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     Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
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Feigheit vor dem Klassenfeind
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Wirtschaftspolitik

Der Organisator des Weltwirtschaftsgipfels, der Deutsche Klaus Schwab, stellte in Davos den Kapitalismus und die Globalisierung in Frage. Doch er macht es sich zu leicht. Wo bleiben die Stimmen der Wirtschaft?

Der Organisator des Weltwirtschaftsgipfels, der Deutsche Klaus Schwab, stellte in Davos den Kapitalismus und die Globalisierung in Frage. Das war für mich keine Überraschung, ist er doch immer schon gern dem Zeitgeist hinterhergelaufen.

atürlich war das nicht nur eine Gelegenheit für Linke, sondern auch eine für sogenannte Querdenker und sich öffentlich gern nachdenklich Gebende, mit den Advokaten der Freiheit, des Individualismus und der Selbstverantwortung abzurechnen. Das Versagen der Politik, den Finanzsektor so zu regulieren wie in der Realwirtschaft längst geschehen, macht es ihnen leicht. Dass die in Davos versammelten deutschen Wirtschaftsführer es ihren ausländischen Kollegen überließen, die Marktwirtschaft und die Globalisierung öffentlich zu verteidigen, ist typisch für die „schweigende Mehrheit“ auf deutschen Vorstandsetagen. Grossmann und Reitzle sind rühmliche Ausnahmen.

Ähnlich wie in Diskussionen über die Energiewende und den Euro, bei denen viele Wirtschaftsführer unter vier Augen das genaue Gegenteil von dem sagen, was sie öffentlich von sich geben, engagiert sich kaum einer von ihnen noch öffentlich für Marktwirtschaft und Globalisierung: nicht in Talk Shows, nicht einmal in Davos.

Dabei lässt sich unser Gesellschaftssystem so einfach verteidigen. Hier ist etwas Nachhilfeunterricht:

Dass durch den internationalen Handel zusätzlicher Wohlstand in den entwickelten Ländern und neuer Wohlstand in den Schwellenländern entstanden ist, sollte unter wirtschaftspolitisch Aufgeklärten Allgemeinwissen sein. Gerade Deutschland profitiert von der Globalisierung. Man braucht sich ja nur einmal vorzustellen, was bei uns los wäre, wenn wir unseren Exportüberschuss nicht hätten. Mindestens jeder fünfte deutsche Arbeitsplatz hängt von Export ab. Schon deshalb ist es seltsam, dass ausgerechnet Deutsche der Globalisierung gegenüber so kritisch und dem Euro in solch unverbrüchlicher Treue gegenüberstehen. Den Euromantikern in deutschen Vorstandsetagen sei noch einmal ins Stammbuch geschrieben: 60 Prozent unserer Exporte gehen nicht in die Euro-Zone, Tendenz: steigend, Grund: Globalisierung.

Und die Globalisierung ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen. Es reisen nicht nur Waren, Investitionen und Kapital um die Welt; Ideen, Ideale und Wertvorstellungen tun dies auch. In meinen Vorlesungen an der Universität Mannheim veranschauliche ich die insgesamt segensreichen Folgen der Globalisierung immer gern durch das „Sympathische Dreieck“.

Eine Seite des Dreiecks repräsentiert die Marktwirtschaft, die ihren Siegeszug um die Welt fortsetzt. Ob mit dem Adjektiv „sozial“ davor oder in ihrer angelsächsischen Variante, die Marktwirtschaft hat sich allen sozialistischen Modellen als überlegen erwiesen.

Zur selben Zeit – und das ist die zweite Seite des Dreiecks – setzen sich, trotz Guantanamo, Hugo Chavez und dem lupenreinen Demokraten im Kreml, auch die Menschenrechte immer mehr durch. Als engagiertes Mitglied von Amnesty International sehe ich in den Jahresberichten, dass sich die Menschenrechtssituation in immer mehr Ländern verbessert. Die Todesstrafe ist heute in mehr Ländern abgeschafft als je zuvor. Dass sich nach der Erklärung der Menschenrechte vor 61 Jahren weltweite Standards für Menschenrechte langsam aber sicher durchsetzen, ist auch eine Folge der Globalisierung.

Der Friede reist als blinder Passagier mit um die Welt

Die dritte Seite des Sympathischen Dreiecks beschreibt die Demokratie, die sich als erfolgreichste aller unvollkommenen Staatsformen immer mehr auf der Welt verbreitet. Keine davon funktioniert ohne Marktwirtschaft. Dass sich diese Aussage auch umkehren lässt, wird mit Hinweis auf beispielsweise Russland oder China gern bestritten. Zwar hat Putin die durch seinen Vorgänger eingeleitete demokratische Entwicklung eindeutig verlangsamt, die neuesten Demonstrationen in Moskau zeigen aber, dass sich die Russen diesen neuen Zaren nicht ewig gefallen lassen.

