suchen
21.05.2013
Einloggen | Registrieren
 
 
 
     Dr. Oliver Marc Hartwich
Zur Person und Archiv      Email an diesen Blogger schreiben

Brüssel in alle Ewigkeit?
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein, Bildung

Thomas Jefferson hat einmal gesagt: „Diejenigen, die ihre Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgeben, werden am Ende keines von beiden haben - und verdienen es auch nicht.“

In der momentanen Eurokrise muss dieses Zitat abgewandelt werden: Diejenigen, die die Demokratie zugunsten wirtschaftlicher Stabilität aufgeben, könnten am Ende auch mit leeren Händen dastehen.

Dies ist die Frage, um die es im Bundesverfassungsgericht geht. Deutschlands höchstes Gericht berät gegenwärtig über einen Eilantrag, nach dem Bundespräsident Gauck die Unterzeichnung internationaler Verträge zur Einrichtung eines dauerhaften europäischen Rettungsschirms und neuer Haushaltsvorschriften für EU-Mitglieder untersagt werden soll. Die Märkte warten gespannt auf das Urteil, da sie fürchten, verfassungsrechtliche Schwierigkeiten könnten die nächsten Bailout-Runden und letztlich eine Vergemeinschaftung der europäischen Staatsschulden verhindern.

Das Gericht muss folgende Fragen abwägen: Ist die anhaltende Verlagerung von Machtbefugnissen aus nationalen Parlamenten (wie dem Bundestag) an nicht gewählte und nicht rechenschaftspflichtige europäische Institutionen (wie den Europäischen Stabilitätsmechanismus) mit den Prinzipien der parlamentarischen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit vereinbar? Dürfen gewählte Abgeordnete sich ihrer grundlegendsten Verantwortung - des Rechts, über die Verwendung von Steuergeldern zu entscheiden - entledigen?

Hier handelt es sich nicht um vorrangig wirtschaftliche Überlegungen. Es sind Fragen, die den innersten Kern der Regierungsführung in einem demokratischen Land berühren. Sie verlangen ein Nachdenken über das Wesen der Nation, über Souveränität und Konstitutionalismus und gehen damit weit über die Kurzsichtigkeit moderner Politik hinaus. Den Zusammenbruch spanischer Banken zu verhindern, mag aktuell Priorität haben. Erfordert diese kurzfristige Hilfe jedoch radikale Veränderungen im Verhältnis zwischen Bürger und Staat, ist es nur richtig und gerecht, dass die Verfassungsmäßigkeit solcher Manöver festgestellt wird.

Für Europas Top-Entscheider ist dies ein höchst ärgerliches Verfahren. Sie sind es gewöhnt, mit einem Federstrich Hunderte von Milliarden bereitzustellen. Sie sind es nicht gewöhnt, der Allgemeinheit die Rechtmäßigkeit ihrer komplizierten Transaktionen zu erklären. Sie sind auch nicht bereit - oder vielleicht schlicht nicht in der Lage -, ihre Handlungen Parlamentariern zu erläutern, geschweige denn ihren Staatsvölkern. Vor dem Bundesverfassungsgericht sind sie nun genau dazu gezwungen.

In der Gerichtsverhandlung am Dienstag prallten die Welt der Politik und die Welt des Rechts aufeinander. Auf der einen Seite stand Finanzminister Wolfgang Schäuble mit der Warnung, Verzögerungen in der Ratifizierung des ESM-Vertrages könnten schwere Folgen für die Volkswirtschaften haben. Auf der anderen Seite betonte Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle, die Verfassung eines Landes gelte auch in Krisenzeiten.

Voßkuhle hat Recht - er hätte es jedoch deutlicher ausdrücken können. Wann, wenn nicht in Krisenzeiten, ist eine Verfassung wirklich von Bedeutung? Eine Verfassung, die nur in einer Schönwetterdemokratie mit einem gleichmäßigen Wirtschaftskreislauf ihre Funktion erfüllt, ist nicht viel wert. Gerade in Krisenzeiten stehen die Fundamente eines Landes auf dem Prüfstand und müssen stabilisiert werden. Hier denkt man wieder an Jeffersons Warnung, unsere tief verankerten Werte nicht für einen ungewissen kurzfristigen Nutzen aufzugeben.

Nach der Katastrophe des „Dritten Reichs“ und des Holocaust gab sich Westdeutschland eine Verfassung, die eine Abkehr von den Prinzipien einer demokratischen Republik praktisch unmöglich machte. Das Grundgesetz enthält in Artikel 79 Absatz 3 eine so genannte „Ewigkeitsklausel“, mit der diese Prinzipien festgeschrieben und Änderungen, die auf ihre Abschaffung zielen, untersagt werden.

