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24.05.2013
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     Birgit Kelle
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Jung, vernetzt, uninformiert
Weitere Themen: Bildung, Familie

Jugendliche haben keine Ahnung vom politischen Tagesgeschehen. Das Internet nutzen sie zur Kommunikation, nicht zur Information. Es fehlt an einer Anleitung. Interesse muss man fördern.

Man weiß ja angesichts der Studienergebnisse der TU Dresden nicht genau, was eigentlich schlimmer ist: dass sich nur sieben Prozent der Jugendlichen aktiv darum bemühen, das Tagesgeschehen in der Gesellschaft zu erfassen – oder dass es selbst bei den Erwachsenen nur 25 Prozent tun. Diese dürfen schließlich wählen, sollten informiert sein, über das, was im eigenen Land und in der Welt vor sich geht.

Noch nie zuvor hat die Menschheit in einem Zeitalter gelebt, in dem man derart einfach an Informationen heran kommt. Zeitung, Fernsehen, Internet – wer will, hat alles bereit liegen. Die Crux liegt also schon lange nicht mehr im Zugang, sondern in der unüberschaubaren Masse. Selbst für Erwachsene ist es nicht einfach, sich aus der Fülle der sinnlosen und wertlosen Nachrichten, Wesentliches heraus zu filtern, oder gar Meinung von Nachricht zu trennen. Facebook-Postings und Twitternachrichten bieten nur Häppchen, Ausschnitte, aber in der Regel keine Hintergrundinformationen. Wer keine Neugierde und ein gewisses Durchhaltevermögen aufweisen kann, ist verloren. Selbst die meisten Erwachsenen haben offenbar bereits kapituliert; was können wir also von den nächsten Generationen erhoffen?

Interesse muss man fördern

Die Forscher der TU Dresden glauben, es fehle den Jugendlichen an Interesse. Dem wage ich zu widersprechen. Interesse muss man wecken, fördern, befüttern. Sie müssen es lernen, wie alles andere auch. Man muss Kinder begeistern, ihnen klar machen, was es mit ihnen persönlich zu tun hat. Dann bekommt man ihre volle Aufmerksamkeit. Wer tut das? Das alleinige Vorhandensein von Informationen und der Zugang zum Internet sind dafür nicht ausreichend und im Grunde gibt es nur zwei Faktoren, die ausschlaggebend sein können: Die Eltern und die Schule.

Gefühlt mehrere hundert SMS verschickt unsere 13-jährige Tochter täglich, sie hat ein Facebookprofil und ist regelmäßig online. Informationen sammelt sie dort viel, allerdings nur zu den neuesten Videos ihrer Lieblingssänger, das Netz nutzt sie zur Kommunikation mit ihren Freunden. Der Informationswert der Unterhaltungen auf ihrer Facebook-Seite tendiert gegen Null. Was sie über die Welt weiß, erfährt sie von uns als Eltern, durch die Nachrichten im Fernsehen, die sie mit uns sehen darf und vor allem durch die Diskussionen die an unserem Esstisch oft hoch hergehen. Auf die Schule verlassen wir uns nicht. Noch nie haben wir als Eltern erlebt, dass sie berichten konnte, dass das politische Tagesgeschehen dort auch nur zur Sprache kam. Im Politikunterricht war vergangenes Jahr die Hälfte des Unterrichts belegt mit dem Thema „Werbung ist schlecht“. Wir haben Wochen gebraucht, um ihr klar zu machen, dass auch ihr Handy von dem Geld bezahlt wurde, das ihre Eltern dank Berufstätigkeit in der Medienbranche durch Werbung verdient haben. Sie so übel allein also nicht sein kann. Differenzierung stand leider nicht auf dem Lehrplan.

