Wenn die Politik gegen die Kirche für das Christentum einstehen muss.
Dass Christen an den C-Parteien verzweifeln, hat kaum Neuigkeitswert und ist beliebtes Gesprächsthema in einschlägigen Kreisen. Doch dass C-Politiker sich für ein mutiges öffentliches Bekenntnis zu Christentum und Kirche gegen Zweifel und Angriffe aus den Kirchen verteidigen müssen, muss mindestens verwundern, wenn nicht verärgern.
So geschehen im Wahlkampf-Deutschland dieser Tage: Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, Ex-General und langjähriger CDU-Politiker, hatte in einem Interview mit der dpa gefordert, das Christentum in Ostdeutschland wiederzubeleben. Nach 40 Jahren Indoktrination in der DDR müsse darüber gesprochen werden, wie „Verwahrlosung und Entbürgerlichung“ verhindert werden könnten. Dazu gehören nach Meinung des für klare Worte bekannten Politikers auch Überlegungen, was gegen die „Entkirchlichung“ getan werden könne.
Zahlreiche sozialwissenschaftliche Erhebungen über die starke Relation von Kirchlichkeit und Bürgersinn geben Schönbohm Recht. So etwa die Befunde des Familiensurveys des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2000: Frauen und Männer, die häufiger Gottesdienste besuchen, messen der Ehe eine größere Bedeutung für das Aufwachsen von Kindern zu. Für die Gesellschaft bedeutet das Garantie sozialer Stabilität. Regelmäßige Gottesdienstbesucher sind häufiger verheiratet und seltener ledig. Für die Gesellschaft bedeutet das kostenfreie und nicht zu organisierende menschliche Wärme sowie geringere Kosten für sonst notwendig werdende Sozialleistungen. Regelmäßige Kirchgänger befürworten die Erziehung durch die eigenen Eltern. Für die Gesellschaft bedeutet das kostenlose Erziehungs- und Betreuungsleistungen, vor allem aber emotional stabile Kinder als Leistungsträger von morgen. Kirchlich organisierte Menschen neigen auch im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft eher zur Geburt des Kindes als zum Schwangerschaftsabbruch. Für die Gesellschaft bedeutet das neben dem Gewinn eines neuen Mitbürgers ein Plus an Rechtsbewusstsein und eine Kultur des Lebens und der Zuversicht. Frauen und Männer, die häufiger Gottesdienste besuchen, wünschen sich durchschnittlich mehr Kinder und bekommen auch mehr Kinder. Für die Gesellschaft bedeutet das den Erhalt der Sozialsysteme, ein Gewinn an Planungssicherheit und vor allem eine Option auf Zukunft. Nach einer Allensbacher Analyse von 2005, die 14- bis 29-jährige Deutsche befragte, „was in ihrem Leben wichtig ist“, nannten junge Leute, die sich selbst als „religiös“ bezeichnen, folgende Werte signifikant häufiger als areligiöse Jugendliche: „gute, vielseitige Bildung“, „immer Neues lernen“, „Menschen in Not helfen“, „Kinder haben“, „Verantwortung für andere übernehmen“, „Auseinandersetzung mit der Sinnfrage“ und „aktive Teilnahme am politischen Leben“. All diese Befunde dokumentieren, was Schönbohm sagen wollte.
Doch was diese Tage passiert, ist geradezu beispielhaft für das in seiner politischen Korrektheit gleichgeschaltete Establishment von Politik und Medien: „Schönbohm will Ostdeutschland missionieren“ titelt der Tagesspiegel. Der Kirchenhistoriker und sächsische Linkspartei-Politiker Gerhard Besier verwehrt sich gegen die „Zwangskonfessionalisierung Sachsens“. Selbst die sonst umsichtige Grünen-Politikern Kathrin Göring-Eckhardt, ihres Zeichens Präses der Synode der EKD, kritisiert bei offenkundigem Missverständnis des Wahlgegners „dieses Pauschalurteil“. Ihre Einladung, den Glauben zu entdecken, richte sich „nicht speziell an die Ostdeutschen“.
Noch größere Verwunderung ruft nur das Statement des Erzbistums Berlin hervor. „Wir können den Menschen den Glauben nicht verordnen“, weiß die Sprecherin Martina Richter im Namen der Katholischen Kirche beizutragen. Doch wer hat das gefordert? Weiter gibt sie zu bedenken, dass man nicht pauschal von Verwahrlosung sprechen könne. Diese freundlich wirkende Zugabe stellt wohl den üblichen Tribut an die political correctness dar. Die Worte passen in jedem Fall zum weit verbreiteten tabuisierenden Umgang mit der natürlich problematischen Zusammenführung zweier Gesellschaften nach 40 Jahren Trennung. Es ist fast tröstlich, dass das Erzbistum Berlin „die Vermittlung christlicher Werte“ doch noch als „wichtig“ erachtet. Der Zusatz, dass dadurch vor allem „radikalen Ideologien vorgebeugt werden kann“ verrät, wes Geistes Kind man ist: Man will gefallen. Von Politikern einer Konsensdemokratie erwartet man nichts anderes, noch dazu zur Wahlkampfzeit. Kirche jedoch hat einen anderen Auftrag. Verkehrte Welt.