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Vera Lengsfeld
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Wulff zum Letzten
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AllgemeinWulff wollte, so wird kolportiert, Krieg und er hat ihn bekommen. In der Medienschlacht gerät, wie in vielen anderen Schlachten, leicht in Vergessenheit, worum es eigentlich geht. Eben nicht um Sieg für Bild oder Wulff, sondern es geht darum, ob Gesetze und Regeln, in diesem Fall die Antikorrupionsrichtlinien des Landes Niedersachsen für alle gelten, auch für den Ministerpräsidenten. Da kann es nur eine Antwort geben: Ja und zwar zu allererst. Dies bis heute nicht erkannt zu haben, werfe ich Christian Wulff vor. Statt dessen inszeniert er sich als das unschuldige Opfer vom Lande, das von der Meute gehetzt wird, obwohl es sich nichts zuschulden kommen ließ. Das Gegenteil ist wahr. Deshalb noch mal die Knackpunkte: Wulff: “Das hätte ich sagen sollen, wenn ich es heute noch mal entscheiden könnte von vornherein, dann würde ich heute in dem Moment, wo ich dieses Haus kaufe, ein Interview geben und sagen, ich habe dieses Haus gekauft mit Hilfe von Freunden, die mir für die Anfangszeit und Sanierung Geld zur Verfügung gestellt haben, ordentlich verzinst.” Falsch! Als Ministerpräsident hätte er von keiner Privatperson einen Kredit nehmen dürfen. Denn kein Regierungsvertreter darf finanzielle oder andere Vergünstigungen annehmen, die auch nur entfernt mit dem Amt in Verbindung stehen könnten. Dies ist bei einem Ministerpräsidenten prinzipiell bei niemanden auszuschließen, insbesondere nicht bei einem Bürger von Niedersachsen und erst Recht nicht bei der Ehefrau eines in Niedersachsen tätigen Unternehmers. Frau Geerkens hätte gemäß geltender Richtlinien das Angebot für den Privatkredit übrigens auch niemals machen dürfen. Wenn überhaupt, hätte ein Privatkredit nur nach vorheriger Freigabe durch einen Antikorruptionsbeauftragten und klarer Dokumentation aller involvierten, marktgerechten Konditionen aufgenommen werden dürfen. Ob ein Antikorruptionsbeauftragter einem solchen Kredit zugestimmt hätte, bleibt höchst zweifelhaft.
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Viel naheliegender wäre eine reguläre Bankfinanzierung nach marktüblichen Konditionen. Die Verschleierung des Vorgangs gegenüber dem Landtag kommt erschwerend hinzu. Dass Christian Wulff mit Egon Geerkens langjährig befreundet war, mag als mildernder Umstand gewertet werden, mehr nicht. Wulff: “Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf und wenn alle Politikerinnen und Politiker in Deutschland ab sofort nicht mehr bei Freunden übernachten dürfen, sondern, wenn Sie bei den Freunden im Gästezimmer übernachten, nach einer Rechnung verlangen müssen, dann verändert sich die Republik zum Negativen. Davon bin ich fest überzeugt. Und deswegen stehe ich zu diesen sechs Urlauben bei Freunden auf Norderney oder fünf, sechs Tage dort in Italien oder sieben Tage bei Freunden, mit den Freunden zusammen zu kochen, zu frühstücken, im Gästezimmer zu schlafen. Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen.”
