Erinnern Sie sich an ein kleines, mageres Mädchen mit wilden pechschwarzen Haaren? Es konnte so gut zuhören, dass sogar „dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen“? Momo hieß dieses Mädchen in Michael Endes 1973 erschienenen Roman über „die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“. Momo lebte am Rande einer großen, modernen Stadt in einem alten Amphitheater. Sie hatte viele Freunde, die sie dort besuchen kamen. Doch irgendwann kamen ihre Freunde immer seltener – sie hatten keine Zeit mehr dazu. Die „grauen Herrn“ von der „Zeit-Spar-Kasse“ hatten ihre alten Freunde davon überzeugt Zeit sparen zu müssen.
Dem Friseur Fusi zum Beispiel hatte ein "grauer Herr" erklärt, dass er seine Zeit auf verantwortungslose Weise vergeuden würde: „Sie leben allein mit ihrer alten Mutter, wie wir wissen. Täglich widmen sie der alten Frau eine volle Stunde, das heißt, sie sitzen bei ihr, sie sprechen mit ihr, obgleich sie taub ist und Sie kaum noch hört. [..] Da ihre Mutter behindert ist, müssen Sie einen Teil der Hausarbeit selbst machen. Sie müssen einkaufen gehen, Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr.“ Auf solche Dinge solle er verzichten, und die Zeit stattdessen bei der „Zeit-Spar-Kasse“ anlegen, wo es für sie Zinsen geben und sich das „Zeitvermögen“ vermehren würde. Wie Fusi überzeugten die "grauen Herren" nach und nach alle Bewohner der Stadt sich der „großen Gemeinde der Zeitsparer“ anzuschließen, um „wahrhaft moderne und fortschrittliche Menschen“ zu werden. Als Zeitsparern kam es den Menschen nun darauf an, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu arbeiten. Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat, war dabei unwichtig – „im Gegenteil, das hielt nur auf“. Mit dieser Haltung verdienten die Menschen mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Ihre Freizeit sollte ihnen „in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war“ – auch die freien Stunden mussten möglichst gut ausgenutzt werden.
Heute bräuchten die "grauen Herren" den Stadtbewohnern nicht mehr so plump vorzuwerfen, dass sie ihr Zeitvermögen vergeuden würden. Stattdessen könnten sie sich auf einen an der sogenannten „Qualitätszeit“ zu messenden „Zeitwohlstand“ berufen. Was „Qualitätszeit" bedeutet ist kürzlich in dem vom Bundesfamilienministerium veröffentlichen „Memorandum Familie leben“ regierungsoffiziell definiert worden: Zu verstehen sind hierunter „verlässliche und selbstbestimmte Zeitoptionen, die Familien für gemeinsame Aktivitäten nutzen" und die „bewusst als Familienzeit wahrgenommen werden". Zu messen sei sie an „bewusster Interaktion, Fürsorge und Zuwendung mit dem Ergebnis von Wohlbefinden“. Nicht zur „Qualitätszeit“ zählten „reine Haushaltstätigkeiten oder Hobbys, bei denen andere Familienmitglieder auch anwesend sind". Schließlich sei nicht entscheidend, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen, sondern wie gut sie die verfügbare Zeit für „bewusste Interaktion" nutzen. Deshalb schade es den Kindern auch nicht, wenn ihre Eltern mehr Zeit für den Erwerb aufwenden, sondern könne ihnen sogar nutzen – sofern ihre Eltern ein besseres Zeitmanagement lernten.
