denn aus purer Boshaftigkeit und Heimtücke auf den Arbeitsplätzen, horten sie diese etwa in Speichern und Tresoren? Weshalb gönnen sie der arbeitswilligen Öffentlichkeit die Arbeitsplätze nicht? Man muß ihnen endlich zeigen, wo der Hammer hängt. Allez hopp!

Ich wollte ein guter Arbeitgeber sein, einer, der freizügig mit Arbeitsplätzen ist. Mit viel Elan, Erfindungsreichtum und selbstausbeutender Schufterei hatte ich in etlichen Jahren ohne jede Fremdfinanzierung aus einer Idee eine kleine Firma aufgebaut. Zunächst hatte ich stundenweise Aushilfskräfte beschäftigt, später kamen sechs Vollarbeitsplätze hinzu. In der ländlichen Region, wo ich lebte, waren diese sehr willkommen. Es erfüllte mich mit großem Stolz, daß ich so etwas auf die Beine gebracht hatte. Ich legte mich mächtig ins Zeug und machte gute Miene zum Spiel der Bürokratie, den Vorschriften (getrennte Klosetts) und den hohen Sozialabgaben, den Zwangsmitgliedschaften und -beiträgen – Beispiel Berufsgenossenschaft. Es dauerte nicht sehr lange, und die Freude wurde mir Stück für Stück verdorben. Im folgenden schildere ich zwei Schlüsselerlebnisse, die einen grundsätzlichen Einstellungswandel bei mir bewirkten.

Eines Tages setzte mich meine wichtigste Kraft von ihrer Schwangerschaft in Kenntnis. Man wird es mir nicht glauben, aber ich freute mich aufrichtig für die junge Frau und gratulierte ihr arglos zum künftigen Mutterglück. Ich ermunterte sie, mir eventuellen Sonderwünsche mitzuteilen – ein Kissen für den Stuhl oder eine zusätzliche Pause. Schon am Tag darauf revanchierte sie sich für mein Entgegenkommen: sie blieb der Arbeit fern. Die Krankenmeldungen kamen stets per Post. Absender waren – in dieser Reihenfolge – Frauenarzt, Internist, Neurologe. Eine Geburtsanzeige bekam ich nicht, obwohl ich finanziell nicht unerheblich zum Gedeihen der jungen Familie beitrug. Es ginge der jungen Frau und ihrem Sohn gut, und sie fahre ihn täglich im Kinderwagen spazieren. Nicht ohne Bestürzung mußte ich erkennen, daß der verlängerte Schwangerschaftsurlaub offensichtlich von vornherein geplant war. Bereits am Tag der Empfängnisverkündung hatte die werdende Mutter heimlich ihren Arbeitsplatz bis auf den letzten Krümel geräumt und die persönlichen Bürohabseligkeiten inklusive Bärchen-Kaffeetasse vorsorglich mit nach Hause genommen.

Neben dem finanziellen Schaden durch Krankheitsfortzahlung hatte ich die Kosten für eine neue Aushilfskraft zu tragen, die ich einarbeiten mußte. Ich wurde aufgeklärt, daß meine „Kindsmutter“ immer noch das Recht auf ihren alten Arbeitsplatz habe. Über ihre Absichten brauche sie den Arbeitgeber nicht zu unterrichten. Solche persönlichen Dinge gingen ihn nichts an. Schließlich binde der Chef seinen Angestellten ja auch nicht alles auf die Nase.

In den abendlichen Stunden, während andere schon lange mit Bier und Chips vor der Glotze hingen, grollte ich und beschloß, niemals mehr eine Frau in gebärfähigem Alter einzustellen. Da wußte ich noch nicht, welche Überraschungen das Unternehmerdasein noch alles so in petto hat. An einem der folgenden Vormittage erreichte mich die bestürzende Nachricht, daß einer meiner Außendienstmitarbeiter einen schweren Verkehrsunfall verursacht habe. Bei einem Überholmanöver in unübersichtlicher Kurve war sein schwer mit Waren beladener Wagen mit einem entgegenkommenden Auto zusammengeprallt. Während mein Mitarbeiter nur leicht verletzt wurde, starb der Fahrer des anderen Wagens noch am Unfallort. Das Firmenauto und dessen Ladung waren Schrott. Das mag zwar im Vergleich zum Tod eines Unschuldigen unwesentlich erscheinen; mich drückte es dennoch nieder, denn für mich war das eine empfindliche finanzielle Einbuße.

