Vom kommenden September an bis zum Jahr 2012 wird die hergebrachte Edisonsche Glühlampe durch eine Verordnung der Europäischen Union schrittweise aus dem Verkehr gezogen und verboten.
Der deutsche Zoll ist angewiesen, illegale Glühlampensendungen aus dem Nicht-EU-Ausland ersatzlos zu kassieren. Der gemeine EU-Bürger reagiert hierauf, wie auch die Medien dieser Tage melden, mit Hamsterkäufen. Der Umsatz an Glühbirnen hat sich kurz vor ihrem beginnenden Verschwinden aus den Regalen noch einmal mehr als verdoppelt. Ein „störrisches Volk“, diese Europäer?
Zum einen wurde die Frage nach der ökonomischen und ökologischen Sinnhaftigkeit eines solchen Verbotes gestellt. Der Blick auf das System des Emissionshandels, das bekanntlich eine feste Emissionsmenge vorsieht, läßt in der Tat nicht gleich erkennen, auf welche Weise durch diese Einzelmaßnahme eine insgesamt geringere Emissionsbilanz erreicht werden soll. Die technischen Probleme der neuen, sich zur unbeschränkten Alleinherrschaft aufschwingenden Energiesparlampen könnten außerdem Quellen neuer Umweltbelastungen sein. Ins Feld geführt wurden auch die lichtästhetischen Defizite, die Innenarchitekten, Raumgestalter und jeden, der es gewohnt ist, im Schein einer Steh- oder Schreibtischlampe zu lesen, zur Verzweiflung brächten. Zudem hieß es: Welche Daseinsberechtigung hätten eigentlich noch Kerzen und Kaminfeuer, deren „Energiebilanz“ jedem ökologischen Tugendwächter schlaflose Nächte bereiten müßte?
Ein symptomatischer Widerspruch
All diese Probleme lenken jedoch ab und benennen nicht das eigentlich symptomatische der Angelegenheit: Das Glühlampenverbot ist einer jener Momente, in denen weite Kreise der Bevölkerung die Wiederauferstehung des absolutistischen Tugendstaates im Gewand der EU zu erkennen meinen. „Trotzreaktionen“ sind die Folge. Zugleich verfestigt sich in Brüssel die Überzeugung von der Notwendigkeit bürokratischer Bevormundung zugunsten „höherer“ Ziele. Der Widerspruch, der hierdurch entsteht, ist evident: War nicht vor wenigen Wochen erst die Beteiligung bei der Wahl zum Europäischen Parlament auf ein historisches Tief gefallen? Und war man sich nicht darüber einig, daß europäische Integration, wie weit sie auch immer im Einzelnen gehen soll, ohne eine Beteiligung der Betroffenen, also der Bürger der Mitgliedstaaten, zum Scheitern verurteilt wäre? Dies alles wird indes absurd ohne Freiheit und das Vertrauen auf die Vernunft des Einzelnen, die die Grundlage jeder Wahlentscheidung sein müssen. Eine Organisation, die sich immer wieder ausdrücklich demokratische Mitbestimmung und „Partizipation“ wünscht und den Adressaten dieses Wunsches zugleich für unmündig erklärt, auch nur die Wahl seines alltäglichen Leuchtmittels selbständig zu treffen, läuft Gefahr, in der öffentlichen Meinung unglaubwürdig zu wirken. Allenfalls über mangelndes Interesse kann sich die EU so nicht mehr beschweren: Statt zu der als „Pseudo-Abstimmung“ empfundenen Wahl zum Europäischen Parlament geht der Bürger massenhaft in Baumärkte und Elektrogeschäfte, um sich seinen Vorrat an Glühlampen aufzustocken. Kann Europa nur noch so seine Wähler mobilisieren?