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Dr. Gérard Bökenkamp
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Freiheit und Selbstdisziplin
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AllgemeinBildungWillensstarke Menschen haben es einfacher Entscheidungen zu treffen als willensschwache Menschen. Das ist eine Binsenweisheit. Aus Binsenweisheiten lassen sich aber tiefere Erkenntnisse gewinnen, das zeigt einmal mehr das Buch „Die Macht der Disziplin. Wie wir unseren Willen trainieren können, geschrieben von dem Psychologieprofessor Roy Baumeister und dem Wissenschaftsjournalisten John Tierny. Wenn eine starke Willenskraft positiv auf unsere Entscheidungsfähigkeit wirkt, dann – so schlussfolgern sie – erschöpfen Entscheidungen umgekehrt auch unsere Willenskraft. Willenskraft und Entscheidungsfähig bedingen einander Jede Entscheidung kostet Energie, und mit jeder Entscheidung sinkt unsere Entscheidungsfreudigkeit. Dafür nennen sie zahlreiche Beispiele: Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer, die ihre Karriere durch Sexskandale ruinieren, weil sie nach den vielen Entscheidungen des Tages die Kontrolle verlieren; Richter, deren Bereitschaft Begnadigungen auszusprechen, statistisch vor allem von der Tageszeit bestimmt wird, Anlageentscheidungen, die davon abhängen, ob die Probanden vorher shoppen waren oder nicht und bereits durch die Summe der Einkaufsentscheidungen ihre Entscheidungsreserven aufgezehrt hatten.
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Um nicht entscheidungsschwach zu werden, ist die Einhaltung selbstgesteckter Regeln, Routinen und vorab festgelegter Pläner und Ziele von zentraler Bedeutung. Kurz: Die Selbstdisziplin
Selbstdisziplin ist eine Grundlage für Eigenverantwortung und Freiheit
Selbstdisziplin ist so etwas wie der Schlüssel für das Funktionieren einer freien Gesellschaft. Dies zeigt folgender Umstand: Einerseits wünschen sich viele Menschen Entscheidungen abzugeben, um sich psychologisch zu entlasten. Auf der anderen Seite treffen Menschen Entscheidungen für andere wesentlich bereitwilliger und unbedachter als für sich selbst. Beide Tendenzen zusammen genommen unterstützen den Trend zur Abtretung der individuellen Verantwortung an den Staat. Bürger, die gerne Entscheidungen abgeben wollen, und Politiker, die gerne Entscheidungen für andere treffen, ergänzen einander. Dies ebnet den Weg zum allzuständigen Wohlfahrts- und Bevormundungsstaat. Selbstdisziplin stärkt hingegen die Fähigkeit des Einzelnen, Entscheidungen zu treffen und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Kleine Regeln haben große Wirkungen Baumeister und Tierney beschreiben diesen Zusammenhang sehr anschaulich und zeigen, wie man Willenskraft und Selbstdisziplin trainieren kann. Willenskraft sei wie ein Muskel, der durch Übung immer stärker wird, aber auch bei Nichtgebrauch verkümmern kann. Es sind die vielen kleinen Regeln und Rituale und die selbst auferlegten Grenzen und Ziele, die die Selbstdisziplin ausmachen. So hatte etwa der Entdecker und Afrikareisende Henry Morton Stanley ( 1841-1904) Selbstdisziplin zu einer hohen Kunst erhoben. So hat dieser niemals auf die morgendliche Rasur verzichtet, selbst dann nicht, wenn er und sein Trupp kurz vor dem Verhungern standen. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte wirkt, war nach Baumeister in Wahrheit das Geheimnis, warum Stanleys Expeditionen nicht wie so viele andere in Chaos und Selbstaufgabe endeten, sondern ihre Ziele erreichten. Darum empfehlen die Autoren Willenskraft und Selbstdisziplin von Kindheit an durch Regeln, Rituale und Beschränkungen zu trainieren. Kaum etwas trage so sehr zur Lebenszufriedenheit und Erfolg bei wie die Erziehung zur Selbstdisziplin.
