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22.05.2013
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     Birgit Kelle
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Paranormal
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Am Sonntag sind die Paralympics in London zu Ende gegangen. Während die Spiele so erfolgreich waren wie noch nie, arbeitet man in Deutschland daran, das Leben von Behinderten zu beenden.

Es waren schöne Paralympics-Spiele in London. Die Zuschauerbeteiligung war so hoch wie nie zuvor. Die Tickets nahezu restlos ausverkauft. Deutsche Medien berichteten über zahlreiche Sportler, die uns gesunde Menschen beschämen müssen angesichts ihrer Energie, ihres Lebensmutes und ihrer für uns oft unvorstellbaren Leistung. Zu sehr sind wir gefangen in unserer eingeschränkten Vorstellungskraft, als dass wir realisieren, dass man auch ohne Augenlicht Radrennen fahren oder ohne Beine Basketball spielen kann. Vielleicht werden die Paralympics in einigen Jahren endlich auch gemeinsam mit den „normalen“ Olympischen Spielen stattfinden und vielleicht wird damit das Konzept der „Inklusion“, das so Vielen ein Fremdwort ist, endlich komplett umgesetzt. Inklusion bedeutet, dass wir Menschen mit Behinderungen nicht besonders behandeln, sondern ganz normal als Menschen wie du und ich im Alltag einschließen. Nicht durch Sonderbehandlung, die oft faktisch in Ausgrenzung endet, sondern gleichberechtigt, auf Augenhöhe, auch wenn sie blind sind, langsamer laufen oder gar denken als wir. Denn es ist keine großmütige Tat oder Nächstenliebe von uns Gesunden, wenn wir uns freundlicher Weise darum bemühen, dass Menschen mit Behinderungen genauso am öffentlichen Leben teilnehmen können, wie wir. Es ist eher ein bisheriges Versäumnis, dass wir ihnen nicht schon längst zu den Rechten verholfen haben, die sie genau wie wir gleichberechtigt und selbstverständlich besitzen. Lippenbekenntnisse reichen hier nicht aus, man muss es auch in die Tat umsetzen.

Wann ist der Mensch Mensch?

Wer bei der Eröffnungsfeier der, nennen wir sie gesunden, Olympischen Spiele vor einigen Wochen aufmerksam mitschaute, konnte entdecken, dass man in London bereits damit begonnen hatte, das Konzept Inklusion zum Leben zu erwecken. Offenbar nimmt man in Großbritannien ernst, dass man als Land, wie Deutschland und über 100 weitere Staaten auch, die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat. Ganz selbstverständlich „liefen“ dort Rollstuhlfahrer in der Eröffnungsshow mit. Da tanzte eine Rollstuhlfahrerin vor 80.000 Zuschauern ausgelassen mitten auf der Bühne in ihrem Stuhl, einfach mittendrin unter den anderen jungen Menschen. Da sang ein Gehörlosenchor die Nationalhymne des Empire. Ja, Menschen die sich selbst nicht hören konnten, sangen dort für die Welt, für uns. Die deutschen Kommentatoren waren leider zu beschäftigt damit, von ihren eigenen Gefühlen überwältigt zu sein, als dass sie den Programmpunkt in der gigantischen Show erläuterten. Die englischen Stadionsprecher haben es aber mitgeteilt. Der Gesang war so perfekt, dass man nicht hätte unterscheiden können, ob hier Menschen mit oder ohne Handicap auftreten.

Warum ich das alles erzähle? Weil wir in Bezug auf Menschen mit Behinderungen immer noch schizophren handeln in Deutschland. Denn während man in London die Paralympics feierte, wurde in Baden-Württemberg ein medizinischer Bluttest auf den Markt entlassen, der behinderte Menschen vor der Geburt aufstöbern soll im Mutterleib, mit der einzigen Folge, dass sie in den allermeisten Fällen abgetrieben werden. Kaum jemand nimmt Notiz davon. Wir reden hier nicht von einer neuen Therapie, oder fortschrittlichen Behandlungsmöglichkeiten. Der Bluttest der Firma Lifecodexx ist nur dazu geeignet, Trisomie 21, also das Down-Syndrom, zu ermitteln, nicht um jemanden zu heilen oder zu therapieren. Genau genommen gefährdet der neue Bluttest sogar das Leben der Kinder, denn in der Regel bezahlen sie genau damit. Forderungen nach einem Verbot dieses Tests weil er illegal ist, gegen die Menschenwürde verstößt und nichts weiter bedeutet, als eine vorgeburtliche Selektion von behinderten Menschen, verhallen ohne politische Reaktion. Es ist bei uns Alltag, dass Behindertenpolitik im Wesentlichen eine Vermeidungsstrategie eingeschlagen hat.

