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     Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
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Andere Länder, andere Unsitten
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Die Causa Christian Wulff ist kein Einzelfall: Auch andere Länder haben ihre Staatsaffären, gehen damit aber häufig lockerer um. Doch eins ist klar: Die Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten von Mächtigen sinkt.
Letzte Woche wollte ein Pariser Freund von mir wissen, ob die Deutschen eine nationalmasochistische Veranlagung hätten. Wegen solcher Petitessen, wie in der Causa Wulff,  würden die Franzosen ihr Staatsoberhaupt niemals einer solchen Hetzjagd aussetzen und sich damit als Nation zum Gespött der Weltöffentlichkeit machen.

Die Angelsachsen sind uns Kontinentaleuropäern mit ihrer "zero-tolerance" gegenüber Korruption und anderen Übergriffen Mächtiger immer noch weit voraus. Verglichen mit der Befragung Christian Wulffs durch ARD und ZDF waren die stundenlangen öffentlichen Vernehmungen von Bill Clinton zu seiner Affäre mit der Praktikantin Monika Lewinski veritable Schauprozesse.

Auch ein Vergleich des Umgangs der Medien mit Affären ihrer Staatsoberhäupter zeigt, dass das Sprichwort "andere Länder, andere Sitten" eher „andere Länder andere Unsitten“ heißen müsste.

Wie schon bei ökonomischen Parametern der Fall (Staatsverschuldung, Schwarzarbeit oder Steuerehrlichkeit),  tut sich auch beim Umgang mit Staatsaffären ein deutliches Nord-Süd Gefälle auf. Man erinnere sich an die zahlreichen Affären Berlusconis und an die Erschleichung der Euro-Mitgliedschaft durch die getürkten Zahlen Griechenlands. Ich wusste bis dahin nicht, dass Griechen türken können. Aber auch der Vergleich mit unserem bevorzugten Partner im Westen zeigt große Unterschiede im Umgang mit Staatsaffären.

Ich lebte und arbeitete in Paris, als herauskam, dass der korrupte und blutrünstige afrikanische Diktator Bokassa die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten Valerie Giscard d'Estaing mit Diamanten beschenkt hatte. Zu meinem größten Erstaunen zuckten damals nicht nur meine französischen Geschäftspartner mit den Schultern; auch die Medien sahen die Sache nicht so tragisch. Die Diamanten sind wohl heute noch im Tresor der Familie.

Dafür, dass nicht einmal die sozialistische Opposition die Sache mit Giscards Diamanten an die große Glocke hängen wollte, gab es später auch eine Erklärung. Giscards Nachfolger Francois Mitterand brachte über lange Zeit  seine außerehelich zur Welt gekommene Tochter samt seiner Geliebten in einer vom Staat bezahlten Wohnung unter. Der staatliche Geheimdienst half dabei, die Besuche Mitterrands bei seiner Zweitfamilie zu organisieren und zu verschleiern. Medien hielten diese Geschichte unter der französischen Bettdecke. Als sie dennoch ans Licht kam, war die Kritik am Staatspräsidenten für seine dreiste Vorteilsnahme weit weniger laut als die unverhohlen zum Ausdruck gebrachte Anerkennung für seine Virilität und seine Chuzpe.  

Die Franzosen verfolgen die Treibjagd auf Wulf mit ungläubigem Staunen

Derweil heuerte sein späterer Nachfolger im höchsten Staatsamt Frankreichs, der konservative Jacques Chirac, schon als Bürgermeister von Paris Dutzende von Bekannten und Freunden auf Scheinarbeitsstellen an, die alle vom Steuerzahler finanziert wurden. Zwar wurde das schon während seiner ersten Amtszeit als Staatspräsident aktenkundig, hielt die Franzosen aber trotzdem nicht davon ab, ihn mit einem Rekordwahlergebnis wiederzuwählen.

Der derzeitige Amtsinhaber, Nicolas Sarkozy, verbrachte kurz nach seiner Wahl einen Urlaub im Luxusanwesen eines Geschäftsmannes an der Cote d'Azur. Im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen dachte er nicht im Traum daran, dafür etwas zu bezahlen. Auch weil sich seine Vorgänger so viel herausgenommen haben,  ist es verständlich, dass sich die Kritik an der von Sarkozy geradezu kultivierten Nähe zu reichen Geschäftsleuten in Frankreich in Grenzen hält.

Kein Wunder also, dass die Franzosen die Art und Weise, wie die Deutschen mit den aus ihrer Sicht vergleichsweise lächerlichen Fehltritten unseres Staatsoberhauptes umgehen, mit ungläubigem Staunen verfolgen.

Neben "Andere Länder, andere Sitten" gibt es noch ein anderes Sprichwort, das auf die derzeitige Treibjagd auf den deutschen Bundespräsidenten Anwendung findet: "Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht das Gleiche"!

