suchen
21.05.2013
Einloggen | Registrieren
 
 
 
     Martin Kastler
Zur Person und Archiv      Email an diesen Blogger schreiben

Offenheit darf nicht zur Beliebigkeit verkommen!
Weitere Themen: Allgemein, Reformen

Der aktuelle Programmprozess der Europäischen Volkspartei („European Peoples Party“) zeigt exemplarisch auf, woran es der Europa-Politik mangelt: Transparenz und Bekenntnis.

Mitten in der größten Krise der Europäischen Union gibt sich die größte politische Kraft im Europäischen Parlament ein neues Programm – weitgehend abgeschieden von der Öffentlichkeit. Bereits der Entwurf entstand in kleiner Runde. Nachdem die nationalen Mitgliedsparteien über die politisch ruhigen Sommermonate ihre Änderungsanträge eingebracht haben, erarbeitet in diesen Tagen eine Koordinierungsrunde in der Brüsseler EVP-Zentrale eine vorerst letzte Version des Programms, das im Oktober beim Kongress der EVP in Bukarest verabschiedet werden soll.

Wohl kaum plakativer ließe sich das Demokratie-Defizit illustrieren, das der Europa-Politik insgesamt vorgehalten wird – nicht zuletzt durch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in seinem Urteil zum Lissabon-Vertrag. Wie soll Europa ein Europa der Bürger werden, wenn der Entwurf des gemeinsamen Programms von einigen wenigen Funktionären in den Parteizentralen diskutiert und „beschlussfertig“ vorgelegt wird? Welche politische Kraft – wenn nicht die bürgerlichen Parteien – tritt noch dafür ein, dass der einzelne Bürger in der Europapolitik nicht nur behandeltes Objekt, sondern auch handelndes Subjekt ist? Eine gemeinsame politische Öffentlichkeit, wie sie das Verfassungsgericht zur Voraussetzung für eine eigene demokratische Legitimation der Europa-Politik gemacht hat, kann so nicht entstehen.

Parteiprogramme erfüllen durch ihre Schriftlichkeit die spezifische Funktion, ein höheres Maß an Fixierung und Verbindlichkeit der Politik zu erreichen. Fixierung schafft Transparenz, Verbindlichkeit schafft Vertrauen – genau daran mangelt es in der aktuellen Krise der Europa-Politik. Die Gelegenheit der Erarbeitung eines gemeinsamen Programmentwurfs der bürgerlichen Parteien in Europa muss vor diesem Hintergrund für einen intensiven Dialog zwischen Bürger und Politik genutzt werden. Einen offenen und öffentlichen Prozess – bewusst oder unbewusst – auszulassen, wird dem ohnehin schwach ausgeprägten Vertrauen in die politische Klasse Europas weiter abträglich sein. Angesichts des auf „Berufseuropäer“ beschränkten Kreises an Beratern und Autoren des neuen Programmentwurfs drängt sich der Eindruck auf, man scheue die Öffentlichkeit in der Krise. Dabei besteht keine Eile. Die Vorgabe, das Programm im Oktober zu beschließen, hat sich die EVP selbst auferlegt. Dabei gilt es abzuwägen: Ein älteres, aber gutes Programm ist immer noch besser als ein jüngeres, dessen Aussagekraft jedoch beschränkt ist.

Hinzu kommt: Was einmal gemeinsam auf europäischer Ebene beschlossen worden ist, wird für das nächste Grundsatzprogramm auf nationaler Ebene als gesetzt angesehen. Bereits seit Jahren werden christliche Positionen über die internationale Bande der EU und der UN ausgehöhlt. Diesbezüglich bietet auch der aktuelle Entwurf des EVP-Programms Anlass zur Sorge. Die verbale Abgrenzung zu anderen politischen Strömungen wie dem Sozialismus, der radikalen Öko-Bewegung, dem Nationalismus oder dem Ultra-Liberalismus gelingt zwar. Doch die EVP muss auch sagen, wofür unter den aktuellen Bedingungen eine christliche, bürgerliche Volkspartei steht. Hier bietet der Programmentwurf eher Anlass zur Sorge denn zur Hoffnung. Verschiedene Passagen sind so unverbindlich formuliert, dass sie – ob bewusst oder unbewusst – Einfallstore bieten für diejenigen politischen Kräfte, die eine Nivellierung zentraler Inhalte der christlichen Demokratie in Europa zum Ziel haben. Nicht Randthemen, sondern zentrale Bereiche der EVP-Programmatik sind davon betroffen– Bioethik, Ehe und Familie, Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln Europas und der christlichen Demokratie, Rechte der Kirchen und Christenverfolgung.

Die bürgerlichen Parteien in Europa, allen voran CDU und CSU, verweisen immer wieder mit Stolz auf ihre führende Rolle beim Bau des Hauses Europa. Ihr Erfolg lag darin, dass sie eine Vision hatten von einem Europa, das die Welt mit seinen Werten bereichern sollte. Offenheit für neue Entwicklungen ist notwendig und richtig – aber sie darf nicht zu Beliebigkeit verkommen. Nur eine EVP, die Profil hat, wird die Menschen dafür begeistern können, an der Vision eines starken gemeinsamen Europa für die Zukunft fest zu halten – und ein in den Krisen von heute handlungsfähiges Europa mit zu gestalten.