Eine Bundestagswahl, eine Kommunalwahl, eine Landtagswahl, eine Auflösung des Landtages und ein Rücktritt eines Bundespräsidenten, ohne dass ihr Politikunterricht davon Notiz genommen hat, obwohl er Montagmorgen auf dem Stundenplan stand. Meine Nachfrage beim Fachlehrer ergab die Auskunft, dass das ja zu kompliziert sei für die Kinder, allein das ganze Wahlsystem, das würden sie erst in der Oberstufe begreifen. Man lässt sie also von Klasse 1 an einen Klassensprecher wählen, aber das Wahlsystem verstehen sie angeblich nicht. Aktualität ist im Stundenplan nicht vorgesehen.

Als die Marssonde „Curiosity“ vergangene Woche endlich ihr Ziel erreichte, stellte unser 10-Jähriger die nicht unwesentliche Frage: „Wieso ist das eigentlich interessant?“ Die Aufregung um diese Bilder war ihm suspekt. Es entspann sich eine Diskussion über die Weite des Universums, die Frage nach anderem Leben auf anderen Planeten. Ob wir auf dem Mars wohnen könnten? Ob man eine Kuppel bauen könnte und wie lang es wohl noch dauert, bis wir als Menschen dort hochfliegen können? Da war er wieder der Effekt – es hat auch etwas mit mir zu tun! Natürlich kann er die wissenschaftlichen Details nicht begreifen, ich auch nicht – aber die Tragweite dieser Sonde, dass wir als Menschheit vielleicht einmal unseren Planeten verlassen und woanders ansiedeln könnten, die hat er begriffen. Religion, Physik, Chemie, Geschichte, Erdkunde – es gibt viele Unterrichtsfächer, die auch so ein Thema aufgreifen könnten. Es geschieht in der Regel nicht. Stattdessen jahrelang Umweltschutz und Armut in der Dritten Welt. Sie wissen wie man Müll trennt und rennen beim Spendenlauf für Afrika – wissen aber nicht wie der Umweltminister heißt, noch was er tut und schon gar nicht, dass wir einen Außenminister haben.

Über Politik reden, damit sie interessant wird

Letztendlich kommt es auch hier, wie bei vielen Dingen, auf das Elternhaus an. Wenn dort Interesse vorherrscht, bekommen die Kinder es automatisch mit auf den Weg. Wenn dort Nachrichten gesehen und diskutiert werden, ist manchmal aus dem Nichts derart viel Neugierde für ein Thema da, dass wir manche Fragen schon gar nicht mehr selbst beantworten können und Bücher und das Internet zu Rate ziehen müssen. Dafür braucht man allerdings auch Zeit als Eltern, das Fass wollen wir aber an dieser Stelle nicht schon wieder aufmachen.

Wer also will, dass Jugendliche sich über Politik informieren, muss mit ihnen darüber reden. Was nicht heißt, dass wir Jugendliche jetzt früher wählen lassen sollten, wie es manche Partei auf der Suche nach Jungwählern ja immer mal gerne fordert. Die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre würde angesichts der Studienergebnisse aus Dresden nur bedeuten, dass noch mehr uninformierte Menschen zur Wahl gehen, als sowieso schon. Wer Teenagern nicht zutraut, Auto zu fahren und über ihren Alkohol- und Tabakkonsum zu entscheiden bis sie 18 sind, der kann nicht ernsthaft erwarten, dass sich die gleichen jungen Menschen verantwortungsvoll an der politischen Meinungsbildung beteiligen.

Ein Erfolgserlebnis haben wir im Hause Kelle jedenfalls zu verbuchen mit unserer 13-Jährigen. Vor einigen Monaten hat sie als Klassensprecherin im Namen der ganzen Klasse einen Brief an den Schulleiter formuliert, weil man ihnen einen Lieblingslehrer austauschen wollte. Sie haben gekämpft, sich engagiert und gewonnen. Jetzt weiß sie endlich, wie Politik funktioniert – und dass sie längst Teil davon ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.




Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

Merle, 18.08.2012 18:31
Ein genialer Aufsatz. Der Beitrag ist ganz nebenbei auch eine der besten Argumentationen gegen die Ausweitung von Volksentscheiden.

