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21.05.2013
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     Stefan Fuchs
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Parasitärer Konsumwahn
Weitere Themen: Finanzkrisen, Demokratie, International

Abhängigkeit vom „parasitären Konsumwahn“ – wie ein griechisch-deutscher Philosoph 1998 die politischen Verhältnisse in Griechenland sah.

„Wenn das Griechentum als eine differenzierte Identität überleben will, so wäre das erste, was es tun müsste, zu produzieren, was es verbraucht. Ich meine keineswegs eine wirtschaftliche Autarkie im alten Sinne, sondern die Unabhängigkeit von der Politik und Praxis des parasitären Konsumwahns. Ein lebensfähiges kollektives Subjekt muss zumindest so viel exportieren, wie es importiert […]. Unabwendbar sind sonst der Sturz in die niederen Stufen der internationalen Arbeitsteilung, die Überschuldung und die politisch-militärische Abhängigkeit. In den letzten Jahrzehnten schritt das Griechentum schnell in diese Richtung voran.“

Mit diesen Worten analysierte der Philosoph Panajotis Kondylis 1998 die politischen Verhältnisse in Griechenland in einem Interview mit einer griechischen Kulturzeitschrift. Kondylis lebte seit seiner Studienzeit in Deutschland; für seine ebenso gelehrte wie unkonventionelle Ideengeschichtsschreibung erhielt er 1991 die Goethe-Medaille und 1994 den Humboldt-Forschungspreis. In seiner bekanntesten Monographie „Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus“ gab er der Aufklärungsepoche eine neue Deutung, in dem er den Sensualismus der Aufklärer des 18. Jahrhunderts aus der Abkehr vom cartesianischen Rationalismus heraus erklärte. In den 1990er Jahren trat Kondylis als Zeitdiagnostiker hervor: Im Gegensatz zu fortschrittsoptimistischen Prognosen vom „Ende der Geschichte“ nach dem Siegeszug der liberalen Demokratie betonte er die fortdauernde Gefahr kriegerischer Konflikte, in einer nach dem Zerfall des kommunistischen Blockes stärker als zuvor fragmentierten Staatenwelt. Mit seiner Sichtweise war er zwar ein Außenseiter, der aber in der Frankfurter Allgemeine Zeitung immer wieder ein Forum für seine streitbaren Stellungnahmen fand.

Eine größere Wirksamkeit von Kondylis verhinderte sein relativ früher Tod 1998, nachdem er etwas in Vergessenheit geriet. Aus dieser versucht sein Denken nun die „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ hervorzuholen, die ihm den Schwerpunkt ihrer jüngsten Ausgabe (3/2012) widmet. Neben anderen Beiträgen findet sich darin das erstmals ins Deutsche übersetzte Interview „Die Geschichte lauert – Sozialontologie, Macht und die Zukunft des Griechentums“, aus dem die zitierten Sätze stammen. In diesem Interview erläutert er zunächst Grundannahmen- und Begriffe seines Denkens, das er auf auf die ideologiekritischen Analysen von Marx und Mannheim bezieht. Über die Bedeutung der Menschenrechte für die Politik der westlichen Staaten kommt das Interview auf die Balkan-Kriege der 1990er Jahre und im Folgenden auf die Lage Griechenlands nach dem Zerfall Jugoslawiens zu sprechen. In dieser Zeit sahen nicht offenbar nicht wenige Griechen in einer „Kultur der Gemeinden“, die sich an Strukturen im Osmanischen Reich anlehnen sollte, eine erstrebenswerte politische Ordnung. Demgegenüber warnte Kondylis vor Retro-Utopien: „Die nostalgische Verklärung solcher Institutionen wäre ein großer Irrtum“, viel zu oft seien diese von Patriarchalismus und Willkür geprägt gewesen. Den Rückgriff auf historische „Idyllen und Mythologien“ hielt Kondylis für ein Zeichen von Rückständigkeit und Schwäche.

Er forderte stattdessen eine „Modernisierung“, die den „erfolgreichen Wettbewerb mit anderen Nationen“ ermögliche und damit jenes „Selbstbewusstsein“ verleihe, dass  populistischen Grecozentrismus“ ebenso überflüssig mache wie wie „kosmopolitische Nachahmerei“. Dies erfordere eine „tapfere Produktionsbemühung, fortgeschrittene technisches Wissen und eine radikale institutionelle Sanierung sowie ein Bildungssystem von ganz anderem Niveau“. Ein zentrales Hindernis für einen solchen Wirtschaftaufschwung, sah Kondylis in den „negativen demographischen Entwicklungen“, die Griechenland gegenüber Albanien und vor allem der Türkei schwächen würden. „Aber darüber hinaus“ – so fuhr Kondylis fort –würde „sogar eine – nach meinem Empfinden unwahrscheinliche – interne Neugestaltung des Landes, sowohl gemäß den Erfordernissen der heutigen Welt als auch gemäß seiner kulturellen Besonderheit, keine ausreichende Garantie für seine Integrität und sein Überleben sein, wenn das internationale Umfeld absolut ungünstig ist. Wir wissen nicht, welche Zukunft und welche Form die europäische Vereinigung haben wird, genauso wie wir nicht wissen, ob Griechenland für ein vereintes Europa ein unentbehrlicher Teil oder eine noch zu verhandelnde Provinz ist“. Jahre bevor Griechenland der Eurozone beitreten durfte, kam Kondylis zu einer ernüchternden Prognose: „Wenn wir die heute herrschenden Tendenzen in die Zukunft hinein verlängern würden, dann würde die Zukunft gewiss nicht rosig aussehen, zumal sich das strategische und politische Denken in Griechenland, das heißt das Bewusstsein der eigentlichen Probleme, noch im embryonalen Zustand befindet.“

 




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