Es gibt Kinder, die im Kindergarten glücklich sind. Ich war es nicht sonderlich. Von daher ist dieser Post subjektiv gefärbt. Wie auch meine Gedanken zu den Hintergründen von Familienpolitik.
Kakao und Kindergartenklofenster
Mein erster Kindergarten, den ich besuchte, wurde von katholischen Schwestern geführt. Jeden Mittag mussten wir ein Mittagsschläfchen halten und danach gab es einen Kakao, der ein eingebautes Brechmittel enthalten musste; meine Eltern zogen schnell die Konsequenzen.
An den zweiten habe ich mehr und bessere Erinnerungen; eine betrifft Schwester Maria, eine ganz liebevolle Kindergärtnerin; im Nachhinein fast eine Muttergestalt für mich.
Eine weitere betrifft das kleine Klo des Kindergartens. Das Wichtigste darin war das Fenster. Wenn es offenstand, konnte ich fast das Haus, in dem meine Eltern wohnten, sehen und die Sehnsucht, dort sein zu
wollen, spüre ich noch heute. Ich dachte mich immer bis hin.
Der zweite Kindergarten war jedenfalls erträglich; das Allerwichtigste aber war für mich: Meine Mutter war immer da, abends, wenn die Tür nach außen aufging.
Daran musste ich denken, als ich in dem Buch Vatermänner von Julia Onken, in dem sie ihre Vater-Beziehung aufarbeitet, las, was sie von ihrem Freund Fabian wusste:
„Du hast heimlich aus dem Klofenster gehofft, damit niemand deine Tränen sah, wenn Dich Dein Vater Sonntag für Sonntag einfach im Heim sitzen ließ.“
Ich war nicht im Heim, aber mir ging es wochentags so wie Fabian sonntags.
Ich glaube, ich brauche nicht zu kommentieren, was ich von einer Kindergartenpflicht halte.
Noch mehr drängt es mich, über einen Wort-Betrug zu schreiben:
Krippe - und wofür sie eigentlich steht
Wir sprechen von Krippenplätzen.
Übrigens gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass die Betreuerinnen dort ein Herz für Kinder haben. Das ist sicherlich recht häufig der Fall ... mehr möchte ich dazu nicht schreiben, sondern dazu:
Die Bezeichnung Krippe - sieht man von der etymologischen Bedeutung ab - geht ja zurück auf jene, die allweihnachtlich ins Blickfeld des einstmals christlichen Abendlandes rückt, nur:
Hier waren Maria und Josef, das Urpaar bewussten Elterndaseins, zugegen. Und Heimat ist für ein Kind immer da, wo die Eltern sind, ob in Bethlehem, auf der Flucht nach Ägypten, in einer Herberge, in einem Stall oder in einer Wohnung in Hamburg, Berlin oder München.
Krippenplätze, von denen Frau von der Leyen spricht und mit denen sie ihr politisches Schicksal förmlich verbindet, sind vater- und mutterlose Plätze. Ja, es sind Plätze. Es sind keine Familien-Räume.
Warum gibt unsere Gesellschaft so einfach den familiären Raum auf, die Bedeutung des Familientisches, familiäre Wärme und Geborgenheit?
Weil es die moderne Gesellschaft erfordert? Das Bruttosozialprodukt? Die freie Wirtschaft?
Freiheit wozu?
Klar fühlen sich Kinder oft schon mit zwei wohl im Kindergarten und wollen gar nicht mehr nach Hause (mir ging es bekanntlich nicht so). Und in Spanien z.B. wird - wenn ich aufmerksam ferngesehen habe - mit Lesen und Schreiben, mithin mit Schule viel früher begonnen.
Kinderseelen sind flexibler als man annimmt; sie machen, was man mit ihnen macht.
Und es gibt immer Wissenschaftler, die herausfinden, dass erstens Gewalt im Fernsehen nichts schadet und zweitens Einschulung mit drei gut tut.