Finanzminister Schäuble, selbst Jurist, kennt die Grenzen der Verfassung nur zu gut. Er weiß, dass eine Entleerung der parlamentarischen Demokratie durch die Übertragung von Staatsgewalt an Institutionen wie den ESM nicht ohne weiteres mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen ist. Sie würde nahezu mit Sicherheit dem Artikel 79 widersprechen. Zudem würde sie auf jeden Fall langwierige Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht mit sich bringen, in denen die Rechtmäßigkeit jedes einzelnen Eurorettungsplans beurteilt werden müsste.

Allerdings weiß Schäuble auch, dass es im Grundgesetz ein Schlupfloch gibt, mit dem sich die Dauer der Ewigkeit verkürzen ließe.

Nach Artikel 146 GG „verliert [das Grundgesetz] seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ Würde eine neue Verfassung entworfen und in einem Volksentscheid zur Abstimmung gestellt, könnten die in das Grundgesetz eingebauten Schutzmechanismen überwunden werden. Eine Beseitigung der Grundsätze der Demokratie, eine Beschneidung der Befugnisse des Verfassungsgerichts, eine Verankerung der dauerhaften Verlagerung von Souveränität auf die EU und plötzlich wären alle Maßnahmen, über die das Gericht derzeit zu befinden hat, automatisch rechtmäßig. Da verwundert es wenig, dass Schäuble vor kurzem die Möglichkeit einer Volksabstimmung über eine neue Verfassung zur Sprache brachte.

Ob das deutsche Volk tatsächlich das Grundgesetz aufgeben würde, das ihm im Großen und Ganzen im Laufe der Jahrzehnte gute Dienste geleistet hat, ist fraglich. Noch ungewisser ist es, ob das Volk dem zustimmen würde, damit mehr Geld und mehr Macht an Brüssel, Athen oder Madrid übertragen werden können. Wenn man Meinungsumfragen Glauben schenken darf, scheint unter den Deutschen dazu kaum Bereitschaft zu bestehen. Und das ist verständlich: Warum sollten sie sich auch mit Begeisterung ihre demokratischen Grundrechte beschneiden lassen, um Staatsschulden anderer Länder zu übernehmen?

Umso wichtiger wird das gegenwärtige Gerichtsverfahren. Sollte das Bundesverfassungsgericht nun die umgehende Unterzeichnung der neuen Euroverträge durchkreuzen und sollte es schließlich diese Maßnahmen für verfassungswidrig erklären, würde das praktisch das Ende der Schuldenvergemeinschaftung und wahrscheinlich auch das Ende des Euro in seiner derzeitigen Form bedeuten.

Für diejenigen Deutschen, die ihre Demokratie behalten wollen, die unverändert an einem scheinbar antiquierten Glauben an die nationale Souveränität festhalten und die die gefeierten Werte ihrer Verfassung nicht für den zweifelhaften Nutzen eines Marsches in einen europäischen Superstaat aufgeben wollen, könnte das Bundesverfassungsgericht die letzte Hoffnung sein.

Lässt das Gericht jedoch diese jüngsten Gesetze passieren, könnte sich die Übertragung der Souveränität von den nationalen Regierungssitzen auf europäische Bürokratien tatsächlich als unumkehrbar erweisen.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘To Brussels for eternity?’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 12. Juli 2012. Aus dem Englischen von Cornelia Kähler (Fachübersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen).

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com




Kommentare (0)




 
  Kommentare (0)


Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 
Umfrage

Welche Rolle spielt heute noch Angela Merkels DDR-Vergangenheit?

Foto: Songkran/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0




Ergebnis




Spruch des Tages
"Alle Regierung beruht auf Meinung, und das gilt für die freieste und populärste Regierung ebenso wie für die despotischste und militärische." - David Hume

ANZEIGE

ANZEIGE

Interviews

Holger Krahmer Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll
Holger Krahmer
FDP MdEP

Dr. Reinhard Löffler Cohn Bendit ist kein Vorbild
Dr. Reinhard Löffler
CDU-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg

Bruno Bandulet »Nach der Bundestagswahl wird richtig geschröpft«
Bruno Bandulet
Journalist

John Allan Hattie Visible Learning
John Allan Hattie
Direktor des Melbourne Education Research Institute

