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21.05.2013
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     Johannes G. Klinkmüller
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Bahrain und die Formel I: Wird die Welt tatsächlich zum Bordell?
Weitere Themen: Nahost-Konflikt, Allgemein, Wirtschaftspolitik

In Dürrenmatts Besuch der alten Dame macht Claire Zachanassian die Welt zum Bordell. Heute heißen ihre Zuhälter Bernie Ecclestone, Jean Todt und alle, die geschwiegen haben. Und geschwiegen haben viele, die ein öffentliches Forum gehabt hätten.

 

Geschwiegen zu einer Veranstaltung, wie es kaum eine abgeschmacktere geben kann, wenn eines der grellsten Symbole der Dekadenz, das die Formel I nun einmal darstellt, in einem Land zur Schau gestellt wird, in dem Menschen um ihr Recht kämpfen und dafür Folter und vieles andere in Kauf nehmen.

Die Originalstelle im Werk Dürrenmatts, uraufgeführt 1956 am Züricher Schauspielhaus, lautet übrigens:

CLAIRE ZACHANASSIAN Die Menschlichkeit, meine Herren, ist für die Börse der Millionäre geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung. Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. Wer nicht blechen kann, muß hinhalten, will er mittanzen. Ihr wollt mittanzen. Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle. Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche. Los, ihr beiden. Sie wird nach hinten getragen.

DER ARZT Mein Gott, was sollen wir tun?

Bahrain -  im Namen der Menschlichkeit

Die Güllener, die ihren Mitbewohner Ill umzubringen haben, damit sie eine Milliarde von Claire Zachanassian „geschenkt“ bekommen, werden dies tun ... im Namen der Menschlichkeit. Wobei Claire Zachanassian die Wirklichkeit genauso schamlos verfälschte, wie das andere, die ich unten zitiere, getan haben, damit in Bahrain die Motoren dröhnen. – In Wirklichkeit hat niemand die Zachanassian zur Hure gemacht als sie sich selbst. Oder seit wann muss eine Frau, die von ihrem Liebhaber sitzen gelassen wird, zwangsläufig ins Bordell gehen? 

Rennrunden sind auch Bewusstseinsrunden

An diesem Rennsonntag hat sich die Welt von den Menschen Bahrains weggedreht und hat jedem Einzelnen dort, der sich für sein Recht einsetzt, mit dem Absatz ins Gesicht getreten, während vorne der Fernseher lief und seine Bewusstseins-Runden drehte.

Oder ist jemand nicht bewusst gewesen, was läuft?

Seit Februar 2011 gehen in Bahrain Hunderttausende auf die Straße für politische Reformen, für die Einhaltung der Menschenrechte und gegen Korruption. Das Regime - oder sagen wir genauer, das sunnitische Königshaus - reagierte mit überraschender Härte gegenüber der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Damals schon kamen sieben Protestierende zu Tode.

In Bahrain wie in den anderen Golfmonarchien herrscht Arbeits- und Perspektivlosigkeit, vor allem unter Jugendlichen.

Ganz gezielt spricht der Emir von Bahrain von einer iranischen Verschwörung, um mit Hilfe religiöser Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten sein Vorgehen und seine eigene Position und sein Verhalten zu rechtfertigen. Aufgrund der ständigen Propaganda glauben ihm mittlerweile auch gemäßigte Sunniten.

Es kommt hinzu, dass der Sender Al Jazeera fest in der Hand von Qatar ist und somit die politische Opposition auch in Bahrain kaum ein Sprachrohr hat; die Berichte über die blutigen Niederschlagungen in Bahrain blieben deshalb äußerst dürftig; nachzulesen ist das bei Quantara.de.

 Zurück zur Trennung von Sport und Politik 

Klar muss man  das tun, auch warum, das wissen wir unter anderem seit Berlin 1936 und Peking 2008. Das muss sein! Sonst hätte man - wie auch im Fall Bahrains - nicht guten Gewissens hinreisen können. Klar kann man Sport und Politik trennen - wie war das nochmal mit China?