Meine Intuition sagt mir anderes ...
Das Da-Sein von Vater oder Mutter ist ein Wert an sich
... und ich weiß, wie wichtig es noch für ein zwölf- oder vierzehnjähriges Kind ist, wenn es nach der Vormittagsschule heimkommt und die Mama ist da, auch wenn es diese zum Teil ignoriert. Aber einfach, dass sie da ist ...
Manchmal braucht man als Kind und auch als Jugendlicher Mama und Papa, und dann ist es wichtig, dass sie da sind. Noch kann das Handy nicht den Geruch von Vater oder Mutter weiterleiten oder eine Hand einfühlsam ausfahren, die einen berührt.
Tut mir Leid, ich bin nicht einmal für die Ganztagesschule, weil ich noch weiß, wie sehr ich es als Kind und Jugendlicher genossen habe, meine Nachmittage selbst zu gestalten, wenn wir auf dem Bornheimer Hang uns Bäume als Tore suchten, um zu bolzen, oder auf dem Boden lagen, um beim Räuber-und-Gendarm-Spiel nicht entdeckt zu werden und dabei rochen, wie die Erde riecht; ich gehöre noch zu der Generation, die weiß, wie Frühlingserde riecht und dass sie ganz schön kalt sein kann.
Ich hätte nicht in eine Ganztagesschule gewollt.
Warum setzen sich Ganztagesschulen durch? Wegen der Unwirtlichkeit unserer Städte? Oder wegen der Unwirtlichkeit unseres familiären Bewusstseins?
Ich jedenfalls hätte meinen einjährigen Erziehungsurlaub liebend gerne verlängert ... Manchmal frage ich mich, wie fremdgesteuert das jeweilige individuelle Bedürfnis nach Verwirklichung ist und ob es bei vielen wirklich immer „Selbst“-Verwirklichung ist ... ich bezweifle das.
Es ist die Gesellschaft, die ganz viel von dem Bewusstsein prägt, das uns sagt, was wir zu wählen die "Freiheit" haben.
Wovon hängt es ab, wie Politiker sich entscheiden?
Wir erinnern uns noch an Winnenden und was dort Tragisches geschah.
In diesem Zusammenhang hörte ich am selben Tag ein Interview mit unserer Familienministerin. In ihrem ersten Satz bedauerte sie das Geschehen. In ihrem zweiten Satz ging sie darauf ein, wie so etwas in Zukunft zu vermeiden sei. Wohlgemerkt, das war wenige Stunden nach dem Geschehen. - Sorry, das kann ich nicht vergessen.
Dieses Interview hat mich total erschüttert. Ich konnte es nicht fassen, dass jemand so über die Toten und das unsägliche Leid hinweggehen konnte, wo andere noch um Worte rangen.
Kafka spricht an einer Stelle von dem gefrorenen Meer in uns. Wer sich mit der Kindheit dieses Autors beschäftigt hat und den Brief an seinen Vater kennt, weiß, woher das rührt.
Prägungen überleben gegebenenfalls das ganze Leben
Gisela Onken schreibt in ihrer Aufarbeitung:
„Vater! Das ganze Leiden des kleinen Mädchens kreiste um ihn und immer nur um ihn. Es durchlebte Szene um Szene des väterlichen Desinteresses, seiner unbeschreiblichen Gleichgültigkeit (...) Wohin soll ein Kind mit seiner glühenden Liebe, die es für den Vater in sich spürt, gehen? Was soll es tun mit diesen Gefühlen? (...) irgendwann scheint man am Ziel angekommen zu sein, daß es sich nämlich nicht mehr lohnt, von ihm geliebt werden zu wollen oder ihn zu lieben.“
Was Politikerinnen und Politiker dazu treibt, bestimmte Worte zu sagen oder Entscheidungen zu treffen und bestimmte Lösungen zu präferieren, hängt weniger mit ihrer Ratio zusammen als mit dem, was - oft nicht aufgearbeitet - in ihnen sie beeinflusst.
