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     Professor Adorján F. Kovács
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Völkerverständigung war die Absicht...
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein

Angewandte Dialektik: Wie ein Zuviel an Europa zu seiner Ablehnung führt.

Wir erleben gerade eine Duplizität der Fälle. Völkerverständigung war die Absicht, herausgekommen dabei ist Haß. Manchmal schlägt ein Zuviel des Guten in sein Gegenteil um. Man hätte es besser wissen können. Es gab Vorgänger, von denen man hätte lernen können. Aber vom Feind zu lernen bedarf einer Größe, die nicht jeder hat.

Siebzig Jahre internationalistischer Erziehung haben es nicht vermocht, aus den Völkern des sozialistischen Einflussbereichs "Brudervölker" zu machen. Jedem Groß- und Weißrussen, jedem Tadschiken und bucharischen Juden, jedem Tschetschenen und Armenen, jedem Serben und Kroaten ist täglich eingebleut worden, daß nur die Klassenschranken existieren, die Menschen ansonsten aber alle gleich sind. Der ideologische Verzicht auf eine genauere und sinnvolle Bestimmung dessen, worin die Menschen denn gleich wären, hat zu einem unerträglichen Einheitsbrei geführt. Die Besonderheiten der einzelnen Völker sind dabei oft mit Füßen getreten worden.

Fast mutet diese Zwangserziehung an wie jene der Genderideologinnen, die Weiblichkeit und Männlichkeit als sozial konstruiert bezeichnen. In dieser radikalen Interpretation einer diskutablen Erkenntnis werden die physischen und geistigen Besonderheiten der Geschlechter komplett aus dem Auge verloren. Dieser soziologische Wahnsinn der westlichen Gesellschaften ginge aber noch an. Schlimmer ist, was sich derzeit in Europa politisch abspielt. Durch die Brüsseler Bestimmungen sollen die Verhältnisse in den Mitgliedsstaaten immer ähnlicher werden. Schon diese Vereinheitlichung, so nützlich sie im Einzelfall auch sein mag, stößt allseits nicht nur auf Gegenliebe.

Die Größenverhältnisse zwischen den EU-Staaten führen zwangsläufig dazu, dass Schieflagen entstehen. Grob gesprochen sollen die Griechen immer deutscher werden. Manche Deutschen finden das gut, ist doch Deutschland der größte Nettozahler. Die Griechen aber beginnen die Deutschen wieder kritischer zu sehen, und wenn sich dann einige Ältere an 1941 erinnern, ist das Kind endgültig in den Brunnen gefallen. Der überzogene Druck, europäisch zu sein, führt dialektisch zu Ablehnung und Haß. "Das einzige Reich, das jemals den Geist Europas atmete, war das multinationale, von unterschiedlichen Geschwindigkeiten geprägte Habsburgerreich, in dem Nichtdeutsche nicht gezwungen wurden, sich als Deutsche neu zu erfinden." (Tony Corn in einem FAZ-Artikel zu "Neuen deutschen Illusionen" am Neujahrstag 2012). Leider hatte dieses Reich schon unter ungünstigen Auspizien begonnen und keine Zeit, diese Lügen zu strafen.

Das Geheimnis dieses Reiches waren die tolerierten unterschiedlichen Geschwindigkeiten seiner Regionen. Im heutigen Europa werden diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten negiert. Da werden zum Beispiel zentral irgendwelche Regularien für die Einrichtung und Kontrolle der Hygiene in Arztpraxen beschlossen. In Deutschland entwickelt sich daraus ein bürokratischer Überwachungswahn durch eigens berechtigte Institutionen und mit entsprechenden Gebühren. Es glaubt doch niemand, dass in Griechenland, ohne den Griechen zu nahe treten zu wollen, dieselbe Akribie der Kontrolle herrscht. Ähnlich ist es mit der Niederlassungsfreiheit für Ärzte. Sie führt natürlich nur zu einer Abwanderung von Ost nach West, oder welcher französische Arzt läßt sich in Bulgarien nieder, auch wenn er das Recht dazu hat? In der Makroökonomie dürften die Ungleichheiten ähnlich sein. Das Problem des Euro kommt auch von daher. Und natürlich werden die Deutschen zurecht sauer, wenn sie Milliarden hart verdienten Geldes in einem Faß ohne Boden verschwinden sehen, anstatt dass diese der eigenen Volkswirtschaft zugute kommen.

