Eine Gegenöffentlichkeit im Netz nutzt ihre Chance. Mit Qualität und guten Alternativen gegen Genderpolitik und Zeitgeist.
Dass die öffentliche, also veröffentlichte Meinung nur zu oft die recht einseitige Meinung der sich gegenseitig gut kennenden und absprechenden Journalistinnen und Journalisten aus Printmedien, Rundfunk und Fernsehen ist, wissen wir. Andererseits weiß man, daß das Internet ein Hort der Barbarei ist, von Seriosität nur selten eine Spur. Aber es gibt eben Ausnahmen. Und derzeit scheinen die eher beim Internet zu finden zu sein. Ja, die Freiheit, die es im Netz noch gibt, scheint sich doch zunehmend zu seinem Vorteil auszuwirken. Freilich muss man suchen, aber klug und kritisch genutzt bietet das Netz ein großes Reservoir an kompetenten Gegenmeinungen zum Mainstream.
Ein treffendes Beispiel einer vom Netz aus geführten Attacke gegen eine von der öffentlichen Meinung schon kaum hinterfragten, weitestgehend akzeptierten Ideologie kann zurzeit beobachtet werden. Das Gender mainstreaming mit den bekannten politischen Folgen wie Frauenquoten in Leitungspositionen und der Benachteiligung geschiedener Männer ist ein problematischer Grundpfeiler westlicher Gesellschaften. Die „Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechterdemokratie“ (AGENS e. V.), eine Initiative, die „für die Gleichwertigkeit der Geschlechter in ihrer Verschiedenheit“ eintritt, setzt sich intensiv mit der herrschenden Gender-Politik auseinander. „Diese Politik definiert sich selbst zuvörderst als ‚Frauenpolitik‘, will meinen: als Politik für Frauen“ und ergo als Politik gegen Männer. AGENS e.V. unterscheidet zwischen einer Frauenbewegung, die berechtigt und historisch notwendig war, und der heutigen radikalfeministischen Gleichstellungspolitik, die für das andere Geschlecht, also die Männer, keine Empathie mehr aufbringt. Das Pendel, liest man auf der Webseite des Vereins, hat zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Dem dürfte man bei halbwegs objektiver Betrachtung zustimmen.
Eckhard Kuhla, Gründungsmitglied und Vorsitzender, hat Mitte dieses Jahres auch ein Buch herausgegeben, das zurecht ein „feminismuskritischer Forschungsband“ genannt werden kann, wie Arne Hoffmann, Schriftsteller und AGENS-Mitglied, feststellt. Es handelt sich durchaus um ein Novum. Denn „Schlagseite - MannFrau kontrovers“, beim Klotz-Verlag erschienen, hat eine Faktenfülle zu seinem Thema und einen Facettenreichtum, die jedem unvoreingenommenen Leser sogleich auffallen. Auch Kevin Fuchs schrieb in einer kürzlich auf dem Online-Portal von „eigentümlich frei“ erschienenen Rezension: „Es gelingt kaum, die Autoren des Buches einer bestimmten Richtung oder politischen Couleur zuzuordnen.“ Es handelt sich also nicht um einen monolithischen Block, sondern um auch formal unterschiedliche, geistig freie Beiträge. Aber natürlich vereint die Texte des Bandes eine Kritik am gegenwärtigen Feminismus und einer einseitig an ihm ausgerichteten Politik.
Zunächst sah es so aus, als ob das Buch in der Versenkung verschwände. Wie im aktuellen journalistischen Milieu zu erwarten wurde das Buch monatelang totgeschwiegen. Als das Deutschlandradio Kultur in seinem politischen Buchmagazin „Lesart“ dann ausgerechnet die ausgewiesene Feministin und „taz“-Autorin Simone Schmollack mit der Rezension des Buches betraute, war klar, dass nur ein Verriss die Folge sein konnte. Damit hätte man leben können, denn niemand muss (bei sauberer Argumentation) die Meinung der Buchautoren teilen. Aber es kam schlimmer: Was folgte, war schlechter Journalismus. Es genügt, auf drei Fehler hinzuweisen: Schmollack fügte Zitate in ihre sogenannte Rezension ein, die entweder nicht dem Buch entstammten oder nicht dem Text des zitierten Autors. Sie vergriff sich im Ton und sah die Buchautoren „zerfressen ... von Selbstzweifeln, Hass und Zerstörungswut“; selber hochpolemisch warf sie ihnen, die sachlich argumentieren, „Polemik“ vor. Ihr wahrscheinlich humorvoll gemeinter Schlußsatz diskreditierte sie völlig: „Wenn man es [das Buch] unter einen wackelnden Küchentisch klemmt, befreit man zumindest den Tisch von seiner Schlagseite.“ Männern hätte man wohl Stammtischhumor vorgeworfen...
AGENS wehrte sich sofort gegen diese Entgleisung und bekam recht: Der Podcast wurde entfernt, der im Netz veröffentlichte Rezensionstext wurde geändert und der verantwortliche Redakteur bei Deutschlandradio Kultur entschuldigte sich. Dieser Vorgang ist ziemlich einzigartig. Die übliche Taktik, ein dem Zeitgeist widersprechendes Buch durch ein scheinobjektives Verfahren, in diesem Fall die Besprechung durch eine politisch genehme „Fachfrau“ hinzurichten, hat keinen Erfolg gehabt. Dies und einige im Internet verteilte Hinweise auf „Schlagseite“ sowie Artikel und Interviews zum Buch, die alle im Netz erschienen, zeigten Wirkung. Das merkte man an der Anzahl an Kommentaren, die auf diese Online-Veröffentlichungen reagierten. Das merkte man vor allem auch an den Verkaufszahlen des Buches selbst, die in die Höhe schnellten. Das Buch „Schlagseite“ steht nun vor einer zweiten Auflage.
Es ist kein Geheimnis, dass ich an diesem Buch beteiligt war und darin Gendertendenzen im Kulturbereich beschrieben habe. Man könnte mir also Parteilichkeit vorwerfen. Abgesehen davon, dass keinerlei finanzielles Interesse vorliegt und das Buch auch jeder externen, aber seriösen Kritik standhielte, habe ich auf diesen Seiten der „Freien Welt“ oft die Einengung der veröffentlichten Meinung in Printmedien, Rundfunk und Fernsehen kritisiert. Wenn das Internet in der Lage ist, neben Pornographie und Gewalt auch sinnvollere Inhalte zu transportieren, kann sich der Bürger nur freuen. Offenbar ist eine große Menge an Leuten an feminismuskritischen Themen und an deren sachlicher Bearbeitung interessiert. Qualität kann sich eben auch im Netz und über das Netz durchsetzen. Eine dankbare Gegenöffentlichkeit nutzt das Angebot einer Alternative zum Mainstream.
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Adorján Kovács
Deutsche Befindlichkeiten. Eine Umkreisung
Artikel und Essays.

Essen: Die Blaue Eule, 1. Auflage 23.02.2012, Paperback, 318 S., Maße: 21,0 x 14,8 cm, ISBN: 978-3-89924-337-6, Preis: € 36,00.