Helfen sollen hierbei Kindertageseinrichtungen als „Dienstleistungszentren“, indem sie Eltern im „Umgang mit ihrer Familienzeit“ unterstützen und ihnen „Zeitkompetenzen“ vermitteln. Zwar räumen die Regierungsexperten ein, dass viele „Männer und Frauen mittlerer Altersgruppen“ an „ihre persönlichen Grenzen gelangen“, wenn sie „neben der Berufstätigkeit in größerem Umfang Fürsorgeaufgaben“ für Kinder oder alte Menschen übernehmen müssten. Doch auch für dieses Problem haben sie eine Lösung: den „Familienkredit“. Sie fordern eine „überschaubare Anzahl von Förderbankangeboten von Familienkrediten“, die „der Höhe nach auf unterschiedliche Bedarfe und Rückzahlungsmöglichkeiten der Kreditnehmer zugeschnitten sein“ könnten. Allerdings sollte sich der Kredit auf einen „zuvor festgelegten Zeitraum von bis zu einem Jahr“ beschränken, um sowohl die Erwerbsunterbrechungen oder –Einschränkungen als auch die Tilgungsverpflichtungen für die Kreditnehmer überschaubar zu halten“. Um einen solchen Kredit zu erhalten, müssten „Nachweise der Förderfähigkeit der Unterbrechung bzw. Einschränkung der Berufstätigkeit und deren anschließende Wiederaufnahme erbracht werden“. Nach dieser Logik müsste es dann auch „Zeitbeamte“ geben, die diese Voraussetzungen definieren und über die „Förderfähigkeit“ der Sorgezeit von Eltern entscheiden. Auszahlen würden die Kredite dann „Zeitbankiers“. Spätestens hier könnte man sich an die grauen Herren von der „Zeit-Spar-Kasse“ erinnert fühlen. Im Roman war das „Zeitsparen“ allerdings „eine Sache vollkommenen gegenseitigen Vertrauens“ – Herr Fusi musste daher auch keinen Vertrag abschließen und kein Dokument unterzeichnen. Um Zeit für einen „Familienkredit“ sparen zu können, muss dagegen die „Kreditwürdigkeit“ („Förderfähigkeit“) dokumentiert werden. Es handelt sich hier eben nicht um eine Märchenerzählung, sondern um Empfehlungen aus einer offiziellen „Expertise“ der Bundesregierung.
Im Roman gelang es den „grauen Herrn“ aus allen Erwachsenen „Zeitsparer“ zu machen, die nur noch für Erwerb und Konsum leben. Das Leben in der Stadt wurde dadurch zu einer „Wüste der Ordnung“: Alles wurde immer gleichförmiger, alles war „genau berechnet und geplant, jeder Zentimeter und jeder Augenblick“. Leidtragende waren die Kinder, „denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit.“ Deshalb kamen immer mehr Kinder zu Momo ins Amphitheater. Kinder waren die „natürlichen Feinde“ der „grauen Herrn“, weil sie „sehr viel schwerer zum Zeit-Sparen zu bringen sind als andere Menschen“. Um auch sie endlich unter ihren Einfluss zu bringen gingen die „grauen Herrn“ deshalb den Umweg über die Erwachsenen: „Wir müssen etwas unternehmen“, hieß es, „denn es geht nicht an, dass immer mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen, denn das moderne Leben lässt ihnen eben keine Zeit, sich genügend mit den Kindern zu beschäftigen. Aber die Stadtverwaltung muss sich darum kümmern.“ Den Zeitsparern gelang es „in ziemlich kurzer Zeit, die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen, etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun. Daraufhin wurden in allen sogenannte „Kinder-Depots“ gegründet“.
Diese „Depots“ sollten nicht bloß Abstellplätze für Kinder, sondern Orte des Lernens sein: „Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird nötig sein, um alle Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von Morgen vorzubereiten, lassen wir es noch immer zu, dass viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!“ Deshalb müsse man „Anstalten schaffen, wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Gliedern der Gesellschaft erzogen werden.“ In diesen Anstalten wurden den Kindern die Spiele von Aufsichtspersonen vorgeschrieben „und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten“. „Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. Verdrossen, gelangweilt und feindselig taten sie, was man von ihnen verlangte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben, dann fiel ihnen nichts mehr ein, was sie hätten tun können.“ Das alte Amphitheater, wo die Kinder früher mit Momo gespielt hatten, war leer und verlassen. Das Kalkül der „grauen Herrn“ schien aufgegangen zu sein.
Mit Hilfe des Meisters Hora, des „Herrn der Zeit“ und seiner „Stundenblume“ gelang es Momo aber die „grauen Herrn“ zu besiegen: Meister Hora ließ die Zeit stillstehen; das Leben in der Stadt kam zum Erliegen und die „grauen Herrn“ mussten zu ihren Vorräten an toter, den Menschen gestohlener Zeit zurück streben. Dank der „Stundenblume“ von Meister Hora war Momo nun die einzige die überhaupt noch Zeit hatte. So konnte sie die „grauen Herrn“ von ihren Vorräten an toter Menschenzeit abschneiden. Die „grauen Herrn“ lösten sich daraufhin einer nach dem anderen in Nichts auf – die Menschen in der Stadt hatten wieder Zeit und waren glücklich. Einen weisen Meister Hora und eine „Stundenblume“ gibt es nur im Märchen. Aber sind auch „Zeitdiebe“, „Kinder-Depots“ und eine „Zeit-Spar-Kasse“ nur Romanphantasien?
P.S. Von den Zeitdieben befreien konnte Momo die Menschen nur, weil sie selbst dem Ratschlag eines früheren Freundes „einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen“, wo sie beschäftigt werde und sogar noch etwas lerne, nicht gefolgt war und weiter im Amphitheater leben wollte.
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