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27.05.2012
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     Bernhard Lassahn
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Der zweifelhafte Gast!
Weitere Themen: Allgemein, Bildung

Früher konnte ich das auswendig. Ich habe das sehr gemocht. Ich mag immer noch die sparsamen Zeichnungen von Edward Gorey, so duster, so rätselhaft. Da klingelt es nachts an der Tür. Es ist nichts zu sehen. Dann erkennt man auf einer Urne ein fremdes Wesen, das in die Wohnung huscht und „ ... seitdem brachte niemand den Gast mehr hinaus.“ „Oftmals riß er aus Büchern die Seiten heraus oder schaffte ein wertvolles Bild aus dem Haus.“ „Jeden Sonntag versperrte er liegend den Flur und fiel allen zur Last; denn er brütete nur.“ Gut dass ich nachgeguckt habe. Ich dachte, die Nachdichtungen wären von Wolfgang Hildesheimer, sie sind aber von Fridolin Tschudi. Das habe ich verwechselt. Da hätte ich glatt einen Fehler gemacht. „Er vernarrte in Dinge sich je nach Bedarf, die er, um sie zu schützen, ins Teichwasser warf.“

Soviel vorweg. Nun die Wahrheit: Die ganze Diskussion um eine Quote für Aufsichtsräte interessiert mich nicht die Bohne - wie wir früher in der Küche gesagt hätten. Und der Wirbel um den Equal Pay Day geht mir genau da vorbei, wo meine Geldbörse in der Hose steckt. Dennoch ist da etwas, das mich nicht in Ruhe lässt: Es ist die Sprache! Sprache ist Allgemeingut. Wie Wasser, Licht, Luft. Manche reagieren empfindlich bei Luftverschmutzung, manche bei Sprachverschmutzung. Eben. An dieser Stelle bereitet mir die ganze Sache „viel Bekümmernis“: Die Unterzeichnerinnen der Berliner Erklärung unterscheiden nicht zwischen „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“. Das betrübt mich. Das nagt an mir.

Vielleicht liegt es daran, dass ich mal Austauschschüler war und dass ich heute noch Freundschaften pflege mit Leuten, die nicht Deutsch sprechen (manchmal übernachten sogar welche bei mir, ohne was dafür zu zahlen). So kommt es, dass ich immer noch im Geiste Texte ins Englische übersetze und ganz selbstverständlich eine Art Schattentext bilde. Dann fallen mir solche Fehler auf. Dann stolpere ich darüber. Dann stehe ich dumm da vor meinen Freunden aus der großen, weiten Welt. Die wundern sich auch: Die Deutschen gelten als penibel und korrekt an Stellen, an denen es nicht darauf ankommt. Nun machen sie peinliche Patzer? Und keiner sagt es ihnen, als ginge es um die neuen Kleider der Kaiserin und des Kaisers.

Früher habe ich gedacht, dass ich deshalb so viele Flüchtigkeitsfehler mache, weil ich ein armes Flüchtlingskind bin. Es ist mit der Zeit nicht besser geworden. Leider. Ich mache immer noch verdammt viele Fehler. Das merke ich an den Zuschriften zu meinen Beiträgen, die ungefiltert ins Netz gegangen sind. Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei allen, die mir geschrieben haben, aufrichtig bedanken und mich zugleich dafür entschuldigen, dass ich nicht antworte. Manche haben sich sogar bei mir entschuldigt, und zwar dafür, dass sie mich korrigieren mussten („Ich kann nicht anders, ich bin im EDV-Bereich tätig“). Ich verstehe das. Fehler machen ist peinlich. Andere auf Fehler hinweisen irgendwie auch.

Ich tue es nicht gerne. Ich mag rote Tinte nicht. Wie steht man denn da? Als Oberlehrer der Nation. Manche Fehler sind einfach nur Fehler. Mehr nicht. Auch wenn ihnen die Psychopathologie des Alltagslebens zuleibe rücken will. Es ist nicht mehr dran. Manche Fehler lassen allerdings tief blicken. Die Verwahrlosung der Politik, die hier durch die „Verwechslung“ von „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“ offenbar wird, ist viel schädlicher als die Verwahrlosung der Sprache. Die ist nur Ausdruck davon. Eine empfindsame Sprachbetrachtung ist das Fieberthermometer, an dem man ablesen kann, wie krank die Politik inzwischen ist. Doch Politik ist nicht meine Baustelle. Ich bin Schriftsteller. Kein Politiker.