Falsch - Verantwortungsträger in Regierung und Verwaltung dürfen natürlich Freunde haben und mit diesen auch gemeinsame Urlaubstage verbringen. Dies schließt aber eben gerade nicht geldwerte Vorteile, wie kostenlose Urlaubsübernachtungen in Ferienorten im In-, und Ausland ein. 5-6 Übernachtungen in Italien gehen auch weit über ein im Rahmen einer langjährigen Freundschaft vielleicht denkbare einmalige Übernachtung aus besonderem Grund hinaus. Ein gemeinsamer Urlaub muss selbstverständlich getrennt abgerechnet werden, wo immer er stattfindet. Wulff: Jetzt als Bundespräsident, habe ich Ja gesagt, war es ein Fehler, überhaupt bei einem Unternehmer zu übernachten.” Die Frage ob die kostenlosen Übernachtungen richtig oder falsch waren, hat nichts mit dem Amt des Bundespräsidenten zu tun, sondern ist eine universelle Regel für Verantwortungsträger in allen Ebenen von Regierung und Verwaltung. Sobald eine auch nur geringe Verbindung zum Job möglich ist, muss auf eine strikte Vermeidung von Vorteilsnahme geachtet werden. Dies trifft bei einem Ministerpräsidenten tatsächlich auf fast jeden zu, insbesondere aber auch auf alte Freunde, vor allem wenn sie in dem Bundesland unternehmerisch tätig sind. Deppendorf: “Was sagen Sie eigentlich Ihren Beamten? Oder was sagen Sie den Beamten, wenn sie sowas machen würden?” Wulff: “Das ist genau der Unterschied. Wenn es dienstliche Kontakte gibt, wenn es in Bezug auf das Amt geleistet wird, dann kommt es überhaupt nicht infrage. So ist genau die Regelung. Aber dies wird nicht in Bezug auf das Amt gemacht, denn ich bin in Norderney schon gewesen oder in Spanien, als ich noch gar nicht im Amt war. Ich kenn den Herrn Geerkens, seit ich 14, 15, 16 bin. Den kannte mein Vater, der war mit dem eng befreundet. Und wenn man den seitdem kennt und ihn besucht hat und er uns besucht hat und man sich ein Leben lang begleitet, dann ist das nicht auf das Amt bezogen. Sondern dann ist das eine private Beziehung, die auch Politikern möglich sein muss.” Im Prinzip richtig und in der Konsequenz auf sein Amt grundfalsch - wie kann ein Ministerpräsident einen Bezug zu seinem Amt auch bei einem langjährigen Freund ausschließen? Jeder Verantwortungsträger muss alle seine persönlichen Beziehungen vom ersten Tag einer Verantwortungsannahme auf die neuen Gegebenheiten umstellen. Eine Freundschaftspflege sollte auch ohne kostenlose Freundschaftsdienste möglich sein - für Christian Wulff wohl nur schwer vorstellbar. Obwohl im Interview nicht explizit angesprochen, gelten diese Grundsätze natürlich ebenfalls für alle anderen Formen von Vorteilsannahme. Selbst wenn Christian Wulff mit dem Chef von Air Berlin seit seiner Sandkastenzeit befreundet gewesen wäre (dies hat C. W. nicht behauptet), hätte er auf einem privaten Flug zu dem Feriendomizil seines langjährigen Freundes in Florida, USA, kein kostenloses Upgrade in die Business class von Air Berlin für seine Frau und sich akzeptieren dürfen. Der geldwerte Vorteil liegt schon in diesem einen Fall auch weit außerhalb jeglicher möglicher Toleranzwerte. Dass die Differenz nach öffentlicher Kritik beglichen wurde, ist selbstverständlich, aber ein normaler Beamter wäre damit nicht davongekommen.
Beitrag erschien zuerst auf achgut.com
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Kommentare (9)
Sina, 18.03.2012 15:43
Recht hatte sie auf jeden Fall!
