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23.05.2013
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     Richard Schütze
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Das Leben ist keine Insel
Weitere Themen: Familie, Kultur

Am Ende eines Jahres blicken wir zurück auf die vergangenen zwölf Monate. Verschiedene Ereignisse 2012 zeigten: Durch unsere Freiheit sind wir zum Handeln und zur Verantwortung gezwungen, die Sorge für uns selbst sollten wir darüber aber nicht vergessen.

Heute zieh’n sie vor dem inn’ren Auge nochmal vorbei: Die Bilder und Eindrücke des zu Ende gehenden Jahres. Der letzte Tag eines Jahres ist immer auch eine Zäsur. Das Gestern fließt einem feierlichen Finale entgegen, aus dem mit farbenfroher Pracht der Morgen einer neuen Zeit aufgeht. Das Jetzt und Hier erscheint uns heute aber nicht wirklich als Gegenwart. Wir schauen im Blick zurück auf unsere eigene Geschichte, eingewoben in die Zeitläufte der Familie, von Freunden und Bekannten, und vernetzt mit dem Geschehen in Politik, Wirtschaft und Kultur – hier und in aller Welt. Darüber wölbt sich das Universum wie ein unendlich weites Himmelszelt. In diesem Weltenraum und auf unserer Erde aber ist keiner eine Insel. Zugleich spüren wir, wie wir die Zeit verlier’n. „Alle Zeit ist Herrlichkeit“ sagt ein bedeutender Heiliger. Unwiederbringlich wertvoll; wie geborgen von und in aller Ewigkeit. Was zählt ist der Augenblick, die Gegenwart. Voll Leben, Leiden, Freiheit und Gestaltungskraft. Erfolge und Misserfolge, Aufstieg und Fall; auch 2012 war keine heile Welt. Für niemand. Doch ist diese Welt – allen astrologischen und esoterischen Szenarien zum Trotz – auch nicht untergegangen. Nicht einmal an der Börse, die zum guten Ende aufgrund staatlich verordneter Niedrigzinsen eine erneute Hausse feiern kann.

Freiheit bedeutet, zu handeln

Ein paar Begegnungen aber sind oder werden – zumindest vorerst – letzte Eindrücke sein; Abschiede aus dieser Zeit. „Nur der Mensch kann vorlaufen bis zu seinem Tod und sich schon jetzt in seine Todesstunde versetzen“, lautet eine der philosophischen Maximen meines Vaters. Wir können unser Leben schon heute retrospektiv betrachten und Bilanz ziehen. Denn der Mensch „hat Welt“, ist weltoffen und „nicht zwanghaft eingebunden in seine Umwelt“, sagen die Alten. Die menschliche Seele beinhaltet in gewisser Weise alles; sie kann alles, was ist oder sein kann, in sich auf- und wahrnehmen: „Anima est quodam modo omnia“, lehrte Thomas von Aquin. Und Friedrich Schiller schrieb in seinem Gedicht „Die Worte des Glaubens“ (1797): „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren.“

Freiheit aber bedeutet auch, verantwortlich zu sein und zu handeln. Für die Gestaltung des eigenen Lebens und für das Leben der uns Anvertrauten. Und im politisch-öffentlichen, im beruflich-wirtschaftlichen oder im kulturellen Leben für ein treuhänderisch übertragenes Mandat. Immer gilt es dabei, Wichtiges und Dringliches von den „Quantités négligeables“ zu unterscheiden und zunächst die primären Pflichten zu erfüllen. Ohne sich dabei und in der Aufgabe selbst zu verlieren.

