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26.05.2013
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     Birgit Kelle
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Zu Hause in der Ferne
Weitere Themen: Familie

Ich hätte eine Amerikanerin werden können, aber meine Urgroßeltern hatten Heimweh. Also verließen sie wieder die sonnigen Haine Floridas, die Orangenplantagen und das Meer, um zurückzukehren in einen kleinen Ort nach Rumänien.

In Deutschland zu Hause, aber die Wurzeln woanders. Es wird für mich nie das gleiche, selbstverständliche Gefühl sein, wie Kollege Alexander Wallasch seine Glücksgefühle bei Salzkartoffeln mit Petersilie auf dem Elbdampfer beschreibt, weil meine Kindheit nicht hier liegt. Obwohl ich zumindest die Sprache von Geburt an mit diesem Land teile. Obwohl ich inzwischen deutlich mehr Jahre hier in Deutschland verbracht habe, als in meinem Geburtsland. Und würde man mich nachts wecken und nach meiner Nationalität fragen, dann wäre ich deutsch – das war ich allerdings auch schon in Rumänien.

Immer mehr Menschen leben dauerhaft in Deutschland, stammen aber aus einem anderen Land, einer anderen Kultur. Ich glaube, die meisten fühlen sich hier zu Hause, sie wollen auch für immer bleiben, aber sie hatten mal eine andere Heimat, die sie in ihrem Leben nicht loslassen wird. Deutschland ist nun ihr Zuhause. Es drängt sich spontan die Frage auf, ob man wohl eine zweite Heimat haben kann, oder ist dies etwas, was es im Leben nur einmal gibt?

Zu Hause wählt man sich aus

Ich tendiere zu Letzterem. Ein neues Zuhause ist schnell gefunden, eine Heimat manchmal nur schwer ersetzt. Zu Hause – das wählt man sich aus, manchmal wird man auch in ein neues verschlagen. Manchmal sogar aus einem vertrieben. Man geht studieren, zieht beruflich weg, in ein neues Land, manchmal temporär, manchmal dauerhaft. Man kommt zurecht, man gewöhnt sich ein, lernt neue Menschen kennen, man lernt die Sprache. Herrlich altmodisch hieß es früher noch, man „wird heimisch“ – es ist also ein Prozess, der länger dauert. Zu Hause, das sind die Menschen, mit denen ich lebe, meine Familie, die ich liebe. Das Lieblingskissen auf dem Sofa, der Goldene Fisch von Paul Klee, der schon in vier Wohnungen hing. All das könnte ich auch in die Fremde mitnehmen und dort ein anderes, neues Zuhause schaffen.

So wie meine Urgroßeltern einst ihre Sachen packten und auszogen, um wie so viele andere in Amerika ihr Glück zu suchen. Bis es eine „zweite Heimat“ wird, muss wohl sehr viel Zeit verstreichen. Meine Urgroßeltern haben diesen Punkt nicht erreicht. Sie hatten Heimweh, sie wollten wieder in die Heimat, sie sind zurückgekehrt. Weil es nicht reicht, seine Liebsten um sich zu haben, man lässt einen Teil zurück. In der Heimat.

Ein bisschen ist es wie mit meinem angeheirateten Fußballklub, den mein Mann mit in die Ehe brachte. Es ist jetzt unser Verein, und unsere Kinder tragen die Trikots, was angesichts unserer Liga nicht selten ein heldenhafter Akt ist. Ich war schon oft im Stadion, ich hab mich heiser gebrüllt, als unser Stürmer Olli Kahn tunnelte, aber Arminia Bielefeld wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Und niemals werde ich mich im Stehblock hinterm Tor so zu Hause fühlen wie mein Mann. Für ihn ist dieser Verein ein Stück Heimat. Fußball gehört also offenbar auch dazu. So betrachtet, hatte ich bereits viele Zuhause, wir sind oft umgezogen – nur meine Heimat blieb immer am gleichen Ort.

