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27.05.2012
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     Stefan Fuchs
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Verrat an der Wissenschaft: Kathederpropheten vergreifen sich am Betreuungsgeld
Weitere Themen: Allgemein, Reformen, Familie

In ihrer Meinungsfreude und ihrem Sendungsbewusstsein zeigen sich deutsche Ökonomen unerschütterlich: Zwar haben sie weder den Zusammenbruch der sozialistischen Staatswirtschaften Ende der 1980er Jahre noch den amerikanischer Investmentbanken 2008 und die folgende Finanzkrise vorausgesehen; ihr prognostisches Versagen hindert sie aber nicht im Geringsten daran, lautstark ihre Rezepte zur Gesundung schwächelnder Volkswirtschaften auf dem Meinungsmarkt feilzubieten. Die Ratschläge lauten je nach Herkunft ganz anders - manche Forscher predigen, trotz Schuldenkrise noch mehr Schulden zu machen, andere raten ungeachtet der Wachstumsschwäche zu eisenhartem Sparen. Trotz dieser Gegensätzlichkeit nehmen Politik und Medien die Meinungen solch professioneller Ökonomen begierig auf,  sie halten sie für „wissenschaftlich" begründet. Nun, ein zentrales Kriterium der Wissenschaft ist die fachliche Spezialisierung; außerhalb seines Faches kann der Wissenschaftler keine überlegene Kompetenz beanspruchen. Ausgerechnet über diese grundlegende Regel setzen sich Ökonomen gerne hinweg: Sie erteilen weit über die Finanz- und Wirtschaftspolitik hinaus „Lektionen" zu allen drängenden Problemen der Gesellschaft - angefangen beim Bildungswesen über die Migration und Integration von Zuwanderern bis hin zur Familienpolitik.

Jüngstes Beispiel ist die Forderung „führender Wirtschaftsforschungsinstitute" an die Bundesregierung auf das „Betreuungsgeld" zu verzichten. Sie beschränken sich dabei nicht darauf, angesichts knapper öffentlicher Mittel dessen Kosten darzustellen; sondern betreiben politische Agitation: Eine Geldleistung für Eltern, die ihre Kleinstkinder zu Hause erziehen, könne „einzelne Eltern" dazu anregen „ihren Kindern öffentliche Betreuung vorzuenthalten". Es schade, so behaupten sie, „gerade jenen Kindern, die von der institutionellen Betreuung im Kleinkindalter am meisten profitieren würden". Betreuung in Kindertagesstätten sei besser als Familienerziehung - so der Tenor dieser Ökonomen. Entwicklungspsychologische Erkenntnisse zeigen dagegen, dass Fremdbetreuung im Kleinkindalter riskant ist. Dies spüren auch Eltern, die aus eigener Erfahrung die Defizite öffentlicher Kindertagesbetreuung (zu große Gruppen, wechselnde Erzieherinnen etc.) kennen. Auch deshalb wollen nach wie vor viele Eltern ihre Kleinstkinder in der Familie erziehen. Dass dafür vor allem Mütter zeitweise auf eine Erwerbstätigkeit verzichten, missfällt den zu Rat und Lektionen drängenden Ökonomen: Ihr Planziel ist  Vollzeiterwerbstätigkeit beider Geschlechter, Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollen, passen nicht in ihre Weltanschauung. Das Betreuungsgeld bekämpfen sie deshalb als „Rückschritt hin zur traditionellen Aufgabenteilung der Geschlechter".

Sind Ökonomen die berufenen Experten, um sozialen „Rückschritt" und „Fortschritt" zu beurteilen? In Fragen der Werte sind Wissenschaftler nicht kompetenter als „Laien":  Sie können Konflikte zwischen unterschiedlichen Zielen wie der Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung und einer höheren Frauenerwerbsbeteiligung darstellen, den politischen Streit selbst aber nicht von einer vermeintlich „höheren Warte" entscheiden. Seine Kollegen, die diese Grenzen der Wissenschaft nicht wahrhaben wollten, nannte der Nationalökonom Max Weber einst „Kathederpropheten". Von der Massenresonanz heutiger Pseudo-Propheten durch die Massenmedien hätten die Kathederprediger zu Webers Zeiten aber wohl nicht einmal geträumt.

Zu den Stellungnahmen der Wirtschaftsforscher:
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wirtschaftsforscher-verurteilen-herdpraemie/6006632.html.
Zur öffentlichen Diskussion um die Kinderbetreuungspolitik:
http://www.i-daf.org/429-0-Wochen-48-49-2011.html.
Zu Fragen des Kindeswohls in öffentlicher Kindertagesbetreuung:
http://www.i-daf.org/290-0-Wochen-9-10-2010.html.