Was unweigerlich die Frage nach sich zieht: Wie rechtfertigen wir, dass wir einerseits Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen volle Rechte zugestehen und uns verpflichten, sie in unserem Alltag nicht auszuschließen, andererseits aber daran arbeiten, dass möglichst wenige von ihnen das Licht der Welt erblicken? Greift der Rechte-Katalog erst mit der Geburt? Wie wird die Gesellschaft mit uns umgehen, wenn wir zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall in die Situation kommen selbst behindert zu sein und dann eine Lebensform darstellen, die manche als vermeidbaren Fehler der Natur betrachten?
Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass die Diagnose „Behinderung“ gleich welcher Art als legitimer Abtreibungsgrund gilt. Nicht weil es für die Kinder das Beste ist, sondern weil wir die Eltern, vor allem die Mutter hier entscheiden lassen, ob dies Kind nicht eine zu große Zumutung für sie ist. Sind dann also erwachsene Menschen mit Behinderung auch nur eine Zumutung für die Gesellschaft? Wir akzeptieren also, dass der Elternwille sogar über das Leben des Kindes entscheiden darf. Wer sich heute noch in Deutschland für den uneingeschränkten Lebensschutz einsetzt, der nicht erst am anderen Ende des Geburtskanals beginnt, findet sich schnell mal öffentlich in der religiös-fanatischen Ecke wieder. Auch wenn man nebenbei bemerkt nur dafür kämpft, dass unser bestehendes Strafrecht eingehalten wird. Eigentlich eine Staatsaufgabe und dazu auch noch eine Selbstverständlichkeit.

Vorhaut nein, Leben ja!

Wo sind hier all die Vorhautkämpfer, die sich derzeit in der deutschen Medienlandschaft für die unversehrten Geschlechtsorgane junger Männer einsetzen? Sie argumentieren explizit, dass der Elternwille nicht höher bewertet werden darf, als die körperliche Unversehrtheit der Kinder. Wenn ein Stück Haut sie so in Aufregung versetzt, warum dann nicht das Leben eines Kindes? Nicht einmal bei gesunden Kindern, die warum auch immer unerwünscht sind, regen sich irgendwelche Gefühle, geschweige denn, wenn es um behinderte Kinder geht. Es entlarvt den angeblichen Kampf für Kinderrechte als Kampf gegen den Einfluss von Religion auf eine säkulare Gesellschaft. Seltsamer Weise stehen die gleichen agilen Protagonisten beim Lebensschutz aber plötzlich auf der anderen Seite. Denn dort kämpfen dann die angeblich religiös Vernebelten ja für die Kinder und die Atheisten in der Regel plötzlich dagegen. Nur das diesmal die Juden und die Muslime dran sind, an den Christen hat man sich ja schon erfolgreich abgearbeitet.

Man muss sich schon entscheiden, ob man nun Kinder schützen will – notfalls auch vor den eigenen Eltern – oder nicht. Vorhaut ja, Leben nein ist halbherzig und heuchlerisch. Wenn schon Kinderrechte auch ins Grundgesetz und bei der UN, dann dort aber auch bitte das Recht auf Leben verankern, was bislang versäumt, um nicht zu sagen, absichtlich ausgespart wurde. Es wäre das einzige Recht, das man derzeit explizit wirklich hervorheben müsste. Weil alle anderen Menschenrechte selbstverständlich sowieso auch für Kinder gelten und keinen weiteren Schutz benötigen – und weil es das einzige Recht ist, das bei Kindern massiv und weltweit mit Füßen getreten wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de




Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

Ulrike, 16.09.2012 21:09
Wieviele Millionen Kinder mehr würden heute in Deutschland leben, wäre die Abtreibung verboten?

Freigeist, 15.09.2012 03:04
Es wird so kommen, dass man sich das Erbgut der Eltern anschauen wird um dann auf Trosomie 21 zu schließen. Verantwortliche Paare werden dann durch Verhütung eine Schwangerschaft ausschließen. Dann hat man eine leidige Diskussion weniger.

Petra, 14.09.2012 20:27
Es entwickelt sich immer mehr eine Kultur des Todes in Deutschland!


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