Nun hat die Schuldenkrise dazu geführt, dass demokratisch gewählte Regierungen putschartig gestürzt wurden, weil die Banken es so wollten. Der ehemalige EZB-Vizepräsident Papademos und der frühere EU-Kommissar und Ökonom Monti sind Platzhalter der wahren Entscheidungsträger in Europa. Auch dies trägt nicht zum Vertrauen in die Demokratie bei. So demontiert sich Europa selbst. "Gewiss", schreibt Corn in erwähntem Artikel, "das Schlachtfeld ist heute nicht militärischer, sondern monetärer Natur, die Klasse der Unternehmer und Banker hat die Rolle der preußischen Junker übernommen und die Bundesbank die des Generalstabs. Doch alles in allem erscheint die Szene vertraut." Ein bedenklicher Vergleich, doch er könnte stimmen. Die Politik sollte führen, aber wo sind die Politiker, die das können?

 

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat und Sie weitere Artikel des Autors lesen wollen, eingebettet in eine facettenreiche Behandlung deutscher Denkmuster in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, dann lesen Sie bitte

Adorján Kovács

Deutsche Befindlichkeiten. Eine Umkreisung

Artikel und Essays.

Essen: Die Blaue Eule, 1. Auflage 23.02.2012, Paperback, 318 S., Maße: 21,0 x 14,8 cm, ISBN: 978-3-89924-337-6, Preis: € 36,00.



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Kommentare (7)




 
  Kommentare (7)

Thomas Rießler, 15.01.2012 13:10
Herr Kovács, was Sie wollen, ist die eine Sache, was in Ihrem Artikel steht, die andere. Den Eurokraten unterstellen Sie zumindest die gute Absicht der Völkerverständigung, den Kapitalisten dagegen ein egoistisches Gewinnstreben, das ohne Korrektur durch die Politik zwangsläufig zu inhumanen Zuständen führen würde. Sieht so Ihr Weg mit so wenig Extremen und Übertreibungen wie möglich aus oder machen Sie sich da etwas vor? Es sieht mir mehr danach aus, dass bei Ihnen die Eurokraten gleicher als die Kapitalisten sind.

Die unterschiedliche Wahrnehmung ein und desselben Sachverhalts durch unterschiedliche Personen scheint mir ein weitverbreitetes Problem bei politischen Themen zu sein. So waren zum Beispiel die Wahlen in der DDR laut DDR-Verfassung frei, allgemein, gleich und geheim, jedoch sah die Realität aus Sicht zumindest einer einzigen DDR-Bürgerin anders aus: „"Heutzutage gibt es Wahlkabinen, um eine geheime Wahl zu garantieren. Damals gab es die auch, aber das hieß längst nicht, dass man sie auch benutzen durfte." Elisabeth Wolf legt eine bedeutungsschwangere Pause ein, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. "Wer eine Wahlkabine benutzte, der galt als niederträchtig", sagt sie schließlich. Frei und geheim? Von wegen! Dass der gute Ruf eines Wahlkabinennutzers ruiniert war, stellte sicher das geringste Übel dar. Weit schlimmer waren die Auswirkungen auf berufliche Perspektiven. "Vor der Wahl musste man seinen Personalausweis vorlegen. Name und Adresse wurden notiert, manchmal auch der Name der Firma, für die man arbeitete. Wenn man verdeckt wählen wollte, wurde das natürlich vermerkt", schildert Elisabeth Wolf die damalige Situation.“ (http://www.reporter89.de/chronik/mai_89/2432345.html)

„Unkontrolliert hingegen und nicht legitimiert sind Einflussnahmen von Organen und Institutionen, die nicht politisch sind.“ So etwas würde ich als Politokratie bezeichnen. Nehmen Sie doch mal die Montagsdemonstrationen in der DDR, da gab es Einflussnahmen von unpolitischen Organisationen und jede Menge Druckausübung auf das Regime. Einfacher für die Politiker wäre es natürlich, wenn so etwas auch bei uns verboten wäre, aber ist dies auch wünschenswert?


Adorján F. Kovács, 13.01.2012 12:37
@Thomas Rießler
Es tut mir schon etwas weh, wenn man gerade mir auch nur die geringste Sympathie für sozialistische Gesellschaftsversuche unterstellt. Ich mag aber auch keine kapitalistischen Gesellschaftsversuche. Sagen wir so: Ich will weder einen ungezügelten Kapitalismus noch einen ungezügelten Staat. Ich will so wenig Extreme und Übertreibungen als möglich. Einseitigkeiten sind immer vom Übel.