Dass China seinen derzeitigen marktwirtschaftlichen aber undemokratischen Weg schon aus „kulturellen Gründen“ zwangsläufig weitergehen muss, wie Helmut Schmidt und viele meiner (Ex-) Kollegen immer wieder behaupten, ist seit der erfolgreichen Demokratisierung in Ländern mit ähnlicher Kultur wie Japan, Südkorea und Taiwan längst widerlegt.

Übrigens: noch nie hat ein demokratisch regiertes Land eine andere Demokratie überfallen. Mit dem „Sympathischen Dreieck“ reist auch der Friede als blinder Passagier mit um die Welt.

Und was ist mit den sogenannten Verlierern der Globalisierung, zum Beispiel Afrika?  Dieser Kontinent leidet weniger unter der Globalisierung als daran, dass diese an ihm vorbeigeht. Statt jedes Mal vor Ort betroffen über das bedauernswerte Los der Afrikaner zu jammern, sollten die diesen Kontinent besuchenden Politiker viel klarer und deutlicher auf die Einführung von Marktwirtschaft, Menschenrechten und Demokratie drängen. Unsere Globalisierungskritiker sollten nicht vor G8-Gipfeln, WTO-Veranstaltungen oder EU-Treffen, sondern vor den Botschaften jener Länder demonstrieren, deren herrschende Cliquen ihren Bürgern das Sympathische Dreieck vorenthalten.

Marktwirtschaft und Globalisierung werden nicht nur von Attac auf der Straße und wohlfeilen „Querdenkern“ in Davos in Frage gestellt. Heute sind wir Zeugen eines zunehmend schärferen Wettbewerbs zwischen dem Sympathischen Dreieck und dem Islam. Von den über 50 islamischen Ländern auf unserem Globus machen sich nur wenige auf den Weg zu Marktwirtschaft, Menschenrechten und Demokratie, wie die Türkei und die Länder der „Arabellion“. Selbst dort sind leider zunehmend Zweifel angebracht.

In allen anderen islamischen Ländern werden die Menschenrechte  mindestens der Hälfte der Bevölkerung vorenthalten. In Nigeria und Iran werden sogenannte Ehebrecherinnen gesteinigt, in Saudi Arabien dürfen Frauen nicht Autofahren, und dazwischen gibt es alle möglichen islamischen Formen der Entrechtung von Frauen und Mädchen. Marktwirtschaft Fehlanzeige und Demokratie auch.

Das Sympathische Dreieck zeigt deutlich: die Wirtschaft ist nicht alles. Da ohne Wirtschaft alles nichts ist, lohnt es sich, auch wegen der Demokratie und der Menschenrechte für den Kapitalismus einzustehen.  Wo nicht, wenn nicht in Davos?

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com



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Kommentare (5)




 
  Kommentare (5)

Hans von Atzigen, 08.02.2012 20:00
Kein wiederspruch Herr Henkel.
Bloss eine ,,kleine,, Ergänzung.
All dies kann nur nachhaltig sein in einem ,,Raum,, in Allgemeinen Grundvoraussetzungen in denen dies auch Leben und atmen kann.
Auf einem innzwischen verheerend Übervölkerten Planeten können eben diese so erstrebenswerten Errungenschaften nicht mehr atmen nicht mehr leben. Hier liegt der Haken hier liegt das Drama unserer Zeit.Es gab im Verlauf der 70 iger Jahre sehr erfreuliche Ansätze dies zu ändern.
Leider gingen diese Ansätze und Erkenntnisse bei den Aktuell führenden Elitten praktisch spurlos vorüber.
Extremes Beispiel.
Haitti in diesem desaströs Übervölkerten Raum können eben all diese so wünschenswerten Errungenschaften nicht mehr Leben nicht mehr atmen.In ähnlicher nocht nicht so offensichtlicher Ausprägung gilt dies letztlich auch für den Planeten als ganzes.
Noch eine Zusatbewerkung zum Beitrag von Mister Manta.
Die verstummte Elite.
Ich verweise auf den Tittel.
DIE BLINDE ELITE
Macht ohne Verantwortung
von
Christpher Lasch
Erschienen 1995 bei Hoffmann und Campe Hamburg.
Freundliche Grüsse


Ricci Riegelhuth, 07.02.2012 20:48
Soweit ich mich aus meinem Geschichtsuntericht erinnere, entwickelte sich der Kapitalismus ( euphemistisch: Marktwirtschaft)aus Raub, Drogenhandel ( Beispiel:Ostindische Handelsgesellschaft), Piraterie, Sklavenhandel ( Sir Francis Drake, Puritaner etc.)und willfähriger Erpressung. Das scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Doch für unsere zukünftigen Entscheidungen von großer Bedeutung. \\r\\nHerr Henkel hat in den letzten Jahrzehnten häufig Vehemenz in Dingen gezeigt die er ebenso gern wiederrief. Na denn!

