Seit einigen Monaten konkretisieren sich Pläne des polizeilichen Zentraldienstes in Potsdam für die Errichtung von ca. 55 m hohen Funktürmen aus Stahlbeton mit großen Aufbauten an deren Spitze. In einigen Dörfern sollen Kirchtürme und andere Denkmäler in ihren Schatten gestellt werden. Wer sie irgendwo gesehen hat, weiß sofort wovon die Rede ist.
Der Polizei geht es um ein wichtiges Anliegen: Die Errichtung eines digitalen Funkbetriebes mittels eines wabenförmig ausgelegten Netzes. In Brandenburg sollen ca. 170 der hohen Mäste stehen. Die bundesweite Einführung des Digitalfunks für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste soll das bestehende Analogfunknetz ablösen. Geplant wird das weltweit größte Digitalfunknetz. Das neue System wird keine Wunder bewirken können. Es hat sich bereits dort, wo es zum Einsatz kam, als anfällig erwiesen. Hinzu kommt, dass auch dieses Netz auf das Festnetz von Drittanbietern andockt, die wiederum mehr oder weniger anfällig sind, so wie jedes digitale Funknetz, insbesondere wenn mehrere Teilnehmer zusammen geschaltet werden sollen, wie im Katastrophenfall.
Bedeutendes Wahrzeichen der Pommerschen Evangelischen Kirche
„Wer von Casekow kommend, den "Luckower Damm" entlang wandert und dann ein Stück des Weges durch ein kleines Wäldchen, die sogenannte "Hölle" zurücklegt, der betritt die Ortschaft Blumberg. (...)Weiter geht man an einigen liebevoll sanierten Häusern vorbei bis zur Dorfmitte. Diese wird von der eindrucksvollen Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert mit ihrem 45 m hohen Turm bestimmt. Die Höhenlage von Blumberg macht so den Kirchturm zu einem Wahrzeichen des Randowtales, der im Umland weit zu sehen ist.“ (Website des Fördervereins für regionale Entwicklung e.V.)
Bislang ist der dank der erhöhten Lage Blumbergs weithin sichtbare Kirchturm eines der bedeutendsten Wahrzeichen der Pommerschen Evangelischen Kirche und der Landesdenkmalpflege. Der Turm mit dreistufigem Turmaufsatz mit Haube und Laterne, überragt mit seiner Höhe von rund 40 m alle Kirchtürme der Umgebung. (Schlösser und Gärten der Mark. Blumberg. Ilona Rohowski. 2009 S. 20)
Erhebliche Mittel haben das Land Brandenburg, die Pommersche Evangelische Kirche (PEK), aber auch Bürger, Vereine und ehemalige Partnerkirchen im Westen in den Erhalt des Denkmals investiert. Ohne die tätige Hilfe der Bürgerinnen und Bürger für ihr eigenes Kulturerbe wäre manches Denkmal in Brandenburg längst verkommen.
Allen, die beispielsweise im Amt Gartz versuchen, die Wohnqualität und touristische Nutzung zu fördern, wissen, welche Bedeutung die Erhaltung der Reste des kulturellen Erbes und einer möglichst unzerstörten Natur- und Kulturlandschaft hat. Die Bürger sind sich darüber einig, dass Sicherheit wichtig ist, dabei aber Rücksicht auf Denkmalschutzbelange und Wirtschaftsfaktoren im ländlichen Raum zu nehmen ist.
Bundesbehörden und Landesministerin verwechseln ländlichen mit urbanem Raum
Die Folgen sind fatal, wie man vielleicht schon bald am Beispiel Blumberg beobachten kann. Aufgrund der topographischen Situation und der überragenden Höhe des geplanten BOS-Funkturms, wird der Funkturm mit seinen Aufbauten die wesentlichen Sichtachsen auf den - markant aus der Landschaft herausragenden - Blumberger Kirchturm, stark beeinträchtigen. Das wird augenscheinlich, wenn man von den umliegenden Dörfern Schönow, Karlsberg oder Zichow nach Blumberg blickt.
Was in einer weitflächig bebauten Stadt gilt, nämlich dass die auch dort geplanten Funktürme bei Einhaltung eines Abstandes von 500 m zu den Kirchtürmen und anderen kulturhistorisch wertvollen und stadtbildprägenden Gebäuden, nicht weiter stören, gilt nicht für die dünn besiedelten Regionen weiter außerhalb der Ballungsgebiete.