Literatur: Roy Baumeister; John Tierney: Die Macht der Disziplin. Wie wir unseren Willen trainieren können, Campus Verlag 2012.
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Kommentare (7)
Meier, 10.02.2012 00:30
"Selbstdisziplin zu einer hohen Kunst erhoben. So hat dieser niemals auf die morgendliche Rasur verzichtet, selbst dann nicht, wenn er und sein Trupp kurz vor dem Verhungern standen. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte wirkt, war nach Baumeister in Wahrheit das Geheimnis, warum Stanleys Expeditionen nicht wie so viele andere in Chaos und Selbstaufgabe endeten, sondern ihre Ziele erreichten."
Dieser Optimismus hat was überzeugend Starkes, so den Tag zu beginnen, statt einen Kult aus seiner Unzivilisiertheit zu machen.
Das sieht man vielen an, die sich als Aborigines gebärden, im Vertauen auf ihren Bart- und Haarwuchs.
Ebenso wie bei denen, die dem inneren Juckreiz (eines gefühlten Haarwuchs ins Gehirn) , durch das Schädelrasieren zu entkommen versuchen.
Selbstbeherrschung macht anscheinend freier, als Attitüden vorzuführen.
Silesia Superior, 08.02.2012 23:44
Wunderbarer Artikel! Gruß aus (Alt-)Schlesien, aus dem Land der selbstdisziplinierten Menschen. Unsere preußischen Tugenden lassen auch grüssen.
Ursula Prasuhn, 08.02.2012 21:42
Oh ja, Menschenskind!, es stimmt, was Sie sagen. Woher kommt es aber, daß viele Eltern, Erzieher und Lehrer die Kinder zu Tyrannen machen, die sogar unglücklich über ihre Freiheiten sind, weil ihnen die Lebenszufriedenheit durch Erleben der Selbstdisziplin fehlt?Ich behaupte nach wie vor, daß kindliche Tyrannei ein Hilferuf ist - und zwar der nach mehr Führung und Standfestigkeit der Erwachsenen. Alle Kinder wollen groß und stark werden. Wie sollen sie das aber können mit schwachen Erziehern als Vorbild?
Menschenskind!, 08.02.2012 16:45
"Darum empfehlen die Autoren Willenskraft und Selbstdisziplin von Kindheit an durch Regeln, Rituale und Beschränkungen zu trainieren. Kaum etwas trage so sehr zur Lebenszufriedenheit und Erfolg bei wie die Erziehung zur Selbstdisziplin."
Wie richtig, wie wichtig!
Aber ach - wie steht es um die Realität in unseren Schulen, in den Elternhäusern! Wie hat der Zeitgeist auf die Realität der Erziehung verheerend gewirkt. Gerade heute hatten wir in einer Arztpraxis - ausgerechnet dort! - ein anregendes Gespräch über Schule früher und Schule heute. Schüler zu früheren Zeiten fürchteten prügelnde Lehrer, die es gar nicht so selten gegeben hat. Heute ist es umgekehrt, und einer der anwesenden Ärzte - ein junger Mann - lacht: Eine Bekannte ist Lehrerin, und sie hat Angst vor ihren Schülern! Die haben heut alle Muffensausen.
Selbstdisziplin wird es trotzdem immer geben - aber nur bei einigen wenigen, herausragenden Menschen. Diese brauchen nicht dazu gezwungen werden. Sie haben selbst den Antrieb dazu, frei sein zu wollen.
Prediger, 07.02.2012 16:38
Jeden Sonntag Messe. Das wäre für viele doch schon mal ein Anfang.
Knut Faust, 07.02.2012 15:17
Hört sich gut an! Das Buch muss ich mir unbedingt kaufen.
R. Müller, 07.02.2012 13:21
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