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19.05.2013
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     Prof. Dr. Walter Kühbauch
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Griechenland II
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein, Reformen

Brief an einen Haushaltspolitiker (4)

Sehr geehrter Herr Thomae

Wir sollten nicht vergessen, dass Griechenland vor dem Euro ein relativ glückliches Land war. Malerisch, miserabel organisiert, aber irgendwie funktional; ein nicht unsympathischer Schlendrian, sehr entspannend für uns Nordeuropäer und billig - für viele von uns das ideale Urlaubsland; landschaftlich einmalig schön und über Monate ein angenehmes Klima. Aber selbst dieses scheinbar unzerstörbare Kapital hat man vertan.

Die guten Handwerker und fleißigen Arbeiter, die es in Griechenland auch gibt, konnten das Abrutschen des Landes nicht verhindern. Der starke Euro steht auch ihnen im Wege. Albaner verrichten schon seit Jahrzehnten die niedrigen und schweren Arbeiten. Mit dem Euro leisten sich viele Griechen noch mehr Albaner, neuerdings auch Bulgaren als billige Arbeitskräfte. Mit dem starken Euro kauft Griechenland seit Jahren besinnungslos Importwaren. Über die teuren deutschen Autos in Griechenland ist oft berichtet worden. Zu welchen Auswüchsen der Euro führt, konnte ich selbst auf einem Baustoffmarkt beobachten: LKW-Ladungen mit Natursteinplatten aus Albanien; der LKW-Fahrer aus Albanien, der Tieflader aus Albanien und die säuberlich auf Paletten gestapelten und mit Folie verschweißten Steinplatten aus Albanien. Obwohl Griechenland mit Gebirgen und Steinformationen gesegnet ist wie kein zweites Land in der EU. Das heißt, der Euro unterbindet die einfachsten Wertschöpfungen im eigenen Land.

Das Straßensystem in Griechenland ist zugleich die größte Müllhalde des Landes. Wichtige Staatsstraßen, wie die von Tripoli nach Nauplia auf der Halbinsel Peloponnes, sind seit Jahren zu beiden Seiten gesäumt von einem durchgehenden Saum aus Müll. Es kümmert offenbar niemanden in diesem schönen Land. Viele Autofahrer fahren (wie die Griechen selbst sagen) ohne Führerschein, viel mehr noch haben keine Kfz-Versicherung. Gefahrenstellen auf Straßen oder Gehsteigen werden nicht kenntlich gemacht, die Bürgersteige sind einmal 30cm hoch und in derselben Stadt, in derselben Straße 0 cm. Auf allen Gehsteigen kann man jederzeit in ungesicherte Löcher fallen.

Straßenbeläge (ich denke an die sog. Nato-Straße im Südwesten der Halbinsel Peloponnes), werden zwar entsprechend den technischen Anforderungen ko-finanziert (mal von der Nato, mal von der EU), aber die Teer- und Bitumenschichten des Belags sind nicht 25cm stark sondern nur 4 cm; das heißt 4 cm Teerdecke wurde direkt auf die Schottertragschicht gelegt. Die Straße konnte nicht halten. Kein Wunder, es fehlen ca. 20 cm Bitumenschichten für die aber bezahlt wurde. Mangels Kontrolle kann man noch nicht einmal schätzen, um wie viele Millionen Euro sich griechische Straßenbaufirmen auf diese Art bereichert haben. Auch die noch junge Autobahn zwischen Tripoli und Korinth musste inzwischen komplett erneuert werden.

Etwas weiter südlich in der Nähe der Stadt Koroni wird eine Straße verbreitert und neu gebaut. Vor vielen Jahren wurden die Anrainer, wie man hört, dafür entschädigt, dass sie die für die Verbreiterung benötigten Grundstücke abtreten. Einige einflussreiche Anrainer wollen davon nichts mehr wissen, sodass entlang dieser Grundstücke die Straße nicht gebaut wird. Und dort wo die Straße verbreitert werden konnte wird so jämmerlich gemurkst, dass man sich den "Neubau" hätte sparen können. Vermutlich ging es gar nicht um den Neubau der Straße, sondern darum, dass wieder Geld floss. Und jetzt passiert etwas ganz merkwürdiges: entlang besagter Straße bauten sich viele Anrainer privat zur Straße hin sehr schöne, hohe, teure Steinmauern; woher kommt plötzlich das Geld dafür?

Der jüngst erschienene Korruptionsbericht zeigt nur einen Teil des Problems. Nicht immer wollen die Griechen bestechen; es wird ihnen von den Amtspersonen abverlangt. Und wer hier nicht mitspielt, darf sich eine Geste der Amtsperson ansehen, dessen Bedeutung jeder kennt. Es sieht so aus: die Amtsperson hält die Arme angewinkelt, etwas über Hüfthöhe, die Handflächen nach oben gedreht wie zum Gebet. Gleichzeitig blickt die Amtsperson gen Himmel und stößt ein kaum hörbares "ts" aus. Das bedeutet, dass man mit seinem Anliegen gescheitert ist.

Heut sind viele Dinge des täglichen Bedarfs, häufig Importware, teurer als in Deutschland. Die Griechen, und nicht nur sie, sind inzwischen die Sklaven des Euro. Die griechischen Politiker schert das so gut wie gar nicht. Unter allen Umständen wollen sie den Euro behalten; nach meiner Information, eine Mehrheit der Bevölkerung schon nicht mehr. Diese, Ihre Kollegen, und die Reichen können sich gar nicht vorstellen, wieder in Drachmen bezahlt zu werden. Bis in die jüngste Zeit wollte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung sich auch nicht vom Euro trennen. Man kann es verstehen, denn mit dem Euro verbindet man einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung mit billigem Geld, ermöglicht durch die Zinskonvergenz im Euroraum; aber alles nur geliehen, nicht erwirtschaftet. Was bleibt, sind Schulden und Depression.

Lesen Sie nächste Woche den 5. Auszug „Griechenland III“

Prof. Dr. Walter Kühbauch war einer von Hunderten Bürgern, der dem FDP-Haushaltspolitiker Stephan Thomae antworteten, nachdem dieser auf Abgeordneten-Check.de Stellung zum ESM bezogen hatte. FreieWelt.net veröffentlicht das Schreiben mit freundlicher Genehmigung des Verfassers in acht Auszügen.




Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Reingefallen, 22.01.2013 10:12
Ein typischer Fehler der Deutschen ist es: Einen hier lebenden Ausländer mit den Menschen in seinem Abstammungsland vergleichen und gleichsetzen zu wollen.
In der Regel sind sie unterschiedlich wie Tag und Nacht.


Freigeist, 21.01.2013 11:55
Ich kenne noch andere Balkan-Länder mit ähnlichen Strukturen. Wenn ich Ähnliches im Bekanntenkreis erzähle wird es kaum geglaubt. Ich sagt dann meistens: "Fahrt doch mal hin".


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