Wider ein schiefes Bild von Ex-Außenminister Klaus Kinkel
In öffentlichen Debatten werden gern Begriffe und Bilder aus der Welt des Fußballs verwendet - vielleicht weil man glaubt, damit dem einfachen Volke die Sachverhalte verständlicher zu machen. So hört und liest man öfter von Politikern, die sich „grobe Fouls“ geleistet, sich in einen „Strafraum“ vorgewagt oder ein „Eigentor“ geschossen hätten und denen die Wähler nun die „rote Karte“ zeigen müßten.
Auch Ex-Außenminister Klaus Kinkel verwendete in den letzten Monaten auffallend häufig ein Bild aus dem Fußball. Mit dem Spruch „Wir spielen mit der Hälfte der Mannschaft auf der Reservebank“ bemühte sich Kinkel der Forderung von Industrieverbänden und Wirtschaftsinstituten nach höheren Frauenanteilen v.a. in den Innovationsfeldern des Landes mehr Nachdruck zu verleihen (etwa hier und hier). Schon um möglichst viele Frauen und Mütter in die naturwissenschaftliche Spitzenforschung und in die mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Berufe zu bringen, müsse der Staat mehr Krippen- und Kitaplätze sowie Ganztagsschulen zur Verfügung stellen (siehe die Forderungen Kinkels auf dem I-DAF-Symposium in Berlin, Bericht dazu hier auf FreieWelt.net). Nur so könne man die jungen Mütter von der „Reservebank“ der Kinderbetreuung auf das „Spielfeld“ des Berufslebens locken.
Nur nebenbei sei erwähnt, daß das Bild schon deshalb unklug gewählt ist, weil es geschulte Marxisten natürlich sofort die „Industrielle Reservearmee“ assoziieren läßt, die bekanntlich nach Marx dazu dient, die Löhne der Beschäftigten zu drücken. Damit könnte FDP-Mann Kinkel als jemand erscheinen, der im Auftrag der Arbeitgeberseite die Reservearmee mit jungen Müttern aufstocken will, um Tarife und Arbeitsschutzbedingungen zu unterhöhlen. Einen Aufschrei der Gewerkschaften hat man aber bislang nicht gehört, denn hier gilt die „Stärkung der Rolle der Frau im Erwerbsleben“ bisher als ein Wert an sich, der auch höher steht als die Abwehr von staatlichen Eingriffen zur Erhöhung des Arbeitskräfteangebots (So schreibt etwa der gewerkschaftsnahe Professor Ernst Kistler in einer seiner Publikationen, Rezension dazu hier).
Was weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer, weder Kinkel noch Kistler anerkennen, ist die Tatsache, daß viele Frauen nicht nur eine „Rolle im Erwerbsleben“, sondern auch eine Rolle im Familienleben spielen wollen, insbesondere bei der Geburt und Erziehung der Kinder. Dieser Aspekt wird auch in der Rede von der „Reservebank“ komplett ausgeblendet.
In Wahrheit sitzen die jungen Mütter nämlich nicht auf der Reservebank, sondern – um im Bild zu bleiben – sie rekrutieren und trainieren die Nachwuchsmannschaft! Wenn man die Nachwuchstrainer auf dem Spielfeld verheizt, kann man – vielleicht – noch einmal eine Weltmeisterschaft gewinnen. Aber bei der nächsten WM gibt es dann schon keine Mannschaft mehr. Man kann nur hoffen, daß die Wähler solch einer kurzsichtigen Politik bald einmal die „rote Karte“ zeigen werden.