Thomas Rießler, 12.01.2012 14:51
Herr Kovácz, dass Sie lieber über Kinderarbeit, ein klassisches Thema der Linken, als über den Gulag referieren wollen, ist mir jedenfalls in gewisser Weise verständlich. Für Sie ist es eben der ungezügelte Kapitalismus, vor dem man die Menschheit schützen muss, für mich ist es eher der ungezügelte Staat. Vielleicht sollte man sich einfach mal die Mühe machen, die von Marx beschriebenen Missstände gegen die Vergehen der Kommunisten aufzurechnen. Von dem „Feind“ mit seiner „internationalistischen“ Erziehung zu lernen, dass ein „Zuviel des Guten“ in sein Gegenteil umschlagen kann, mag ja aus Ihrer Sicht klar sein. Mir dagegen wäre es lieber, wenn diese sozialistischen Experimente ganz eingestellt würden, dann bräuchte man sich auch keine Gedanken darüber machen, wie die Fehler der Vergangenheit vermieden werden können.

Adorján F. Kovács, 11.01.2012 23:41
@Thomas Rießler
Gegen völlige Mißverständnisse durch Leser kann man nichts machen. Nur so viel: Tatsächlich glaube ich, dass es die Aufgabe der Politik ist, zu führen. Wenn Kinderarbeit nicht verboten wäre, hätten wir morgen wieder billigste Kinderarbeit. Es ist eben die Aufgabe der Kapitalisten, für Profit zu sorgen und die Aufgabe der Politik, dies im humanitären Rahmen zu halten. Wenn die Macht öffentlich kontrolliert ist und geregelt abgesetzt werden kann, gibt es auch keinen "Führer". Unkontrolliert hingegen und nicht legitimiert sind Einflussnahmen von Organen und Institutionen, die nicht politisch sind. Ich bewundere immer wieder den naiven Glauben an den "Sach- und Fachverstand" der Ökonomen, den ich hier auf diesen Seiten finde.


Thomas Rießler, 11.01.2012 10:50
Die wesentlichen Aussagen dieses Artikels sind nicht belegt, z.B.: „Völkerverständigung war die Absicht...“ oder „Nun hat die Schuldenkrise dazu geführt, dass demokratisch gewählte Regierungen putschartig gestürzt wurden, weil die Banken es so wollten.“ Die hier gezeigte naive und unkritische Übernahme fremder Meinungen ist mit dem Weltbild der Linken kompatibel: Dass die Welt im Großen und Ganzen gut wäre, wenn es da nicht diese bösen kapitalistischen Verschwörer gäbe.
Der am Ende des Artikels geäußerte Wunsch nach mehr bzw. besserer politischer Führung erscheint mir grotesk. Wie kann man sich angesichts des Supernanny-Staates und einer zunehmenden Verselbständigung der politischen Kaste eine Führungspersönlichkeit (Euphemismus für Führer?) wünschen? Noch mehr Staat zu fordern, wenn sich der Staat ohnehin schon zu viel einmischt, das kommt doch bekannt vor.
An siebzig Jahren „internationalistischer“ Erziehung im Ostblock hat der Autor anscheinend lediglich zu kritisieren, dass es versäumt wurde, genauer und sinnvoller zu bestimmen, worin die Menschen denn gleich sind. Gulag, äh, wie bitte? Auch den soziologischen Wahnsinn der westlichen Gesellschaften (Umsetzung der Genderideologie) kann der Autor offenbar tolerieren. Kritisiert wird höchstens das ungeschickte Vorgehen der Politik bei der Umsetzung dieser sozialistischen Experimente, nicht aber das Programm an sich.


FDominicus, 10.01.2012 10:21
Was in Politikerhänder gerät verdirbt.
Leider....


Hans von Atzigen, 07.01.2012 10:25
Der Wahn geht unübersehbar in die Endphase.
Die Ferfechter sehen ihre Felle davonschwimmen.
Längst läuft die Phase jetzt erst recht und das mit allen zur verfügung stehenden Mitteln.
Wehr hat denn schon grundsätzlich etwas gegen Frieden Wohlstand ein Menschenwürdiges Dasein für möglichst alle Menschen auf dem Planeten?
Woh liegt denn der Haken das es nicht klappt?
Die Ursache basiert auf einem fast Simplen Denkfehler.
Das Kredo lautete und lautet, Fieden schaffen, Wohlstand schaffen, Menschenrechte schaffen und all das wenn es sich nicht von alleine einstellt auch noch erzwingen.
Richtig währe denn wohl der Denkansatz gewesen.

Das sehr erstrebenswerte Ziel möglich machen.

Das Ziel wurde innerhalb der letzten 70 Jahre bis zum ÜBERDRUSS mit Meinungsterror vorangetrieben.
Tja und der Weg zu diesem Ziel der wurde ausgeklammert.
Uneingeschränkter vor allem Geistiger Liberalismus in seiner Uhreigensten Ausprägung währe dafür die Voraussetzung gewesen.



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