1854 – 1914 – 2014

Ein Blick auf europäische Geschichte zwischen West und Ost in mehreren Lieferungen. Einleitung.

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Zwei Ereignisse liegen heute eng beieinander. Der Krimkrieg von 1854/55, und der Erste Weltkrieg. Diesen eröffnete das Attentat von Sarajevo – jenen der freie Entschluss Englands, etwas Grundlegendes gegen die stete Drohung aus dem Osten (Russland) zu tun. Heute, wie damals, steht Deutschland (Preußen/Österreich) zwischen den Mächtegruppen. Einerseits wie damals, in einem engen Bundesverhältnisses mit Russland, 1914 allerdings eher in einer distanzierteren Position, die jedoch keineswegs ohne Verbindungen zu Petersburg war.

1854 bestand in Preußen durchaus der Wille, sich an den Westen anzuschließen und grundsätzlich Russland in die zweite Priorität zu verschieben. 1914 bestand allerdings ein tieferer Dissens zwischen dem Deutschen Reich und Russland als 1854. Der Krimkrieg war eher eine Ausgeburt moderneren Denkens in den Hauptstädten Berlin, Paris und London. Dass eine monarchische Macht sich an eine westliche Demokratie anlehnen würde, das heißt, der “Revolution“ die Hand reichte, das war schon von grundsätzlicher Bedeutung – und trat dann letztlich auch nicht ein.

Gedanken und Vorstellungen der pro-westlichen „Preußischen Wochenblattpartei“ allerdings tendierten zu kräftigen Landgewinnen für die mit den Westmächten Verbündeten und fassten die Wege, Russlands Macht zu beschneiden, just wie das Septemberprogramm Bethmann Hollwegs von 1914.

So gesehen sind auch die Ereignisse des Jahres 2014 fast automatisch mit der Meinungsänderung der Jahre seit 1850/52 in London und der Überzeugung des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg verbunden, Deutschland könne als Groß- und Weltmacht nicht überdauern, mit einem unverändert drohend mächtigen Russland im Rücken. Denn Russland stand für ein Deutschland, das weiterhin gleichzeitig Land- und Weltmachtorientiert blieb, als stete Bedrohung und Bremse deutscher Seegeltung und Überseepolitik entgegen; dies umso mehr, als der Kanzler keinesfalls, trotz Heeres-Rüstungs-Programm, und Umschichtungen finanzieller Zuwachsraten des Reichs-Budgets von der Flotte zur Armee, die Weltpolitik weiterführte. Auch wurden weiterhin Flotte und Armee nebeneinander aufgerüstet.

So gesehen, waren die Deutsch-englischen Annäherungsversuche seit der Haldane-Mission, und den diplomatischen Bemühungen um die Beilegung der Balkankrise 1912, eher Ablenkungs-, Beschäftigungs- oder Absicherungversuche, um Krisen und Spannungen auszutarieren, die in Momenten auftraten zu denen Deutschland weder kriegsbereit, noch kriegswillig war.

Dieses allerdings ist zu unterstreichen: der Kanzler des Deutschen Reiches, der von Anbeginn seiner Regierungszeit sofort mit den Cautelen deutscher Politik bekannt gemacht wurde (Krisenkonferenz 6. Juni 1909) neigte, nach fester Ablehnung des Krieges als Mittel deutscher Politik (1909) nun, Ende 1913, diesem zu. Das ist nun einmal das Ergebnis ständiger Diskussionen der Ressorts um Krieg und Frieden gewesen; nicht zuletzt immer wieder belebt durch einen Souverän, der dem Krieg immer wieder als wohlfeilem Auskunftsmittel zu erliegen drohte. Sich – wie die deutsche Öffentlichkeit, Parteien und Verbände, ebenfalls – im Moment des Schwurs - aber stets zurückzog. So verschlechtert sich seit 1904 (Handelsvertrag mit Russland) auch das wirtschaftliche Verhältnis Russlands zu Deutschland stetig. Nutzte das Reich den Moment der russischen Schwäche im russisch-japanischen Krieg für einen erpresserischen Handelsvertrag aus, so vergaß Petersburg diese Schieflage der wirtschaftlichen Kontakte auch nicht bis 1910. Und der Versuch, durch das Werben um Russland, England auf das Reich zu zu zwingen, scheiterte mehr oder minder an diesem Fehler der Bülowschen Rußlandpolitik. Wäre doch die Flotten- und Weltpolitik nur mit einem schwachen oder zumindest freundlich gestimmten Russland im Rücken möglich gewesen.