Nachdem der damalige Ministerpräsident Niedersachsens, Gerhard Schröder,  sich nebst dritter  Ehefrau vom VW-Chef Ferdinand Piech zum Wiener Opernball hatte einladen lassen, bezahlte Schröder diesen Ausflug erst, nachdem ihm die Presse auf die Schliche gekommen war. Ich erinnere mich nicht daran, das "Bild", "Spiegel" oder "FAZ" auch nur einen annähernd vergleichbaren Tumult angezettelt hätten wie im Fall Wulff. Schröders sonst so gern moralisierende Genossen hat dieser Vorfall nicht davon abgehalten, ihn später als Kanzlerkandidaten zu präsentieren.

Obwohl der damalige Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir einen vergünstigten Kredit von einem ihm erst kurz zuvor bekannt gewordenen Unternehmensberater annahm, konnte er später Vorsitzender seiner Partei werden. Klar, dass ihn das heute dazu prädestiniert, dem Bundespräsidenten öffentlich zu bescheinigen, er könne nun sein Amt nur noch so ausüben, wie der Außenminister, nämlich gar nicht.

Neben der bei solchen Affären zu konstatierenden Scheinheiligkeit und dem auf zweierlei Weise gemessenen Maß, wird auch ein positiver Trend deutlich sichtbar. Der Kalauer - "Alles wird schlechter, nur eins wird besser, die Moral wird schlechter!“ - stimmt nicht mehr. Im Gegenteil, die Ansprüche an moralisches Verhalten steigen, es kommt mehr heraus, überall sinkt die Toleranz gegenüber Fehlverhalten von Mächtigen.

Und das ist gut so!

 

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com



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Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Fred Aber, 28.01.2012 18:28
Wenn zwei das Gleiche tun..
Dem ist unzweifelhaft so. Was mit Herr Wulff und Seiner Familie hierzulande veranstaltet worden ist, kann man guten Gewissens als kriminelle Medienkampagne bezeichnen. Es als Vorteilsannahme hinzustellen, wenn jemand, der sich in einem politischen Amt befindet und einen Kredit aufnimmt, ist gelinde ausgedrückt Verhetzung. Meiner Ansicht nach, lediglich der Eitelkeit eines gewissen bebrillten Bxxx Mächtigen, der seine Macht mittlerweile überschätzt, dienend. Die ganzen heutigen Medientrolls als Echokammer zu verleiten, ist geradezu medienkriminell.
An die Normalos: Erstmal denken, bevor man in das Gruppengeheule einfällt.


Susanne, 26.01.2012 09:16
Hans-Olaf Henkel übersieht, dass Wulffs Verhalten an deutschen Gesetzen zu messen ist. Und danach ist Vorteilsannahme von Amtsträgern nun einmal strafbar und kann mit Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren geahndet werden. Und schließlich gilt auch: Vor dem Gesetz ist jeder gleich, ohne Ansehen von Person und Amt.

Karin Weber, 24.01.2012 10:09
An eine solche Kultur will und werde ich mich nicht gewöhnen! Wer führen will muss integer und kompetent sein, sonst könnte uns ja auch jeder Kleinkriminelle in einem solchen oder ähnlichen Amt vertreten.

Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass auf die Machenschaften von Staatsoberhäuptern andere Länder verwiesen wird. Wir sind hier in Deutschland und was man Honecker & Co nachgetragen hat, ist heute nicht keinesfalls ein Kavaliersdelikt geworden. Vor 23 Jahren hat man zu Recht über diese Bereicherungen u. Vorteilsnahme der SED-Bonzen geschimpft. Was hat sich an diesem Prinzip geändert? Nix, nur die Meinung der Medien!

Politiker verdienen doch nun weiß Gott genug. Reicht denen das nicht? Ist die Gier so groß, dass man sich schamlos die Taschen vollkracht, egal ob der mündige Bürger direkt daneben steht?

Generell sind hier mal 2 Dinge separat zu betrachten:

1. Die Verhaltensweise von Herrn Wulff. Ich hätte sofort die Koffer gepackt und Tschüss. Diese Perlenkettentaktik wird im Endeffekt voll nach hinten losgehen. Das Ansehen dieses Amtes ist auf Dauer irreparabel in seiner Integrität beschädigt. Meine Firma z.B. würde meine persönlichen Probleme & Statements nicht auf der Firmenwebsite veröffentlichen. Beim BP geht das schon mal. Was ist das eigentlich fürein Kasperladen?