Jeder wusste, wie Peking mit Tibet umgeht und mit Menschen, die in China um ihre Rechte kämpfen.

50 chinesische Foltermethoden

Wir kennen Zhang Lianyings Zeugenaussage im Europaparlament anlässlich eines Hearings über Menschenrechte in China. Wir finden in diesem Rahmen die Foltermethoden, die in China praktiziert werden, aufgelistet.

So heißt es unter Punkt 8:

Sexuelle Misshandlung: Die Folterer rieben mit ihren Händen, zwickten und zogen an unseren Brustwarzen und im Intimbereich. Sie traten uns mit Knien und Füßen in den Intimbereich, rissen Schamhaare aus und stachen mit Schreibstiften in unsere Brüste.

Oder unter Punkt 25:

Brutale Prügel auf unterschiedliche Weise: Acht Leute schlugen mich, während ich stand, wobei meine Arme von anderen seitlich festgehalten wurden, während der Rest von vorne und hinten auf mich eintrat Ich wurde geschlagen bis ich zu Boden taumelte - dann traten sie wieder auf mich ein. Ein anderes Mal schlugen mich vier Personen gleichzeitig, einer hielt meine Arme fest, ein anderer setzte sich auf meine Beine und die anderen beiden zwickten mich in die Haut, verdrehten diese und schlugen mir ins Gesicht.

50 Foltermethoden sind aufgelistet. Veröffentlicht wurden sie in meiner Quelle im Mai 2008 - am 24. August desselben Jahres begannen programmgemäß die Olympischen Spiele ... 

Wie blöd darf ein FIA-Präsident sein?

Man muss halt Politik und Wirtschaft trennen. Das geht schon, wenn es gehen soll. Bei einem solchen Markt wie China! Das tun alle. Wir auch. Schließlich definiert sich Deutschland nicht mehr über Goethe und Schiller, sondern über Mercedes und  BMW, Audi und Porsche und VW.

Und endlich Schluss mit Kants philosophischer Schrift Zum Ewigen Frieden.

Geschichte.

Heute zählt der Markt.

Was 1936 ging, geht 2012. Gründe, dass etwas geht, gibt es immer. Bei dem hohen Ethos, das wir haben ...

Wir wissen ja, welch hehre Absichten die Menschen eigentlich haben, die sich für diese Trennungen einsetzen.

Denken wir nur an den Präsidenten des Automobil-Weltverbandes Jean Todt und seine Aussage anlässlich Bahrains:

 „Wenn der Sport dabei helfen kann, ein gesellschaftliches Problem zu lösen, dann ist es gut“. 

Ah ja! Die FIA hilft den unterdrückten Schiiten. Wahrscheinlich sponsert sie deren nicht vorhandene Fahrräder.

Und wir lesen weiter auf focus online, was Todt so ablässt:

„In jedem demokratischen Land sind Proteste erlaubt (...) Das passiert überall auf der Welt. Es gibt auch in meiner Heimat Proteste. Leider bedeutet Protest oft auch Verletzung von Menschen. Das ist ein Weg, sich auszudrücken.“ In Bahrain würden „höchstens zehn Prozent“ gegen die aktuellen Machthaber aufbegehren: „Und sollen wir die anderen 90 Prozent bestrafen?“...

Höchstens 10 Prozent?

Bahrain eine Demokratie?

Wie blöd darf sich der Präsident eines Weltverbandes geben - immer vorausgesetzt, dass er es nicht wirklich ist?

Und Formel-I-Boss Bernie Ecclestone gibt von sich: "Das Rennen ist das Rennen. Wir sind hier, um zu zelebrieren."

Wenn es übrigens notwendig ist, sagen dieselben Leute auch durchaus, dass man eben Sport und Politik nicht trennen könne, Sport sei nun mal ein gesellschaftliches Phänomen.

Das kommt immer auf den Anlass an, anlässlich dessen man sich belügt - und nicht nur sich.

Für Bahrain 2012 jedenfalls gilt: Sport hat nichts mit Politik zu tun.

