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     Johannes Resch
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Eine Diktatur des Kapitals?
Weitere Themen: Wirtschaftspolitik, Familie

Ich reibe mir die Augen. Da fordert der Arbeitgeberverband (BDA) und sein Präsident Dieter Hundt eine Verkürzung der Elternzeit auf ein Jahr und erklärt die Kleinkind-Betreuung zur „Kernaufgabe des Staates“. Warum? Um der Wirtschaft möglichst viele Arbeitskräfte zuzuführen, was die Lohndrückung erleichtert? 

Die Wirtschaft hat sich an die angebliche „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ gewöhnt, die Eltern ins Hamsterrad und Kleinkinder in die Krippen treibt. Dass immer mehr Eltern im „Burn-out“ landen, interessiert die Wirtschaftsbosse ebensowenig wie der Stress, dem die Kinder in der Krippe und durch ihre ebenfalls gestressten Eltern ausgesetzt sind. Eltern gelten als „Arbeitsmaterial“ und Kinder als lästiges Beiwerk, für das wie bei einer Krankheit für ein Jahr „Verdienstausfall“ gezahlt wird, schönfärberisch „Elterngeld“ genannt. Ein Eigenwert wird der Kindererziehung nicht mehr zuerkannt. Wer trotzdem seine Kinder selbst erziehen will, dem wird die Gleichberechtigung abgesprochen, da nur noch die Gleichschaltung im Erwerbsleben zählt.

Das erinnert an den Frühkapitalismus. Nachdem die „Diktatur des Proletariats“ gescheitert ist, kommen wir der „Diktatur des Kapitals“ immer näher. Diese kommt nicht mit Polizeigewalt daher. Die Wirtschaft hat andere Mittel. Sie arbeitet mit Geld. Den Eltern werden nicht die eisernen, sondern die finanziellen Daumenschrauben angezogen bis sie parieren. Diese Diktatur kommt auf leisen Sohlen durch die Hintertür.

Inzwischen hat die Wirtschaft nicht nur die Politik, sondern auch die Sozialwissenschaft unterwandert. Vorbei sind die Zeiten einer unabhängigen Kritik wie noch im 5. Familienbericht. Der 7. und 8. Bericht wurde zur Hofberichterstattung für die wirtschaftshörigen Regierungen rot-grüner, schwarz-roter und schwarz-gelber Färbung. 

Um glaubwürdig zu erscheinen, wird nach pseudowissenschaftlichen Mäntelchen gesucht, die Otto Normalbürger nicht gleich durchschaut. So erstellt etwa ein mächtiger Wirtschafts- und Medien-Konzern obskure „Studien“ z. B. mit dem Ergebnis, der Aufenthalt in einer Krippe führe später zu einem um 40% häufigeren Besuch eines Gymnasiums. Flugs wird noch ein „Netto-Nutzen“ in Milliardenhöhe errechnet, der bei Erhöhung der Krippenquote eintrete. Das verbreitet der Konzern dann über die eigenen Medien, gedankenlos nachgeplappert von ARD und ZDF. 

Würde das stimmen, wäre die DDR wissenschaftlich und wirtschaftlich erfolgreicher als der Westen gewesen. War sie das? Ich spare mir die Antwort. Die Schüler/innen, die dort fast alle in der Krippe waren, hatten bei PISA 2000 keine besseren Ergebnisse. Aber sie zeigten bei der „sozialen Kompetenz“ in allen neuen Bundesländern durchweg schlechtere Werte als in den alten. Das stimmt mit großen Untersuchungen in den USA überein, die deutlich höhere Risiken für die spätere soziale Entwicklung bei früher Krippenbetreuung zeigten. 

Warum bleibt das in unseren Massenmedien unbeachtet?  Die Antwort ist traurig: Der Inhalt einer Nachricht spielt keine Rolle mehr. Was nicht zum „Mainstream“ passt, wird ignoriert; was passt, wird dagegen großartig hinausposaunt, auch wenn es noch so unsinnig ist. - Als ehemaliger DDR-Bürger habe ich immer häufiger De-ja-vus. 

 

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Mittelbayerischen Zeitung vom 26. November 2012, S. 4.




Kommentare (5)




 
  Kommentare (5)

Lenhard, 04.12.2012 14:13
Die Bertelsmann-Studien liefern doch immer Ergebnisse, die dem Gender-Mainstream Wasser auf die Mühlen sind.
Hier noch an unabhängige Studien zu glauben anstatt an Gefälligkeitsdienste, ist naiv.


Ch. Mertens, 04.12.2012 11:36
@Johannes Resch
Sie schreiben: "Ich wollte anregen, dass die bestehenden „Mainstream“-Dogmen stärker hinterfragt werden."
Dazu haben Sie meiner Meinung nach mit Ihrem Artikel hervorragende Arbeit geleistet. Danke!


Hannes W., 30.11.2012 11:11
@H.H.
Sie fragen richtig.
Und nun überlegen Sie mal weiter: Wann braucht ein Staat im Grunde genommen nur noch eine Zeitung?


H.H., 30.11.2012 10:09
"Warum bleibt das in unseren Massenmedien unbeachtet?", frage auch ich mich, denn Medien, die alle dasselbe aussagen, begehen auf Dauer Selbstmord. Wer will z.B. noch Zeitung lesen, wenn er durch Kommentare im Fernsehen die übereinstimmende Meinung schon vorweg geboten bekommt?
Oder: Warum braucht es mehr als eine Zeitung, wenn der Tenor überall gleich ist?


Ursula Prasuhn, 29.11.2012 22:11
@Johannes Resch
Einleuchtend argumentiert und gut geschrieben.
Herzlichen Dank, Herr Dr. Resch!



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