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27.05.2012
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     Wolfgang Röhl
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Von Dichtern und Henkern. Über Peter Rühmkorf
Weitere Themen: Bildung

Vor 40 Jahren erschien ein bemerkenswertes Buch, das mir neulich aus dem Regal vor die Füße fiel, als erbitte es Aufmerksamkeit. Das vergilbte Paperback trägt den Titel: „Die Jahre die Ihr kennt“. Hinter dem etwas kumpelig (oder sagen wir besser: genossenhaft) daherkommenden Titel verbirgt sich eine frühe Autobiografie des Dichters Peter Rühmkorf (1929 – 2008). Er war einer der kreativsten, gebildetsten, geistreichsten, witzigsten, ja – manchmal stimmt so ein Klischee - „wortmächtigsten“ Lyriker der Bundesrepublik, als Dramatiker freilich sehr entbehrlich. Sein Amalgam aus Hochsprache, Slang und Flapsigkeit, aus großer Geste und achselzuckender Selbstironie beeinflusst junge Poeten bis heute, und wird es weiter tun.

Rühmkorfs Autobiografie, die damals sogar von seinen Freunden mit Irritation aufgenommen wurde, verkaufte sich schlecht. Der abgebrochene Student und spätere Rowohlt-Lektor war bei Erscheinen 43 Jahre alt und besaß keineswegs eine Vita, auf welche die Welt gespannt sein musste. Das Buch enthält auch nicht viel mehr als Befindlichkeitsskizzen, den üblichen Literatenklatsch und –knatsch sowie eine Reihe von oft etwas länglichen Volksreden, Artikeln und linken Tiraden, von denen man 1972, in der Post-Apo-Ära, ziemlich übersättigt war. Freilich beschreibt Rühmkorf auch seine End- und Nachkriegskindheit im norddeutschen Dorf Warstade sehr komisch und scharfsinnig. Und aus seiner wunderbaren Sammlung säuischer Kinder- und Volksmund-Verse (die er zuvor im Buch „Über das Volksvermögen“ gebündelt hatte), gibt er neue Leckerbissen aus.

Nichtsdestotrotz floppte das Werk. Für Rühmkorf, der ab den achtziger Jahren zu einem der höchst und meist dekorierten Dichter des Landes aufstieg, war das objektiv ein Segen. Denn das Buch enthält eine lange, decouvrierende Passage, die in seiner Person das ganze Elend des politisierenden Dichters sui generis zeigt. Es handelt sich um das Protokoll einer Reise ins China des Menschenschlächters Mao.

1956, Mao hatte gerade einen Krieg gegen die Bauern geführt, der riesige Ernteausfälle und furchtbare Hungerkatastrophen auslöste, machte sich ein gut gelaunter Rühmkorf zu einer China-Reise auf. Ein unerhörtes Privileg, denn China war damals von westlichen Beobachtern so gut wie abgeschottet. Das Privileg verdankte sich seinen Kontakten zur westdeutschen KPD, welche eine China-Visite „gesamtdeutscher junger Friedensfreunde“ mitorganisiert hatte (zu jener Zeit gab es den Bruch zwischen Moskau und Peking noch nicht).

Rühmkorf warf sich ironisch, aber wohlwollend gestimmt ins Getümmel und lief von Anfang an auf dem Holzweg mit. „Konnten uns völlig frei herumbewegen oder gezielt heranführen lassen“, notierte er, der – wie alle Mitglieder der „Jugenddelegation“ – selbstredend nur zu sehen bekam, was er sehen sollte. Das war jahrzehntelang bei allen China-Besuchen von Auswärtigen eiserner Landesbrauch. Er antizipierte irgendwie die herannahende Barbarei der Kulturrevolution und bejahrte sie, indem er wünschte, man möge „erstmal die Museen anstecken, und die kapriziösen Zeugnisse barbarischer Kapricen und eines menschenverachtenden Luxuslebens.“ Interpretierte den erzwungenen Fanatismus der immerzu jubelnden Massen (automatisch lächelnd, wo die Jugenddelegation auftauchte) als Optimismus eines befreiten, im unaufhaltsamen Aufschwung befindlichen Volkes. Ließ sich von den Phantasiezahlen angeblich gigantischer Wirtschaftserfolge berauschen, hielt jedes Potemkinsche Dorf, das er besichtigen durfte, für schussecht, ging jedem ideologischen Mist auf den Leim, tappte in jede Falle, die man für ihn und seine politischen fellow travellers aufgestellt hatte.

Und, nein, das war nicht einfach nur ein junger, naiver, idealistischer Simpel, der von der Welt noch so gut wie nix gesehen hatte und sich fern der Heimat, fest an der Leine von Propagandakadern und Dolmetschern, ein X für ein U vormachen ließ. Dass sich der im heimischen Adenauer-Deutschland jedes Detail deutscher Politik schwerstkritisch beargwöhnende Rühmkorf von den rotchinesischen Rosstäuschern einen elenden, sterbenskranken Klepper als kraftvoll wiehernden Hengst verkaufen ließ, hatte einen anderen Grund. Er wollte China so sehen, als Land auf dem Weg zum Sieg über Tod und Teufel, Hunger und Elend, Yankee und Japs. Für eine andere – und sei es auch nur ein klein bisschen kritische – Betrachtungsweise hatte er von vorneherein keine Kammer in seinem Oberstübchen frei geräumt. Und so schreibt der damals schon flinke, linke Sprachvirtuose, die spätere Lichtgestalt der Feuilletons, der Lametta behängte Heroe deutscher Verskunst, sich im Fazit seiner China-Reise um Kopf und Kragen:

„Den berüchtigten und sagenhaften neuen Menschen, den der Kulturrevolution und einer abendländisch kaum noch messbaren Persönlichkeitshingabe, den habe ich überall schon laufen sehen, einzeln und in Massen. Und er war bestimmt alles andere als ein Schneemensch, ein Himalajamensch, eine Luftspiegelung, und ganz gewiß keine propagandistische Sinnestäuschung. Das war einfach ein Mensch vom Konkurrenzkampf unverbogen, noch unzerteilt zwischen die ständige Geilheit nach Ware und dem pappigen Geschmack von und dem neuen Hunger auf, eher schon wieder heil, beisammen, fast harmonisch; im einzelnen vielleicht etwas zurückgenommen, aber hinreißbar für große würdige gemeinsame Aufgaben und individuell, das heißt unteilbar, in der Gesellschaft.“

Wäre Rühmkorf Jahrgang 1909 und nicht 1929, hätte er derlei von peinlichem Pathos triefende Elegien vielleicht den Nazis ins Poesiealbum geschrieben. Wie sein Vorbild Gottfried Benn. Wahrscheinlich gibt es im deutschsprachigen Raum der Nachkriegsära nur eine literarische Schandtat, welche Rühmkorfs China-Report die Tinte reichen kann: das Schönschreiben der linksfaschistischen Hungerdiktatur Nordkorea zum Musterländle durch die Rinserluise. Was des Hamburger Dichters Ausfluss über den „Neuen Menschen“ aber besonders schwer erträglich macht, ist das frivole Gerede von der verderblichen „Geilheit nach Ware“, der die Chinesen zum Glück entkommen seien. Rühmkorf war nämlich, ungeachtet seiner linken Gesinnung, lebenslang ausgesprochen an Geld interessiert. Seine stete Klage, die Gesellschaft und/oder der Staat täten für ihn, den Künstler, nicht die Mittel raus, die ein Künstler doch wohl erwarten dürfe (er, Kenner des Walther von der Vogelweide, nannte es „das Lehen“), sie sind legendär bei allen, die ihn kannten und schätzten. Not litt er freilich nie, denn seine Frau bezog ein sehr ordentliches Beamtengehalt.

Aber, fand die Reise nicht anno 1956 statt? Rühmkorf konnte doch damals gar nicht vom Ausmaß des maoistischen Terrors und vom vollständige Scheitern der irrsinnigen Wirtschaftsexperimente wie „Großer Sprung nach vorn“ wissen?

Natürlich war das große Bild von den Menschheitsverbrechen, für die sich Mao 1956 erst richtig warmlief (in der Mao-Biografie von Jung Chang und Jon Halliday vor einigen Jahren in allen schaurigen Details dokumentiert), 1956 noch nicht wirklich überschaubar. Aber 1972, als Rühmkorf seine China-Reisenotizen noch einmal ausbreitete, wusste man schon mehr. Sehr viel mehr. Rühmkorf hätte sich einen Gefallen getan, diese Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und seinen Chinareisebericht in jene Tonne zu treten, auf der „Bockmist/Bullshit/Jugendsünden“ steht. Sein Bild für die Nachwelt wäre heute irgendwie - glänzender.

Lehrt das was? Doch, ja. Nämlich, dass Dichter oft von der Muse, aber seltener vom politischen Verstand geküsst sind. Böll, Pinter, Handke, Fried oder Jelinek sind Exempel dafür; ebenso Sartre, Brecht, Pound, Hamsum oder Kipling. Texte über Menschen zu malen, ist eine feine Sache. Qualifiziert die Künstler aber nicht notwendigerweise dazu, über politische Systeme und Menschenexperimente zu urteilen. Selbst der geniale T.C. Boyle, der das Komitee für den Literaturnobelpreis alle Jahre wieder faktisch der Inkompetenz überführt, weil er, Boycle, den längst verdienten Preis noch immer nicht bekommen hat, sogar diese Kreativitätsmaschine erzählt in Interviews so manchen Quark über die großen Fragen der Welt („Der Mensch wird aussterben“). Schöngeister, die von der Stippvisite aus irgendeinem Absurdistan zurückkehren, wo sie vielleicht im Goethe-Institut gelesen haben, mögen erst recht die Klappe halten. Hatte Rühmkorf nicht selbst geulkt: „Auch noch Denkanstöße vermitteln – soweit kommts! ´n Dichter ist kein Ziegenbock.“

PS: Ansonsten ist der Mann, den seine Freunde „Lyng“ nannten, auch heute noch kulinarisches Lesefutter. Wer nie etwas von ihm gelesen hat, fange mal an mit „Irdisches Vergnügen in g. Fünfzig Gedichte“, Hamburg 1959.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com



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Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Adorján F. Kovács, 23.01.2012 10:08
Und das ist keineswegs ein Einzelfall! Genau diese Einstellung war es, die Menschen wie meine Eltern, die dem kommunistischen System entkommen sind, zur Verzweiflung brachte. Leider wirken die Ausläufer dieser Einstellung bis heute weiter. Die "Genesung" wird noch ca. 2 Generationen brauchen.

Freier Mann, 22.01.2012 02:25
Grossartig, Herr Roehl! Sie sind unser Gedächtnis!


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