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Stefan Fuchs
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Jugendarbeitslosigkeit, "Hotel Mama" und Kindermangel
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AllgemeinBildungFamilieWas ist der Grund für die Baby-Baisse in Deutschland? Über viele Jahre transportierten die Medien unermüdlich die immer gleiche Botschaft: Der Hauptgrund für die niedrigen Geburtenraten sei die fehlende „Vereinbarkeit" von Beruf und Familie. Das Problem lösen könnten nur mehr Kinderbetreuungsplätze, die Müttern eine kontinuierliche (Vollzeit)Erwerbstätigkeit ermöglichten. Mit dieser Sichtweise hat auch die Bundesregierung den Ausbau der Kindertagesbetreuung begründet, der allerdings bisher keinen „Baby-Boom" auslöste (1). Auch Vordenker dieser Politik räumen ein, dass Betreuungsplätze allein für die Familienplanung nicht ausreichen: Sie verweisen auf die „extremen Unsicherheiten in der Lebensplanung", die das Wirtschaftsleben heute der jungen Generation „in praktisch allen Berufssparten" zumute (2). Und in der Tat: Jüngere Arbeitnehmer gehören nachweislich zu den Verlierern der „Deregulierung" der Arbeitsmärkte: Sie sind häufiger befristet beschäftigt und erhalten wesentlich häufiger Niedriglöhne (3). Trotz ihres im Durchschnitt höheren Qualifikationsniveaus verfügen sie seltener als ihre Eltern oder Großeltern Mitte Zwanzig über ein „Normalarbeitsverhältnis" als Grundlage einer verlässlichen Lebens- und Familienplanung. Verlängerte Ausbildungszeiten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, flexibilisierte Arbeitsmärkte erschweren jungen Menschen allerdings nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa die Familiengründung. Besonders prekär ist ihre Arbeitsmarktlage im Süden und Osten der Europäischen Union: In Spanien sind gegenwärtig fast die Hälfte, in Griechenland mehr als 45%, in der Slowakei mehr als ein Drittel und in Italien, Portugal sowie in Polen etwa 30% der Jugendlichen (15-24 Jahre) ohne Erwerbsarbeit (4). Angesichts ihrer prekären wirtschaftlichen Lage verwundert es nicht, dass die jungen Menschen lange bei ihren Eltern wohnen: Junge Frauen gründen erst mit 26-28 Jahren und junge Männer sogar erst mit 27-31 Jahren einen eigenen Haushalt. Damit verbunden gehen junge Menschen spät „feste" Partnerschaften ein - und zögern mit der Familiengründung (5). Auch im Vorzeigewohlfahrtsstaat Schweden und in Frankreich ist die wirtschaftliche Lage junger Menschen schwierig: Mehr als ein Fünftel der Jugendlichen sind arbeitslos (6). Trotzdem verlassen dort junge Menschen oft schon früh (durchschnittlich mit 20-23 Jahren) das Elternhaus. Öffentliche Transfers wie Wohngeld oder Ausbildungsbeihilfen erleichtern es hier jungen Menschen einen eigenen Haushalt zu gründen - auch wenn es am selbst verdienten Geld noch mangelt. Auf diese frühe Ablösung vom Elternhaus führen manche Sozialforscher zurück, dass junge Menschen in Frankreich und Skandinavien häufiger feste Partnerschaften mit einem gemeinsamen Haushalt eingehen und später dann auch Familien gründen (7). Die frühzeitige Selbständigkeit junger Menschen, so meinen sie, fördere die Geburtenfreudigkeit, während eine längere Bindung an das „Hotel Mama" zur Nachwuchsbaisse führe (8). Letzteres trifft durchaus zu: Ein hohes Auszugsalter aus dem Elternhaus ist in Europa immer mit niedrigen Geburtenraten verbunden - beispielhaft dafür sind die Slowakei, Italien, Griechenland und die iberische Halbinsel. Umgekehrt fördert aber eine frühe Haushaltsgründung nicht per se die Neigung, Familien zu gründen. Exemplarisch dafür ist Deutschland: Die Jugendlichen hierzulande gehören im europäischen Vergleich eher zu den „Nestflüchtern" (9). Ihren Lebensunterhalt können sie dabei häufiger als junge Franzosen oder Schweden durch eigene Erwerbstätigkeit erwirtschaften - schließlich ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig wie sonst nur noch in Österreich und den Niederlanden (10). Es besteht kein Zweifel: Auch für junge Deutsche sind die Arbeitsmarktverhältnisse rauer geworden; in der grassierenden Finanzkrise trifft es aber junge Italiener, Spanier und Griechen wesentlich härter. Es bedarf keiner besonderen Kühnheit, um Südeuropa weiteren Babyschwund zu prognostizieren. Woher die Geburtenmüdigkeit in Deutschland kommt bleibt dagegen ein Rätsel - zumindest solange die Ursachenforschung im Tunnelblick nur auf die Arbeitswelt verharrt.
