Besuch des Kindergartens – mittlerweile für fast alle Kinder selbstverständlich
Die CDU will – folgt man ihrem Parteiprogramm – „den Kindergartenbesuch „für das letzte Jahr verpflichtend machen." Von einer solchen „Kindergartenpflicht“ erhoffen sich ihre Befürworter, Kinder aus Familien mit einem „Migrationshintergrund“ und aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ besser zu fördern und in das Bildungssystem integrieren zu können. Unverständnis für die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern und die Abwehr fremder Kultureinflüsse erklären aus ihrer Sicht (neben den Kosten) den Verzicht von Eltern auf vorschulische Betreuungsangebote. Dass bis zum Schuleintritt zu Hause erzogene Kinder vor allem aus Familien mit „Migrationshintergrund“ und aus sog. „bildungsfernen Schichten“ stammen, wird als selbstverständlich vorausgesetzt.
Tatsächlich wusste man bisher nur wenig über Familien, die ihre Kinder bis zum Schuleintritt vorwiegend zu Hause betreuen. Über die Gründe, warum sie ihre Kinder nicht oder nur für kurze Zeit in einen Kindergarten geben, konnten nur Mutmaßungen angestellt werden. Um diese Wissenslücke zu schließen haben Forscher des „Forschungsverbunds Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund“ 2007/2008 mit Hilfe von Elternbefragungen die Gründe für den Verzicht von Familien auf Angebote der Kindertagesbetreuung untersucht. Eltern für Befragungen zu finden war dabei schwieriger als erwartet: Zwar waren die angesprochenen Institutionen (Jugendämter, Kindergärten etc.) in der Regel sehr kooperativ, „ihnen waren aber durchweg weniger Familien bekannt, deren Kinder nicht in eine Kindertageseinrichtung gehen, als nach der statistischen Prävalenz zu erwarten war“. Nach den Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik besuchten im Jahr 2007 etwa 5% der Fünfjährigen keine Kindertageseinrichtung. Der Anteil der Kinder, die vor dem Eintritt in die Schule nie oder nur für kurze Zeit einen Kindergarten besuchen, ist allerdings noch geringer als es die amtliche Statistik ausweist. Schließlich können Kinder, die zu einem bestimmten Stichtag (hier: 15. März 2007) nicht in einer Kindertagesstätte angemeldet waren, bereits früher institutionell betreut worden sein oder (der wahrscheinlichere Fall) noch zu einem späteren Zeitpunkt einen Kindergarten besuchen. Tatsächlich zeigt die Analyse von Schuleingangsuntersuchungen, dass nur noch zwischen 1,3% und 3,4% der Kinder nicht oder nur kurzzeitig für wenige Monate eine Kindertageseinrichtung besuchen. In Rheinland- Pfalz und im Saarland besuchten zum Zeitpunkt der Schulanmeldung bzw. der Schuleingangsuntersuchung sogar fast 99 Prozent der Kinder eine Kindertageseinrichtung. Der ohnehin schon sehr geringe Anteil der keinen Kindergarten besuchenden Kinder geht kontinuierlich weiter zurück. Für das gesamte (!) Bundesgebiet ist nach Auskunft der Forscher „mittelfristig nur noch mit wenigen tausend Kindern zu rechnen, die im Jahr vor der Schule keine Kindertageseinrichtung besuchen“.
Pragmatische und „familienüberzeugte“ Eltern – Gründe für häusliche Kindererziehung
Dass Kinder einen Kindergarten besuchen ist heute quer durch alle Bevölkerungsgruppen der Regelfall. Gleich ob die Eltern erwerbstätig sind oder nicht, ob sie ihre Kinder alleine oder als Paar erziehen oder ob sie einen höheren, einfachen oder gar keinen Bildungsabschluss haben: Nur eine kleine Minderheit der Kinder besucht bis zum Schuleintritt keinen Kindergarten. Dies gilt sogar für Familien nicht-deutscher Muttersprache: Kinder aus Haushalten mit einer „anderen Erstsprache“ besuchen ebenso wie Kinder aus deutschsprachigen Haushalten zu mindestens 98% einen Kindergarten. Das einzige im Blick auf den Kindergartenbesuch wirklich auffallende „sozio-demografische Merkmal“ ist die Kinderzahl: Nur 1-2% der Kinder ohne bzw. mit einem Geschwisterkind besuchen keine Kindertageseinrichtung. Mit zunehmender Kinderzahl steigt dieser Anteil deutlich an: Von 3% der Kinder mit zwei auf 6% der mit drei und 9% der Kinder mit vier Geschwistern. Von den Kindern aus Familien mit sechs und mehr Kindern besuchten sogar 21% keinen Kindergarten. Solche „Großfamilien“ sind in Deutschland allerdings äußerst selten. Auch kinderreiche Familien (drei und mehr Kinder) nutzen in Deutschland also in aller Regel öffentliche Kindertagesbetreuung.
