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27.05.2012
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     Kerstin Funk
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Katastrophen und Wahlkampf
Weitere Themen: Allgemein, Wahlen

 

Franz Müntefering war bei der Notlandung der Contact Air Maschine am vergangenen Montag einer von vielen anderen Passagieren, die unverletzt einer Katastrophe entgangen ist. Für die Medien scheint allein seine Rettung erwähnenswert.

 

 

Es geschah jüngst am Flughafen Stuttgart: Eine spektakuläre Notlandung einer Maschine der Contact Air. Sie war notwendig geworden, nachdem das Fahrwerk der Maschine nicht richtig ausgefahren werden konnte. An Bord: 73 Fluggäste und fünf Besatzungsmitglieder. Oder anders ausgedrückt: 78 Menschen, 78 individuelle Persönlichkeiten.

 

Was die Notlandung zu einer erwähnenswerten – und auflagenträchtigen – Schlagzeile machte, war aber nicht vorrangig die Erleichterung, dass den 78 Menschen nichts geschehen ist und alle mit dem Schrecken oder nur leichten Verletzungen davon gekommen sind. Es war vielmehr die Tatsache, dass ein hochrangiger Politiker an Bord war. Franz Müntefering, der Vorsitzende der SPD, wollte in Stuttgart das tun, was derzeit viele andere Menschen auch tun: Er wollte im Wahlkampf für seine Partei werben. Daher war der prominente Fluggast einer der Menschen, die in der Maschine von Berlin-Tegel nach Stuttgart gereist waren. In der Berichterstattung war allerdings fast ausschließlich die Rede von Franz Müntefering, von seinem Schreck, seinem furchtbaren Erlebnis. In Interviews wurde er befragt, wie er die Notlandung erlebt habe, was er fühle und ob er Angst gehabt habe. Die minutiöse Berichterstattung über den Rest seines derzeit alltäglichen Wahlkampfeinsatzes war eine logische und scheinbar notwendige Konsequenz. Nur wenige Stunden nach der Notlandung steht der tapfere SPD-Vorsitzende schon wieder am Rednerpult. Dass er noch ein wenig blass um die Nase sei, konstatieren einige Berichterstatter. Und noch einen Tag später zeigt das Fernsehen, wie tapfer und mutig der Prominente anderen Passagieren geholfen hat. Genauer: Das Fernsehen zeigt, wie er einer Staatssekretärin der CDU nach dem Ausstieg über die Notrutsche trotz einer möglichen Explosionsgefahr der Maschine wieder auf die Beine half. Und anschließend auch noch seinem Mitarbeiter Und das alles mit der roten Terminmappe unterm Arm. Denn es ist Wahlkampf!

 

Keine oder kaum Berichte finden sich über die anderen 77 Menschen, die wahrscheinlich alle auch zum ersten- und hoffentlich einzigen – Mal eine Notlandung miterleben mussten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auch diese Menschen Angst hatten. Und auch diese Menschen haben sich in oder vor der Maschine mit großer Wahrscheinlichkeit und Selbstverständlichkeit gegenseitig geholfen. Wahrscheinlich ist auch, dass auch diese Menschen den Schreck schnell verdrängt haben und ihrem geplanten Tagesablauf gefolgt sind. Vielleicht hat zum Beispiel eine Mutter schon kurz nach der Notlandung wieder ihr Kind gestillt. Oder vielleicht hat ein Arzt oder eine Krankenschwester schon wenige Stunden nach dem erschreckenden Erlebnis wieder am Bett eines Patienten gestanden. Es scheint, dass dies keiner weiteren öffentlichen Erwähnung bedarf. Und es stellt sich auch die Frage, in welchem Ausmaß über die Notlandung berichtet worden wäre, wenn nur Hinz und Kunz in der Maschine gesessen hätten. Aber wir dürfen beruhigt sein: In der Maschine saß ein prominenter Politiker. Dies macht ein gerade noch einmal glimpflich abgelaufenes Beinahe-Unglück zu einer Seite-Eins-Schlagzeile. Vergessen wird darüber, dass auch Hinz und Kunz individuelle Persönlichkeiten sind, dass auch sie für ihre Familien, Angehörigen und Freunde prominente Menschen sind. Und dass auch sie das Recht haben, dass die Öffentlichkeit sich mit ihnen über die gelungene Notlandung freut. Aber was sind schon 77 Einzelschicksale gegen das Schicksal eines Prominenten.

 

Eines zumindest haben wahrscheinlich alle Insassen des Flugzeugs gemeinsam: Sie sind alle Wähler. Bleibt also zu hoffen, dass ihre Wahlentscheidung und die ihrer Familien und Freunde eine individuelle sein wird. Und dass auch alle anderen Wahlbürger sich nicht von plakativen und schlagzeilenträchtigen Society-Berichten in ihrer Wahlentscheidung beeinflussen lassen.

 

 



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