(1) Siehe: http://www.i-daf.org/306-0-2-2010.html. (2) So Hans Bertram im Gespräch mit Marie Amrhein und Michael Naumann, in: Keine Zeit für Kinderglück, Cicero vom 12/2011, S. 46. (3) Siehe: http://www.i-daf.org/226-0-Woche-39-2008.html. (4) Siehe: „Jugendarbeitslosigkeit in Europa" (Abbildung unten). (5) Siehe: „Wann verlassen junge Europäer das Elternhaus?" (Abbildung unten). (6) Siehe: „Jugendarbeitslosigkeit in Europa" (Abbildung unten). (7) Beispielhaft für diese Argumentation: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familien zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit - Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, S. 23. (8) Auf diese Weise erklärt zum Beispiel der belgische Demograph Ron Lesthaeghe die Unterschiede im Geburtenniveau zwischen Süd- und Nordwesteuropa. Vgl.: Ron Lesthaeghe: The "Second Demographic Transition": A conceptual Map for the Understanding of Late Modern Demographic Developments in Fertility and Family Formation, S. 179-218, in: Historical Social Research, Vol. 36, 2/2011, S. 191-193. (9) Siehe: „Wann verlassen junge Europäer das Elternhaus?" (Abbildung unten). (10) Siehe: „Jugendarbeitslosigkeit in Europa" (Abbildung unten).


Dieser Beitrag erschien zuerst auf i-daf.org.
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Kommentare (6)
Aphra Behn, 31.01.2012 10:16
Sehr geehrter Herr Fuchs,
es erstaunt, dass ein Doktorand im Fachbereich der Sozialwissenschaft mit Interesse für Familiensoziologie und Bevölkerungsentwicklung sich zu diesem wenig erhellenden Artikel hinreisen lässt, der in dem Satz gipfelt: „…solange die Ursachenforschung im Tunnelblick nur auf die Arbeitswelt verharrt.“
Verschiedene Fertilitätstheorien aus dem Wissenschaftsspektrum der Ökonomie (Gary Becker), der Soziologie (RC-Theorie, Wohlstandstheorie, Leibenstein usw.), der Demographieforschung (Gini), usw. sollten Ihnen bekannt sein.
Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen kann mitnichten von einem Tunnelblick gesprochen werden, im Gegenteil in der Fachliteratur und vereinzelt auch in den Tagesmedien wurde in der Vergangenheit anerkannt, dass bedingt durch verschiedene demographische Phänomene z.B. 1. / 2. Demographischer Wandel auch die Geburtenzahlen sich veränderten. Über die Generationen hinweg kann sogar von einer „verlorenen“ Generation gesprochen werden. D.h. das mit dem stetigen Anstieg des Alters erstgebärender Mütter à la longue eine Generation an Müttern (respektive Kinder) verloren ging. Dieser Trend setzte nicht erst in der BRD ein, sondern schon im 19 Jahrhundert.
Lösungsansätze sind seit dem Beginn des 19 Jhdt. diskutiert worden (z.B. Malthus) und werden weiterhin diskutiert. Es handelt sich also um ein im wahrsten Sinne des Wortes generationenübergreifendes Fatum, das sich schwerlich kurzfristig lösen lässt.
Wenn auch nicht klar formuliert aber doch implizit angedeutet haben Sie vollkommen zu Recht bemerkt, dass die Politik und in deren Fahrwasser die Medien, den Eindruck erzeugten das mit recht einfachen Rezepten diesem komplexen Sachverhalt entgegengetreten werden kann.
Aber wenn Sie kritisieren würde ich doch gerne lesen, wie ein möglicher Ansatz von Ihnen aussehen könnte, bzw. ob und wenn ja welche Maßnahmen Sie ergreifen würden um ein „fertilitätsfreundliches“ Umfeld zu schaffen?
MfG
Aphra Behn
Kerstin, 23.01.2012 14:49
@beccon
Tja, haben die "obersten Schichten" verlernt wie's geht oder warum funktioniert es nicht?
Vielleicht bindungsunfähig, neurotisch, egoistisch, egozentrisch und konsumorientiert?