Dominik Geppert »Eine extrem mutige und polarisierende Politikerin«
Dominik Geppert
Professor an der Universität Bonn

Mehr Interviews


Empfohlene Beiträge

CSU-Landesgruppe für EU-Referenden CSU-Landesgruppe für EU-Referenden

Lucke irritiert in Raab-Talkshow Lucke irritiert in Raab-Talkshow

Umfrage: Islam und Deutschland Umfrage: Islam und Deutschland

Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss Pädophilie: Archivmaterial zu Cohn-Bendit unter Verschluss

"EU-Referendum jetzt"  - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion "EU-Referendum jetzt" - Joachim Spatz antwortet für FDP-Fraktion


Empfohlene Blogs

author Dr. Gérard Bökenkamp
Steuerwettbewerb und Bürgerbeteiligung statt Einheitssteuersatz

author Vera Lengsfeld
Der Tatort als geistiger Brandstifter

author Dr. Klaus Peter Krause
Immer wieder und immer noch - das Bodenreformland

author Jürgen Liminski
Volkes Wille gegen Ideologen

author Wolfgang Röhl
Auf der Reeperbahn nachts um halb zwei. Zur Debatte über einen Achse-Beitrag von Akif Pirincci


Meist gelesen
    Berliner AfD im Chaos

    EU-Geheimdienste außer Kontrolle?

    Forscher: Merkel war DDR treu

    »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

    Vertrauen in Europa schwindet

Video

Beatrix von Storch zur Zypernkrise Beatrix von Storch zur Zypernkrise

Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty Kurz-Interview: Prof. Joachim Starbatty

Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch Die Zivile Koalition bei Russia Today auf Spanisch

Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion? Hedwig Beverfoerde bei Maybrit Illner: Kinder in die Krippen - Frauen in die Produktion?

Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof Beatrix von Storch zur Massenklage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof


Galerien

Forum Familie 2013 in Berlin Forum Familie 2013 in Berlin

Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag Impulstag Familienwerte im Deutschen Bundestag

ESM-Diskussion vor 300 Gästen - Volles Haus gegen Schuldenunion ESM-Diskussion vor 300 Gästen  - Volles Haus gegen Schuldenunion


Reportage

»Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg »Forum Familie 2013« in Berlin ein voller Erfolg

Beatrix von Storch in Baden-Württemberg Beatrix von Storch in Baden-Württemberg

Willensbildung: Bürger, mischt euch ein! Willensbildung: Bürger, mischt euch ein!

Die Signale häufen sich: Das Bargeld-verbot kommt Die Signale häufen sich: Das Bargeld-verbot kommt

Gregor Gysi, seine Linkspartei und die Privatisierung der Wasserversorgung Gregor Gysi, seine Linkspartei und die Privatisierung der Wasserversorgung

Mehr Reportagen


Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Allgemein
Strom: Wechseln lohnt sich
Babyklappen vor dem Aus?
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Finanzkrisen
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Lucke: Griechenland soll raus aus Euro
Türkei nicht mehr Ramsch
Nahost-Konflikt
Lage in Nahost spitzt sich zu
Naht US-Einsatz in Syrien?
SPD will Girokonto für alle
DDR-Unrecht
Medikamententests auch im Stasi-Knast?
DDR verkaufte Patienten als Versuchskaninchen
Roland Jahn: Allen DDR-Opfern gedenken
Bildung
»Der Markt entscheidet nichts«
Guter Unterricht braucht Leidenschaft
Good Teaching demands on Passion
Innenpolitik
Schneller Jobs für Asylbewerber
EU-Handelskrieg mit China?
Armenier fordern Verbot türkischer Schulbücher
Reformen
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Türkei nicht mehr Ramsch
Sarko-Kopie François Hollande
Wirtschaftspolitik
»Einheitliche EU-Steuersätze weder nötig noch sinnvoll«
Ziel erreicht: Steuerlast in Frankreich bei 100%
Türkei nicht mehr Ramsch
Familie
Grüne wollen Missbrauch aufarbeiten
Erster Menschen-Klon
Familien in der Minderheit
Autoindustrie
SPD und Grüne für Tempolimit
Automarkt brummt nicht mehr
Absatzkrise läßt Daimler straucheln
Wahlen
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
Finanzamt als Zensurbehörde
BT-Wahl: Steinbrück optimistisch
Justiz
Missbrauchsbeauftragter kritisiert Cohn-Bendit
Neue Dreiprozenthürde: Bundestag will Kleinparteien bei Europawahl behindern
BGH urteilt gegen Google

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008