Denn das ist ein anderes Gefühl. Der Gedanke an Heimat ist sehr mit kindlichen Erfahrungen verhaftet. Es ist diese unglaubliche Mischung aus Sprache, Landschaft, Aromen, Gerüchen, Essen und Klängen, an die wir uns von Kindheitstagen an gewöhnt haben. Die wir schon im Mutterleib erfahren haben und unbewusst aufsaugen. Heimat ist Selbstverständlichkeit. Eine Normalität, die man nicht hinterfragt und die einem oft erst bewusst wird, wenn sie in der Fremde fehlt. Heimat, das sind die Straßen, durch die unser Kinderwagen geschoben wurde und in denen wir uns später intuitiv auskennen, die gewohnten Gesichter, der Kleidungsstil, der alte Mann auf dem Markt, das Glockenläuten, Lieder. Man kann es nicht an einzelnen Faktoren festmachen, sie gehören alle zusammen und sie prägen uns, ob wir nun wollen oder nicht. Man kann sie leider nicht einfach mitnehmen an einen anderen Ort.

Ein Stück Heimat auf dem Teller

Geboren bin ich in Siebenbürgen, Rumänien. Wir gehörten einer von zwei deutschen Minderheiten im kommunistischen Land an. Als ich neun Jahre alt war, sind wir nach Deutschland ausgewandert. Nach Deutschland, das war das Ziel von allen in unserem Bekanntenkreis. Ich erinnere mich jetzt noch an die Gespräche der Erwachsenen, die Wortfetzen, die auch kleine Kinder begreifen. Warten, Genehmigungen, die nicht kommen und dann die Aufregung, wenn wieder einmal jemand im Freundeskreis endlich ausreisen durfte. Ja, wir waren doch Deutsche und Sie hätten mit der Aussage, dass wir ja eigentlich Rumänen sind, unsere Familie schwer beleidigen können, auch wenn es laut Pass völlig korrekt war. Deutsch ist unsere Muttersprache, ich habe die gleichen Kinderlieder gesungen wie die Kinder hier. Meine Großmutter ist eine geborene Müller und meine Freundin hatte den Nachnamen Schmidt. Ich habe „Heidi“ gelesen, sobald ich lesen konnte, die Märchen der Gebrüder Grimm und an Fasching ging ich mit meiner besten Freundin als Max und Moritz. Eine normale deutsche Kindheit, aber in einem anderen Land.

Wenn man in meiner Großfamilie fragt, würde man sehr unterschiedliche Antworten bekommen darüber, wo wir zu Hause sind. Wir sind viele und wir leben inzwischen alle in Deutschland, verstreut in verschiedenen Bundesländern und haben an unterschiedlichen Orten unser Zuhause gefunden. Auf die Frage nach der Heimat gäbe es aber vermutlich nur eine Antwort: Es ist immer noch dieser Ort in Siebenbürgen, in dem wir alle geboren sind.

Und doch, ein bisschen Heimat haben wir hier rüber gerettet. Besonders auffällig ist es bei der Generation meiner Großeltern, aber auch noch bei der meiner Eltern. Sie sprechen alle noch den alten Dialekt untereinander, den meine Generation noch versteht, aber nicht mehr – oder nur mit größter Mühe – spricht. Wenn meine Oma von „Zuhause“ redet, dann meint sie Siebenbürgen. Wenn wir als Großfamilie zusammenkommen, dann sind die opulenten Mahlzeiten ganz wichtig. Es muss genug da sein, auch das eine Erinnerung aus Rumänien, denn es war ja nicht immer genug von allem da. Geschmacklich gibt es bei den Mahlzeiten das eine wichtige Kriterium: Es muss wie früher schmecken. Das ist Güteklasse A. Wenn einer von uns im Urlaub in der alten Heimat war, bringt er von dort Lebensmittel mit. Den Schafskäse von den Bauern, den selbst gebrannten Schnaps, Polentamehl aus dem rumänischen Supermarkt oder löslichen Kaffee in Dosen – nicht weil es objektiv so besonders schmeckt, sondern einfach so wie früher. Denn das ist ein Stück Heimat hier auf dem Teller. Wie die Salzkartoffeln mit Petersilie von Herrn Wallasch – bei uns gab es die allerdings auch. Fast eine deutsch-deutsche Geschichte.

