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     Dr. Konrad Adam
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Notversorgung für alle
Weitere Themen: Bildung, Reformen, Familie

Franz Müntefering ist zwar SPD-Vorsitzender, doch sprach er auch im Namen der anderen sozialdemokratischen Partei, der CDU, als er es unfair nannte, das Handeln von Parteien nach der Wahl an dem zu messen, was sie vor der Wahl versprochen hatten. Neu war das für den aufmerksamen Bürger nicht; denn wer von uns hielte es nicht für ein Zeichen politischer Naivität, Vertrauen in die Verlässlichkeit von Leuten zu setzen, die von Programm reden, wenn sie ihren Mantel in den Wind hängen?

Dennoch ist es tröstlich, von einem, der das Spiel kennt und beherrscht, ein offenes Wort über die Regeln zu hören, nach denen da gespielt wird. Zumindest damit sagte Müntefering ja die Wahrheit: die Wahrheit über die Lüge. Das hat Frau Merkel nicht getan, als sie versprach, mehr Freiheit zu wagen. Seit sie die Regierung führt, ist davon nichts zu spüren. Flankiert von Ursula von der Leyen auf der einen und Alice Schwarzer auf der anderen Seite gibt uns die CDU-Vorsitzende zu verstehen, dass aus der Freiheit nicht viel wird.

Zwar macht das Grundgesetz die Pflege und Erziehung der Kinder zur Sache der Eltern; doch hatte ja schon Hermann Höcherl seinerzeit erkannt, dass man nicht immer und überall mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen kann. Eltern, heisst die neue CDU-Parole, haben zuvörderst nicht, wie das Grundgesetz es will, für ihre Kindern dazusein, sondern für den Arbeitsmarkt. Und weil Kinder ein überaus wirksamens Hindernis auf dem Weg darstellen, der in dem grossen Arbeitshaus für alle endet, soll die Kindererziehung nicht länger Recht und Pflicht der Eltern sein, sondern Sache des Staates. Weniger Freiheit also, zumindest für Eltern.

Hier, bei der Neuinterpretation des Grundgesetzes und der Neufassung ihres Parteiprogramms, beweist die CDU tatsächlich, was sie uns seinerzeit versprochen hatte: Wagemut. Denn was spricht dafür, den Staat in eine Rolle einzusetzen, die er ganz offensichtlich nicht beherrscht? Hätte er sich in allen Fragen der Bildung und Erziehung nicht ein Monopol zugesprochen, hätte er längst das Feld räumen und die Schulpflicht wegen nachgewiesener Unfähigkeit lockern müssen. Die Reaktion der Eltern ist ja unzweideutig: wer kann, schickt seine Kinder auf eine private Schule - weniger, weil diese Schulart so überzeugend, als weil die Staatsschule so miserabel ist. Wem die Privatschule verschlossen bleibt, weil ihr Besuch zu teuer ist, wählt die zweitbeste Lösung und lässt seine Kinder Nachhilfestunden nehmen.

Als Refugien, die Schutz bieten vor den Misständen und Unzulänglichkeiten der staatlichen Monopolschule, erfreuen sich beide Einrichtungen wachsenden Zuspruchs. Private Schulen werden der Nachfrage nicht mehr Herr, das Nachhilfewesen verzeichnet Jahr für Jahr steigende Umsätze, die längst in die Milliarden gehen. Deutlicher können Kinder und deren Eltern ihr Misstrauen gegen die staatlich gelenkte Schulpolitik nicht äussern; doch den Staat lässt das kalt. Sein Angebot mag noch so unzureichend, der Widerspruch noch so laut, das Resultat noch so kläglich sein: er gibt nicht nach und lenkt nicht ein. Dass er die Ursache des Debakels sein könnte, gegen das er seit Jahrezehnten mit immer neuen Reformen zu Felde zieht, kommt ihm nicht in den Sinn, und so beantwortet er jedes neue Pisa-Ergebnis nach alter Art: mit mehr Programmen, mehr Aufsicht und mehr Zwang.

