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23.05.2013
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     Mareike Enghusen
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Für mehr Aufrichtigkeit in der Debatte um den Mohammed-Film
Weitere Themen: Nahost-Konflikt

Viele Kommentatoren im Westen verdammen das islamfeindliche Video aus den USA als Auslöser der Gewaltausbrüche in der islamischen Welt, manche wollen seine Vorführung verbieten. Das geht am Kern des Problems vorbei.

Ein dubioser US-amerikanischer Filmemacher veralbert Mohammad in einer Low-Budget-Produktion, nun brennt die islamische Welt: Mindestens 19 Menschen sind bisher bei gewaltsamen Protesten gegen den Film ums Leben gekommen, darunter vier US-Diplomaten im libyschen Bengasi. Im Sudan wurde erstmals auch die deutsche Botschaft angegriffen. Auf der Suche nach der passenden Antwort tut sich der Westen schwer. Etwas mehr Aufrichtigkeit in der öffentlichen Debatte könnte helfen.

Kaum stürmten Demonstranten die Straßen der islamischen Welt, beeilte sich die Botschaft der USA in Kairo, „die fortlaufenden Versuche fehlgeleiteter Individuen, die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen“, zu verurteilen. „Widerlich und verwerflich“ nannte US-Außenministerin Hillary Clinton den Streifen, der Mohammed als triebgesteuerten Trottel zeigt. Ihr deutscher Amtskollege Guido Westerwelle pflichtete ihr bei – und äußerte Verständnis für die Proteste: „Ich verstehe die Empörung in der islamischen Welt über dieses antiislamische Hassvideo. Ich verurteile dieses schändliche Video.“ Im Hinblick auf den geplanten Deutschlandbesuch des radikalen US-Pastors Terry Jones, der an dem Film beteiligt gewesen sein soll, verkündete Westerwelle: „Bei uns wird nicht über andere Kulturen und über andere Religionen hergezogen. Jedenfalls nicht ohne Konsequenzen.“ Die deutschen Justizbehörden würden alles tun, „damit hier kein falscher Eindruck in die Welt gesendet wird“.

Genau das aber passiert, wenn US-amerikanische und deutsche Regierungsvertreter sich so angestrengt von dem Video distanzieren. Es ist faktisch völlig uninteressant, ob der Film Frau Clinton oder gar Herrn Westerwelle gefällt: Sie haben nichts damit zu tun. Indem sie sich ohne Grund in die Defensive begeben, erwecken sie jedoch den gegenteiligen Eindruck: als müssten sie sich rechtfertigen, womöglich entschuldigen. Da ist es nur konsequent, dass Irans Staatsoberhaupt Ali Chamenei folgert: „Wenn amerikanische Politiker es ehrlich meinen mit ihrer Behauptung, nichts mit diesem Film zu tun zu haben, dann müssen sie diejenigen bestrafen, die für dieses schwere, abstoßende Verbrechen verantwortlich sind.“ (Die regierungsnahe iranische Nachrichtenagentur Fars hat übrigens „als Antwort auf den beleidigenden Film“ eine Reihe von klassisch antisemitischen Karikaturen veröffentlicht. Die internationalen Verurteilungen und Proteste lassen bisher auf sich warten.) 

Überzeugender und allemal ehrlicher wäre es, würde die US-Regierung die Lage ohne Verdruckstheit beschreiben, wie sie ist: Der Film unterliegt nicht ihrer Verantwortung, weil die US-amerikanische Verfassung Presse- und Meinungsfreiheit garantiert, und diese Errungenschaften sind eine Stärke, keine Schwäche. Zudem ist die Fokussierung auf den Film unangebracht: Denn keine Beleidigung der Welt rechtfertigt das Töten von Menschen.

Auch hierzulande finden sich einige Unaufrichtigkeiten in der öffentlichen Debatte. Nehmen wir die Aussage Westerwelles: „Bei uns wird nicht über andere Kulturen und über andere Religionen hergezogen. Jedenfalls nicht ohne Konsequenzen.“ Falsch: Über das Christentum wird regelmäßig und durchaus „ohne Konsequenzen“ hergezogen. Das Satire-Magazin Titanic darf den Papst auf seinem Cover als inkontinent darstellen, und MTV darf ihn in seiner animierten Serie „Popetown“ lächerlich machen. Zwar versuchte die katholische Kirche, gegen beide Produktionen rechtlich vorzugehen, hatte aber damit – zu Recht – keinen Erfolg. Im Streit um „Popetown“ urteilte das Landgericht München, um beleidigend zu sein, sei die Serie schlichtweg „zu dumm“.