Da der Unglücksfahrer bereits zweimal wegen anderer Verkehrsdelikte schriftlich abgemahnt worden war, kündigte ich ihn fristlos. Ein gewiefter Rechtsanwalt fand einen Formfehler, und schon wurde, hokuspokus, aus der fristlosen Kündigung eine fristgerechte. Da ich den Mann nicht mehr im Außendienst beschäftigen konnte und wollte, schickte ich ihn nach Hause und überwies ihm noch drei Monate lang fürs Nichtstun die vollen Monatslöhne sowie eine Abfindungszahlung in nicht unbeträchtlicher Höhe, die er ebenfalls gerichtlich durchgeboxt hatte. Mir wurde zudem gerichtlich untersagt, den wahren Kündigungsgrund in die Entlaßpapiere des Crashpiloten zu schreiben, damit dem armen Mann keine finanziellen Nachteile entstünden. Nach den finanziellen Nachteilen für meinen kleinen Betrieb und für mich als Kleinunternehmer fragte niemand. Es war in jenen Tagen, daß ich zum ersten Mal einen Firmenkredit aufnehmen mußte. Es war zugleich das letzte Mal.

Denn nach diesen beiden Vorfällen begann ich umzudenken. Ich wollte nicht einfach hinnehmen, daß – bei allem Respekt für Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft – eine Schwangere sich das alles mit Unterstützung gesellschaftlicher Kräfte von einem fremden Menschen bezahlen läßt, der damit im Grunde nichts zu tun hat, außer daß er zur Gattung Unternehmer gehört. Unternehmer sind bekanntlich ethisch anrüchige Personen, denen man es zeigen muß, wo immer es geht. Darin besteht gesellschaftlicher Konsens. Ich konnte nicht verstehen, daß ein Autofahrer, der den Tod eines Unschuldigen fahrlässig verursacht und dazu Sachschäden in sechsstelliger Höhe angerichtet hat, dafür fürstlich belohnt wird. Ich mußte einsehen, daß ich einen grandiosen Fehler begangen hatte, indem ich die Forderung der Bischöfe und der Politiker ernst genommen und verwirklicht hatte, was sie forderten: Arbeitsplätze schaffen! Jahrelang hatte ich den Karren gezogen und mich gewundert, weshalb dieser immer schwerer wurde, bis ich schließlich erkannte, daß ich der einzige war, der zog. Alle anderen saßen gemütlich drin und amüsierten sich.

An einem Sonntagnachmittag saß ich mal wieder allein im Büro. Draußen schien die Sonne. Spaziergänger spähten zu mir herein, der ich an meinem Bürotisch lustlos Behördenpapiere ausfüllte. Da hörte ich im Radio die Stimme des Bundespräsidenten Roman Herzog, der die Deutschen zu mehr „Unternehmergeist“ aufrief. Ich stand auf, drehte das Radio ab und rief: „Schafft euch eure Arbeitsplätze doch selbst! Pflückt sie von Bäumen oder buddelt sie aus der Erde! Aber laßt mich künftig dabei aus dem Spiel!“ In den folgenden Monaten zog ich die Konsequenzen, verkleinerte meine Firma und löste die Arbeitsplätze auf. Seither bin ich ein Einmannunternehmen. Ich lebe bescheiden, komme aber über die Runden. Niemandes Herr bin ich, und niemandes Knecht. Man läßt mich weitgehend in Ruhe, und das ist meiner Erfahrung nach das beste, was einem Menschen in diesem Staat passieren kann.

Olaf Stamm

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Rupert Wimmer

Kann ich alles verstehen, bin selbst ein Ein-Mann-Unternehmen. Bei der schwangeren Frau sollte man allerdings dazu sagen, dass sie die deutschen Gesetze bezüglich Krankheit und weniger bezüglich Schwangerenschutz schamlos ausgenutzt hat. Ich kenne ja andere Fälle (nicht aus meinem Betrieb) bezüglich Kündigungsschutz, z.B. dass Betriebsratsmitglieder oder Kandidaten auch bei erwiesener Arbeitsverweigerung bzw. dem Anrichten nicht unerheblicher Schäden nicht kündbar sind.

Gravatar: solosunny

Liebe Frau Pfeiffer - Stolz, dieser Beitrag ist so was von treffend. Ich werde dies heute Abend meinem Mann vorlesen. Er gehört auch zu dieser Art Unternehmer. Wir haben solche Erfahrungen zur Genüge gemacht.