Hier waren die Kirchtürme seit dem Mittelalter die einzigen von Ferne her erkennbaren Hinweise auf menschliche Besiedlung. Sie waren identitätsstiftend für die ländliche Bevölkerung und sind es unabhängig von ihrer religiösen Zwecksetzung bis heute – auch für die Menschen, die „ihre“ Kirche nie von innen gesehen haben.
Beschleunigte Zerstörung der Kulturlandschaft im ländlichen Raum
Die Kirchtürme sind nach ästhetischen Kriterien gestaltet und jeder Turm ist anders und unverwechselbar, wie die Dörfer selbst. Nachdem in der Uckermark und anderen ländlichen Regionen die Landschaftsbilder außerhalb der Dörfer bereits durch die allein nach technischen Gesichtspunkten konzipierten „Parks“ von Windkraftanlagen zerstört werden, passiert mit den Dorfansichten nun das gleiche. Dass die wesentlichen Sichtachsen die Ausstrahlung eines bedeutenden Landesdenkmals beeinträchtigt, wurde bislang nicht einmal vom polizeilichen Zentraldienst bestritten.
Stattdessen beruft sich die Planungsstelle des Landes auf Standortvorgaben des Bundesamtes. Dieses wiederum bevorzugt bewusst die Standorte in einem Umkreis von 500 m um die Dorfzentren herum, weil dort in der Regel erschlossene kommunale Liegenschaften genutzt werden können. Im Bundesamt am Fehrbelliner Platz mitten in Berlin-Wilmersdorf hat sich offensichtlich keiner darüber Gedanken gemacht, dass reihenweise Dorfbilder stark beeinträchtigt werden.Ohne Weiteres könnte die Bundesverwaltung aufgrund einschlägiger Bundesgesetze mit der Landesverwaltung für die typischerweise in ländlichen Regionen zu erwarteten Situationen angepasste Suchstrategien vereinbaren.
Die Landesverwaltung wird sich fortgesetzt an allen ausgesuchten ländlichen Standorten mit diesem Problem konfrontiert sehen, denn in Brandenburg steht fast in jeder Gemeinde eine Dorfkirche aus dem Mittelalter und sie stehen fast alle unter Denkmalschutz. Sie werden mit großem Aufwand erhalten. Also macht es auch für sie Sinn, sich einmal grundsätzlich mit dem Thema zu beschäftigen und der Gefahr strategisch zu begegnen.
Brandenburg degradiert sich zum denkmalschutzpolitischen Entwicklungsland
In Baden-Württemberg haben sich die Kirchen dagegen im Hinblick auf die
BOS-Funkturmplanung von vornherein für eine „gemeinsame Erklärung" mit dem
Denkmalschutz stark gemacht, die 2008 unterschrieben wurde und effektiv
„städtebauliche Belange" wie den Denkmalschutz zur Messlatte macht.
Ähnliche Regelungen gelten inzwischen für Bayern und für andere Bundesländer, und auch in anderen EU-Ländern. In Brandenburg scheint die Landesregierung davon auszugehen, dass die Kirche im Baugenehmigungsverfahren erst gar nicht einbezogen werden muss. Eine "gemeinsame Erklärung" gibt es ebenfalls nicht.
2001 unterzeichneten die Unternehmen E-Plus, Telefónica, O2, T-Mobile und Vodafone eine Selbstverpflichtung, die im Jahr 2008 fortgeschrieben wurde. Insbesondere die Durchführung der darin abgegebenen Erklärung zur verbesserten Kommunikation mit Bürgern und Gemeinden bei geplanten Sendernetzausbauten befriedete die teilweise sehr emotional geführten Diskussionen und wäre auch auf den Ausbau des Digitalfunknetzes der BOS übertragbar.