Meier, 06.02.2012 18:50
Schön das Sie die Realität so nüchtern sehen, Herr Prof. Dr. Henkel.
Was muss aber in einer deutschen Öffentlichkeit geschehen sein, dass sich solch eine „Feigheit“ entwickelt hat, dass sich solch eine Sympathie für Irrlehren und Irrglauben etablierte?
Die absolute Überlegenheit an Freiheit und Wohlstand infolge von Marktwirtschaft und direkter Demokratie wird von „sich persönlich benachteiligt fühlenden Personen“ in Deutschland dramatisierend in Frage gestellt.
Da werden Realitäten uminterpretiert, wird gekrittelt und philosophiert was das Zeug hält, von Personen die in einem ideologischen Labyrinth herum irren sich aber jeder medialen Unterstützung der halbstaatlichen Medien sicher sein dürfen.
Derweil die restliche mediale Öffentlichkeit ebenfalls von Parteigängern romantischer Traditionen durchsetzt, keine klare Sichtweisen auf die weltweiten wirtschaftlichen, geschweige politischen Entwicklungen nachvollziehen können.

Diese lähmende, deutsche depressive Zeitgeistigkeit, in der kein Aufbruch kein Mut und keine Zuversicht wachsen will, in der Ressentiments gepflegt werden, sind ein Ergebnis fehlender frischer und intelligenter Führungs-Personen in der Öffentlichkeit.

Die Fokussierung auf Kritik, statt auf intelligente Lösungen um Krisen zu bewältigen, die in erster Linie doch nur durch politische Fehlentscheidungen zustande kamen, ist peinlich. Denn es sind die Politiker die die Euro-Krise auslösten, es waren Politiker die Finanzblasen wachsen ließen und es sind die Märkte, die das korrigieren was falsch läuft.
Wer sein Heil in Reglementierungen der Finanzmärkte sucht, fordert gerade dazu heraus die Unterschiede in den Reglements auszuschlachten.
Eindeutige Ordnungsrahmen als harte Markt-Regeln zu erhalten, um den Wettbewerb der Märkte zu sichern, ein Verzicht auf staatlichen Subventionismus schützt und fördert bessere Entwicklungen mit mehr Aussicht auf Erfolg und Markt-Tauglichkeit.

Auch der EU-Aktionismus, völlig verschiedene Volkswirtschaften, mit großen Unterschieden in der nationalen Wertschöpfung in ein gleiches Konzept pressen zu wollen, statt marktwirtschaftliche Realitäten zu akzeptieren, ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, es zeigt auch wie albern und hartnäckig Politiker an Fehlentscheidungen festkleben.


Klimax, 06.02.2012 13:35
@MisterManta: "Konstruktive Kritik an der Marktwirtschaft, die ja nun in der Finanzkrise ihre Fehler offenbart..."

Natürlich ist konstruktive Kritik immer und überall erlaubt. Allerdings liegt bei Ihnen ein Mißverständnis vor. Marktwirtschaft ist keine Ideologie oder auch nur eine Ideenkonstrukt unter anderen, sondern eine Wirtschaftsordnung, besser: die Wirtschaftsordnung, die ökonomischer Gesetzlichkeit gemäß ist.

Sie können natürlich auch Naturgesetze "konstruktiv" kritisieren, indessen wird sich die Natur von Ihnen nicht reinreden lassen in ihre Gesetzlichkeit. Ganz ähnlich verhält es sich mit der ökonomischen Gesetzlichkeit, was, wohl weil die Folgen von Eingriffen oft länger auf sich warten lassen, leider nicht so offen zu Tage liegt. Kurz: Sie können gegen ökonomische Gesetze, also gegen den freien Markt, Politik machen, aber auf längere Sicht werden sie unweigerlich Schiffbruch erleiden.

Die Finanzkrise offenbart denn auch nicht "Fehler der Marktwirtschaft", ebensowenig wie das Resultat von Verstößen gegen das Gravitationsgesetz: der Sturz in die Tiefe, Fehler der Natur offenbart; sondern allein der fortwährende politische Interventionismus - und das heißt: selbstherrliche Eingriffe von Politikern in den Markt - werden durch Krisen bestraft. Das gilt ganz besonders für die gegenwärtige Finanzwirtschaft, die so wenig Marktwirtschaft ist, wie die Sonne um die Erde dreht.


MisterManta, 06.02.2012 11:52
Herr Henkel,
zum einen muss ich Ihnen recht geben: Ohne die Marktwirtschaft ist eine liberale Demokratie nicht denkbar. Zum anderen muss man aber hinzufügen: Konstruktive Kritik an der Marktwirtschaft, die ja nun in der Finanzkrise ihre Fehler offenbart, ist ebenso angebracht. Es muss wieder mehr Mut aufgebracht werden, wirtschaftspolitisch zu denken - weg von den Zahlen. Hier ein kritischer Artikel zu zum Handeln der Wirtschafts-Elite:
http://themundi.wordpress.com/2012/01/19/die-verstummte-elite/



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