So kommt es Ende 1912 bis zu den Krisenkonferenzen von Springe und Berlin, und damit zu einem Test des deutsch-englischen Verhältnisses. Wird doch selbst auf die dynastischen Bande der Königshäuser gesetzt und versucht, England an Deutschland heranzuziehen. Jedoch ist an sich um den Jahreswechsel 1912/13 bereits klar, dass England keinesfalls ein Niederschlagen Frankreichs zulassen werde. Andererseits versucht Bethmann Hollweg, in einer selten einsamen Anti-Ost-Politik, Russland bereits als Gegner aufzubauen um parallel im Westen, sei es durch Druck (Frankreich/Belgien) und Werben (Schweiz, England) die Voraussetzungen für einen kurzen Krieg gegen Frankreich zu schaffen. Wobei auch nur durch die Besetzung Belgiens eine Ausgangsposition für den anschließenden Kampf mit England um die Weltherrschaft geschaffen werden sollte (Schlieffenplan).

So greifen die einzelnen Zahnräder (Ministerien, Ämter, Dienststellen) des deutschen Apparats sauber ineinander, bis zu einem Fakt, dass bei Kriegsausbruch eine Übereinkunft mit der Schweiz offenbart, den Schutz der deutschen linken Flanke vorsah und schriftlich mit dem schweizerischen Generalstabschef vereinbart war.

So erscheinen, weder die Kriegswilligkeit des Reichskanzlers, noch die Planung der militärischen Seite, aus dem Moment heraus geboren. Vielmehr, und das offenbart schlaglichtartig die Denkschrift des Vetters Dietrich von Bethmann Hollweg/Wien zu den wirtschaftlichen Verhältnissen Österreichs, dass fachübergreifend, zwischen Diplomatie und Militär, zwischen Bethman Hollweg und Waldersee, die Überzeugung herrschte, Österreich werde, über kurz oder lang, als Bündnispartner ausfallen. Wobei nicht angenommen wurde, dass die Streitkräfte Wiens zu großen Leistungen fähig sein würden. So drängte Dietrich von Bethmann Hollweg den Reichskanzler am 24. Juni und in der Woche danach – auch persönlich -, fest an der Entscheidung des 5. Juli festzuhalten, den Krieg mit Serbien, im Angesicht der russischen Drohung, zu betreiben. Dies „testing the entente“, bildete neben einer „Diplomatie mit dem Holzhammer“ (Cambon-Gespräch in Richtung Frankreich, der Druck des Kaisers und Moltkes auf König Leopold von Belgien, Tirpitz und die Frau des französischen Militärattachés) das Mittel, früher oder später die deutsche militärische Überlegenheit in eine politisch-wirtschaftlich gedachte europäische Konföderation, unter deutscher Führung, umzumünzen.

Ein Denken, das in den Jahren seit 1909 gewachsen, und die Weltreichslehre des Universal historikers, und Bethmann (Schul-) Freundes Karl Lamprecht,unterfüttert, 1916 – nach dem Sieg des Reichs im Festlandskrieg, umgesetzt worden sollte. Nicht zuletzt gestützt, für die Auseinandersetzung mit England, durch das von Lamprecht formulierte Bündnis mit 400 Millionen Chinesen.

So erscheint Russland, wenngleich auch unmittelbar drohend, nicht als das Hauptziel der deutschen Bestrebungen wie 1854 der englisch-französischen. Vielmehr stehen, wie im September-Programm Bethmann Hollwegs (Riezlers) zu erkennen, Frankreich und der Westen, dessen Bodenschätze und Möglichkeiten, als Basis gegen England, im Vordergrund. Auch spielt der europäische Norden seit 1903 in der Sicht des Generalstabs eine besondere Rolle. Wege und Linien der Entscheidung, die nach 1939 beschritten, 1910 von russischer Seite aber als Einkreisung aufgefasst wurden.