Denkmalschutz kann mit allen anderen gesellschaftlichen und privaten Interessen in Konflikt geraten. Dann muss in einem entsprechenden Verfahren abgewogen werden. Laut eigener Darstellung hat sich der polizeiliche Zentraldienst in Potsdam nicht im vornherein die Mühe gemacht, die Interessen des Denkmalschutzes zu erkunden, wie es der Bundesgesetzgeber nahelegte. Dann gibt es auch nichts abzuwägen. Das zeigt auch die offizielle Broschüre des Landes. Dort heißt es ausdrücklich:“Im Zusammenarbeit mit der Kommunalverwaltung wird ein Standort präferiert und unter Berücksichtigung bau-, landschafts- und naturschutzrechtlicherAnforderungen und Auflagen sowie nach Vorliegen der Standortbescheinigung der Bundesnetzagentur das vorgeschriebene Genehmigungsverfahren eingeleitet. “
Ein Fels in der Brandung
Richten wir noch einmal unser Augenmerk auf Blumberg in der Ost-Uckermark. Blumberg, nahe des Randow-Bruchs, ist benachbart zu einem der schönsten Brandenburger Mischwälder. Die Vogelwelt dort und in den Randow-Wiesen, die eine Niedermoorlandschaft bildet, ist einzigartig und verlockt Ornithologen aus ganz Europa zur vorsichtigen Beobachtung.Ansonsten prägen Mais-Monokulturen für Biogasanlagen und Tierfabriken das Bild der Feldmark. Wie ein Fels in der Brandung steht - kilometerweit sichtbar - der stolze Turm der Blumberger Kirche. Tief hat er sich in das Unterbewusstsein der Menschen in dieser Region eingeprägt.
Uns mag es heute selbstverständlich erscheinen, dass man den Anblick auf ein Denkmal nicht beschädigt, aber im 30-jährigen Krieg und in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das alles andere als selbstverständlich. Nach dem Krieg brauchte man Baumaterial für Menschen, die weiter aus dem Osten nach Blumberg strömten. Da gab es wenig Tabus. Der Sinn für den historischen Wert der alten Gebäude musste zurücktreten. Dieser Sinn fehlt auch heute den jüngeren Bediensteten des polizeilichen Zentraldienstes, den man diese harrten Brocken hinwirft.
Alternative Standorte gibt es zuhauf
Die Bürger wehren sich nicht dagegen, dass die Vielzahl bestehender Funktürme für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben durch eine geringere Zahl an neuen - mit modernerer Technik ausgestatteten - Türmen ersetzt werden. (Laut der Dezember Ausgabe der Zeitschrift der Polizeigewerkschaft ist das System allerdings sehr problembehaftet; ferner wird auf nicht unerhebliche Risiken für die Gesundheit hingewiesen.)
Sie wehren sich dagegen, dass sie in die Dörfer gesetzt werden und nicht weiter außerhalb, wo etwa Windkraftanlagen ohnehin schon stehen oder bereits bestehende Türme genutzt werden könnten. Technisch ist das möglich. Im konkreten Fall Blumberg könnte der Turm auf einer Anhöhe knapp 1,5 km von der Dorfkirche entfernt (auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Wirtschaftshofs, dessen Eigentümer sich einverstanden erklärt hat) stehen.
Der Unmut der Bürger und Kirchenmitglieder wächst auch, weil das Infrastrukturministerium die Baugenehmigung für den BOS-Funkturm erteilt hat, obwohl es hinreichend viele andere taugliche Alternativen zum jetzigen Standort gäbe, die aber nicht gründlich genug geprüft bzw. nicht mit gutem Willen aktiv vorangetrieben wurden -- vielleicht auch deshalb nicht, weil sich die zuständigen Landes- und Bundesbehörden dazu hätten abstimmen müssen.
Aus Sicht vieler Bürger bietet sich für die BOS-Funkanlage die Mitnutzung des Turms der Telekom in einer Nachbargemarkung an, der seinerzeit durch den Staat errichtet wurde. Laut Website der BDBOS gibt es keine Beschränkung hinsichtlich der Nutzung privater Mobilfunktürme, also auch des Fernmeldeturms der Post AG in Luckow; die Möglichkeit einer Mitnutzung wird darin sogar ausdrücklich präferiert.