Julius Pompilius, 08.01.2012 18:10
Vera Lengsfeld hat in jedem Punkte recht. Die entscheidenden Punkte sind genannt. Wenn Herr Wulff Herrn Geerkens schon seit Kindesbeinen kennt, dann wäre es doch ein Leichtes gewesen, auf Vorteilsannahmen zu verzichten ohne gleich die Freundschaft zu gefährden. Die Beamten in Niedersachsen unterschreiben die Kenntnis von strengen Antikorruptionsregelungen, die sehr kleinlich erscheinen. Als ehemaliger Dienstherr hätte Herr Wulff sich ebenfalls diesen kleinlichen Regelungen beugen müssen oder die Regeln abschaffen müssen. Es ist schon atemberaubend, jetzt seinen ehemaligen Dienstherrn so jovial über sein Verhalten hinweg zu gehen. Wer hier von Hetzjagd auf Wulff redet, sollte sich die Antikorruptionsregeln zunächst einmal durchlesen und dann zu einem Urteil gelangen. Alle die von Hetzjagd reden, sollten sich zudem informieren, was in der Rechtsprechung und im Beamtenrecht "böser Schein" heißt.
Interessanterweise fängt der "böse Schein" bei Wulff an, nachdem er seine zweite Frau geheiratet hat.
Klimax, 07.01.2012 20:26
In der Tat denke ich, daß man hier Herrn Kolbe Recht geben muß: das Wulff-Bashing dient der Verscheierung anderer Dinge. Anders ist das Herumreiten auf mehr oder weniger Lappalien, während unsere Kanzlerin und unser Finanzminister unser Land verraten, nicht zu erklären. Dem gewöhnlicherweise kritischen Ton der Freien Welt hätte ich es eher zugetraut, die beiden im Wulf-Interview an Jämmerlichkeit kaum zu übertreffenden Journalisten unseres öffentlich-rechtlichen Qualitätsdingsbums aufs Korn zu nehmen, statt die üblichen Phrasen der Mainstreamjournallie auch noch zu stützen.
Einen schönen Kommentar findet man auch hier:
http://fdogblog.wordpress.com/2012/01/07/schaustens-arroganz/#more-6760
Zu Schaustens nachträglichem Rechtfertigungsversuch für Ihre Lüge dem Präsidenten gegenüber heißt es da sehr treffend:
"Dann hätte sie das so auch sagen müssen: Herr Präsident, hier geht es nicht um die Freunde, die ich regelmässig in meiner 4-Zimmer-Dachterassen-Wohnung im Prenzelberg beherberge, sondern um Ihren Urlaubsaufenthalt..
Stattdessen hat sie einen vermeintlich moralischen Standard formuliert, den sie selbst nicht erfüllt. Das ist exakt das, was in der öffentlichen Meinung gemeinhien Wulff vorgeworfen wird. Was er getan habe, sei ja gar nicht so schlimm, dass er es falsch in der Öffentlichkeit darstellt, schon.
Das wirft mal wider ein Schlaglicht auf den öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus, der für sich in Anspruch nimmt, was er Anderen nicht gönnt. Peinlich."
Stimmt. Peinlich.
Argwöhner, 07.01.2012 18:16
Gut geschrieben, Herr Kolbe. Danke!
Mir kommt die täglich neue Jagd auf Unkorrektheiten von Herrn Wulff auch langsam spanisch vor. Es ist, als steckten dahinter noch ganz andere Absichten als nur der, das Ansehen des Präsidialamtes zu schützen.
Klaus Kolbe, 07.01.2012 12:12
Die Hintergründe, Frau Lengsfeld, sind die entscheidenden hierbei. Es geht in dieser Sache nicht um ein In-Schutz-Nehmen des Bundespräsidenten. Es geht darum, vor lauter Nebenkriegsschauplatz das Ziel dieser Kampagne öffentlich zu machen. Cui bono?
Könnte es nicht sein, Frau Lengsfeld, daß es (wie auch der von mir sehr geschätzte Klaus Peter Krause vermutet) um etwas ganz anderes geht, als um diese „Petitessen“, die ja in unserer Classe politique schon zum Gemeinplatz zu gehören scheinen? Ein Schelm, der Böses dabei denkt!