Als 1992 der polnisch-stämmige, frühere Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Carter, für den Fall eines implodierenden russischen Reiches (UdSSR) davon sprach, die Ausläufer dieser Gewaltexplosion würden an der Ostgrenze Polens zu spüren sein, dachte in Mitteleuropa niemand an neue Gegnerschaft mit Russland.  Unbeschwert wurde von einer kurzsichtigen Politik der Mittelmächte abgerüstet. In Deutschland die Bundeswehr nahezu abgeschafft.

Diese Lage ähnelt heute entfernt jener von 1850/52/54, als Preußen und Österreich, nahezu entscheidungslos vor der russischen Oppression kapitulierten. Zunächst Preußen bei Olmütz gegenüber Russland und Österreich. Später, als England sich zum Krieg gegen Russland entschloss, beide Staaten, weil sie sich gegenseitig, durch den gegenwärtigen Antagonismus in Deutschland, konzeptionell wie militärisch, blockierten. Die Anti-Revolutiongilde, bestehend aus Preußen, Österreich und Russland, die sogenannte „Heilige Allianz“ der Monarchien, blieb so zunächst bestehen. Russland wurde von England und Frankreich im Alleingang geschlagen. Nicht zuletzt, weil Preußen unsicher blieb und eine preußische Armee in Polen russische Kräfte band. Was hätte sich als Weichenstellung eröffnet, würde Berlin mit London das „englische Bündnis“ geschlossen haben. Wären, statt der konservativen „Russenfreunde“ der „Kreuzzeitungspartei“ à la Bismarck und der Kamarilla um den König Friedrich Wilhelm IV., die prowestliche liberal-konservative „Preußische Wochenblatt-Partei“ an die Regierung gekommen und hätte Adenauers Politik der Westanbindung, und unter Umständen Frau Merkels neue USA-Politik der Zukunft   vorweggenommen.

So bleibt uns heute nur, den gefährlichen Moment des Flugzeugabsturzes bei Donesk zu betrachten, der, möglicherweise nach Ursache und Wirkung, fatal dem Fürstenmord von Sarajevo vor 100 Jahren ähneln mag. Beide Male, so hat es, zumindest für 1914, eine ältere Geschichtsschreibung nahegelegt, habe der Schlüssel für die Lösung des Konfliktes im Osten gelegen. Auch 1912/14 schien es dort äußerst verführerisch, wie die langjährigen Berichte über die nachlassende Kampfkraft der deutschen Armee damals nahelegten, dieses Mal vor der deutschen Drohung den Säbel zu ziehen, dieses Mal nicht  zurück zu weichen. Übrigens gibt es momentan kaum eine militärische Kapazität der NATO in Europa. Und ist der amerikanischen Politik soweit zu folgen, dass diese Europa verteidigen wird, falls es Putin gefällt, über die Ukraine hinaus zugreifen?

Über 1989, und der deutschen Einheit, schwebt nämlich ein weiteres Moment. Der friedliche, westlich orientierte Gorbatschow, so ein General der Nationalen Volksarmee der DDR, schickte 1988 seinen Verteidigungsminister nach Ost-Berlin und ließ damals davon sprechen, „wenn es“ losginge, heiße das „vorwärts, vorwärts. Was liegen bleibt, bleibt liegen“. Hieß das, die bereits seit 1980 bankrotte UdSSR wollte zur „Götterdämmerung“ einen letzten lokalisierten, kontinentalen Krieg in Europa vom Zaun brechen? Das würde nah bei den Entscheidungsmechanismen des Kaiserreichs liegen, das sich ja auch, wie die UdSSR später, von allen Seiten als „eingekreist« verstand. Des mag zu unkontrolliertem Vorprellen, zu militärischen Ausbrüchen führen. Das ließen die USA einen amerikanischen Politologen um 1980/81 untersuchen. Die Fragestellung lautete: wie lange kann auf einen Groß- und Militätstaat Druck ausgeübt werden, bis dieser schließlich (wie ein Kochtopf mit zugenietetem Deckel) in die Luft fliegt?

Franz-Josef Strauß und die Bundesrepublik haben damals 3 Milliarden DM Herrn Honecker gezahlt. Uns ist der dritte europäische Bürgerkrieg erspart geblieben. Heute geht es darum, Herrn Putin, wie auch immer im einzelnen, wieder in den Kreis der internationalen Beziehungen zurückzuführen.

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