Gravatar: Karin Pfeiffer-Stolz

Rupert Wimmer:
Danke für die Bemerkung! Sie nehmen vorweg, was ich eigentlich im Vorwort hatte andeuten wollen, dann aber vergaß: Hier geht es nicht grundsätzlich um Fehlverhalten von Arbeitnehmern, es sollte keine Diskreditierung sein von Schwangerschaft etc. Was angeprangert wird, ist der einseitige staatliche Hyperschutz des Arbeitnehmers, der geradezu zum Mißbrauch von sozialen Einrichtungen einlädt. Dieser Versuchung sind halt nicht alle Personen gewachsen.
Das Verhalten der beiden Arbeitnehmer spiegelt (noch) nicht das Verhalten der Mehrheit. Die meisten Menschen sind immer noch zurückhaltend, fleißig, ehrlich. Dennoch: die Schamlosen prägen den Zeitgeist. Für Kleinunternehmer kann das ruinös werden, wenn er Pech hat.

Gravatar: Karin Weber

Ein Verwandter von mir hat eine kleine Firma. Die Leute, die ihm von der ARGE geschickt werden, sind strunzdumm, sobald mein Verwandter die Firma verlässt liegen die Beine der fleißigen Mitarbeiter auf dem Tisch und nachdem er sie dann gekündigt hat, haben sie ihm noch das Lager ausgeräumt und ihn beklaut. Was an Lehrlingen kommt, ist zu doof eine Glühlampe am Fahrrad zu wechseln und muss nebenbei für irgendwelche Streiche noch soziale Stunden ableisten.

Als kleiner/mittelständiger Unternehmer scheint man es nicht einfach zu haben. Aber die Vernichtung des Mittelstandes hat sich die politische Klasse ja auf die Fahnen geschrieben.

Gravatar: Klimax

So erzeugt man Arbeitslosigkeit. Arbeitslose haben keine Lobby, dafür Arbeitsplatzinhaber umso mehr. DAS ist das Problem, daß nämlich Menschen, die eine Arbeitsstelle haben, arbeitsrechtlich dermaßen privilegiert werden, daß es Arbeitslosen unendlich schwer gemacht wird (unter solchen Bedingungen!) bezahlte Arbeit zu finden. Demnächst mit Mindestlohn wird es noch schwieriger: wer dann unterhalb dieses Lohns arbeiten will, um nur eine Stelle zu haben, darf es nicht. Unglaublich! Die bestehenden Regelungen sind also nicht nur Unternehmerfeindlich (ich kenne auch einige Einmannunternehmen, die sich einfach nicht vergrößern wollen, obwohl sie es von der Auftragslage her könnten) sondern auch arbeitslosenfeindlich. Nur die, die einmal als Arbeitnehmer drin sind im System, die haben auf Kosten der anderen den Himmel auf Erden. Daß sie es ausnutzen, kann man ihnen indes nicht vorwerfen; sie denken dabei für sich ebenso ökonomisch, wie jeder andere auch. Das Problem sind die bestehenden Strukturen und Regelungen. Das Problem ist die Politik. Wieder einmal.

Gravatar: F. Krämer

Es besteht nicht nur ein Hyperschutz für Arbeitnehmer, sondern auch für Mieter. Die können die Mietzahlung verweigern, Wohnungen ruinieren und obendrein frech werden, doch man kriegt sie kaum raus ohne Rechtsanwalt und Justiz. Renovierungskosten bleiben in der Regel am Vermieter hängen, weil bei den "armen" Typen nichts zu holen ist. Ich kann leider ein Lied davon singen und bedaure, jemals zur Altersvorsorge in eine Mietwohnung investiert zu haben. Heutzutage lohnt sich dreistes Ausnutzen der üppigen Sozial- und Schutzbestimmungen. Dem Missbrauch sind Tür und Tor geöffnet. Mal sehen, mit welch weiteren "Wohltaten" die Parteien in der heißen Wahlkampfphase demnächst wieder für sich werben.