Die "oberste Schicht" ist sich bewusst, dass die gesellschaftliche Stellung dahin ist, wenn man sich um Kinder kümmern muss und nicht mehr über Karriere und Einkommen definieren kann (also liegt es doch an der prekären Wirtschaftslage!).
Nennen Sie mir, der Sie anscheinend der oberen Schicht angehören, doch einmal die Gründe - würde mich brennend interessieren?
beccon, 22.01.2012 00:21
Wenn eine prekäre Wirtschaftslage ein Grund für mangelnden Nachwuchs wäre, dann müßten die untersten Schichten der Gesellschaft die wenigsten und die verbeamteten Schichten in Verwaltung und an den Unis - oder die Quasibeamten in gehobenen Positionen in großen Betrieben - die meisten Kinder haben. Es ist aber gerade anders herum.
Legolas, 19.01.2012 15:29
Nicht "Danke Anke", sondern "danke ADAM PRINZIP und danke QUED und danke Herr Fuchs". Dem allen ist nichts mehr hinzuzufügen oder zu streichen. Und "keine Fragen mehr Watson"!!
Adam Prinzip, 17.01.2012 17:33
40 Jahre radikaler Feminismus und eine selbstsüchtige "Frauenförderungswahn-politik" haben Frauen radikal verändert. Die meisten deutschen Frauen sind heute - mal mehr, mal weniger - arrogant, überheblich, egoistisch und Männer- und Kinderfeindlich. Sie lassen sich jedes Jahr ca. 200.000 Abtreibungen durchführen - und manche "entsorgen" ihre neugeborenen Kinder mittels einer Babyklappe. Jedes Jahr werden ca. 70 Prozent alle Scheidungsanträge von Frauen beantragt. Deren oberstes Ziel im Leben ist "sich selbst zu verwirklichen". Sie glorifizieren Rabenmütter und verachten "Hausfrauen am Herd", die zu Hause bleiben möchten, um ihre Kinder selbst zu erziehen. Welche Männer, die noch alle "Tassen im Schrank" haben, möchten heute Familien mit solchen egoistischen, beziehungsunfähigen und verantwortungslosen Frauen gründen?
Meiner Meinung nach sind radikaler Feminismus und eine selbstsüchtige Frauenwahnpolitik die Ursachen für "die Geburtenmüdigkeit" in Deutschland. Hinsichtlich der Jugendarbeitslosigkeit und die "extremen Unsicherheiten in der Lebensplanung", sollte man die Gelder und Ressourcen für die selbstsüchtige Frauenpolitik und Frauenförderung endlich in Jugendförderung investieren!
qed, 17.01.2012 08:28
Nun, Herr Fuchs, eigentlich könnten Sie es wissen: mit ca. 50%iger Wahrscheinlichkeit bedeutet die Familiengründung im Feminat BRD für einen jungen Mann den materiellen und oft genug auch den psychischen Ruin, dafür haben die feministischen Kulturmarxisten in jahrzehntelanger Wühlarbeit gesorgt.
In keinem anderen Land der Welt sind die Unterhaltsansprüche von Echsen derart ausgeufert, ist weiblicher Kindesbesitz dermaßen zu einer Art atomarer Erstschlagwaffe verkommen, Männer sind de facto rechtlos ab der Zeugung eines Kindes.
Daß Dauertrommelfeuer der Entwertung und Verhöhnung alles männlichen tut ein Übriges wie auch die grenzenlose Überhöhung alles weiblichen: herausgekommen ist eine ganze Generation an männlichen Underdogs und größenwahnsinnigen girlies, es gibt keine Augenhöhe zwischen den Geschlechtern mehr, der neomarxistische Genderwahn hat ganze Arbeit geleistet und die Liebe vertrieben, dauerhafte und verläßliche Beziehungen eliminiert, die Werte früherer Generationen zu Lachnummern degradiert.
Die schöne neue Genderwelt macht allen Angst, tötet die Freiheit und meuchelt die Seele- schlechte Voraussetzungen für die Entwicklung selbstsicherer Identitäten, die das Abenteuer 'Familie' bestehen können. Folgerichtig ist die Psychotherapie zur wachstumsstärksten Industrie geworden, nachdem die Religion abdanken mußte: unvorstellbar, daß diese Ersatzdroge, dieses Soma der neuen Zeit vor 25 Jahren noch nicht mal Kassenleistung war.
Es gibt die Theorie, daß das Verschwinden ganzer Kulturen in der Menschheitsgeschichte immer zwei Hauptmerkmale hatte: Dekadenz und Kinderarmut.
Das unterschreibe ich blind.
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