Das neue Jahr fängt mit Klarstellungen an. Ich will es unserem Präsidenten nachtun und auch etwas klarstellen: Ich liebe Frauen. Ich habe nicht den Wunsch, sie „in der Küche anzuketten“. Ich bevorzuge andere Praktiken. Ehrlich gesagt: In Sachen Ketten bin ich noch Jungfrau. Ich bin nicht mal neugierig. Doch wenn sich weiterhin Frauen bei mir melden, die wissen, dass ich das in Wirklichkeit will und einfach nur nicht zugeben mag und dass ich sowieso in einem „frauenfeindlichen Männerland“ lebe, dann werde ich womöglich doch mal die ein oder andere Zuschrift beantworten und meine Liebesgedichte verschicken – falls das dann nicht als Stalking gilt.

Nun zu Männern. Da sieht man gleich, dass es mir nicht darum geht, gegen Frauen zu hetzen. Ich komme nun zu einem Zitatenspender, an dem ich meine heimliche Freude habe. Sigmar Gabriel. Er weist denselben Grad von Verwahrlosung auf. Er macht denselben Fehler, der nicht nur ein sprachlicher Schnitzer ist. Er spricht in dem folgenden Beispiel nicht über die Quote, sondern über Lohnungleichheit, also auch über ein statistisches Artefakt – anders gesagt: über eine absichtlich falsch konstruierte Zahl, die als Verstoß gegen das Grundrecht zu einem Schreckgespenst aufgeblasen wird. Auch bei ihm machen mich die Fanfarenstöße ratlos: Warum trumpft er mit seiner Unfähigkeit, korrekt mit Statistiken umzugehen, so plump und so polternd auf? Er müsste es doch besser wissen. (Er weiß es besser).

Hören wir seinen O-Ton, doch drehen wir vorher die Lautstärke etwas runter - also: „Es ist einer der gröbsten Verstöße gegen die Verfassung, dass Frauen und Männer in diesem Land für gleiche Arbeit ungleich bezahlt werden. Das ist einer der größten sozialpolitischen Skandale in dieser Republik.“

Walter Kempowski sah im Schreiben die Aufgabe, etwas „ins Bild zu zwingen“. Das „zwingen“ gefiel mir nie, doch das mit dem „Bild“ passt schon, wie man in Franken sagt. Ich erschaffe mir immer automatisch sprachliche „Bilder“ und die flackern dann fröhlich vor dem berühmten inneren Auge. Ich versuche bei allem, was ich höre und lese, mir sofort etwas vorzustellen. Ich glaube, es geht anderen auch so. Es ist nicht bloß eine Marotte von Schriftstellern. An dem Fehlen von Anschauung kann man hohle Phrasen erkennen. Dass ich außerdem gerne etwas personifiziere und von sprachlichen Formulierungen leicht entflammbar bin, ist womöglich eine gewisse Spezialität, wenn auch kein Alleinstellungsmerkmal.

Wenn ich die Rede von Sigmar Gabriel rein stilistisch betrachte, dann juckt es mich nur. Ich habe nämlich eine Superlativ-Allergie. Doch wenn ich meinen Vorstellungen freien Lauf lasse, dann belustigen mich die Bilder. Ich sehe Szenen von einer Siegerehrung vor mir wie bei den olympischen Spielen. Oben auf dem Treppchen stehen nicht etwa zwei Sportler, die sich das Gold teilen müssen – nein mehr: da tummeln und schubsen sich die Verstoßenden (wie man heute sagt), alle wollen die Gröbsten sein und oben stehen.

Um die Verfassung steht es schlecht. Nicht nur, dass sich auf dem Treppchen mehr Leute tummeln als Platz haben. Auf dem Rasen stehen noch weitere Übeltäter, die gar nicht den Ehrgeiz haben, „grob“, „gröber“ oder „am gröbsten“ zu sein, sondern einfach nur verstoßen wollen – was schlimm genug ist. Da tröstet es auch nicht, dass „einer der gröbsten Verstöße“ gar keiner ist, weil Männer und Frauen in diesem Land eben nicht „für gleiche Arbeit ungleich bezahlt“ werden. Damit ist nur ein Gegner aus dem Rennen. Gut für die Verfassung. Schlecht für Sigmar Gabriel.

Schnellkurs: Es handelt sich nicht um „gleiche“ Arbeit, da sie weder qualitativ (was die Statistik nicht berücksichtigt) noch quantitativ (Männer kommen auf fast 40% mehr Arbeitsstunden) gleich ist. Eine Differenz zwischen zwei Durchschnittswerten, die Verschiedenes bezeichnen, ist ohne Aussagewert.