Depressionen, Angststörungen, Burnout

Beim festlichen Symposium zum 80. Geburtstag des ehemaligen Thüringischen und Rheinland-Pfälzischen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel genießt Angela Merkel am 17. Dezember die göttlich inspirierte Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, die im Plenarsaal des Bundesrats in Berlin erklingt. Nach wenigen Takten aber blinzeln die in tief-schwarze Höhlen eingebetteten Äuglein der Kanzlerin; verzweifelt ringt sie mit dem Schlaf, dann neigt sich ihr Haupt. DieCDU-Vorsitzende hat sich den erschöpfenden Strapazen des Euro-Krisenmanagements und des aufreibenden Politikbetriebs ergeben müssen und ist in einen tiefen Schlummer gefallen. Ob die Kritik meines Kollegen Alexander Kissler zutrifft, dass der Politbetrieb im Hamsterrad routiert und uns „Schlaflose“ regieren und dies zum „Infarkt der Seele“ führt, vermag ich nicht zu sagen. Immer mehr Menschen mit Führungsverantwortung in Politik und Wirtschaft aber fühlen sich einem enormen Druck ausgesetzt und sehen sich immer weniger in der Lage, Rückzugs- und Freiräume für die Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts aufsuchen zu können. Dabei ist auch die Sorge um und für sich selbst eine elementare Verpflichtung. Denn wie bei den Repräsentanten, so auch im Volk: Nach einer Erhebung der Deutschen Rentenversicherung (DRV) wollen sich 41 Prozent der Arbeitnehmer, die eine Erwerbsminderungsrente beantragen, wegen Depressionen, Angststörungen, Burnout oder anderen seelischen Leiden vor dem 65. Lebensjahr in den Ruhestand verabschieden („Welt am Sonntag“, 30.12.2012). Die zunehmende Arbeitsverdichtung ohne seelische Balance ist unmenschlich und fordert immer mehr Opfer. Lange werden wir uns dies nicht mehr leisten können, ohne dafür mit dem Verlust der persönlichen Gesundheit und Schaffenskraft und explodierenden Sozialkosten eine überproportionale Zeche bezahlen zu müssen.

Viele Menschen – auch auf den öffentlichen Bühnen der Medienwelt und in der Politik – waren aufrichtig erschüttert vom unerwarteten Tod des ehemaligen SPD-Fraktionschefs und Bundesverteidigungsministers Peter Struck (69) kurz vor Weihnachten am 19. Dezember. Es heißt, in dem ehemaligen DDR-Regierungskrankenhaus, der Berliner Charité, gebe es eine speziell für den Politbetrieb ausgerüstete Station, die besonders in den sogenannten parlamentarischen Sitzungswochen auch gut frequentiert sei. Auch der grüne Spitzenpolitiker Jürgen Trittin soll bei seinem Herzinfarkt im März 2010 dort behandelt worden sein. Speziell Männer halten sich – so Studien – noch immer für weitgehend unverwundbar oder zumindest unsterblich. Und übernehmen sich – rücksichtslos sich selbst gegenüber.

Hoffnung und Zuversicht im Angesicht des Todes

Der unheilbar krebskranke CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach (60) aber geht anders mit sich und seiner irdischen Restlebenszeit um. Bereits am 13. Dezember verlor er seinen ebenfalls an Krebs erkrankten besten Freund, den Bestattungsunternehmer Fritz Roth (63). Unvergessen der Auftritt der beiden in der ARD-Talksendung „Günther Jauch“ zum Thema „Das Leben mit dem Tod“ ein paar Wochen zuvor am 18. November. Roth und Bosbach versprühten im Angesicht des unaufhaltsam nahenden Todes Hoffnung und Zuversicht und eine unbändige Freude am Leben, deren Quelle beide in ihrem unerschütterlichen Glauben an ein Weiterleben bei Gott und mit geliebten Menschen sehen. Bosbach bewirbt sich bei der Bundestagswahl im September 2013 sogar erneut um das Mandat im rheinisch-bergischen Kreis. Er ist einer, der in irdischen Stiefeln hinüber in das ewige Leben schreiten will, wenn die Stunde gekommen ist.

Von seinem Lebenswillen und seiner Freude an jedem neuen Tag können wir Sterbliche lernen; wie kostbar das eigene Leben und die uns geschenkte Zeit sind. Der tragische Ex-Bundespräsident Christian Wulff hatte in seinen glücklicheren Zeiten als niedersächsischer Ministerpräsident eine weise Erkenntnis: „Jede Minute, die wir auf Sitzungen (und in Meetings) verbringen, müssen wir vor Gott und unseren Liebsten rechtfertigen – denn da vergeuden und stehlen wir die Zeit.“ Nutzen wir also 2013 intensiv und mit Freude die uns neu geschenkte Zeit. Für eine gute Lebensbilanz.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.




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Bild: Podium beim Forum Familie
Bild: Podium beim Forum Familie

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