Nehmen wir doch einmal an, dieser Bundespräsident setzt sich tatsächlich für „sein“ Volk ein, wie er es in einigen öffentlichen Statements ja schon getan hat. Nehmen wir weiterhin an, er würde das auch umsetzen, was er anklingen lassen hat, nämlich daß er mit dem, was die Regierung bisher in Sachen Versozialisierung der Zocker-Großbanken auf Kosten der „kleinen Leute“, der Steuerzahler getan hat, so nicht einverstanden ist. Damit würde dann logischerweise seine Unterschrift unter den geplanten ESM-Vertrag sehr in Frage gestellt.
Unter nachstehendem Link kann sich jeder Bürger ein Bild dessen machen, was auf ihn zukommt, sollte dieser Vertrag tatsächlich ratifiziert werden:
http://www.zivilekoalition.de/artikel/der-vertragsentwurf-zur-transferunion-ist-oeffentlich-ziel-ist-die-beendigung-staatlicher-ha
Das Ziel dieser Aktion ist die Beendigung staatlicher Haushaltssouveränität!
Das gerät m. E. in Vergessenheit vor lauter Nebelkerzen, die in diesem Fall gezündet werden.
pirat, 07.01.2012 09:31
ich habe Sie Frau Lengsfeld hier früher kritisiert, weil ich im Umgang mit der DDR immer auch Siegerjustiz vermute. Nur in Zeiten, wo alles verschwommen zu sein scheint, danke ich Ihnen, für Ihr Wirken im Sinne der Freiheit, der Aufrichtigkeit, der christlich-bürgerlichen Werte. Leider merkt man auch, dass viele "Bürger" hier auf freie welt eigentlich keine Freiheit wollen. Und so ist auch klar: Warum soll man eine Klientelsozialismus-Partei besser finden als das linke Original?
Klimax, 06.01.2012 22:26
Dem kann ich nur partiell zustimmen. Daß Politiker bei Freunden nicht umsonst übernachten dürften, halte ich für den größten Unsinn, den ich hier seit langem gelesen habe.
Das Volk indes hat zum Glück im Internet gezeigt, daß ihm die Vernunft noch nicht abhanden gekommen ist, und macht sich dementsprechend über unsere moralinsauere Journalistenfrau Schausten lustig. Das scheint mir der richtige Umgang mit dem Interview. Und der beste Artikel ist dieser hier:
http://ef-magazin.de/2012/01/06/3346-medien-und-politik-bettina-schausten-von-stein-getroffen
Klaus Kolbe, 06.01.2012 14:48
Das, mit was Herr Wulff hier belastet wird, ist schon seit langem bekannt. Hiermit komme ich auf Ihre Wortwahl zurück, Frau Lengsfeld. Sie schreiben, daß leicht in Vergessenheit gerät, worum es eigentlich geht. Dieser Meinung bin ich/sind viele andere auch. Ja, worum geht es denn in Wahrheit? Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, warum gerade zum jetzigen Zeitpunkt Herr Wulff mit diesen Dingen, die Journalisten schon lange vorher bekannt waren, belastet wird?! Vielleicht ist Ihnen entgangen, daß der ESM-Vertrag bald zur Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten ansteht, und ebendieser Herr Wulff sich vorher schon (nicht nur einmal) kritisch zur Politik der Bundesregierung in dieser Sache geäußert hat. War es deshalb die ganze Zeit vorher nicht von Belang? Das mutet schon seltsam an, nicht wahr?!
Klaus Kolbe, 06.01.2012 14:35
Ich möchte Herrn Wulff nicht reinwaschen, aber strafgesetzlich scheint er wohl keine Vergehen begangen zu haben.
Wenn diese Kriterien, die Sie anführen, Frau Lengsfeld, für alle Politiker gelten, dann müßte fast die gesamte Polit-Kaste zurücktreten. Beispiele gibt es genug dafür, z. B. hier:
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/eva-herman/christian-wulff-warum-der-bundespraesident-wirklich-zum-abschuss-freigegeben-wurde.html
Und diese Beispiele spiegeln nur die "moralische Integrität" der bundesdeutschen Politiker wider.
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
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