Ursula Prasuhn, 17.08.2012 16:56
@J.S.
Was Sie schreiben, finde ich absolut richtig. Vor allem misstraue ich institutionellen Einrichtungen wie Kitas und Schulen. Sie entwickeln sich mehr und mehr zum verlängerten Arm der ideologischen Beeinflussung schon im Kindesalter.
Sie schreiben von der wertvollen Kindheit, die in Ganztagsbetreuungen bis zur Grundschulzeit weitgehend verschwendet wird, weil zu wenige Lernprozesse stattfinden und der Nachwuchs hier mehr sinnlos beschäftigt als sinnvoll betreut wird. Das sehe ich auch so.
Darüber hinaus glaube ich allerdings, dass in der Kindererziehung und -bildung ein gutes Elternhaus immer den staatlichen, kirchlichen oder sonstigen Einrichtungen weit überlegen ist, egal wie viel Geld in sie hineingesteckt wird und wie gut die Ausbildung der Fachkräfte ist. Das liegt in der Natur der Sache. Ein Netzwerk aus Berufstätigen ist und bleibt keine natürliche Gemeinschaft und auf eine solche ist jedes Lebewesen zum gesunden Großwerden angewiesen.
Leider muss ich Ihnen auch in der Feststellung Recht geben, dass immer weniger Eltern wissen, wie Kinder zu erziehen sind, obwohl es dafür keines Expertenwissens bedarf, sondern „nur“ eines gesunden Gespürs und Menschenverstandes. Dagegen aber geht ein wachsendes Heer an Erziehungsexperten seit Jahrzehnten vor, indem es vorgibt, alles besser zu wissen und ständig Fehler zu entdecken. So haben wir heute bereits viele Mütter und Väter, die durch ihre verunsicherten Eltern kaum mehr Erziehung erfahren haben und darum selbst nicht wissen, wie sie funktioniert.
Fortschritt wäre in diesem Dilemma ein Riesenschritt zurück in unsere bewährte Familientradition. Diese aber hat massenhaft Feinde. Man bedenke nur, wie viele bedeutende Lager ständig für die fragwürdigste aller Betreuungen werben, die Krippenbetreuung. Und man bedenke auch, welcher Häme Mütter oft ausgesetzt sind, wenn sie zugunsten der Kinder das Berufsleben eine Zeitlang zurückzustellen. Seltsamerweise kommen die Angriffe vornehmlich aus dem Lager des eigenen Geschlechts, so als seien opferbereite Mütter Frauenverräter.


Elmar Oberdörffer, 17.08.2012 14:23
" Unfähig gemacht durch die Gesellschaft und unsere kapitalistischen Dogmen." Kapitalistische Dogmen? Ich sehe unsere Gesellschaft eher beherrscht und deformiert durch sozialistische Dogmen, sehr geehrter Herr J.S.


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Bild: Podium beim Forum Familie
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Die familienpolitischen Diskussionen in Medien, Politik und Verwaltung laufen immer stärker auf eine Zerschlagung und Vergesellschaftung der Familien hinaus. Oft wird beispielsweise auch in der Union angenommen, dass für die Aufzucht von Kindern nicht die Familie der beste Ort sei, sondern eine staatliche Kinderbetreuungseinrichtung.

Gegen diesen Trend hat sich die Initiative Familienschutz mit der Sprecherin Hedwig von Beverfoerde kurz vor der Wahl zum Bundestag 2009 gegründet mit dem Ziel, Familien in der Politik eine Stimme zu geben. Sie sollten nicht mehr nur Objekt von mehr oder (meist) weniger wohlwollendem politischem Handeln sein, sondern selber mitmischen und ihre Interessen zur Geltung bringen.

Am 14. Mai veranstaltete die Initiative vor zahlreich erschienenem Publikum in Berlin-Mitte das erste Forum Familie, auf dem vor allem eines sehr deutlich wurde: Die Zeit ist reif für eine echte Familienrevolution!

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