Der Skandal, den uns Sigmar Gabriel als einen der größten hinstellt, ist nicht groß, auch nicht mittelgroß, nicht klein, nicht mal winzig - es gibt ihn gar nicht. Sigmar Gabriel hat nicht nur übertrieben, er hat gelogen. Im Bundestag. Das sollte er nicht. Das habe ich nicht etwa deshalb so schnell gemerkt, weil ich mich so intensiv mit politischen Fragen befasst und weil ich in den Statistik-Kursen so gut aufgepasst hätte. Das habe ich so schnell gemerkt, weil ich einen Onkel aus Wiesbaden hatte, der mich schwer beeindruckt hat, als er mir erzählte, dass es da ein „buddhistisches Standesamt“ gibt.

Gut: Ich war noch klein. Damals mochte ich solche Scherze. Lang ist es her. Doch nun weiß ich, dass es das statistische Bundesamt in Wiesbaden nicht erst gibt, seit die SPD in der Opposition ist. Ein Schriftsteller muss die consecutio temporum beachten. Das ist nichts Besonderes: alle Krimileser wissen das. Auf die zeitliche Reihenfolge kommt es an. Wann war was? Die Frage „Wann war die Tatzeit?“ führt oft mit etwas Glück über einen kurzen, holperigen Umweg zur Antwort auf die Frage „Wer war der Mörder?“

Wie sah die Statistik aus in Zeiten, in denen die SPD in der Regierungsverantwortung war? Gaaaaanz anders – oder? Sonst hieße es ja, dass die SPD damals blind und taub gegenüber einem der größten sozialpolitischen Skandale und ohne Bewusstsein für einen der gröbsten Verstöße gegen die Verfassung besinnungslos vor sich hingewurstelt hätte. Möglich ist es. Vielleicht haben sie sogar den Schleier des Vertuschens ausgebreitet. Hat die SPD da womöglich eine Leiche im Keller? Und wenn ja: Ab wann fing die an zu stinken? Diese Frage stellt sich auch den Gewerkschaften, die bisher so erfolgreich Tarifpolitik gemacht haben und nun „plötzlich“ eine ganz neue Ungleichheit (das heißt: ein ganz neues Versäumnis auf ihrer Seite) entdecken.

Manche Probleme lassen sich nur schwer oder vielleicht sogar gar nicht lösen, weil sie echt knifflig sind. Manche lassen sich nicht lösen, weil sie nicht existieren. Weil es lediglich Probleme der Wahrnehmung sind. Da gibt es Hoffnung. Das Problem der Lohnungleich lässt sich mit etwas Nachhilfeunterricht lösen. Und die Forderung nach einer Quote sieht auch gleich ganz anders aus, wenn man sich klar macht, woher sie kommt. Der Ruf nach einer Quote ist ein Echo. Ein Echo aus dem Echoraum einer Partei, die nicht mehr auf dem Boden der Tatsachen steht. Es nicht etwas, das von draußen hineingetragen wird; es ist etwas, das von drinnen raus will. Der Ruf nach einer Quote ist eine Folge der Quote – der Quote, die sie sich einst eingefangen hat.

Als die SPD sich die verordnete, hatte sie Kopfschmerzen. Es war der Partei klar, dass damit das System einer repräsentativen Demokratie angegriffen wird (ich würde sagen: Es war einer der gröbsten megagalaktischen Angriffe seit Menschengedenken). Deshalb wurde zur Bedingung gemacht, dass eine Quote zeitlich begrenzt ist. Sie müsste 2013 auslaufen, wenn die treulose Partei sich das inzwischen nicht anders überlegt und einen Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen hätte. So sind Probleme entstanden, die sie nun nicht wieder loswerden.

Seit die SPD die Quote hat, ist die Mitgliederzahl um 50% gesunken. Wenn ich genauso grob im Umgang mit Statistiken und mit der Behauptung von Ursächlichkeit wäre, wie es die Politiker heute sind, könnte ich sagen: Ich weiß, wer der Mörder ist.

Da haben sie sich was eingefangen. Eines Tages kam da ein zweifelhafter Gast, und sie haben abgemacht: Okay, er kann vorläufig einziehen und kriegt großzügig eine ganze Etage. Aber nur bis zum nächsten ersten. Dann zahlt er Miete oder zieht wieder aus. Versprochen. Doch nun hat er sich breit gemacht, zahlt keine Miete und spielt sich als Hausherr auf. Der letzte Vers unter einem Bild von einer ratlosen Familie, die mutlos die Köpfe hängen lässt, lautet: „Siebzehn Jahre genau sind es her, daß er kam, und es scheint, daß er bleibt, so wie er sich benahm.“

beitrag erschien zuerst auf achgut.com



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