Wenn er nun auch den Besuch von Kindergärten verpflichtend machen will für alle, benimmt sich der Staat wie ein Bankrotteuer, der seine Unfähigkeit im angestammten Geschäftsfeld dadurch kompensiert, dass er immer weiter ausgreift. Die katastrophalen Zustände im öffentlichen Schulwesen haben es dahin gebracht, dass jeder vierte Schüler auf die Dienste von privaten Organisationen zurückgreift, die sich Schülerhilfe, Besserwisser oder Lernstudio nennen und mit dem Versagen der Staatsschule glänzende Geschäfte machen. Auf all das reagieren die Bildungspolitiker mit dem Wunsch, sich nach den Kleinen nun auch die ganz Kleinen zu greifen, um alle Kinder so früh wie möglich auf das Niveau herabzudrücken, dass im Bereich der öffentlichen Schulen gang und gäbe ist.

Offenbar betrachten die Familien- und Schulpolitiker der Unionsparteien Eltern als das, was sie für die Linke schon immer waren: als Laien und Dilettanten, die von Erziehung keine Ahnung haben und deshalb von den Fachleuten, die in der Politik den Ton angeben, an der Hand genommen, gegebenenfalls auch entmündigt werden müssen. Was ja in Einzelfällen unvermeidlich sein mag: wo Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden, ist der Staat zum Eingriff nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet. Aber doch immer nur als Ersatzmann, als Nothelfer, der Schlimmeres verhütet. Den Staat zum Herren der Erziehung einzusetzen, heisst nicht viel anderes, als diesen Notfall zur Regel zu machen. Das grosse Ziel der Schulreformer, die Chancengleichheit, lässt sich natürlich auch so realisieren; wenn alle Kinder gleich schlecht dastehen, sind ihre Chancen gleich verteilt. Aber will das die CDU?



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Kommentare (6)

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  Kommentare (6)

R.-A. Thieke, 06.09.2009 10:49
Konrad Adam beschreibt vitale Problemfelder im Bereich der Pflege und
Erziehung der Kinder mit seinem hohen, hier schon zynischen Realismus:
treffsicher und schmerzhaft. Die Herausforderung an die CDU „sitzt“,
insbesondere was die sog. Familienpolitik der letzten Regierungen angeht und damit die langfristige Zukunftsverantwortung für unser Land. Als jemand, der im Laufe seiner Berufsbiographie in Baden-Württemberg an fünf verschiedenen großen Gymnasien und Bildungszentren tätig war, darunter einer renommierten Privatschule, muss ich ihm aber an einer ebenso vitalen Stelle widersprechen: die pauschale Kritik an „den“ staatlichen Schulen ist nicht nachvollziehbar; sie lässt sich problemlos mit einer Fülle von Beispielen widerlegen. Richtig und nötig wäre aber, dass verantwortungsbewusste und zukunftsorientierte Vertreter von Familien- und Elternverbänden sich entschlossen zusammentun, um gemeinsam dafür zu kämpfen, dass die Lebenswelten von Kindern, Eltern und Lehrern in verschiedenen Regionen und Situationen systematisch und sachgerecht reflektiert werden, um sie dann entsprechend lebensdienlichb zu gestalten. Eine Ganztagschule kann sehr wohl situationsgerecht sein, ist aber alles andere als ein Patentrezept, das, einem Prokrustesbett gleich, allen aufgedrückt werden dürfte. Auch was die Inhalte verschiedener Fächer angeht, ist ständig neu zu klären, wo dauerhaft zu vermittelnde unverzichtbare Grundlagen liegen bzw. wie diese zu vermitteln sind und wo andererseits Innovationen - gerade um der Zukunftsgestaltung willen - unverzichtbar sind. Grundlegende kulturelle Paradigmenwechsel, wie sie seit Jahren in allen Bereichen unserer Gesellschaft durch Angriffe der Politischen Lesben- und Schwulenbewegung propagiert und durchgesetzt werden, sind als narzistisch motivierte ideologische Irreführungen zu entlarven und durch profilierte Alternativen zu ersetzen. Wenn es nicht zu offenen und ganz offensiven Diskursen (Kontroversen!) in den anstehenden ethischen Grundfragenn unserer Gesellschaft kommt, so kann es kulturell nur noch immer weiter
bergab gehen. Insgesamt muss im Zeichen des erkennbaren demographischen und kulturellen Langzeitverfalls endlich das Bewusstsein für die Wahrheit geweckt werden, die einst Dietrich Bonhoeffer ansprach: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie die nächste Generation weiterleben soll.“ (R.-A. Thieke)