Damit sind wir nicht anders, als all die Deutschen, die sich anderswo auf der Welt, sei es den USA oder in Afrika, in Gemeinschaften als Auswanderer zusammenfinden. Man bildet Bündnisse in der Fremde – nur dass wir Deutsche unter Deutschen sind. Und wir sind wie alle Chinesen, Italiener oder Türken, die ihr Glück in einem anderen Land suchen. Man tut sich zusammen in China Town, Little Italy und in Kreuzberg und hört die Musik von früher, kocht das Essen wie früher, erzählt Geschichten von damals. Man schleppt sein Stück Heimat mit sich rum. Unvergessen ist mir das Schild mitten im Urwald von Costa Rica: „Gulasch mit sauren Gurken“ in korrekter deutscher Schreibweise. Der Restaurantbesitzer entpuppt sich als Deutscher, der schon 20 Jahre dort lebt, aber seine Gurken immer noch selbst nach Omas Rezept einlegt. Oder „Dr. Bergs German Restaurant“ an der Westküste Floridas. Ein Zahnarzt aus Karlsruhe, der die Deutschen, die dort leben, mit Jakobs Krönung, Hefeweizen und panierten Schnitzeln versorgt. Und selbst wenn man aus schwierigen politischen Systemen stammt und viel Leid ertragen hat, so gibt es doch überall schöne Erinnerungen an die frühere Heimat. Es erinnert mich immer ein bisschen an diese DDR-Nostalgie und die „es war ja nicht alles schlecht“-Geschichten. Es war eben Heimat, Kindheit, unvergessen und ja – trotz allem und obwohl man dort weg wollte, nicht alles schlecht.

Schon sehr lange in Deutschland zu Hause

Ich war nun schon 25 Jahre nicht mehr in meiner Heimat und ich will auch nicht mehr hin. So viel hat sich seither geändert, ich will die Kindheitsperspektive behalten. Meine Heimat fehlt mir nicht mehr, ich hab sie einfach in guter Erinnerung. Ja, in den ersten Jahren in Deutschland, da habe ich meine Schulfreunde beneidet. Darum, dass sie sich schon so lange kennen. Dass sie hier schon immer gewohnt haben. Banal, aber es war eben etwas, was ich nicht hatte.

Heute gibt es keine Wehmut, nur eine Vergangenheit, die aber Teil von mir ist. Bis heute verstehe ich viel der rumänischen Sprache, obwohl ich es nie wirklich gelernt habe als Kind. Ich hab es offenbar einfach mit auf den Weg bekommen. Aufgesogen. Erinnerungen an die staubigen Straßen, auf denen Pferdemist lag, weil es mehr Fuhrwerke als Autos gab. Das grüne Fahrrad mit den roten Reifen. Der große Hof mit den Weintrauben, die mein Vater und mein Großvater auf Drähten daran hochzogen. Das große Hoftor, die Straße zum Friedhof, wo immer noch das Schild „Ort der Ruhe“ hängt, das mein Großvater gemalt hat. Opa Hans, wie er braungebrannt in der Sonne sitzt und Ziehharmonika spielt zu selbst komponierten, lustigen Texten. Kinderlachen. Meine Cousinen, die alle in meiner Straße wohnten und alle in meiner Schulbank saßen. Die Trachtengruppe, die auf der Straße tanzt, unser Dackel „Blacky“. Der Nussstrudel, das Spanferkel, die Kümmelsuppe meiner Mutter, wenn wir Bauchschmerzen hatten. Es ist meine kindliche Idylle, ich wusste nichts von Politik, dafür war ich zu jung. Mir hat nichts gefehlt. Ich möchte es so in Erinnerung behalten. Und jedes Mal, wenn sich ein Sommergewitter entlädt und dieser typische Geruch aufsteigt, wenn heißer, staubiger Asphalt dampft, dann bin ich wieder dieses kleine Mädchen, das in der alten Straße steht, in dem Ort hinter den schwarzen Wäldern. Das ist meine Heimat, aber ich bin schon sehr lange in Deutschland zu Hause.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de




Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

nebukadnezarin, 08.10.2012 16:36
in einer Heimat wo das Wort Heimat schon als rechtsradikal gebranntmarkt wird, ist solch ein Artikel eine Blumenwiese für die Seele

Rousseau, 01.09.2012 18:43
Was Frau Kelle beschreibt, definiert anschaulich Heimat von Zuhause. Das ist in der Tat unabhängig davon, welche Zustände in einem Heimatort herrschen. Es geht ihr m.E. erkennbar nicht um Politik, sondern um das, was Heimat subjektiv ausmacht - und das hat sie wunderbar dargestellt. Erneut ein Beitrag zum Genießen, und inzwischen dürfte es schon eine kleine Fangemeinde geben, die die versierten Aufsätze dieser ertklassigen Autorin genießen.

Crono, 31.08.2012 22:10
Frau Kelle!
Wunderbar!!! Herzlichen Dank.



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