Dieses Urteil gilt für den Mohammad-Film allemal. Dennoch scheint für viele Kommentatoren hierzulande keine Provokation „zu dumm“, um sie als Grund für gewaltsame Proteste von Muslimen zu akzeptieren. Dies ist eine weit ernsthaftere Beleidigung für Muslime als der alberne Youtube-Clip.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, warnte in der ARD vor Straßenschlachten, sollte der Film öffentlich in Deutschland gezeigt werden. Damit mag er Recht haben. Bedenklich ist jedoch die Konsequenz, die er daraus zieht: Um Gewalt zu verhindern, müsse die öffentliche Vorführung des Films verboten werden. Die leicht erregbaren Muslime, so scheint es, müssen vor sich selbst geschützt werden – als wäre die Kausalkette „anti-islamischer Film – muslimische Gewalt“ eine Art Naturgesetz. Wohin aber soll das führen? Vielleicht fühlen sich manche Islamfeinde angespornt, weitere beleidigende Filme zu drehen, Bilder zu malen oder was auch immer zur Provokation gereicht. Und dann? Soll man in der Zukunft jegliche Quelle möglicher „Provokation“ unterdrücken, damit es nur keine „Straßenschlachten“ gibt? Damit gäbe man denjenigen, die Gewalt anwenden oder auch nur androhen, die Entscheidungsmacht darüber, was gesagt und gedruckt werden darf und was nicht. Das langfristige Ziel in diesem Konflikt kann doch nicht sein, jegliche Quelle möglicher Beleidigung auszuschalten. Das Ziel sollte sein, dass Muslime die Beleidigungen ihrer Religion nicht mit Gewalt erwidern.

Die gute Nachricht: Die große Mehrheit tut das schon heute. Beispiel Ägypten, ein Land von 80 Millionen Einwohnern: Wenn dort ein paar tausend Demonstranten US-Fahnen anzünden, sorgt das für eindrucksvolle Pressebilder, sollte aber nicht vergessen machen, dass Millionen muslimischer Ägypter zu Hause geblieben sind. Beispiel Libyen: Nach dem Angriff auf die US-Botschaft hielten dort friedliche Demonstranten Schilder mit folgender Botschaft in die Kameras: „Entschuldigung, amerikanisches Volk, dies ist nicht das Verhalten unseres Islams und unseres Propheten“. Und auch der Blog „muslimrage“ ist ein ermutigendes Beispiel: Einige Muslime ärgerten sich über einen ihrer Meinung nach klischeehaften Titelartikel des US-Magazins Newsweek über die „muslimische Wut“ („Muslim Rage“). Als Antwort veralbern sie nun den Titel, indem sie auf ihrem gleichnamigen Blog Fotos ihrer wütenden Gesichter hochladen und den Anlass ihrer „Wut“ erläutern, etwa: „Meine Nachmittags-Zitronentorte war heute nicht so lecker wie sonst.“

Das zeigt: Es geht auch anders. Und warum auch nicht? Zu behaupten, Muslime müssten auf Beleidigungen gewalttätig reagieren, das müsse man doch verstehen, soll Sensibilität für fremde Kulturen ausdrücken. Es offenbart aber einen latenten Rassismus: Die sind eben so, die können nicht anders. Menschen anderer Kulturen auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet aber, sie als mündige Individuen zu betrachten, die für ihre Taten verantwortlich sind – und eben nicht als „Opfer“ westlicher Provokateure oder ihrer eigenen angeblichen Irrationalität.

 




Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Ellen, 21.09.2012 13:50
Ausgezeichneter Beitrag, danke Frau Enghusen!

jens, 19.09.2012 22:04
es geht nicht um koran oder bibel, liebe oder hass, recht und unrecht - all das lassen wir uns gern einreden. ohne jetzt alles auf den kopf zustellen, irgendwer hat mir gesagt und gelehrt das 1+1 gleich zwei und eine tomate immer rot ist, doch dessen bin ich mir nicht mehr so sicher.

die schwäche einzelner bestimmen mehr unsere wahrnehmung in den medien und veranlassen uns unsere niederen instinkte auszuleben, als sie zu bekämpfen, weil 1+1 gleich zwei ist.

danke mareike für diese tolle illusion!!!



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