Noah, 04.09.2009 14:31
Ich war schon immer felsenfest davon überzeugt bzw. habe befürchtet, dass das mit der Annäherung von Ost und West in Deutschland ganz "gut" funktioniert!
Der Bürger hat aber wohl nicht mit der derzeitigen Richtung dieser Annäherung gerechnet und auch die sogenannten bürgerlichen Parteien sollten für sich endlich wieder ein klares Profil wählen, welches ihnen die klare Abgrenzung zu Demagogen a la Gysi, Oscar L. & Co erlaubt.
Ansonsten können wir uns demnächst von der geliebten Demokratie ernsthaft verabschieden.


Christa Meves, 04.09.2009 13:37
Konrad Adam:Einsame Stimme über Jahrzehnte hinweg mit klarem Durchblick!
Wie viel Begabung geht in unerer Rasenmäherschule verloren!Was tut man den Hochbegabten an!Aber wer dem christlichen Menschbild mit so viel Blindheit Valet sagt, kann eben nur zum Schlusslicht unter den Nationen werden.


Amelie E.S., 31.08.2009 22:17
Viele Menschen sehen das Problem gar nicht, denn: es gibt doch so viele tolle Kindergaerten und die meisten, ich z.B. auch, waren doch auch im Kindergarten- und "mir hat es doch auch nicht geschadet". Und ohne zu reflektieren, haben sehr vernueftige, kluge, liebevolle Eltern gar keinen Abwehrmechanismus mehr, wenn sie zu dem, was die meisten - nicht alle!!- freiwillig tun, jetzt tun muessen: Kind in den Kindergarten (wieviele Stunden eigentlich ? (8/Tag? Ferien wie in der Schule? Bei Krankheit: Attest erforderlich? ...). Und das nach der Kindergartenpflicht fuer die 5-jährigen, die fuer die 4-jährigen folgt und dann fuer die 3-Jährigen, daß glaubt heute natürlich niemand. Ich nehme jede Wette darauf an!

Jürgen Herrmann, 31.08.2009 14:43
Was will die CDU?

Antwort: Sie will die Macht, und sie will Posten für ihre Funktionäre.

Und weil sie der Meinung ist, dass die von Frau von der Leyen und Frau Merkel unterstützte neue sozialistische Familienpolitik dem Mehrheitswillen des Volkes entspricht (hier haben die vielen Auftragsgutachten des Familienministeriums ganze Arbeit in Sachen Selbstbetrug geleistet), werden die alten "unmodernen" Prinzipien der Subsidiarität und der familiaren Eigenverantwortung leichtfertig über Bord geworfen.

Nur: Vielleicht denkt das Volk doch anders. Vielleicht wünscht sich das Volk Parteien und Politiker mit Prinzipien.

Wenn derartige Parteien aber auf dem Wahlzettel nicht mehr zu finden sind, muss man am Wahltag wohl zu Hause bleiben.

50% Wahlbeteiligung sind doch ein deutliches Zeichen für den verbreiteten Missmut der Bürger!


familienwehr, 31.08.2009 13:26
Seit zu vielen Jahren muss man sich - sollte man als ostdeutscher Sozialismusbeseitiger im Westen den Fehler begangen haben - ,sich nicht bis zur Unkennlichkeit zu assimilieren, den bornierten Satz anhören : "Nicht? Das habt ihr im Osten ja so gelernt?!?", wenn es um die Folgen von Indoktrination und sozialistischer Konditionierung geht.
Nun zu Ihrer Frage, hochgeschätzter Konrad: "Aber will das die CDU?". Antwort: JA.
Die sozialdemokratische = sozialistische Konditionierung der Westdeutschen sitzt viel tiefer, wird nicht mehr hinterfragt, hat naturgestzlichen Charakter, ist quasi pathologisch - physisch ins Stammhirn durchgeschlagen. Gelernt ist gelernt!



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