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Kommentare (18)




 
  Kommentare (18)

macula, 07.02.2012 15:47
Vielleicht kann dieser Vorschlag im "ZukunftsDialog der Kanzlerin" der nachfolgenden Genaration helfen: https://www.dialog-ueber-deutschland.de/ql?cms_idIdea=3297

Dorothea Böhm, 10.01.2012 10:53
Familienarbeit IST wertvoll, trägt erheblich zum Sozialprodukt bei und gehört ihrem Wert entsprechend anerkannt, entgolten und gefördert.
Außerdem brauchen wir neben der Rentenkasse eine Kinderkasse, wie sie vorgesehen war, bevor Adenauer sie kippte mit dem Argument "Kinder kriegen die Menschen doch immer". Zwangsläufige Folge dieser Fehlentscheidung: Allen anderslautendem Gesäusel aus ministerialen Mündern zum Trotz (Förderung, Familienfreundlichkeit, etc.), kann man nüchtern betrachtet feststellen: Eltern subventionieren Kinderlose. Sie rackern sich ab und zahlen gewissermaßen auf ein Konto ein, von dem andere dann viel mehr abheben als sie selbst.
Das ist ganz leicht an offiziellen Zahlen ablesbar, z.B. im sog. Armuts- u. Reichtumsbericht der Bundesregierung. Wir haben genau die Demografie bekommen, die wir ganz systematisch gefördert haben, und wir sind - leider - weiterhin Dummbolzen statt Blitzmerker: Nach nunmehr 60 Jahren effektive korrigierende Schlussfolgerungen zu ziehen, wäre ja nun keine preiswürdige Reaktionsgeschwindigkeit ... was machen wir? Verfahren weiterhin wie beim Eierkochen - 10min gekocht und immer noch nicht weich.


Benno, 10.01.2012 10:21
@Friedlinde
Ihr Kommentar mit den Vorschlägen gefällt mir. Er ist in mehrere Richtungen gut durchdacht. Danke!


FDominicus, 10.01.2012 07:11
@Jorinde:
Dabei wäre viel wichtiger, dass die Netto-Löhne so hoch wären, dass in der Regel nur ein Elternteil arbeiten gehen müsste, das andere aber bei den Kindern bleiben könnte, wenn es dies wollte. Erst wird weggenommen, um das Geraubte bei Wahlen dann als edles Sozialgeschenk anbieten zu können."

Das ist der zentrale Punkt. Und noch verschlimmert wird dieser dadurch das wir ein Umverteilungsrentensystem haben. Auch hier wieder die Entkoppelung von Verursacher und Profiteur.


Friedlinde, 09.01.2012 14:19
Man kann über das Betreuungsgeld geteilter Meinung sein, über Krippen nicht, die sind in jedem Fall nur Notbehelf und Risikoerziehung und haben mit frühkindlicher Bildung soviel zu tun wie der Klapperstorch mit dem Kindersegen. Ich gebe hier Uwe vollkommen Recht. Wer nicht wenigstens 2 Kinder hat, muss dafür einen Ausgleich zahlen. Dieser Ausgleich sollte logischerweise bei den umlagefinanzierten Systemen Rente, GKV und Pflege beginnen, Kinderlose sollten also doppelte Beiträge zahlen oder sich alternativ privat absichern müssen, natürlich nicht auf freiwilliger Basis, weil sonst im Alter wieder die Allgemeinheit ein diesbezügliches Versäumnis ausgleichen müsste. Ebenso sollten die Steuersysteme reformiert werden, das Kirchhofsche Modell, das 10.000 ¤ pro Person steuerfrei stellt (sollte aber auch für Kinder gelten) und einen generellen Betrag von 25% ab diesem Freibetrag vorsieht, wäre eine akzeptable Lösung. Denkbar wäre auch ein Steuersystem, das sich bis zu einem bestimmten Betrag, z.B. 100.000 ¤ jährlich, ab diesem Kirchhofschen Freibetrag ausschließlich an der Kinderzahl orientiert. Und ein Erziehungsgehalt von monatlich 500¤ pro Kind unter Wegfall jedweden weiteren Kindergeldes oder staatlicher Krippensubvention wäre durchaus auch denkbar, Kirchhof hatte das auch schon dafür ausgesprochen. Dem Staat blieben so eher mehr als weniger Gestaltungsmöglichkeiten aus Steuergeldern, weil er dann weniger Subventionen zu tragen hätte und Steuergelder nicht in Steueroasen verschwinden würden.