Der Bundespräsident mahnt zum Denkmalschutz
Der in diesen Tagen viel gescholtene Bundespräsident sprach anlässlich des "Tag des offenen Denkmals" darüber, wie dankbar wir als Gesellschaft sein können, dass es Menschen gab, die ihre Zeit, ihr Geld, ihr Herzblut dafür eingesetzt haben, historischen Bauten zu retten und wieder zu nutzen, dass durch die Restaurierung auch alte Handwerkstechniken wieder neu entdeckt werden, dass es dank der einschlägigen Stiftungen und Zuarbeit der Ämter und Behörden überall eine breite Bewegung für den Erhalt von Kulturgütern gibt. Mit dem Reichtum der Denkmäler würden wir auch einen Teil unserer Kulturnation und damit unserer eigenen Identität pflegen.
Stellen wir uns - einen kurzen Moment lang – das Dorf ohne den unverbauten Blick auf den herrlichen Turm vor, ohne die Dorfstrasse mit Kopfsteinpflaster, ohne das liebevoll restaurierte Pfarrhaus und Haus an der Ecke vorm Turm vor. Insbesondere der anrührende Anblick auf die alte Feste hätte auch anders aussehen können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte - erst Einzelne, dann immer mehr -, die für die Erhaltung der historischen Bauten gekämpft haben.
In „Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter“ (Prestel Verlag, 2008) schreibt die Herausgeberin Kara Huber: „Die Anziehungskraft brandenburgischer Dorfkirchen nimmt zu. In den Zeiten der Hektik, Beschleunigung und 'Globalisierung’ wächst die Sehnsucht nach Heimat, nach einer Symbiose von Landschaft und Dorfleben (...) Generation auf Generation hat sie bewahrt und gewandelt.“
In einem Geleitwort zum Buch schreibt die Bundeskanzlerin: “Kirchengebäude sind oft die ältesten Zeugnisse einer Siedlung. Ihr Glanz strahlt über die eigentliche Bestimmung als Stätten des Glaubens und des Gottesdienstes - denn Kirchen sind ebenso Bauten von allgemeiner kultureller Bedeutung: (...) Ihre unverwechselbare Silhouette prägt weithin sichtbar die Ortsbilder unserer historisch gewachsenen Kulturlandschaften. Selbst Menschen, die dem Glauben fernstehen, identifizieren sich mit den Kirchgebäuden ihrer Heimat und engagieren sich für ihre Erhaltung (...)“
Ländlicher Raum, Wirtschaft & Heimat
Alle, die beispielsweise in den Ämtern und Kreisverwaltungen Brandenburgs versuchen, die Wohnqualität und touristische Nutzung zu fördern, wissen, welche Bedeutung die Erhaltung der Reste des kulturellen Erbes und einer möglichst unzerstörten Natur- und Kulturlandschaft als wirtschaftlicher Faktor im ländlichen Raum ist. Bei allem Verständnis für Sicherheitsbelange, gilt es nach Ansicht vieler Kreis-, Amtsverwaltungen und Bürger auch größere Rücksicht auf wirtschaftliche Standortfaktoren zu nehmen.
Betroffene Bürger fordern, alles daran zu setzen, einen Ausverkauf der mit viel Steuergeld gepflegten Kulturlandschaften zu unterbinden. Wo keine Rücksicht auf ortsprägende Denkmäler genommen wird, hat es nicht nur der vom Land und den Landkreisen geförderte Tourismus im ländlichen Raum schwer, sondern generell wird der Standort für Verpachtung und Vermietung entwertet – damit aber auch manche Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude ad absurdum geführt, da eine spätere Nutzung immer unwahrscheinlicher wird. Das zieht eine geringere Investitionsbereitschaft nach sich mit der Folge, dass der lokalen Ökonomie dringend benötigte Umsätze und Arbeitsplätze entzogen werden.
Der Bund, das Land Brandenburg, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die Pommersche Evangelische Kirche (PEK), aber auch Bürger, Vereine, Stiftungen, Partnerkirchen im Westen und im Ausland haben erhebliche Mittel in den Erhalt der alt-ehrwürdigen Denkmäler in Brandenburg investiert. Umso enttäuschender ist es, wenn Planungsversäumnisse vertuscht werden, Fragen von interessierten Bürgern immer wieder vorschnell „aus Sicherheitsgründen“ nicht beantwortet und entscheidungsrelevante Dokumente kurzerhand als „nur für den dienstlichen Gebrauch“ deklariert werden, womit jeder konstruktive Dialog mit den polizeilichen Planungsstellen im Keim erstickt wird.