Und lassen wir uns nicht davon blenden, wie viel Kinder sie haben, wie sehr sie gestylt sind in ihrem Äußeren und ihren Worten.
Ein kleiner Exkurs in Sachen „Liebe“
Wir alle haben unsere Biografien und fast immer hängen wir an Vater und Mutter, obwohl die Wirklichkeit unseres elterlichen Zuhauses womöglich keineswegs so liebevoll war, wie wir es uns glauben machen wollen, gilt es doch, den Begriff von Liebe zu hinterfragen, der unser Leben prägt. Was unsere Eltern als Liebe bezeichnen, das übernehmen wir zunächst und oft ein ganzes Leben lang.
Nicht zwei Menschen, die über Liebe sprechen, meinen jedoch dasselbe.
Wenn die wahre Liebe wie eine Orgel mit all ihren möglichen Klaviaturen, Registern, Manualen und Pedalen ist, so spielen doch viele ihr Leben lang nur in dem Bereich einer einzigen Oktave auf einer einzelnen Klaviatur der Liebe, und das manchmal nur auf den weißen oder schwarzen Tasten.
Dennoch glauben sie in aller Regel, sie wüssten, was Liebe ist.
Wenn aber einer kommt, der von Liebe spricht und spürbar ist, er weiß, wovon er spricht, dann bringen - so geschehen vor 2000 Jahren - die Menschen ihn lieber um; dann ist man das Problem los, vor Augen haben und spüren zu müssen, woran es gälte zu arbeiten.
Meine Eltern waren im Übrigen sehr religiös und - wenn ich mir diese persönliche Bemerkung erlauben darf - ich habe lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass sie die Tatsache, dass ihnen Liebe weitgehend fehlte, bestens damit kaschierten, dass sie immer von der Liebe Gottes sprachen.
Nicht, dass ich das verallgemeinere, und ich bin im Übrigen meinen Eltern dankbar für das, was sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten für mich getan haben.
Mein Einblick in ihre Elternhäuser lässt mich erahnen, warum sie waren, wie sie waren, und heute, da sie nicht mehr leben, lebe ich mit ihnen im Frieden, auch wenn hin und wieder Schrapnelle der Kindheit explodieren bzw. entschärft werden müssen, Verletzungen meines inneren Kindes.
Warum ich darüber schreibe:
Ur-Sachen für politische Entscheidungen
Die Politikerinnen und Politiker, die Entscheidungen treffen über die Erziehung von Kindern, über Kindergartenpflicht, Ganztagesschule, Krippenplätze und anderes mehr, sind nur in dem Maße frei, in dem sie ihre Abhängigkeiten und (einstigen) Unfreiheiten kennen. Wer um diese weiß, tritt viel demütiger und bescheidener auf als viele unserer Abgeordneten, die vorgeben, sie wüssten genau, was Kinder brauchen.
Sie sollten auch demütiger sein im Hinblick auf die Bedeutung von Familie. Immer nur können sie deren Bedeutung beurteilen auf dem Hintergrund dessen, was sie erlebt haben. Da aber bleibt manche sogenannte heile Welt als mehr oder weniger großes Unheil bestehen, vergeblich auf Enttarnung wartend.
Abschied von der Familie
Im Grunde leben wir in einer Zeit, die Abschied nimmt von der Familie; wir sollten sie genießen, so lange es geht; so makaber das klingt. Die diversen Events sind heute wichtiger als eine Runde Mensch-Ärgere-Dich-nicht am Familientisch. Nach der Formel-I-Übertragung kommt sonntags die Sportschau, der Weltspiegel und dann der Tatort.
Und unter der Woche sind die Kinder versorgt. Ganztägig.
Okay, nachts sind sie noch zu Hause.
Aber das lässt sich auch noch regeln ...