Was ein Stützpunkt so ausmacht

Bahrain ist kleiner als unser Stadtstaat Hamburg. Wenn man das bedenkt, mag man die Massen, die auf Bildern auf den Straßen Bahrains zu sehen waren, richtig einschätzen können. Zumal von der 1 Million Einwohner die Hälfte, also 500 000, hochbezahlte westliche Experten sind und asiatische Billigarbeiter.

Gut, Bahrain hat kein Öl. Wenn es viel davon hätte, würde ein Furz aus einem Gewehr genügen, und der Weltsicherheitsrat würde zusammentreten. 

Mit Bahrain ist das nunmal anders: Es bietet der 5. US-Flotte einen Stützpunkt, die dort viele tausend Mann stationiert hat, die natürlich auch viel Geld ins Land bringen, das diese kleine Golfmonarchie bitter nötig hat, hat es doch keinen eigenen Zugang zu Ölquellen, weshalb es sich als internationales Finanz- und Dienstleistungszentrum zu etablieren sucht. Und oben erwähnter Stützpunkt ruht nun einmal auf den Schultern des sunnitischen Königshauses. Amerika braucht ihn auch!

Das genügt, dass die Boliden ihre Runden drehen.

Dass CDU-Politikern zu den menschenverachtenden Vorgängen in Bahrain und diesem Rennen nichts gesagt haben, ist verständlich. Man weiß in vorauseilendem Gehorsam, dass die Amerikaner das bestimmt nicht gern hören würden und sicherlich mit einem Auge zwinkern würden. Da schweigt die Kanzlerin, die im Prinzip eh nur den Mund in Sachen Euro aufmacht. Und wer sonst sagt in dieser Partei noch etwas außer Opportunistischem?

Die SPD weiß mit ihrem Sozialismus schon seit einiger Zeit nicht mehr viel anzufangen, die FDP zählt ihre Mitglieder und die Grünen versuchen sich unauffällig, dem Berliner Politik-Establishment zu nähern. Die Linken haben schlicht vergessen, dass man hierzu was sagen könnte oder Moskau hat mit einem Auge  gezwinkert - was für ein köstlicher Gedanke.

Und die Piraten haben einiges noch nicht auf dem Bildschirm bzw. momentan ihre eigenen Probleme mit sehr merkwürdigen Aussagen ihres Vorsitzenden.

Gauck, der ja auch was sagen könnte - sagen kann er ja einiges, wenn er sagt -,  telefoniert wahrscheinlich wieder mit Polen und schreibt seine nächste Rede für eine Auflösung der Nationalstaaten in einem großen Staat Europa und der Vatikan mischt sich in islamisches Hoheitsgebiet nicht ein, auch nicht, wenn es um christliche Werte geht, die mit Füßen getreten werden; einen Evangelischen Bischof oder EKD-Vorsitzenden oder sowas ... hm, gibt es den?

Ich bin fassungslos, dass die Boliden gerade ihre Runden drehen und der Zynismus des Geldes mit 300 km/h durch die Gegend braust. Schon morgen sind alle weg ... RTL hat die deutschen Wohnzimmer bedienen können, viele Rennfahrer und viele Zuschauer haben ganz unglaublich Spannendes erlebt ... dann können wir ja die nächste Ungeheuerlichkeit abwinken ...

Liebe Mitmenschen in Bahrain, verzagt nicht, es wird alles gut!





Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Chris, 22.04.2012 15:27
"WIRD die Welt zum Bordell?" wird hier gefragt.
Die Frage sollte ganz anders gestellt werden:
"IST die Welt nicht schon lang ein Bordell?"
Es gibt nichts, das nicht käuflich ist! Nicht erst sein heute, nicht erst seit gestern.
Das gilt für sowohl Waren als auch Dienstleistungen. Es ist einfach nur die Frage des Preises.
Aber gut, das war nie anders und das wird nie anders sein. Es wird immer nur eine Frage des Gegenwertes sein. Vorgestern waren es vielleicht noch Kamele, gestern Gold, heute ist es Geld.



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