Wenn Eltern ihre Kinder vor dem Schuleintritt nicht in eine Kindertageseinrichtung schicken, verstoßen sie damit gegen eine gesellschaftliche Norm. Diese Erfahrung scheinen jedenfalls Eltern zu machen, die ihre Kinder ausschließlich zu Hause betreuen. Für die Forscher war es deshalb nicht einfach Eltern von „Hauskindern“ zu finden, die bereitwillig über ihre Gründe für den Verzicht auf institutionelle Betreuung Auskunft gaben. Um für ausführliche Befragungen eine hinreichende Zahl von „Hauskind-Eltern“ – insbesondere auch aus „sozial benachteiligten“ Familien – gewinnen zu können, mussten die Forscher vielfältige Kontakte zu insgesamt mehr als 100 (!) Institutionen (Jugendämter, Schulämter, Familienzentren etc.) nutzen. Bei diesen Interviews stellten die Forscher fest, dass sich die Gründe für die Erziehung in der Familie nicht darauf reduzieren lassen, dass „bildungsferne Eltern Kindertageseinrichtungen ablehnen oder dass Familien mit Migrationshintergrund fremde Kultureinflüsse fürchten“.
Die Abwehr fremder Kultureinflüsse kann – wenn überhaupt – nur für eine Minderheit eine Rolle spielen: Denn mehr als drei Viertel der Hauskinder hat Eltern mit deutscher Staatsangehörigkeit und Muttersprache. Auch „Bildungsferne“ kann die Entscheidung für den Verzicht auf den Besuch einer Kindertagesstätte in der Regel nicht erklären: Mehr als die 60 Prozent der „Hauskinder“ kommen aus Elternhäusern, in denen die Mutter das Abitur oder zumindest einen Realschulabschluss hat. Zwar geben Eltern ohne oder mit einfachem Schulabschluss etwas häufiger als besser Qualifizierte ihre Kinder nicht in eine Kindertageseinrichtung. Der Anteil der gering qualifizierten Eltern an der Gesamtbevölkerung ist jedoch deutlich geringer als der von formal höher qualifizierten Elternhäusern. Auch von den – ohnehin wenigen – „Hauskindern“ stammt daher nur eine Minderheit aus „bildungsfernen“ Elternhäusern. Der insgesamt breiten Verteilung von Hauskindern über alle sozialen Schichten entspricht ein weites Spektrum von Gründen für die häusliche Betreuung: Vom Fehlen eines geeigneten Betreuungsplatzes in räumlicher Nähe über zu hohe Kostenbeiträge oder ungelegene Öffnungszeiten der Kindergärten bis hin zu gesundheitlichen Problemen der Kinder. Aus Sicht der meisten „Hauskind-Eltern“ geben solche „pragmatischen“ Gründe den Ausschlag dafür ihr Kind (noch) nicht in einen Kindergarten zu schicken. Sie wünschen sich durchaus eine zeitweise institutionelle Betreuung der Kinder, haben aber (noch) kein passendes Angebot gefunden. Manche haben auch schon schlechte Erfahrungen mit Kindertagesstätten gemacht oder richten sich nach dem Willen des Kindes, das (noch) keine Tagesstätte besuchen will.
Nur eine Minderheit der „Hauskind-Eltern“ lehnt die Betreuung in Kindertagestätten grundsätzlich ab: Es handelt sich hier um Eltern, die sich bewusst für eine häusliche Kinderbetreuung entscheiden. Für sie steht der Wert der Familie im Vordergrund. Die Forscher bezeichnen sie deshalb als die „Familienüberzeugten“. Kinder zu bekommen bedeutet für diese Eltern, die Kinder auch im Kreise der Familie aufwachsen zu lassen und sie nicht „weggeben“ zu wollen. Sie wollen die Mutter- Kind- Beziehung bewusst erleben und pflegen, die Geschwisterbeziehung lebendig wachsen lassen und „insgesamt die Familie als Lebensgemeinschaft gestalten, in der Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen vermittelt werden“. Sie haben sich meist schon vor der Geburt der Kinder für deren familiäre Erziehung entschieden. Diesen Entschluss in die Praxis umzusetzen ist für sie ein „wesentlicher Bestandteil ihres Lebenskonzeptes“.