2. Das Verhalten der Presse: Die haben doch diese „Erkenntnisse“ über Herrn Wulff schon vor seiner Wahl zum BP gehabt. Warum lassen die die Katze erst jetzt aus dem Sack. Was steckt da dahinter? Seriösen Journalismus gibt es immer weniger. Ich habe echt den Eindruck, als wenn den Medien wie zu DDR-Zeiten wieder vorgegeben wird, was das Volk zu wissen und zu glauben hat. Wir alten Bürgerinnen und Bürger haben genügend Lebenserfahrungen, um das filtern zu können. Junge Menschen können das einfach nicht und fallen auf solche Schwindeleien rein.

Da steckt mehr dahinter und auch hinter dem Problem „Wulff“ tickt etwas, von dem wir mündigen Bürger derzeit noch nichts mitbekommen. Irgendwem ist Herr Wulff im Wege und diese Vorwürfe sind doch nur Vorwände zum Vollzug der Entkernung.


Horatio Nelson, 24.01.2012 02:53
Gründe für dieses kindische Verhalten der BRD sind bekannt. Zum einen, ist die Politeinheit "Deutschland" noch nicht einmal 150 Jahre alt und die BRD also, ist somit nicht der Rede wert. Beide noch Kinder und bekannt ist auch, daß Kinder nötigenfalls eins auf die Finger kriegen müssen. Dies muß der BRD noch widerfahren. Zum anderen gehört die dementsprechende kindische Naivität, die politische Korrektheit, das Bedürfnis zu Belehren und die Bereitschaft Tabus einzuhalten. Zu diesem kindischen Rahmen gehört eben Wulff. Opportunistisch angepaßt. "Etabliert". Gern bereit sich in jeden Chor der PC-getriebenen Kritik, Fingerzeigerei und Belehrung einzureihen. Widerlich, halt. Der Ja-Sager Wulff ist einer der vielen "Erfolgreichen", die die Devise beherzigen: durch Schweigen und Anpassung lebt es sich prächtig. Er weiß also, daß demnach, das Erheben von Widerspruch bzw. dem eigenen Gewissen zu folgen – wie z.B. Köhler, Hohmann, Axel Weber, Steve Jobs und Jürgen Stark dies taten – "Dummheit" ist. Mit Verlaub, Herr Professor: mit Ihrem einsatzfreudigen Wesen, gehören Sie eher zu einer anderen Kultur – nicht zur deutschen. Fazit: Jede Nation ist Kind des eigenen Charakters und diese Vielfalt ist gut. Die BRD ist eben ein noch nicht bestraftes Kind. Wird es aber eindeutig noch werden.
Grüße,
Horatio Nelson.


Freaky, 23.01.2012 18:15
meiner meinung nach versucht man herrn wulff nur gegen einen präsidenten auszutauschen, der dem esm und co nicht so kritisch gegenübersteht. er hat sich dazu kritisch geäußert und kassiert jetzt meiner meinung nach die rechnung.
herr schäuble und frau merkel verstoßen derzeit fast wöchentlich gegen das grundgesetzt und dies wird nicht mal erwähnt! ließt man dies stellt man fest das diese herrschaften hochverrat an deutschland begehen und eigentlich ins gefängniss wandern müssten.
traurig dieser deutsche"rechts"staat


Werner Voß, 23.01.2012 14:42
zum Thema Wulff Affäre kann ich nur sagen, dass es unerträglich ist, wie sich die Medien darauf stürzen. Es ist menschenunwürdig und unethisch wie Herr Wulff von Presse, Funk und Fernsehen behandelt wird.
Kann es nicht sein, dass sich dahinter eine Kampagne verbirgt, wobei das ganze Volk aufgehetzt werden soll!?
Ich denke dabei an seine Äusserungen auf einer Tagung am Bodensee vor einigen Monaten. Dort nämlich hat sich unser Bundespräsident -zu Recht- kritisch zu den vermeintlichen Euro Rettungsschirmen und der Schuldenunion geäussert hat. Es gibt sicherlich Kreise, denen das gar nicht schmeckt.

Eine Parallele sehe ich auch zur "Zimmermädchen Affäre", die man seinerzeit Strauss-Kahn angehängt hatte, nur weil er als damals zukünftiger IWF Chef auch das Gemeinwohl im Blick hatte.

Ach, wie war dass noch mit der Vorsitzenden der Evangelischen Kirche Frau Käßmann, ihr wurde eine Promille Fahrt angehängt! Warum nur? Ich kann mich sehr gut daran erinnern, daß auch sie zuvor entgegen dem mainstream, dem Afghanistan Einsatz der Deutschen defintiv eine Absage erteilt hat.

So manches scheint mir mit unserer sogenannten Demokratie, mit der wir ja auch andere Teile der Welt (Nordafrika, Afghanistan usw.) beglücken wollen nicht ganz in Ordnung zu sein!

Werner Voß


Werner Voß



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