Jorinde, 05.01.2012 15:50
@Kerstin
Tut mir leid, Kerstin. Was Sie schreiben, macht mich wirklich nachdenklich, obwohl ich das ein oder andere Ihrer Probleme selbst kenne. Auf fremde Landschaften müssen auch unsere Kinder noch warten. Ich finde das nicht so schlimm. Solange wir Eltern möglichst oft Wanderungen mit ihnen machen und Tagesausflüge(u.a. mit Rädern), denke ich sogar, dass sie es vielleicht besser haben als so manches mürrische "Luxus"-Kind, das sich vielleicht genau das wünscht, was unsere Kinder haben.
Essen gehen ist bei uns auch nicht groß drin, dafür aber bei passendem Wetter Picknick. Unsere Kinder haben sich auch noch nicht darüber beklagt, dass unsere seltenen Essensgänge zu McDonalds und Co. führen. Ich befürchte sogar, dass sie besonders wild auf Fastfood sind und am liebsten mehr davon hätten.
Auch Discounter-Kleidung ist bei uns üblich oder ein besonderes Schnäppchen in einem sogenannten besseren Geschäft. Auch das sorgt nicht für Probleme und wir empfinden es auch nicht als übergroßes Opfer. Hautsache ist, dass die Sachen ansehnlich, sauber und ordentlich sind. Fehlende Rücklagen für Notfälle wie Reparaturen oder unaufschiebbare Anschaffungen, geben mir da schon mehr zu denken. Wir haben glücklicher Weise meist ein kleines Polster, das ich auf keinen Fall missen möchte. Auch die Probleme mit der Urlaubszeit der Eltern und den langen Schulferien kann ich nur zu gut verstehen. Da haben wir jedes Jahr wieder dieselben Schwierigkeiten.
Besonders gern stimme ich Ihnen zu, wenn Sie sagen: "War das früher schön, als Mütter noch zu Hause bleiben konnten, sollten und durften! Und kein gesellschaftlicher Karriere-, Doppelbelastungs- und Kinderweggabedruck auf ihnen lastete.
Den Schuldigen für diese familienunfreundliche Entwicklung, die ja nicht von Natur aus gekommen ist, würde ich am liebsten an die Kehle springen. Leider laufen sie gern im Schafspelz herum und geben sich gar noch freundliche Helfer der Familien, indem sie hier noch ein wenig Steuergeld zubilligen und da noch für angeblich gerechten Ausgleich sorgen.
Dabei wäre viel wichtiger, dass die Netto-Löhne so hoch wären, dass in der Regel nur ein Elternteil arbeiten gehen müsste, das andere aber bei den Kindern bleiben könnte, wenn es dies wollte. Erst wird weggenommen, um das Geraubte bei Wahlen dann als edles Sozialgeschenk anbieten zu können.
Weiter wäre wichtig, dass die schwierige Elternrolle mehr Anerkennung fände und nicht ständig als quasi minderwertig im Vergleich zur beruflichen Karriere dargestellt würde. Diesen Wertewandel haben uns die Wirtschaft, die Politik und nicht zuletzt der Feminismus eingebrockt. Er ist besonders perfide, indem er vorgibt, den Frauen allgemein helfen zu wollen, in Wahrheit aber nur Karrierefrauen an Geld und Macht hievt, während Müttern, die gern zu Hause blieben, jedes Verständnis und jede Unterstützung fehlt. Sie (und besonders die Männer!) werden im Gegenteil mit Unterstellungen diffamiert und als unrettbare Primitivlinge abgestempelt, denen es an höheren Interessen fehlt.