Kita-Pflicht v. Elternrecht – logische Konsequenz der „neuen“ Familienpolitik
Manche dieser Eltern begründen ihre Entscheidung für die häusliche Erziehung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere aus der Entwicklungspsychologie und Neurophysiologie. Deren Erkenntnisse zeigen, „dass es für die Entwicklung von Kindern besser sei, in der ersten Prägungsphase nicht von ihren Müttern/Eltern getrennt zu werden, um spätere Probleme wie Bindungsunfähigkeit, vermindertes Selbstvertrauen und Probleme mit der Lernfähigkeit nachhaltig ausschließen zu können. Nicht wenige dieser Eltern kommen selber aus „pädagogischen Arbeitsfeldern“, sind also Erzieher, Pädagogen oder Sozialarbeiter bzw. vor der Geburt der Kinder als solche tätig gewesen und mit „der Rezeption entsprechender Theorien durch Ausbildung und Beruf vertraut“. Die Familie verstehen sie als den gewachsenen ursprünglichen Lebensraum, in dem Kinder „natürlich“ aufwachsen können. Praktische Schwierigkeiten mit der Kindertagesbetreuung wie Platzmangel, Öffnungszeiten, etc. spielen für sie keine Rolle. Sie haben sich aus „familienzentrierten Gründen“ (Zusammensein mit Geschwistern, emotionale Bindung, individuelle Förderung der Kinder etc.) „aktiv und reflektiert gegen institutionelle Betreuung entschieden“. Anders ausgedrückt ziehen sie die häusliche Kinderbetreuung vor, weil sie ihre Kinder im Vorschulalter selber erziehen wollen. Deshalb werden sie „auch durch veränderte Rahmenbedingungen nicht (oder nur schwer) für eine außerhäusliche Betreuung zu gewinnen sein“. Für diese Eltern gebe es „wenig nachvollziehbare Argumente“, warum sie durch eine Kindergarten-Pflicht daran gehindert werden sollten, „ihre häufig differenziert dargelegten Vorstellungen von Familienleben und Erziehung“ zu verwirklichen. Auch der immer wieder vorgebrachte Verweis auf mögliche „positive externe Effekte“ von institutioneller Tagesbetreuung kann die Argumente dieser Eltern nicht entkräften: Zwar ist es weitgehend unbestritten, dass Kinder im Vorschulalter durch Kindergärten in ihrer kognitiven und sprachlichen Entwicklung gefördert werden können. Einschlägige Studien zeigen aber, wie in einem Exkurs über die „Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung“ dargestellt wird, dass „eine Kindertagesbetreuung sich nur bei hoher Qualität positiv auswirkt“. Auf die Qualität der Kindertagesbetreuung können nun die Eltern – wie die Forscher des Deutschen Jugendinstituts nüchtern konstatieren – „kaum Einfluss nehmen“. Schließlich betonen die von ihnen im „Exkurs“ resümierten einschlägigen Studien übereinstimmend, „dass der wichtigste Faktor für die Entwicklung der Kinder die Qualität der elterlichen Betreuung ist“.
Solche Erkenntnisse sind nicht neu: Schon 1980 hat die spätere Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth auf dem Bremer Soziologentag festgestellt: „Kindergarten und Schule haben nicht jene Entlastungs- und Kompensationsfunktion, wie sie von Bildungsreformen zu Beginn der 1970er Jahre vermutet wurden. […] Eltern wollen den Erziehungs- und Bildungsauftrag an ihren Kindern, soweit es in ihre Zuständigkeit fällt, selbst wahrnehmen. […] Angesichts der Bedeutung, die Eltern nach wie vor für die schulische und berufliche Entwicklung der Kinder zukommt, ist der zeitlichen, physischen und psychischen Belastung durch familienbezogene Tätigkeiten Rechnung zu tragen.“ Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung anzuerkennen war zur Amtszeit von Rita Süssmuth als Bundesfamilienministerin eine praktische Konsequenz aus solchen Erkenntnissen. Unter ihrer Amtsnachfolgerin Ursula von der Leyen ist von dergleichen nicht mehr die Rede: Ziel ist stattdessen die kontinuierliche (Voll)Erwerbstätigkeit beider Eltern und die ganztätige institutionelle Betreuung von Kindern. Es war deshalb nur konsequent, dass die stellvertretende Vorsitzende der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft Ingrid Sehrbrock im Sommer 2007 im Interview mit dem Tagesspiegel eine auf das letzte Vorschuljahr beschränkte Kindergartenpflicht als unzureichend erachtete und „Pflichtbesuche von der Krippe an“ forderte.