So zwischen Bankenkrise, diversen Rettungsschirmen und Schuldenbremse tut es hin und wieder gut, sich bewusst zu machen, dass es auch noch Anderes gibt; z.B. das, worauf sich Hans Magnus Enzensberger in seinem Kopfkissengedicht bezieht.
Ich mag diesen Mann, wie er zu seiner Vergangenheit steht, dazu, dass er sich Widersprüche erlaubt und überraschende Wandlung, wo andere top-lineares Verhalten erwarten;
dass er anstelle von Memoiren, die 80-Jährige doch sonst herausgeben, seine Art von Memoiren Meine Lieblings-Flops nennt und von ihnen erzählt anstelle von Erfolgserlebnissen, weil er weiß, dass er, wie er selbst schreibt, nur wenigen Erfahrungen so viel verdankt wie ihnen;
wie er mit Gefühlen umgeht, wie er ihnen als einer der Parade-Intellektuellen dieses Landes- zu dem ihn manche stilisieren wollen - ihre selbstverständliche Berechtigung gibt;
wie er dichtet und sich auf den Weg zur Liebe begibt - ich habe es schon in Befragung um Mitternacht bewundert -
das alles finde ich groß;
und an dem folgenden Gedicht, das ich Liebesgedichte für Frauen, erschienen im Insel-Verlag, entnommen habe, finde ich bemerkenswert, dass nicht ein einziges Mal Liebe buchstäblich beim Wort genommen wird und sie doch in jedem Satz präsent ist - und wie!
Für mich ist das wirkliche Kunst:
Kopfkissengedicht
Dafür, daß du bis in die Fingerspitzen
anwesend bist, daß es dich verlangt,
dafür, wie du die Knie biegst
und mir dein Haar zeigst,
für deine Temperatur
und deine Dunkelheit;
für deine Nebensätze,
das geringe Gewicht der Ellenbogen
und die materielle Seele,
die in der kleinen Mulde
über dem Schlüsselbein schimmert;
dafür, dass Du gegangen
und gekommen bist, und für alles,
was ich nicht von dir weiß,
sind meine einsilbigen Silben
zuwenig, oder zuviel.