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19.05.2013
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     Wolfgang Röhl
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Qualitätsjournalismus. Tools for fools
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Ein Phantom geht um in Mediendeutschland. Es heißt „Qualitätsjournalismus“. Alle beschwören ihn jetzt, diesen sagenhaften Qualitätsjournalismus. Ulkigerweise vor allem jene, die ihn längst für sich gepachtet zu haben glauben.

In einer Diskussion mit seinem „SZ“-Kollegen Kurt Kister definierte „Spiegel“-Chef Georg Mascolo das Phantom wie folgt (wiedergegeben vom Branchendienst „Horizont“): „Dieser entstehe nur dann, wenn ein Verlag zuerst die journalistischen Fragen stellt und beantwortet - und erst dann die kaufmännischen, sagt Mascolo; Journalismus dürfe niemals zuerst ein Geschäft sein: Wenn man das beherzigt, ist es meist auch ein gutes Geschäft.“ Da schmunzelt der Leser. Vor allem, wenn er erfährt, dass das Gespräch „im exklusiven Kreis wichtiger Anzeigenkunden“ stattgefunden habe: „Rund 60 handverlesene Gäste – die meisten von werbungtreibenden Unternehmen, außerdem ein paar Agenturleute.“

Doch warum wird er seit einigen Jahren überhaupt so heftig angemahnt, dieser ominöse Qualitätsjournalismus, offenbar ein Darling besonders der Werbetreibenden? War alles, was früher gedruckt und gesendet wurde, demnach Schundjournalismus? Oder jedenfalls alles, was außerhalb von Spiegel und SZ erschienen ist? Wer etwas länger in der Branche arbeitet, wird das möglicherweise verneinen. Es gab, zumindest seit Mitte der 1960er Jahre, reihenweise fabelhafte Reportagen, gerichtsfeste Enthüller, luzide Meinungsartikel. Nicht mehr und nicht weniger als heute. Ebenso gab es Flops, Enten, Türken. Es gab die Hitler-Tagebücher (Stern), das gefälschte Waldheim-Telegramm (Spiegel) und, und.

Was sich geändert hat, ist hauptsächlich die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung, die Qualität von gedruckten und gesendeten Bildern und die Aufmachung der Medien. Ein Fernsehstudio von vor 40 Jahren wirkt heute nur komisch. Bei Tageszeitungen und Wochenschriften haben Grafiker die Blätter bis zur Unkenntlichkeit aufgerüscht, oft auf Kosten der Textlängen. Auf die Qualität der Nachrichten, der Debatten in den Politikteilen oder der Feuilletons hatte die Kosmetik selbstredend keinen Einfluss. Viel Blabla, manchmal kluge Analysen, nichts hat sich geändert. Die literarischen Polemiken - ein zu Unrecht in Verschiss geratenes Genre, übrigens – waren in den Zwanziger und frühen Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts sogar leidenschaftlicher und besser formuliert als heutzutage. Man kann das beleibe nicht nur bei Karl Kraus nachlesen.

Nochmals, warum das Gedöns um Qualitätsjournalismus? Es geht um die digitalen Medien, welche die etablierten Presseorgane bedrohen, ihnen Auflagen und Anzeigenerlöse wegnehmen. Tageszeitungen sind Schnee von gestern, wenn sie am Kiosk liegen. Selbst Radio- und Fernsehsender kommen kaum mit, wenn etwas Aktuelles passiert – online ist noch fixer als TV-Nachrichten. Und warum den Spiegel kaufen, wenn es Spiegel online gratis gibt? Die Skandale und Skandälchen laufen den traditionellen Medien immer öfter weg in Richtung Internet. Außer, man hat etwas wirklich exklusiv. Aber exklusiv ist gemäß einem Branchenscherz meist nur die Falschmeldung

Bleiben „weiche“, gefühlvolle Titelgeschichten, wie sie auch der Spiegel immer öfter bringt. Doch auch damit stürzt die Auflage nicht selten krachend ab. Was die in ihren Schnatterzirkeln eingeigelten Redakteure für gesellschaftliches Grundrauschen halten, interessiert die Leser oft nicht die Bohne. Trends setzt im Mediensupermarkt keiner mehr. Undenkbar, dass man mit einer „Midlife Crisis“ – ein an den Haaren herbei gezogenes, aus den USA abgekupfertes Psychokonstrukt – die Bundesrepublik noch heute jahrelang belabern könnte, wie es dem Spiegel 1976 gelang.

Die Idee, einen inhaltlich völlig undefinierten Qualitätsjournalismus zu beschwören, um sich auf diese Weise von konkurrierenden digitalen Medien abzugrenzen, hat daher etwas Verführerisches. Verlage mit Kapital investieren seit einiger Zeit erheblich in Recherche. Überall breiten sich Investigativ-Pools und Recherchiernetzwerke aus, werden junge Journalisten darin geschult, die richtigen Tools für das Ausbuddeln womöglich auflagenträchtiger Skandale zu benutzen. Klingt gut. 

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com




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