Gravatar: Karin Pfeiffer-Stolz

F. Krämer:
Ähnliches kann ich aus eigenem Erleben erzählen. Wir hatten, jung und unerfahren, im Sauerland ein Haus gebaut und hielten es dann wegen des kaltnassen Klimas nicht mehr aus. Weil wir das Haus nicht so rasch verkaufen konnten, kamen wir auf die Idee, es zu vermieten – ein folgenschwerer Einfall!
Unerfahren, wie wir waren und leichtgläubig dazu, fielen wir auf einen trickreichen Mieter herein, dessen Anhang sich als asoziale Großfamilie entpuppte. Dieses Gesindel durfte ein Jahr lang unser Haus mietfrei herunterwohnen, Fenster mit Luftdruckgewehr kaputtballern, Teppiche mit Katzenkot und Hundepisse tränken, Fliesen in Bad und Küche kaputtschlagen, Schimmelpilze in hermetisch abgeschlossenen Räumen züchten, unbewegliches Mobiliar zertrümmern uns seltsame bauliche „Veränderungen“ vornehmen. Für die gesamte Zeit wurde nur ein einziges Mal Miete bezahlt. Strom- und Wasserkosten, Müllabfuhrgebühren und so weiter wurden von Versorgern und Gemeinde beim "reichen" Hausbesitzer eingetrieben. Schließlich zog das Gesindel aus, weil es in der Bruchbude ungemütlich wurde. Die Gerichtskosten blieben bei uns hängen, Hohn uns Spott ergoß sich von allen Seiten über unsere Häupter.
Mit großem Verlust haben wir das Haus verkauft, und ohne den Zuschuß einer sechsstelligen Summe seitens meiner Eltern wären wir finanziell in den Ruin getrieben worden. Ich war damals knapp dreißig, aber diese bittere Lehre hat mich davor bewahrt, jemals wieder als Vermieter tätig zu werden.

Gravatar: Freigeist

Die meisten Kleinunternehmer unterschätzen, wie hoch die Gewinne einer Firma sein müssen, sich Arbeitnehmer leisten zu können. Ein Beispiel:
10 Cent Herstellungskosten und 2 Euro Verkaufspreis plus Mehrwertsteuer. Verstanden?

Gravatar: Hans von Atzigen

@Freigeist 28.2.2013.Ihrem Votum kann man nur Beipflichten.Unternehmer werden ist nicht schwer, sein dagegen sehr.Innzwischen ist es ueblich das man fuer jede Art von Berufsausuebung einen Faehigkeitsausweis Lehrgang oder aenliches beibringen muss.Davon ist eines ausgenommen der Beruf des Unternehmers.Da werden allzuoft Zeitgenossen Unternehmer die sich dafuer gar nicht eigenen resp.gar nicht ueber unabdingbares Wissen und Sachverstand verfuegen.Wie waere es mit der Einfuerung eines Faehigkeitsnachweises??? Nicht im Sinne einer wie auch immer Regulierung oder was auch immer.Sondern ganz klar zum Eigenschutz der potenziellen Unternehmer und zur Eindaemmung nicht zu unterschaetzender Volkswirtschaftlicher Schaeden.Das Grundrecht Unternehmer zu werden darf nicht eingeschraenkt werden und soll jedem offen stehen so er denn ueber entsprechenden Sachverstand verfuegt.Wie ist denn das im Strassenverkehr?Da darf nur Fahren wenn er nachweist das er faehig ist ein Fahrzeug sicher zu lenken, und die Strassenverkehrsregeln kannt.Desgleichen bei zb.Aerzten.Rechtsanwaelten und dergleichen mehr.Gibt es da nicht Zahllose insbesondere Gescheiterte Unternehmer die sich hinterher an den Kopf greifen und sich im stillen Kaemmerlein eingestehen muessen.,,Haette ich das gewusst haette ich dies oder jenes bedacht,haette ich es gelassen oder zumindest anders gemacht,,.Es ist halt wie anderwo auch schuld sind immer die anderen die Kunden die Mittarbeiter und weiss der Teufel noch was.Gelegentlich ist es zum heulen was sich da bis in Spitzenpositionen diesbezueglich so tummelt.Da fragt man sich gelegentlich schon wie sind die in die entsprechenden Positionen aufgestiegen?Gewiss risiken sind immer da,Fehler werden unvermeidlich bleiben,auch Scheitern.Letztlich geht es lediglich um ein eindaemmen um ein minimieren im Interess des Allgemeinwohles. Tja und zu guter letzt haetten da nicht Notenbanker und dergleichen mehr,nicht laengst auf die Nachsitzbank gehoert??? Ach ja und die Politiker da muesste sich halt eben das Wahlvolk selber lieb sein und nicht jedem Mist glauben schenken.

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