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25.05.2013
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     Richard Schütze
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Werteorientierte Rhetorik
Weitere Themen: Wahlen, Kultur, Berlin

Wenn schon nicht in die Hände, so werden nun aber zumindest wieder große Töne gespuckt. In Wahlkampfzeiten geht’s zur Sache. Und zwar persönlich.

Kanzlerin Angela Merkel möchte nur eins, Herausforderer Peer Steinbrück gleich zwei, die Grünen gar viele; TV-Duelle mit Kanzler-Format sind einfach das Größte und machen megasüchtig.

Dazwischen Bürger-Meetings, Town-Hall-Debatten und Internet-Foren. High Noon auf allen Kanälen. Halali zum medienrhetorischen Showdown. Mit rasch noch ein paar Tricks professionell inszeniert. Die Stimme gut geölt, die Krawatte passt, der Anzug sitzt und das Kostüm auch. Perfekt wogt die Haartolle kühn geföhnt, leicht getönt und schuppenlos. Das Gesicht gepudert, die Schultern zurück, die Gesten einstudiert, der Blick selbstbewusst und geradeaus. Bühne frei und Spot an für den ersten Augenaufschlag.

Gedanken sind frei, doch alle Freiheit verlangt nach Ordnung

Auch Wirtschaft und Verbände, Banken und Berater, Bewerber und Bespaßer suchen sie: Die gekonnte Technik, Publikum und Partner vom eigenen Tun, Sein und Wollen zu überzeugen. Vertrauen schaffen mit rhetorischen Waffen. Rein in die verbale Schlacht: Entschlossen lächelnd oder mit wilder Empörung im Gesicht, unbedingtem Siegeswillen im Herzen und tödlichen Argumenten im Köcher; auf der Zunge wahlweise giftig verletzende oder buhlend schmeichelnde Worte. Im Bauch das lähmende Lampenfieber.

Seit den Sophisten im 5. Jahrhundert vor Christus wird sie systematisch erforscht, gelehrt und an Mann und Frau gebracht: Die Kunst der Rede, frei von der Leber weg, gebunden an das aufgeschriebene Wort oder auch gestützt von Stichwort-Kärtchen und entlang einer Powerpoint-Präsentation. Zwar sind die Gedanken frei, doch alle Freiheit verlangt nach Ordnung, will sie sich nicht in Beliebigkeit zerstreuen. Und wovon die Lippen überfließen, das mag aus Seele und Gemüt hervorbrechen und darf doch nicht wie ein reißender Strom alles überrollen. Denn der Redner spricht, um als Person zu wirken und er redet, um etwas zu bewirken.

So machen sich Trainer und Coaches, Berater und Medienprofis im Auftrag von PR-Strategen, Kampagnenmanagern und Pressesprechern daran, ihren Schützlingen geeignet erscheinende Mittel und ausgebuffte Instrumente einer erfolgversprechenden Rhetorik und Debattenführung nahezubringen. Zuweilen nach Schema F und mit dem unsinnigen Versprechen, Schlagfertigkeit sei ein Nonplusultra und lasse sich auch spielend erwerben. Doch eine allzu geschliffene Rhetorik kann sich in das Gegenteil ihrer Absicht verkehren, skeptisch machen und sogar suspekt wirken. Darauf weist der Sprachwissenschaftler Alberto Gil hin, der mit seinem neuen Buch „Wie man wirklich überzeugt“ (2013) eine tief gründende und gut verständliche „Einführung in eine werteorientierte Rhetorik“ vorlegt.

Sprachkunst und Sprechfähigkeit zur Manipulation des Publikums

Gil mahnt eine innere Einstellung des Redners zu seinem Publikum und aus ihr heraus eine werteorientierte Grundhaltung an. Dazu seien Selbstreflexion und der Wille zu einer kontinuierlichen Bildung der eigenen Persönlichkeit unerlässliche Voraussetzungen. Die von Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus postulierten Wirkprinzipien und Überzeugungsmittel Logos, Pathos und Ethos hätten ihre Grundlage in der gemeinsamen Suche und dem ehrlichen Streben der miteinander kommunizierenden Menschen nach verbindlicher Wahrheitserkenntnis. Wenn der Redner darauf verzichte, seine Sprachkunst und Sprechfähigkeit zur Manipulation des Publikums bewusst als bloßes Machtinstrument einzusetzen und es mit einem überwältigenden Wortschwall niederzuringen oder seinen Gesprächspartner rundum bloßzustellen und vorzuführen, dann strahle er wahre Menschlichkeit aus. Natürlich sind Kompetenz, Wissen und eine „formale Geistesbildung“ unerlässlich; denn nur „wovon das Herz voll ist, davon fließt der Mund auch über“ (Matthäus 12,34). Doch sollte jeder im gleißenden Scheinwerferlicht bedenken, dass Lügen kurze Beine haben und die Wahrheit zumeist ans Licht kommt.