Kommentare (0)




 
  Kommentare (0)


Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 
Umfrage

Welche Rolle spielt heute noch Angela Merkels DDR-Vergangenheit?

Foto: Songkran/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0




Ergebnis




Spruch des Tages
"Alle Regierung beruht auf Meinung, und das gilt für die freieste und populärste Regierung ebenso wie für die despotischste und militärische." - David Hume

ANZEIGE

ANZEIGE

Interviews

Holger Krahmer Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll
Holger Krahmer
FDP MdEP

Dr. Reinhard Löffler Cohn Bendit ist kein Vorbild
Dr. Reinhard Löffler
CDU-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg

Bruno Bandulet »Nach der Bundestagswahl wird richtig geschröpft«
Bruno Bandulet
Journalist

John Allan Hattie Visible Learning
John Allan Hattie
Direktor des Melbourne Education Research Institute

Dominik Geppert »Eine extrem mutige und polarisierende Politikerin«
Dominik Geppert
Professor an der Universität Bonn

Mehr Interviews


Empfohlene Beiträge

CSU-Landesgruppe für EU-Referenden CSU-Landesgruppe für EU-Referenden

Lucke irritiert in Raab-Talkshow Lucke irritiert in Raab-Talkshow

Umfrage: Islam und Deutschland Umfrage: Islam und Deutschland

Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss

"EU-Referendum jetzt"  - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion "EU-Referendum jetzt" - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion


Empfohlene Blogs

author Dr. Gérard Bökenkamp
Steuerwettbewerb und Bürgerbeteiligung statt Einheitssteuersatz

author Vera Lengsfeld
Der Tatort als geistiger Brandstifter

author Dr. Klaus Peter Krause
Immer wieder und immer noch - das Bodenreformland

author Jürgen Liminski
Volkes Wille gegen Ideologen

author Wolfgang Röhl
Auf der Reeperbahn nachts um halb zwei. Zur Debatte über einen Achse-Beitrag von Akif Pirincci


Meist gelesen
    Berliner AfD im Chaos

    EU-Geheimdienste außer Kontrolle?

    Forscher: Merkel war DDR treu

    »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

    Vertrauen in Europa schwindet

Video

Beatrix von Storch zur Zypernkrise Beatrix von Storch zur Zypernkrise

Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty

Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch

Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion? Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion?

Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof


Galerien

Forum Familie 2013 in Berlin Forum Familie 2013 in Berlin

Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag

ESM-Diskussion vor 300 Gästen - Volles Haus gegen Schuldenunion ESM-Diskussion vor 300 Gästen  - Volles Haus gegen Schuldenunion


Reportage

»Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

Wie pädophil war Cohn-Bendits Pflasterstrand? (2) Wie pädophil war Cohn-Bendits Pflasterstrand? (2)

Wie pädophil war Cohn-Bendits Pflasterstrand? (1) Wie pädophil war Cohn-Bendits Pflasterstrand? (1)

Beatrix von Storch in Baden-Württemberg Beatrix von Storch in Baden-Württemberg

Willensbildung: Bürger, mischt euch ein! Willensbildung: Bürger, mischt euch ein!

Mehr Reportagen


Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Allgemein
Strom: Wechseln lohnt sich
Babyklappen vor dem Aus?
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Finanzkrisen
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Lucke: Griechenland soll raus aus Euro
Türkei nicht mehr Ramsch
Nahost-Konflikt
Lage in Nahost spitzt sich zu
Naht US-Einsatz in Syrien?
SPD will Girokonto für alle
DDR-Unrecht
Medikamententests auch im Stasi-Knast?
DDR verkaufte Patienten als Versuchskaninchen
Roland Jahn: Allen DDR-Opfern gedenken
Bildung
»Der Markt entscheidet nichts«
Guter Unterricht braucht Leidenschaft
Good Teaching demands on Passion
Innenpolitik
Schneller Jobs für Asylbewerber
EU-Handelskrieg mit China?
Armenier fordern Verbot türkischer Schulbücher
Reformen
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Türkei nicht mehr Ramsch
Sarko-Kopie François Hollande
Wirtschaftspolitik
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Ziel erreicht: Steuerlast in Frankreich bei 100%
Türkei nicht mehr Ramsch
Familie
Grüne wollen Missbrauch aufarbeiten
Erster Menschen-Klon
Familien in der Minderheit
Autoindustrie
SPD und Grüne für Tempolimit
Automarkt brummt nicht mehr
Absatzkrise läßt Daimler straucheln
Wahlen
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
Finanzamt als Zensurbehörde
BT-Wahl: Steinbrück optimistisch
Justiz
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
BGH urteilt gegen Google

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008