Kerstin, 05.01.2012 11:54
@Jorinde
Seltsame Einstellung, dass manche Leute glauben, wer für seine Kinder Gerechtigkeit fordert, würde keine Opfer bringen. Genau darüber sollte man diskutieren: Was konkret heißt Opfer bringen? Seit 13 Jahren keinen Urlaub - bis auf 3 Tage Jugendherberge - "zu gerne hätten wir die Freunde von Herrn Wulff - wie Sie sehen greift auch dieser Familienvater auf Kostenlos-Reisen und Billigkredite zurück". Unsere Kinder würden auch gerne mal Berge, Meer oder fremde Landschaften sehen. Erklärungsversuche, dass ganz andere Dinge wichtig sind im Leben, fruchten bei unseren Kindern gerade zur Ferienzeit leider gar nicht. Kleidung vom Discounter. Essen gehen - maximal Fastfood. Freizeitbedürfnisse der Eltern - abgeschafft. Gemeinsame Freizeit bzw. Zeit - kaum vorhanden. Beide berufstätig - Folge: wenn Vater arbeiten ist, versorgt die Mutter die Kinder und umgekehrt. Wann findet heute noch Familie statt? Urlaubsanspruch der Eltern: sechs Wochen, Ferien der Kinder: 12 Wochen. War das früher schön, als Mütter noch Zuhause bleiben konnten, sollten und durften! Und kein gesellschaftlicher Karriere-, Doppelbelastungs- und "Kinderweggabedruck" auf ihnen lastete. Bildung von Rücklagen für neues Auto, defekte Elektrogeräte oder Altersvorsorge: definitiv nicht möglich. Sonderwünsche werden fast nie erfüllt. Jeder Wachstumsschub der Kinder und die damit verbundenen Kleidungskosten führt zu Sorgenfalten der Eltern. Unsere Medientechnik ist antik. Spontane Unternehmungen beschränken sich auf Wanderungen, Fahrradtouren oder mal einen Schwimmbadbesuch. Welche Opfer wünschen Sie noch? Sie wissen, dass diese Bilanz ohne Kinder ganz anders aussehen würde. Unsere Kinder stellen natürlich eine menschliche Bereicherung für uns dar, dies ist aber gar nicht Diskussionspunkt. Stellen wir doch Eltern nicht vor die Wahl entweder Kinder und damit verbunden Einschränkungen in allen Bereichen oder kinderlos dafür aber viele Annehmlichkeiten.
Wen wundert es, dass sich dann viele für die zweite Variante entscheiden. Ein finanzielle Zuwendung für Eltern, die leisten, was anscheinend immer weniger Menschen leisten wollen, ist längst überfällig.


FDominicus, 04.01.2012 15:18
@Uwe, Ich kann Ihren Standpunkt durchaus verstehen, aber auch die andere Seite hat einige Argumente auf Ihrer Seite.

Korrekterweise hielte sich der Staat da ganz raus. Nur genau das tut er ja nirgendwo. Man braucht sich ja nur an irgendeinem Tag einen Politker anhören. Das ist nicht geregelt und das nicht und das ist ja so ungerecht...

Unser Rentensystem insgesamt ist aber nur eine Katastrophe. Warum zB. die Leute nicht selber für sich vorsorgen müssen ist völlig neben der Kappe. Aber auch nur eine weitere Ungerechtigkeit in der ganzen Umverteilmaschine.

Insgesamt geht den Staat nicht an wer wann wieviele Kinder hat und wer wann und wie für seinen Lebensabend vorsorgt. Und schon gar nicht ist eine neu Ungerechtigkeit eine Heilung für ein ungerechtes System. Im Endeffekt gibt es doch nur noch Ungerechtigkeiten und danach muß man nun wirklich nicht streben.


Jorinde, 04.01.2012 13:17
@Uwe
Ich gebe als Mutter weiterhin Herrn Schmidtfeld Recht. Der Nachwuchs hat schon immer Geld gekostet und dennoch gab es zu Zeiten ohne Milliardenaufwendungen für Kinder sehr viel mehr Geburten als heute.
Die Einstellung zu Kindern hat sich geändert. Während man früher bereit war, für sie Opfer zu bringen, weil sie auch als Bereicherung empfunden wurden, gelten sie heute als Last und Grund für Verarmung - fast schon als Existenzbedrohung. Auch Sie, Uwe, tendieren in diese fürchterliche Richtung.


Uwe, 04.01.2012 11:21
@Marc, @Benno Schmidtfeld
Mit Sicherheit haben Sie keine Kinder - sonst hätten Sie eine ganz andere Weltanschauung. Ihre Worte spiegeln egoistische Engstirnigkeit wider. Aus "haushaltspolitischer Sicht" und "wertschöpfungstheoretisch" ist überhaupt nicht zu rechtfertigen, dass Singles wie Sie später Rente empfangen, welche die Kinder der "anderen" erwirtschaften und Konsumgüter kaufen, welche die Kinder der "anderen" produzieren. Eine Gemeinschaft funktioniert nur durch Nachkommen und für die sollten wir alle verantwortlich sein. Ein "Dorfältester" hat mir mal gesagt: "Jeder der nicht mindestens zwei Kinder hat, muss für seine Nichtleistung zahlen." Gute Idee! Mit diesem Geld könnten wir dann die wirklichen Leistungsträger unserer Gesellschaft, die Familien, gut unterstützen. Für mich leben alle kinderlosen Bürger, ob gewollt kinderlos oder ungewollt, ein Leben zu Lasten der Familien bzw. der Gemeinschaft und nicht umgekehrt. Ein Lastenausgleich ist hier zwingend erforderlich.




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