Bisweilen ist es wohltuend, dem in die Jahre gekommenen und immer ehrlicheren Barden und Lebemann Udo Jürgens zu lauschen, der in seinem Song „Der Schuft“ ungeschminkt die Abgründe der Verführung offenbart: „Sie hatte ihm schon ihre Seele verschrieben – da sagte ich: Hör auf mich, Mädchen: Der Mann ist ein Schuft, glaub es mir, ich weiß es, ich kenn‘ seine Gedanken – man hält uns für ein und dieselbe Person: Den Schuft neben dir – und mich.“

Wer aber nicht durch Illusion, sondern argumentativ überzeugen (Logos) will, der muss sich zunächst seinem Publikum und seinen Gesprächspartnern öffnen, sie ernst nehmen und einfach auch zuhören können. Achtung, Respekt und Wertschätzung sind die Voraussetzungen dafür, dass Menschen sich öffnen und ein Publikum oder Gesprächspartner bereit sind, Botschaften wahr- und aufzunehmen und die Ansichten eines Redners ernsthaft zu reflektieren. Nach Gil sind Toleranz und Zivilcourage zwei Seiten einer Medaille. Dies aber lässt sich mit 08/15-Seminaren nicht erwerben. Großen Gewinn bringt eine profunde Auseinandersetzung mit einer aller Rhetorik zugrunde liegenden philosophischen Reflexion und einer ehrlichen Überprüfung der eigenen Inhalte. Nur wer auch vor sich selbst wahrhaftig argumentiert und gelernt hat, auch die Sichtweisen seiner Gesprächspartner und Kritiker einzubeziehen, kann nachhaltig überzeugen und mit rhetorischen Mitteln führen und an Ausstrahlung gewinnen.

Geheimnisse für die Popularität der Kanzlerin

Rhetorische Raffinesse ist ihr nicht eigen; lieber verzichtet sie auf jede übertriebene Ausschmückung und serviert verbal zumeist nur karge Hausmannskost. Angela Merkel respektiert und akzeptiert eigene Grenzen. Durch unbeholfene Sätze schimmern Demut und Bescheidenheit hindurch. Ihr Herausforderer ist von anderem Kaliber: Steinbrück gibt seinem überbordenden Temperament freien Lauf und verdirbt es sich lieber mit einem Andersdenkenden auch in den eigenen Reihen, als eine Pointe auszulassen. Die grünen Rednerinnen und Rhetoriker wie die forensisch geschulte Anwältin Renate Künast oder die im Showbusiness schon erfolgreiche Claudia Roth oder auch bewährte 68er-Haudegen wie Joschka Fischer und deren Epigonen wie Jürgen Trittin sind mehr auf eine Kampfrhetorik hin gepolt. Sie beanspruchen oft mit donnernder Stimme eine dogmatische Autorität, die leicht ins unduldsam Autoritäre umschlagen kann, und eine moralisch sich selbst genügende Glaubwürdigkeit aus der inneren Überzeugung, auf der politisch korrekten und damit gesamtmenschlich richtigen Seite der Barrikaden zu stehen und für die in jedem Fall alternativlos gerechte Sache zu fighten.

Statt sich aber erregt in Talkshows im Wetteifer um die schrillsten Affekte und emotionalsten Effekte zu überbieten, sind oft eine kleine Wirkpause und ein zurückgenommenes Schweigen Gold im Vergleich zum silbrigen Geplätscher überflüssiger Worte. Reden und Schweigen sind nach Romano Guardini wie das Ein- und Ausatmen. Vielleicht liegt darin eines der Geheimnisse für die Popularität der Kanzlerin. Wenn ein Redner sich nicht selbst und dauernd in den Mittelpunkt stellt, dann verliert sich auch das mulmige und zugleich aufkratzende Lampenfieber mehr und mehr. Denn alles „Reden ist“, so Gil, immer „eine Dienstleistung“ an der Wahrheit und den Menschen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.




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Bild: Podium beim Forum Familie
Bild: Podium beim Forum Familie

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